20.08.2013

Was ein Lektor so alles macht! Und was ein Textcoach!

Ein Kommentar auf dem Blog von Johannes Flörsch hat mich doch etwas aus der Fassung gebracht. Johannes geht gerade zu übervorsichtig mit diesem Kommentar um. Was hat Johannes gemacht? Er hat einen Satz aus einem Thriller kritisiert. Und er hat sich hier an die klassischen Regeln der Kritik gehalten: Kritik bedeutet nämlich die Reichweite einer Äußerung abzuschätzen und in diesem Fall hat Johannes das gemacht, was ein guter Lektor tut: er hat sich nämlich gefragt, ob dieser Satz den Leser orientiert, den Leser auf hinreichende, aber nicht überflüssige Weise informiert und ob er für die Spannung (die ja jeder Thriller haben muss!) zuträglich ist. Mit anderen Worten (nämlich meinen): Leserorientierung, Informationsvergabe, Spannungsaufbau — also grundlegende Orientierungen für jeden Autor, der spannend schreiben möchte.

Genau das macht ein guter Lektor. Unter anderem!
Ein Lektor achtet auch auf die narrative Logik, die Wortwahl, auf den Stil, nicht zuletzt aber auch auf Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik.


Gutes und richtiges Schreiben
Ich mag Johannes' Artikel sehr: Tagebuch eines Schriftstellers. Neunter Eintrag
Häufig wird ja das gute Schreiben mit dem richtigen Schreiben verwechselt. Eine Erzählung oder ein Roman ist deshalb keine schlechte Erzählung, weil zu viele Wörter falsch geschrieben worden sind, weil zu viele Kommata falsch gesetzt worden sind. Er wird dann allerdings anstrengend zu lesen sein.
Gut oder schlecht erzählen zu können muss ein Stück weit unabhängig davon betrachtet werden. Die Entwicklung von Kindern in der Erzählkompetenz und der Rechtschreibkompetenz mag das bezeugen: die grundlegenden Strukturen des Erzählens lernen Kinder um das dritte Lebensjahr herum, bzw. sie lernen es zu zeigen. Eine Rechtschreibkompetenz allerdings entwickeln sie erst nach der Alfabetisierung, also etwa ab dem sechsten Lebensjahr.

Wahrheiten?
Johannes hat also diesen Satz auseinandergenommen. Und er zeigt damit etwas, was viele Lektoren nicht können: Sensibilität für das, was dort geschrieben steht. Umso mehr fand ich den Kommentar als unsinnig. Dieser beginnt mit den Sätzen:
Das ist meiner Meinung nach ein schönes Beispiel für eine technokratische, übertheoretisierende und deswegen auch grundfalsche Analyse.
Schon hier missachtet der Kommentar eine ganz grundlegende Einsicht, wie man sich zu Texten verhält. Denn implizit verlangt der Kommentator, dass Johannes einen Bezug zu einer Wahrheit herstellen solle. Man frage sich, was das für eine Wahrheit sein soll! Denn das 20. Jahrhundert hat uns diesen Glauben an die festen, unumstößlichen Wahrheiten gründlich ausgetrieben. Und eigentlich muss man dazu gar nicht ins 20. Jahrhundert gehen, sondern liest einfach mal seinen Kant. 

Sensibilität!
Wenn es aber keine Wahrheit des Schreibens, was gibt es dann?
Nun, es gibt eine Sensibilität. Was bedeutet das (in diesem Fall)? Es bedeutet, ein Textphänomen, also zum Beispiel einen Satz, vielfältig vergleichen zu können. Dazu ist es hilfreich, sehr viel unterschiedliche Literatur zu kennen: das ist immer mein allererster Tipp an junge Schriftsteller (siehe: Wie man immer noch ein erfolgreicher Schriftsteller wird!); und für einen Lektor ist dies sogar eine Pflicht.
Nun ist das Kennen von vielen verschiedenen Textsorten erst der Einstieg. Ein zweiter und ein dritter Schritt (die man aber als gleichwertig und parallel laufend sehen darf) sind die Auseinandersetzung mit Texten und die Produktion solcher Texte. Für die Auseinandersetzung nutze ich am Anfang gerne den freien Kommentar (die Assoziation oder der ungezügelte Einfall) und für die Textproduktion kleine und kurze Formen, zum Beispiel das Haiku. Darüber entwickelt ein Schriftsteller oder ein Mensch, der ein Schriftsteller werden will, seine Sensibilität. D.h. dann letzten Endes, dass er mehr Möglichkeiten hat, einen Text zu lesen, ein Verhältnis zu einem Text aufbauen zu können.

Wobei ein Lektor noch hilft
Johannes stellt nun dar, welches Verhältnis er zu diesem einen Satz hat; er stellt also seine Sensibilität für diesen Satz dar. Ich habe ihm dann geantwortet, dass ich an diesen Satz ganz anders herangegangen wäre. Trotzdem habe ich einen hohen Respekt vor seiner Art. Und genau deshalb hat mich der Kommentar auch geärgert: Johannes' Analyse ist nämlich nicht technokratisch und übertheoretisiert, sondern präzise und nachvollziehbar. Er führt das vor, was ein guter Schriftsteller weitestgehend alleine macht: über die Wirkung seiner Sätze auf den Leser und im Gesamtzusammenhang der Erzählung nachzudenken.
Lektoren können hier manchem jungen Schriftsteller auf die Sprünge helfen. Sie können das natürlich nur, wenn sie selbst (also die Lektoren) Sätze, Textmuster, Plotstrukturen, Charakterisierungen genauestens anschauen können. Der Lektor führt (hoffentlich) vor, wie man über Texte kompetent nachdenkt.

Wissenschaftliches Lektorat
Dasselbe gilt natürlich auch für das wissenschaftliche Schreiben. Hier bleibe ich ganz gerne formal und bringe meinen Kunden die Anschauung, das Urteil, den Begriff und die Argumentation bei, samt sämtlichen Sonderformen, zum Beispiel die Recherche, die Auswahl relevanter Argumente, die Begriffskritik oder die Beziehung zwischen Hypothese, Fallunterscheidung und Disjunktion (um nur einige zu nennen).
Aber auch meine Arbeit bezieht sich immer auf den Satz als Grundlage. Und es ist diese Sensibilität für Sätze, die ich immer wieder erweitere. Und erweitern muss!

Die je eigene Sensibilität
Denn hier ergibt sich noch ein ganz anderes Problem, das zugleich ein pädagogisches und ein ethisches ist. Die Sensibilität ist von Mensch zu Mensch verschieden und manchmal schaffen es ja die Pädagogen, diese je individuelle Sensibilität kaputtzumachen. Auch hier mögen Kinder und Jugendliche als Beispiel dienen. Wenn Kinder nämlich frühzeitig erzählen können, dann sollte jeder junge Erwachsene auch ein relativ gutes Erzählen beherrschen. Wie es nun die Eltern und die Lehrer schaffen, diese Kompetenz manchmal völlig aus dem Ruder laufen zu lassen, ist nun eine Sache für sich. Wenn allerdings ein Mensch die Erzählkompetenz gefördert bekommen hat (oder sich selbst fördern konnte), hat er hier über lange Zeit hinweg eine sehr individuelle Kompetenz aufbauen können. Unnatürlich ist es aber auf jeden Fall, wenn diese grundlegenden Techniken nicht beherrscht oder komplett missachtet werden.
Häufiger allerdings sind die Unsicherheiten: der Mensch im Allgemeinen reflektiert nicht auf seine Erzählkompetenz und die meisten Menschen wissen auch gar nicht, was zu dieser Erzählkompetenz dazugehört. Umso leichter aber wird es, wenn ein Lektor oder Textcoach daher kommt, der selbst eigentlich recht unsensibel mit Texten umgeht, diese Sensibilität kaputtzumachen oder auf falsche Bahnen zu lenken.
Deshalb ist die Aufgabe von mir und von jedem Textcoach eigentlich noch anspruchsvoller als die eines Autors: ich muss nämlich wissen, wie unterschiedlich Texte wirken können, wie unterschiedlich Autoren und Leser sind und diese würdigen können (der ethische Aspekt), ohne ein gewisses Niveau aufzugeben (der pädagogische Aspekt).

Zum Beispiel Nora Roberts.
Was haben sich meine Bekannten gewundert, als ich mich intensiv mit dieser "Schmuddelschriftstellerin" auseinandergesetzt habe. So etwas liest man in meinem Bekanntenkreis nicht!
Und trotzdem: ich kann heute besser nachvollziehen, was Menschen an diesen Romanen reizt, vor allem kann ich sie aber betreuen und wertvolle Tipps geben. Und die Erzählweise der Autoren wird besser.

Zum Beispiel wissenschaftliches Schreiben.
Ab und zu habe ich Kunden, die bereits Schreibseminare für wissenschaftliches Schreiben besucht haben. Und hier höre ich immer wieder dasselbe: die Studierenden haben Mindmaps, Cluster, Freewriting, autobiografisches Schreiben und so weiter und so fort "erlernt", aber keine Ahnung von den verschiedenen Urteilen, von der Einteilung der Argumente, von der Begriffsbildung, von den Freuden und Leiden der Induktion oder den Fehlschlüssen. Und natürlich würde ich mit diesen kreativen Sachen auch anfangen, aber das ist nur der erste Schritt; der zweite dagegen muss konstruktiv und zielorientiert auf den wissenschaftlichen Text hinauslaufen. Und genau dies wird dann in den Seminaren für wissenschaftliches Schreiben nicht vermittelt.

Werkzeuge und Impulse
Trotzdem: DIE Sensibilität besitze auch ich nicht. Ich muss immer wieder nachdenken, immer wieder kommentieren und ich muss immer wieder schauen, welche Sensibilität für Texte mein Kunde mit sich bringt. Und dann kann ich manchmal auf Altbewährtes zurückgreifen und einfach Werkzeuge vermitteln, häufiger bin ich aber eher Impulsgeber.
Alle meine Kunden können zum Beispiel Begriffe bilden. Die Unsicherheit schleicht sich erst in dem Gesamtzusammenhang des wissenschaftlichen Arbeitens ein und damit dann auch eine fehlerhafte Darstellung. Und hier reicht häufig, den grundlegenden Weg darzustellen und ihn dann für den Kunden auf sein spezifisches Problem und seinen spezifischen Text anzuwenden.
Das funktioniert sogar in Fächern hervorragend, in denen ich mich eigentlich überhaupt nicht auskenne. Eine solche grundlegende Sensibilität konnte ich schon immer anbieten. In manchen Fachgebieten ist sie aber, zum Teil sehr deutlich, in den letzten Jahren gewachsen.

Fachkenntnisse des Lektors
So hatte ich vor einigen Monaten eine Kundin, die über den Reisprotektionismus in südostasiatischen Ländern geschrieben hat. Es handelte sich um eine Seminararbeit. Seit etwa vier Wochen betreue ich diese Kundin wieder. Denn jetzt schreibt sie ihre Diplomarbeit und hat dabei eine launige Idee aufgegriffen, die ich ihr damals gegenüber geäußert habe, nämlich dass der Protektionismus nicht nur die Binnenwirtschaft schützt, sondern auch gegen die Börsenspekulation mit Lebensmitteln arbeitet. Und die Fragestellung dieser Arbeit ist nun, inwieweit der Protektionismus in Zukunft mehr und mehr auf dieses Spekulieren eine Antwort sein könnte.
Das intensive Interesse an wirtschaftlichen Vorgängen war bei mir eigentlich schon immer da. Als ich Mitte Zwanzig war, habe ich dann Marx durch Luhmann ersetzt. Aber ich habe mich (natürlich!) nie so intensiv mit einzelnen Vorgängen beschäftigt. In den letzten Jahren  musste ich das aber; der Umgang mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen ist mir zwar durch meine intensive Auseinandersetzung mit der Statistik von Intelligenztests deutlich erleichtert worden und auch das Marketing weist Überschneidungen mit der Unterrichtsplanung auf, aber es sind ja dann doch immer noch eigenständige Felder. Und heute kann ich mit wesentlich größerer Sicherheit Texte aus dem Bereich BWL und VWL beurteilen; das gilt selbstverständlich immer noch nicht für die Wirtschaftswissenschaften als solche, aber für die Möglichkeiten ihrer Darstellung.

Nein, Johannes' Artikel ist nicht übertheoretisiert, sondern zeichnet einen möglichen Weg vor, wie man über einen Satz nachdenkt. Das es hier unterschiedliche Wege gibt, darüber muss man nicht streiten. Dass aber ein Mensch, der sich mit Text auseinandersetzt, dies präzise und nachvollziehbar tun sollte, darüber lässt sich ebenfalls nicht streiten.
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