21.08.2013

Zwei Fragen zur Autorschaft und zum Satz aus Katzenbachs Der Sumpf

So langsam sind die Ferien vorbei. Ich merke das an meinen Besucherzahlen. Mein Artikel Wie man immer noch ein erfolgreicher Schriftsteller wird! hat seit seinem Erscheinen vor neun Tagen fast 3000 Klicks bekommen, ein erstaunlicher Erfolg.
Zu diesem Artikel und zu dem Artikel über Katzenbachs Satz habe ich einige E-Mails bekommen. Zumindest zwei möchte ich in diesem, einen im folgenden Artikel (Was ist Sensibilität?) beantworten. Einen Aspekt, über den H. S. gestolpert ist, kann ich allerdings nicht auf die Kürze beantworten. Ich hatte nämlich in dem Artikel zu Katzenbach die Beziehung zwischen Adjektiven und Erzählperspektive angedeutet. Diese Frage sachlich zu beantworten braucht eine längere Vorbereitungszeit (und viele Beispiele aus der Literatur).
Eine andere Frage werde ich auch nicht zufriedenstellend beantworten, nämlich die, ob ich nicht die englischen Bücher übersetzen könne. Ich könnte natürlich. Mein Englisch ist gut genug. Aber es würde unglaublich viel Zeit in Anspruch nehmen und selbst dann dürfte ich die ohne die Genehmigung des Verlags nicht veröffentlichen.


Muss ich wirklich jeden Satz beachten, wenn ich schreiben will?
Ja und nein. Ein guter Lektor kann natürlich einen Teil dieser Arbeit erledigen. Wer im Prinzip erstmal halbwegs gute Sätze schreiben kann, kann, sobald der Text oder der Roman fertig ist, mit dem Feinschliff beginnen und hier die Dienste eines Lektors in Anspruch nehmen.
Der Lektor schlägt dann andere Sätze vor und andere Möglichkeiten, diesen Satz in seinen Gesamtzusammenhang einzufügen. Und genau hier steckt dann ein weittragenderes Problem: es ist nämlich gar nicht so selten, dass ein präziser formulierter Satz die ganze Szene danach in ein schiefes Licht rückt. Und dann muss die ganze Szene neu geschrieben werden. Dadurch wiederum kann es passieren, dass die Szene schwierig zu der gesamten Geschichte passt.

Deshalb gehe ich hier gerne vom Lektorat weg und schaue mir verschiedene, ausgesuchte Sätze zusammen mit dem Kunden an. Dadurch biete ich dem Kunden zwei Vorteile: seine eigenen alternativen Sätze kann er wesentlich besser finden, sie passen besser in die Atmosphäre des gesamten Texts; und in Zukunft kann er an entscheidenden Stellen treffsicherere Sätze einbauen.
Eine der wichtigsten Aufgaben eines guten Pädagogen ist, so hat dies Rudolf Dreikurs mal formuliert, daran zu denken, dass seine Schützlinge selbstständig und er (der Pädagoge) überflüssig wird. Für einen guten Lektor gilt genau dasselbe.


Muss ich das wirklich alles machen, um gut zu werden?
Wiederum ein Ja und ein Nein. Ein guter Schriftsteller arbeitet beständig an sich selbst. Und tatsächlich ist der Wunsch, alles gut schreiben zu können, eine netter, aber wohl auch vergeblicher Wunsch. Was ich in meinem Artikel zum erfolgreichen Schriftstellern vorschlage, sind Tipps, die sich bewährt haben. Zugegeben: nicht bei jedem.

Meine erste Kundin nach meinem Krankenhausaufenthalt im April rief mich um sechs Uhr morgens an: sie müsse am kommenden Tag eine Seminararbeit abgeben, käme aber mit dem Text nicht zurecht. Ihr Freund, ein netter, unkomplizierter Mensch, könne ihr nicht helfen. Wir haben dann folgendes ausgemacht: sie solle mir jetzt ihre Arbeit zuschicken, sich selber für einige Stunden schlafen legen, dann gut frühstücken und sich dabei von ihrem Freund zwei Gedichte vorlesen lassen. Kruder Gedanke, oder? Jetzt ist aber folgendes passiert: zunächst einmal hat die Studentin tatsächlich seit längerer Zeit wieder ruhig schlafen können. Durch die vollkommen andere Textsorte, eine kurze Ballade von Heine und ein Gedicht von Droste-Hülshoff, hat sie neue Ideen bekommen, wie sie Sätze schreiben kann. Und ich habe mir ihre Arbeit angeschaut. Die war im Prinzip in Ordnung. Sie hat lediglich die Begriffe nicht scharf genug dargestellt. Wir haben dann am Nachmittag noch einmal miteinander telefoniert, einige Möglichkeiten der Darstellung von Begriffen besprochen, ein Randproblem der Arbeit in den Ausblick verlagert. Durch den Schlaf, die Gedichte und meinen kleinen Einsatz konnte sie Distanz zu ihrer Arbeit gewinnen und den Text so überarbeiten, dass er am Abend fertig war. - Manchmal sind es tatsächlich nur Kleinigkeiten, die eine Schreibblockade auflösen. Und dann braucht man eben ein gewisses Gespür dafür, was genau diese Kleinigkeiten sein könnten.

Natürlich wird die Kundin die schriftstellerischen Möglichkeiten nicht voll ausreizen können. Aber wenn man so etwas gelegentlich macht, nämlich sich tatsächlich einen Roman aus einem fremden Genre anzuschauen, nämlich sich tatsächlich Gedanken darüber zu machen, wie ein Satz in sich aufgebaut ist und wie er sich in den Gesamtzusammenhang einfügt, erwirbt man schon eine ganze Menge Sprachsensibilität.

Und ein Nachtrag: bei einem abschließenden Telefonat habe ich die Kundin noch einmal gehörig ins Gebet genommen. Sie hatte mir, wenn auch in einer verzweifelten Situation, gesagt, dass ihr Freund ja "nicht studiere". Alle Basis einer guten Wissenschaftlichkeit ist aber die Erlebnisfähigkeit. Wer den Kontakt zu seinem sinnlich-konkreten Erleben verliert, kann weder ein guter Wissenschaftler, noch ein guter Erzähler, noch ein guter Lebensgefährte werden. 
Und der Freund dieser Kundin, der ja nur Automechaniker war, konnte vor allem eins: mir schildern, was er gesehen, gehört und gefühlt hat. Die Kundin war ja gut, nur eben verunsichert. Und in dieser Situation konnte ihr Freund sie dann tatsächlich erden und ihr eben das Fundament der guten Wissenschaft ersetzen. Dazu braucht niemand studieren.
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