11.08.2013

Wie man immer noch ein erfolgreicher Schriftsteller wird!

Eine Zeit lang, nämlich genau letzte Woche, konnte man bei Google die Stichworte "erfolgreicher Schriftsteller werden" eingeben und hat einen Artikel von mir auf der ersten Seite gefunden. Ein Artikel, mit dem ich gerade abgelehnt habe, dass man auf jeden Fall ein erfolgreicher Schriftsteller werden könne, und vor allem nicht heute.
Folgende Mail (Rechtschreibfehler habe ich entfernt): "Sie haben mir die Augen geöffnet, dass man nicht einfach so ein guter Schriftsteller werden kann. Wie werde ich denn nun erfolgreich, ich habe nämlich schon einen Roman geschrieben."
Wir kommentieren das jetzt nicht, oder?

Ich werde im folgenden allgemeine Ratschläge zum Besten geben, die eigentlich alle altbekannt sind. Zumindest sind sie altbekannt, wenn man gefühlte hundert Schreibratgeber gelesen hat. Meine Tipps sind also eher für Frischlinge. Vielleicht entdeckt aber auch der eine oder andere alte Hase eine neue Idee.

Zuvor mag ich auf einen "Konkurrenz"-Blog hinweisen, den ich für sehr empfehlenswert halte: Art is the Daughter of Freedom. Cassandra Kramer, gelernte Grafikdesignerin (glaube ich), gibt Tipps für Buch-Cover und Tipps zum (Roman-)Schreiben. Sie setzt andere Schwerpunkte als ich. Insgesamt sehr lesbar. Ab heute auch immer in meiner Blog-Roll zu finden.

So, und wie wird man nun ein erfolgreicher Schriftsteller?
Ändern wir erstmal den Titel dieses Postings:

Wie man ein passabler, aber nicht unbedingt erfolgreicher Schriftsteller wird!

Eine Warnung vorweg

Wer ein Buch schreibt und dies, wie das heute üblich ist, als E-Book veröffentlicht, muss damit nicht unbedingt erfolgreich sein. Der Markt reagiert recht willkürlich auf ein Buch. Manche AutorInnen haben trotz beständiger Werbung keinen Erfolg, andere wieder ohne Werbung einen ganz enormen. Dein Buch mag gut oder schlecht sein, überraschend neu oder völlig konventionell: durch Werbung kann man den Erfolg allerhöchstens begünstigen, keinesfalls aber herbeizwingen.

Was lesen?

(1) Nehmen wir an, du willst Krimis schreiben, dann liest du so viele Krimis wie möglich. Wenn du einen Liebesroman in Planung hast, liest du möglichst viele Liebesromane. Und welches Genre auch immer du meinst schreiben zu müssen: Lies die Bücher deines Genres!

(2) Pflege Lieblingsbücher aus anderen Genres! Schau auf jeden Fall über den Tellerrand und in andere Genres hinein. Du musst ja nicht unbedingt den blutigsten Horrorroman aussuchen, wenn dein Metier ChickLit ist. Grundsätzlich sollte man aber ein paar Bücher aus unterschiedlichen Genres besitzen und diese gründlich gelesen haben.

(3) Klassiker? Ja, natürlich. Klassiker sollte man lesen. Es müssen ja nicht gleich alle sein. Manche dieser Werke können einen durch ihre Wortgewalt und ihre Geschichte sehr überraschen. Ich bin nun jemand, der sehr viele dieser klassischen Werke besitzt. Ich könnte keines von ihnen ausdrücklich empfehlen. Leser meines Blogs wissen, dass ich derzeit Christa Wolf sehr mag und dass ich mich vorher über zwei Jahre hinweg mit dem Homo Faber von Max Frisch auseinandergesetzt habe. Und jetzt zähle ich einfach mal einige meiner Lieblingsbücher aus den vergangenen fünfundzwanzig Jahren auf: Der Zauberberg von Thomas Mann, Der Tod des Vergil von Hermann Broch, Berge Meere und Giganten von Alfred Döblin, Novellen von Kleist, Kurzprosa von Robert Walser, Aus dem Leben eines Fauns von Arno Schmitt, Karte und Gebiet von Michel Houellebecq. Anna Seghers habe ich gerade frisch entdeckt und finde sie sehr gut. Ich liebe Ernest Hemingway und Bertolt Brecht. Usw. Sucht euch einige, wenige Klassiker aus. Verachtet mir bitte die Gedichte und Dramen nicht. Shakespeare, Lessing, Goethe. Der west-östliche Divan (Goethe), das Stunden-Buch (Rilke), der Atta Troll (Heine).

(4) Lest Schreibratgeber! Manchmal rufen mich junge Autoren an, die keinen einzigen Schreibratgeber gelesen haben. Würde ich hier einen Vertrag ausmachen, könnte ich bei Adam und Eva anfangen. Der Kunde würde eine Menge Geld bezahlen für das, was er in Schreibratgebern wesentlich günstiger bekommt. Hier eine Liste mit jeweils einigen Kommentaren dazu. Ich möchte besonders auf die Reihe ›Write Great Fiction‹ hinweisen, die es leider nur auf Englisch gibt (wie ich überhaupt mehr englische Schreibratgeber besitze als deutsche). Um deutlich zu machen, dass ein Buch zu dieser Reihe gehört, setze ich hinter den Titel in eckigen Klammern ein WGF, also eine Abkürzung für die Buchreihe.

  • Egri, Lajos: Literarisches Schreiben.
    Dies scheint derzeit einer der Klassiker zu sein. Und es ist auch gut. Mir kommt in diesem Buch die Ausarbeitung einer Szene und die Ausgestaltung von Konflikten zu kurz. Trotzdem: für Schriftsteller bietet es eine solide und durchdachte Basis an.
  • Von Werder, Lutz: Lehrbuch des kreativen Schreibens.
    Dieses Buch enthält zahlreiche Übungen, um mit Texten zu experimentieren. Um Ideen zu bekommen, sich an das beständige Schreiben zu gewöhnen oder um Schreibblockaden aufzulösen, ist dieses Buch äußerst nützlich. Was dagegen die Ausarbeitung von Figuren, die Gestaltung von Plots und Settings angeht, ist es dürftig. Insofern kann dieses Buch phasenweise hilfreich sein. Romane schreiben lernt man dadurch aber nicht.
  • Beinhart, Larry: Kriminalromane und Thriller schreiben.
    Ein gutes Buch, gut aufgebaut und mit verständlichen Beispielen unterlegt. Vorzugsweise ist es natürlich für Krimi-Autoren, lässt sich aber relativ leicht für andere Formen der Spannungsliteratur übertragen. Empfehlenswert! (Da ich dieses Buch nur auf Englisch besitze, kann ich nichts zur deutschen Übersetzung sagen.)
  • Grant-Adamson, Lesley: writing crime fiction.
    Wer sich im Englischen einigermaßen sattelfest fühlt, und wer Krimis schreiben möchte, dem sei auch dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt. Es ist strukturierter als Beinhart und enthält — ein großer Vorteil! — Übungen und Listen, anhand deren man das eigene Schreiben überprüfen kann.
  • Ray, Robert J./Remick, Jack: The Weekend Novelist Writes A Mystery.
    Dieses Buch ist sehr in Ordnung, wenn auch das schwächste von den drei Mystery-Writing-Books. Es nimmt den Autoren sehr sehr fest bei der Hand und führt ihn anhand sehr klarer Aufgaben durch den Schreibprozess. Für Menschen, die sich immer zerfasern oder noch überhaupt keine Schreiberfahrungen haben, ist dieses Buch mit Sicherheit sehr gut. Allerdings ist es dermaßen überstrukturiert, dass es dem Autor kaum Platz lässt, neue Wege zu gehen. Es ist auf zweierlei Weise empfehlenswert: um überhaupt mal einen Roman zu Ende zu bringen oder als Fundgrube für erfahrene Autoren, was man noch einmal ausprobieren könnte. Leider nur auf Englisch.
  • Bell, James Scott: Plot & Structure [WGF].
    Dieses sehr praktisch gehaltene Buch hilft einem dabei, eine Geschichte gut zu planen. Zwar verarbeitet es im Prinzip nur den schönen, alten Aristoteles, das aber sehr modern und verständlich. Zwei Sachen fehlen mir: die Feinstruktur einer Szene, bzw. die Wechselwirkung zwischen Satz und Szene; die Oberbegriffe, die, wenn sie gut entwickelt sind, sinnvolle Werkzeuge für das Schreiben darstellen. Trotzdem ein sehr nützliches Buch.
  • Rozelle, Ron: Description & Setting [WGF].
    Hier findet der Leser nicht nur wertvolle Tipps, um den Hintergrund einer Geschichte zu entwerfen (das Setting), sondern auch, wie man dieses dann in konkrete Beschreibungen umsetzt und diese mit der Handlung und den Figuren der Geschichte vermittelt. Teilweise ist das Buch sehr dicht gedrängt mit Beispielen zu äußerst verschiedenen Aspekten. Man kann jede dieser Ausführungen nachvollziehen und unterschreiben. Die Übungen am Ende eines Kapitels sind allerdings immer nur auf besonders wichtige Augenmerke bezogen. Für alle anderen muss sich der Leser selber Aufgaben ausdenken.
  • Kress, Nancy: Characters, Emotion & Viewpoint [WGF].
    Auch dieses Buch ist recht dicht gedrängt geschrieben. Besonders die Kapitel über die Gefühle finde ich sehr hilfreich. Bei vielen deutschen Romanen fällt mir auf, dass die Beschreibung von Gefühlen entweder gar nicht oder übertrieben stattfindet. Dieses Buch schafft einen differenzierteren Blickwinkel, ist also schon alleine deshalb empfehlenswert. Vorsicht, das Englisch erscheint mir anspruchsvoller als in den anderen Büchern.
  • Kempton, Nancy: Dialogue [WGF].
    Von allen Textmustern, die ein Autor beherrschen sollte, sind die Dialoge wohl die anspruchsvollsten und vielgestaltigsten. Deshalb sind Bücher über das Dialog-Schreiben wohl auch recht schwierig zu verfassen. Die Autorin hat sich deutlich einschränken müssen und versucht dies durch zahlreiche Übungen zu ersetzen. Es ist also verzeihlich, wenn nicht alle Aspekte und jeder Geschmack hier bedient wird. Das Buch hätte mindestens viermal so dick sein müssen, um überhaupt eine umfangreiche Basis zu schaffen. Und ebenso sind die Übungen: sinnvoll, aber ergänzbar. Als Ausgangspunkt also ein ordentliches Buch.
  • Lukeman, Noah: The Plot thickens.
    Vor dem stilistischen Feinschliff wird dieses Buch sehr nützlich. Es bietet zahlreiche kleine Werkzeuge an, zum Beispiel wie man das Innenleben einer Figur beschreibt und für die Konflikte in der Geschichte benutzt oder wie man Spannung aufbauen kann. Am Anfang dürfte dieses Buch zu speziell sein. Da es sich aber viele Probleme, mit denen Autoren sich herumschlagen, herausgreift und diese sehr plausibel überwinden hilft, ist es eine wertvolle Ergänzung.

Wie lesen?

(1) Manche Bücher solltet ihr mehrmals lesen. Ein Buch ist wie ein Stück Käse. Je älter es wird, umso mehr verändert es seinen Geschmack. Manche entpuppen sich als fade, manche gewinnen an Reife und Würze. Das allerdings kann man tatsächlich erst durch eine zweite, dritte und vierte Lektüre erfahren.

(2) Vom Lesen zum Schreiben kommen. Roland Barthes schreibt in seinem Buch S/Z (Frankfurt am Main 1994):
... von welchen Texten würde ich akzeptieren, dass sie geschrieben (neu geschrieben) und begehrt werden, als Kraft in meine Welt Eingang finden? Was die Bewertung des Textes findet, ist ein Wert: das, was heute geschrieben (neu geschrieben) werden kann: das Schreibbare. Warum ist das Schreibbare unser Wert? Weil es das Vorhaben der literarischen Arbeit (der Literatur als Arbeit) ist, aus dem Leser nicht mehr einen Konsumenten, sondern einen Textproduzenten zu machen. Unsere Literatur ist von der gnadenlosen Trennung gezeichnet, die die literarische Institution zwischen dem Hersteller und dem Verbraucher des Textes, seinem Besitzer und seinem Käufer, seinem Autor und seinem Leser aufrechterhält. Ein solcher Leser ist in einem Nichtstun versunken, ... (Seite 8)
Ich gebe eine Kurzfassung: es gilt das eigene Schreiben-Können in anderen Texten zu entdecken. In der Auseinandersetzung mit ihnen findet der Leser seine Rolle als Autor. Welcher Art ist diese Auseinandersetzung?
Dazu gebe ich jetzt einige Tipps.

Wie schreiben?

(1) Verabschiedet euch erst mal von der Idee des Genies. Die Welt des Genies ist eine Welt der Tautologie: die Tautologie behauptet nur sich selbst. Goethe sei der größte deutsche Schriftsteller, weil Goethe der größte deutsche Schriftsteller sei. Das allerdings ist keine Begründung, sondern eine Frechheit. Aus demselben Grunde seid auch ihr keine Genies und ihr müsst auch nichts Geniales schreiben.
Schaut euch den klassischen Krimi an: er besteht immer aus einer geregelten Abfolge: zuerst wird eine Leiche entdeckt, dann sucht der Detektiv Spuren am Tatort, rekonstruiert den Tathergang und die Motive und schließt daraus auf den Mörder. Entdeckung - Spurensuche - Rekonstruktion - Motivanalyse. Das funktioniert bei Agatha Christie genauso wie bei Donna Leon. Trotzdem bieten diese Autorinnen genügend Abwechslung. Welches Genre ist besonders populär? Der Krimi. Heute darf man den Thriller dazu nehmen.
Wenn ihr also für ein gewisses Genre schreiben möchtet, dann haltet euch an typische Muster. Lernt aber auch, diese eigensinnig zu behandeln. Würde Donna Leon tatsächlich wie Agatha Christie schreiben, wäre sie nicht so populär. Würde George R. Martin wie Tolkien schreiben, hätte er keinen internationalen Bestseller verfasst.

(2) Nachahmen. - Habt also keine Angst vor der Nachahmung, nicht einmal vor dem bewussten Plagiat. Ein Plagiat ist erst dann ein Plagiat, wenn es veröffentlicht wird. Um Schreiben zu lernen, sind Plagiate allerdings äußerst sinnvoll.
Der französische Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat gezeigt, dass die Nachahmung ein wichtiger Bestandteil des Lernens ist. Wenn ihr euch an eure Schulzeit zurückerinnert, werdet ihr dasselbe als pädagogisches Prinzip erkennen: der Lehrer macht etwas an einem Beispiel vor, dann hat er euch Aufgaben gegeben, mit denen ihr das nachmachen sollt.
Zum Erlernen sind Nachahmungen unumgänglich. Darauf werde ich gleich noch genauer eingehen.

(3) Spielen/misshandeln. - Texte sind nicht nur dazu da, um gelesen zu werden, sondern auch, um mit ihnen zu experimentieren. Ich benutze das Wort misshandeln deshalb so gerne, weil man bei dem Spiel mit Texten sehr weit gehen darf, viel weiter als in der "echten" Welt.
Wie aber spielt man mit einem Text? Dazu kann man nun tausend Vorschläge machen. Eine ganz einfache Form ist das Ersetzen. Ersetzt zum Beispiel eine Frau durch einen Mann, und eventuell einen Mann durch eine Frau und schreibt auf dieser Basis eine Szene neu. Ersetzt einen Kinobesuch zweier Freundinnen durch den Besuch eines Fußballspiels (oder einer Punk-Party) zweier Freunde, lasst diese aber genau dieselben Dinge erleben und sich über dieselben Themen unterhalten, wie in der Szene, die ihr plagiiert.

(4) Pflegt kurze Textformen! - Von allen kurzen Textformen ist das Zitat das einfachste. Es ist eine wortwörtliche Nachahmung. Welche Zitate sammelt man? Natürlich weise und bedenkenswerte Zitate, aber auch schöne Sätze, die euch berühren, Sätze, die euch auffallen oder euch auf dunkle Weise faszinieren, kleine Dialogstellen (und sammelt viele solche Dialoge: gute Dialoge zu schreiben ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, der sich ein Schriftsteller stellen muss: fangt also frühzeitig damit an!).

Weitere klassische Kurzformen findet ihr in Poetik in Stichworten von Ivo Braak. Hier eine knappe Übersicht über einige (nicht alle) Kurzformen:
  • Anmerkungen:
    Ich arbeite Bücher gerne mal grundsätzlich durch. Eine wichtige Technik ist für mich die Anmerkung. Ich schreibe also "Schachbrett: weiß/schwarz; später: schwarze Vögel in weißem Himmel; später: Hanna trägt schwarz (Trauer), dann weiß (wegen Hitze?)". Ich binde mich bei solchen Anmerkungen an nichts Festes, sondern folge meinen Einfällen. Grundsätzlich füge ich auch die Seitenzahl ein, zu der diese Anmerkung entstanden ist. Wenn ich mir später die Textstelle zu der Anmerkung noch einmal ansehen möchte, erleichtert mir das Finden.
  • Assoziation:
    Diese funktioniert im Prinzip wie die Anmerkung, nur verlässt sie das Buch, verweist auf andere Bücher, Filme, das eigene Leben
    . Vor einigen Monaten habe ich mir die zweite Staffel von Teen Wolf angesehen. Dazu habe ich zum Beispiel notiert: "Wie unser Räuber/Gendarm-Spiel, als wir Kinder waren. Der Wald [in der Serie] wirkt vertraut. (Wälder beschreiben; Jagd durch den Wald)" - Dieses Beispiel ist sprunghaft. Zuerst kommt eine Kindheitserinnerung, dann ein Eindruck, schließlich habe ich als Ergänzung einige Schreibmöglichkeiten notiert. (Die Jagd durch den Wald habe ich tatsächlich geplottet und teilweise geschrieben. Dabei habe ich die Jäger aus der Serie durch Orks ersetzt. Nicht besonders einfallsreich, aber als Übung sehr in Ordnung.)
  • Anekdote:
    Sammelt alle möglichen Begegnungen und Beobachtungen, die ihr während des Tages gesammelt habt. Manche Autoren führen eine Art Abend-Tagebuch, in das sie solche Sachen eintragen. Eine Anekdote ist normalerweise eine kurze Schilderung einer bedenkenswerten Handlung. Wenn ihr ebenfalls ein solches Abend-Tagebuch schreibt, können aber auch Assoziationen auftauchen: "alter Mann mit neuer Zeitung" oder "Mädchen starrt Eis schleckend auf die Goldfische im Teich". Probiert einfach mal ein bis zwei Wochen aus, ob das etwas für euch ist. Manche schriftstellernden Menschen schwören darauf.
  • Bericht:
    Berichte sind relativ nüchterne Texte, die eine Handlung wiedergeben. Sie müssen aber nicht real sein. In der Tageszeitung findet ihr Anregungen, fiktive Texte zu schreiben. Steht dort zum Beispiel "Alligator-Schildkröte greift Jungen an: Badesee in Bayern abgesperrt", dann könnt ihr euch ein gleiches oder ähnliches Beispiel ausdenken und zum Beispiel von einem Wachtmeister oder dem behandelnden Notarzt aus einen Bericht über den Vorfall schreiben. (Damit übt ihr übrigens eine wichtige Tätigkeit des Schriftstellers: eine Zusammenfassung eures Romans zu schreiben.)
  • Slogans:
    Erfindet euch für alle möglichen Objekte (zum Beispiel auf eurem Arbeitstisch) Werbe- und Wahlkampfslogans. "Trinkt Tinas Tassen-Tee." oder "Wählt Fabian: Meckern ist auch eine Meinung!"
  • Aphorismus:
    Eine kurze, überraschende Einsicht in Prosa. Vorsicht! Gute Aphorismen sind sehr schwierig zu schreiben. "Manche Menschen besitzen eine Bibliothek wie ein Eunuch einen Harem." (Lichtenberg), "Für Männer. Überzeugen ist unfruchtbar." (Walter Benjamin), oder "Eine Utopie, die nicht beantwortet wird, erzeugt Geschwätz." (ich)
  • Maxime:
    eine Verhaltensempfehlung, bzw. eine Richtschnur für das Verhalten. "Wiederhole die Argumente deines Gesprächspartners in eigenen Worten.", "Sammle schöne Wörter.", usw.
  • Sentenz:
    eine scharfe, zum Nachdenken auffordernde Formulierung. "Die Erde wird durch Liebe frei. Durch Taten wird sie groß." (Goethe); "Menschen, warum seid ihr besser / Als wir andre? Aufrecht tragt ihr / Zwar das Haupt, jedoch im Haupte / Kriechen niedrig die Gedanken." (Heine); "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Adorno)
  • Parabel:
    in einer Parabel wird eine Anekdote erzählt und diese im letzten Satz zu einem Gleichnis gemacht. So schreibt Goethe ein kurzes Gedicht von einem Gast, der sich schlemmend und prassend über das Gericht des Gastgebers hermacht und danach am Essen herummeckert. Dann fügt Goethe folgendes an: "Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.", womit deutlich wird, dass der Gast sich eigentlich an der Literatur labt, und sich hinterher wider besseren Wissens kritisch gibt.
  • Haiku:
    Das Haiku ist eine japanische, dreizeilige und reimlose Gedichtform. Die erste und die dritte Zeile bestehen aus je fünf Silben, die zweite aus sieben. Sie eignen sich besonders für Landschaftsbeschreibungen. Beispiel: "Aus dem Mauerspalt / Wächst ein einzelner Grashalm. / Ein Kind schaut ihn an.", "Nebel über dem See. / Schwarzes Wasser und weißer / Himmel. Oktober."
  • Lied:
    Das Lied in seiner einfachen Form enthält meist zwei bis acht Strophen, manchmal noch mehr. Die Strophe ist vierzeilig. Sie umfasst je zwei Reime, einen Reim (zweite und vierte Zeile), manchmal auch keinen. Viele bekannte Gedichte in Liedform drücken die Empfindungen des ›lyrischen Ichs‹ aus. Beispielhaft sind Gedichte von Mörike, Brentano, Heine, aber auch dem frühen Rilke. Für Roman-Schriftsteller eignen sie sich besonders, um sich über den Charakter eines Menschen klarzuwerden.
Im Prinzip sind deiner Erfindungslaune keine Grenzen gesetzt. Es gibt zahlreiche weitere Formen, die du nutzen kannst, angefangen von Listen, Mindmaps, Clustern, und vieles andere mehr. Das Grundprinzip dahinter ist aber immer das gleiche: Etwas in etwas zu verwandeln, also eine Vorlage in irgendetwas anderes. Wichtig dabei ist das Spiel, das Ausprobieren von verschiedenen Ausdrucksformen.
Zweimal habe ich sogar mehrere Kapitel in eine Art Comicstrip oder Film-Szenenbuch umgesetzt. Weil das viel Arbeit macht, mache ich das ungerne, aber dem Kunden hat das sehr geholfen. Übrigens sind meine Fähigkeiten als Zeichner äußerst dürftig. Es geht also nicht darum, jetzt auch noch sein zeichnerisches Talent entwickeln, sondern sich die ganze Geschichte aus einem anderen Medium anzusehen.
Zwei wichtige Bitten habe ich dazu:
  1. Bevor du deine Texte bewertest, lass sie liegen. Gerade junge Schriftsteller sind mit sich selbst auf falsche Weise kritisch, häufig überkritisch. Lass sie ein wenig ruhen, schreib andere Sachen, probier dich weiter aus, sammle weiter Erfahrungen. Dann kehr zu den Texten zurück, nach zwei oder vier oder sechs Wochen und lies sie noch einmal.
  2. Überarbeite in regelmäßigen Abständen deine Texte. Überarbeiten heißt: ändere soviel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Mir ist dieses Überarbeiten sehr wichtig, denn später wirst du deinen Roman immer nur zu ganz bestimmten Punkten durcharbeiten, zum Beispiel ob du die Adjektive sparsam, aber effektvoll eingesetzt hast, oder ob deine Verben zu gewöhnlich sind und du nach ungewöhnlicheren Ausdrücken suchen solltest. Keinesfalls solltest du deine Übungstexte komplett neu schreiben. Dabei lernst du wesentlich weniger, als wenn du ihn umarbeitest. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, dass junge Autoren die Kritik an einem Kapitel so verstanden haben, dass sie es noch einmal ganz von vorne verfassen müssen. Dabei entstehen dann meist dieselben Fehler, die ich schon vorher kritisiert habe. Nein! Es ist genau dieses Nachdenken, ob man ein Wort austauschen sollte, einen Satz einfügen sollte, ein anderes Satzgefüge wählen sollte, ob man statt einer Metapher einen Vergleich benutzt, statt einer Benennung eine Beschreibung, usw., das aus einem jungen Schriftsteller einen guten Schriftsteller macht.

Zwei Mythen

Show, don't tell! — Diese Empfehlung meint das Richtige, wird aber häufig falsch verstanden. Manche Autoren lesen diese Aufforderung dahin, möglichst alles ganz genau zu beschreiben. Doch das führt nur zu einem aufgeblähten Text. Tatsächlich meint diese Empfehlung etwa folgendes: Schreibe deinen Text so, dass der Leser vergisst, dass er eigentlich nur Wörter liest. Du musst also den Leser in seinen Vorstellungen so führen, dass er in dem Text "versinkt". Dazu gehören auf der einen Seite sinnliche und konkrete Details. Auf der anderen Seite gehört aber auch eine konkrete Handlung dazu, die den Leser interessiert.
Wie dies genau aussehen kann, werde ich hier nicht erläutern. Zum einen unterscheidet sich das von Genre zu Genre, zum anderen von der Länge des Textes. Man schreibt einen dicken Roman anders als einen Kurzroman. Drittens aber spielen individuelle Vorlieben des Autors eine große Rolle. Kein Autor zeigt seine Figuren auf dieselbe Weise; kein Autor erzählt seine Geschichte auf dieselbe Weise. Und auch wenn man so etwas in einem Roman schwer benennen kann, ist es doch dieser Eigensinn eines Autors, der eine Geschichte erst wirklich lebendig werden lässt.

Für den Leser schreiben! — Natürlich. Wer einen Roman schreibt und diesen veröffentlicht, der möchte gelesen werden. Die Frage ist allerdings, von wem. Stellt euch bitte nicht vor, dass ihr jemals einen Roman schreibt, der sämtliche möglichen Leser in seinen Bann zieht. Ihr schreibt natürlich immer nur für ein bestimmtes Publikum. Hier ist die Empfehlung einfach zu unpräzise.
Die Empfehlung bleibt aber auch zu abstrakt. Denn dass man für Leser schreibt, ist eine Selbstverständlichkeit. Viel spannender ist die Frage, wie man für sie schreibt. Auch diese Frage werde ich hier nicht beantworten, weil sie ebenfalls sehr stark vom Genre abhängt, aber noch mehr von den Arbeitsprozessen eines Autors. Die Herausforderung ist, seine eigenen Wege zu finden, oder, wie es auf neudeutsch heißt, den workflow.
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