30.05.2014

Kleiner Lacher am Rande (Hilflose Tautologien und ein wenig Paranoia)

Sehr unruhige, ständig in Bewegung befindliche, unkonzentrierte und impulsive Kinder fallen insbesondere in Schulen auf.
Dieses Zitat schickte mir (gestern) ein ehemaliger Kunde zu, der ein ähnlich unaufgeregtes Verhältnis zur Theorie besitzt wie ich. Zu finden ist dieses Zitat in dem Buch Einführung in die Verhaltensgestörtenpädagogik von Clemens Hillenbrand auf Seite 173.
Es besagt, dass ein Kind dann auffällig ist, wenn es auffällt.
Rhetorisch gesehen fungiert eine solche Argumentationsweise als symptomatisch für unsichere, wenig abgrenzbare Disziplinen. Die Argumentation lässt sich auf eine Tautologie zusammendampfen. Die Tautologie selbst kann, sobald sie etabliert ist, als Element in einem paranoiden Wahnsystem genutzt werden.

Gender-Mainstreaming

Eine andere hübsche Tautologie, die mir immer wieder auffällt, findet man in der Definition des gender-Begriffes. Gender sei, so die Kurzform, wer Frau oder homosexuell sei und umgekehrt haben Homosexuelle und Frauen ein gender und damit Anspruch auf gender-Mainstreaming. Hier hat sich der paranoide Gegenbegriff, der Feind, stark etabliert: es geht um hegemoniale Männlichkeit, um Heteronormativität, um patriarchale Denk- und Handlungsstrukturen. Eigentlich sollte man sowohl bei dem Wort Struktur als auch bei dem Adjektiv patriarchal aufhorchen.
Bei einer Struktur, vor allem einer Struktur, die Interaktionen prägt, kann man eine Verdinglichung in einzelnen Menschen ausschließen. Regelmäßig aber wird die Hegemonialität dann bei einzelnen Menschen (insbesondere Männern) vorgefunden. Der Anti-Essentialismus, durch den sich z.B. Judith Butler auszeichnet, wird hier gründlich missachtet.
Auch das Adjektiv ist nicht ganz so unschuldig, wie es zunächst aussieht. Wenn es z.B. patriarchale Denkstrukturen gibt, dann auch anti-patriarchale. Und genau an dieser Grenzlinie pocht bereits das paranoide Denken an die Tür.

Analytische und politische Begriffe

Gender, so hatte ich mir schon vor längerer Zeit als Arbeitsauftrag notiert, betrifft allerdings auch die verschiedenen Typen von Männlichkeit. Gender-Mainstreaming kann auch hier stattfinden, muss es sogar. Allerdings muss dann das gender-Mainstreaming andere Abgrenzungskriterien entwickeln als durch den Begriff des gender gegeben ist.
Schlimmer noch taugt der Begriff des gender überhaupt nicht in Kombination mit dem Mainstreaming. Begrifflich gesehen hängt das auch damit zusammen, dass gender eine analytische Kategorie darstellt, dagegen Mainstreaming politisch zu lesen ist, also performativ. Die Tautologie soll diese etwas absurde Kombination verwischen.
Verhaltensauffälligkeiten kann man auch nicht so einfach als politischen (oder pädagogischen) Begriff ansehen. Verhalten muss auffällig sein, wenn es in Gesellschaft ausgeführt wird. Auffälligkeit ist also, ähnlich wie beim gender, kein abgrenzender Begriff. (Man hofft ja auch, dass Kinder in Klassen auffallen und der Lehrer nicht am Ende des Schuljahres sagt: zu Sandra fällt mir nichts ein, sie ist mir nicht aufgefallen.)
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