30.05.2014

Goethe und Meer

Mich selbst hat an diesem Abend eine Stelle aus einem Brief von Goethe beschäftigt. Diesen schrieb er am 11. Januar 1815 an Karl Ludwig von Knebel (den Goethe seinen Urfreund nannte).
So habe ich mich die Zeit her meist im Orient aufgehalten, wo denn freilich eine reiche Ernte zu finden ist. Man unterrichtet sich im Allgemeinen und Zerstückelten wohl von so einer großen Existenz; geht man aber einmal ernstlich hinein, so ist es vollkommen, als wenn man ins Meer geriete.
Indessen ist es doch auch angenehm, in einem so breiten Elemente zu schwimmen und seine Kräfte darin zu üben. Ich tue dies nach meiner Weise, indem ich immer etwas nachbilde und mir so Sinn und Form jener Dichtarten aneigne.
Die Stelle ist reich an Metaphern. Auffällig ist die Allegorisierung ab dem zweiten Satz, der den Wissensstoff mit dem Meer parallelisiert. Diese Allegorie wird im letzten Satz in einen pragmatischen Kontext gefasst: die Methode ist das Nachbilden; Ziel die Aneignung von Sinn und Form jener (orientalischen) Dichtarten. Diese Pflicht zur Tätigkeit findet sich öfter bei Goethe, z.B. im Faust: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es um es zu besitzen.

Der Brief spricht von Goethes Arbeit am westöstlichen Divan. Die zitierte Stelle korrespondiert mit dem Gedicht Nachbildung (das siebte Gedicht im Buch Hafis). Der erste Teil dieses Gedichtes lobt die Auseinandersetzung mit dem orientalischen Stoff emphatisch; der zweite (folgend zitierte) enthält eine Warnung, die man wohl manchem Schriftsteller in sein Arbeitsbuch schreiben muss:
Zugemessne Rhythmen reizen freilich,
Das Talent erfreut sich wohl darin;
Doch wie schnell widern sie abscheulich,
Hohle Masken ohne Blut und Sinn.
Selbst der Geist erscheint sich nicht erfreulich,
Wenn er nicht, auf neue Form bedacht,
Jener toten Form ein Ende gemacht.

Seltener finden sich Bezüge zum Meer. Das Meer erscheint aber gelegentlich als das eigentliche Territorium des Dichters, so z.B. hier (aus dem Buch Suleika):
Hier nun dagegen
Dichtrische Perlen,
Die mir deiner Leidenschaft
Gewaltige Brandung
Warf an des Lebens
Verödeten Strand aus.
Der Dichter ist hier „ins Meer gefallen“. In den großen Hymnen findet sich das Gedicht Seefahrt, einer Allegorie auf den Dichter als Seefahrer.

Zu Goethe kehre ich gerade zurück, weil mich die aktuelle politische Rhetorik ziemlich langweilt; zum Teil sind mir auch diese ganzen Tautologien (siehe meinen letzten Beitrag Kleiner Lacher am Rande) herzlich zuwider.
Kommentar veröffentlichen