14.06.2012

Vorstellungsmassen

Eine Anmerkung von Adorno hat mich die letzten Tage zu einigen Umwegen geführt. In seinem Essay ›Sexualtabus und Recht heute‹ (in: Kulturkritik und Gesellschaft II, Seite 533-554) schreibt er (545):
Aber um diesen Wahrheitskern hat sich eine Vorstellungsmasse angesammelt, die erst einmal überprüft werden müsste, anstatt das heiliger Eifer jede nähere Besinnung unterbindet.
Adorno ist mir in vielem bis heute verschlossen geblieben. Obwohl ich mich eine Zeit lang sehr ausführlich mit der negativen Dialektik beschäftigt habe. Jedoch reizen mich seine Aussagen immer wieder, und ab und zu verfolge ich dann einen bestimmten Begriff durch meine Literatur. Interessanterweise hat dieser Begriff mich nicht von meinem eigentlichen Pfad abgebracht (ich arbeite immer noch über die Konnotation), sondern zu diesem zurückgeführt. Ich hatte vor einigen Tagen begonnen, meine Notizen und Kommentare zur ›Wut‹ in meinem Zettelkasten zu ordnen. Und dort habe ich dieses Zitat wieder gefunden. Diesmal hat es meine Aufmerksamkeit erregt.

Freud: die assoziative Verarbeitung

Eine erste Fundstelle dieses Begriffes stammt aus Freuds Studie über die Hysterie (in: Gesammelte Werke I, hier: Seite 174). Freud beschreibt, wie eine bestimmte Vorstellung nicht zu der "herrschenden Vorstellungsmasse des Ichs" passe. Dies erzeuge eine Unlustempfindung und führe zu einer Verdrängung. Auf derselben Seite beschreibt Freud die Verdrängung so: … dass eine Vorstellung absichtlich aus dem Bewusstsein verdrängt, von der assoziativen Verarbeitung ausgeschlossen werde. (174)
Wichtig an dieser Stelle ist die Formulierung "assoziative Verarbeitung". Die Vorstellung wird gleichsam aus dem Geflecht der Gedanken herausgedrängt. Damit wird sie auch von der gedanklichen Verarbeitung ausgeschlossen.
Wie brisant diese Formulierung ist, kann man vor allem an den verschiedenen Versuchen der Ideologiekritik ersehen, die sich im 20. Jahrhundert herausgebildet haben. So ist der Begriff der Konnotation, wie Roland Barthes ihn benutzt, der Assoziation sehr ähnlich. In seinem Buch Mythen des Alltags beschreibt er, wie eine solche Konnotation durch gesellschaftliche Prozesse in eine Meta-Sprache oder Metakommunikation überführt wird und so an der Mythenbildung teilhat. (Das ist alles etwas kurz gefasst und vermutlich vielen Lesern unverständlich. Ich kann Sie nur bitten, hier auf meinen Aufsatz über die Konnotation zu warten.)
Auch bei Adorno und bei Marcuse finden sich ähnliche Operationen: ein Teil der Assoziation wird herausgegriffen und als die alleinige Deutung vorgestellt. Um einen Begriff aus der Logik zu verwenden: eine Assoziation wird extrapoliert.
So wichtig hier die Verbindungslinie ist, so vorsichtig sollte man allerdings sein, die Gedanken von Freud schon als Werkzeug der Ideologiekritik zu lesen. Freud legt in seinen frühen Ausführungen zur Verdrängung noch nahe, dass der verdrängte Inhalt aus der assoziativen Verarbeitung herausfalle und sich dadurch räche, dass er als pathologischer wiederkehrt. Die Leistungen der späteren Frankfurter Schule laufen parallel zu den Arbeiten der Semiologen und Strukturalisten, zwischen einer rein psychischen Assoziation und gesellschaftlichen Bedingungen (Marx spricht hier ebenfalls häufig von Assoziation) zu verbinden. Freud konnte oder wollte dies nicht tun.

Freud: Traum und Traumgedanke

Auch in der Traumdeutung (Gesammelte Werke II/III) findet sich der Begriff der Vorstellungsmasse, soweit ich sehen kann zweimal.
Hier setzt Sigmund Freud dem manifesten Traum die "Vorstellungsmasse" der Traumgedanken gegenüber (284, 470). Er schreibt:
"Der Traum ist knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Reichhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt niedergeschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schriftraum. Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert, soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel unterschätzt man das Maß der statthabenden Kompression, indem man die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traum versteckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen müssen, dass man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, dass sich noch ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Verdichtungsquote ist also – streng genommen – unbestimmbar. … Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies von der Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie wird durch die Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des Traumes gehört." (284 f.)
Dieser Effekt erinnert zunächst an ein anderes Phänomen. Wenn man einen Text interpretiert und hier möglichst eine "vollständige" Interpretation anstrebt, wuchert der Umfang der Analyse und kann wesentlich umfassender sein, als der analysierte Text. Ich erinnere an die Analyse, die Jakobson und Lévi-Strauss von Baudelaires Gedicht Die Katzen geben: zu dem zwölfzeiligen Sonnett gesellen sich über 20 Seiten Interpretation.
Offensichtlich meint Freud hier etwas ähnliches: der Analytiker deckt die Traumgedanken eines manifesten Trauminhaltes auf. Dabei beachtete er die Mechanismen der Verschiebung und Verdichtung. Während der Traum selbst sich scheinbar als solcher setzt, zergliedert die Analyse. Die Analyse des Traums arbeitet die Relationen und Strukturen heraus. Dadurch hat sie es mit wesentlich mehr Elementen zu tun, als der Traum für sich selbst beansprucht. Daher die Wucherung.

Zunächst müsste man hier zum Beispiel auf den Begriff des Scheins in der Frankfurter Schule eingehen. Dieser meint etwas ähnliches wie der Traum bei Freud. Nur wird hier die Traumarbeit ins Gesellschaftliche umgekippt. Die Ware zum Beispiel setzt sich als solche wie der manifeste Trauminhalt. Der Gesellschaftskritiker habe die Traumgedanken der Ware herauszuarbeiten.
Diese recht mystische Formulierung lässt sich einfacher fassen, wenn man diese Traumgedanken als Konnotationen liest, also als systematische Assoziationen. Die Kritik besteht dann nicht aus einer neuen Assoziation, sondern aus der Sättigung eines bestimmten Sachverhalts durch Konnotationen (zum Problem der Konnotation siehe Eco: Einführung in die Semiotik, Seite 108-113).

Assoziationszentren

In seinem Buch Erkenntnis und Irrtum schreibt Ernst Mach, dass sich verschiedene Bewusstseinszustände (zum Beispiel verschiedene Stimmungen) als Assoziationszentren erweisen, um die "die Vorstellungsmassen sich scharen, während diese Massen untereinander keinen oder nur einen geringen Grad des Zusammenhanges aufweisen" (48).
Von hier aus gibt es verschiedene Wege, diese Aussage zu interpretieren. Zunächst wäre hier an das Problem von Form und Inhalt zu erinnern. Nehmen wir hier die kantianische Fassung. Kant zeigt in seiner Kritik der reinen Vernunft, dass die Wahrnehmung zwar die Inhalte unseres Denkens liefere, die Form dieser Wahrnehmung allerdings dem Denken selbst entspringe. Dadurch entgeht er sowohl den Problemen des Empirismus als auch dem Dogmatismus.
Ernst Mach erläutert hier etwas ähnliches: die Vorstellungen selbst bilden eine unstrukturierte Masse (ähnlich den Empfindungen bei Kant); die Bewusstseinszustände ziehen diese Vorstellungsmassen in strukturierte Formen hinein. Folgt man dem, und das erscheint mir ganz sinnvoll, dann habe ich als wütender Mensch andere Vorstellungsstrukturen als als trauriger oder fröhlicher. Die Gefühle bilden gleichsam Assoziationszentren. (Dieser Gedanke treibt mich schon lange um. Es gibt ja einen Bruch zwischen den Gefühlen und der Benennung von Gefühlen. Eventuell sind Gefühle nichts anderes, als der Verweis darauf, in welchem Assoziationszentrum man sich gerade bewegt. Wie es in unserem Kopf keine Bilder von der Welt gibt, sondern nur neuronale Impulse, ich aber trotzdem ständig Bilder von der Welt "sehe", so habe ich auch keine Gefühle in meinem Kopf, kann aber trotzdem auf diese verweisen, aus welchen Gründen auch immer. Man muss hier nur aufpassen, dass man die Gefühle nicht nominalistisch betrachtet.)

Vergleicht man die Aussagen von Freud und die Aussagen von Mach, dann kann man den Traum als ein solches Assoziationszentrum sehen. Der strukturierende Mechanismus für einen solchen Traum wäre dann zum Beispiel die Wunscherfüllung. (Aber das ist nur eine Möglichkeit. Hier müsste man zum Beispiel Freud genauer lesen.)

Herbart: relationale Apperzeption

Aebli schreibt, die Apperzeption bei Herbart sei "der Vorgang der Integration neuer, durch die Wahrnehmung angeregter Vorstellungen in die vorhandenen" (Aebli: Denken. Das Ordnen des Tuns I. Seite 186).
Aebli zitiert Herbart selbst (186):
Nämlich bei der äußeren Wahrnehmung ist offenbar diese selbst das Apperzipierte; und die aus dem Inneren hervorkommende, mit ihr verschmelzende Vorstellungsmasse ist das Apperzipierende. Die letztere ist die bei weitem mächtigere; sie ist gebildet aus allen früheren Auffassungen; damit kommt die neue Wahrnehmung auch bei der größten Stärke der momentanen Auffassung nicht in Vergleich ...; und deshalb muss sie sich gefallen lassen, hineingezogen zu werden in die schon vorhandenen Verbindungen und Bewegungen der älteren Vorstellungen.
Im Prinzip haben wir hier eine Beschreibung des Kompetenzaufbaus, der bei Anderson (Kognitive Psychologie) als eine Interpretation des deklarativen Wissens durch das prozedurale Wissen beschrieben wird. Das, was ich bereits weiß oder kann, nutze ich zur Integration von neuen Sachverhalten.
Aebli zitiert außerdem Herbart in einem wichtigen Punkte: das Verhältnis zwischen den äußeren Wahrnehmungen und den Vorstellungsmassen sei relational. Hätte ich in meinem bisherigen Leben eine andere Vorstellungsmasse erworben, würde ich meine jetzige Wahrnehmung anders integrieren. Ändere ich meine Vorstellungsmassen (zum Beispiel durch bewusste Bildung), ändere ich meine Wahrnehmungsintegration.
Folgen wir diesen Gedanken, so können wir sagen, dass jede individuelle Vorstellungsmasse beschränkt ist und dass der Betreffende diese Beschränkungen nur erfährt, indem er sich bildet. Hier entsteht etwas, was man ungefähr bei Umberto Eco als unendliche Semiose findet: wie die Interpretation eines Kunstwerks ein offener Prozess bleibt, so ist die Bildung ein offener Prozess. Als solche sind weder die Interpretation noch die Bildung teleologisch (zielgerichtet). Die Ziele entstehen erst durch eine willkürliche Einteilung dieses Prozesses. So interpretiert man dann zum Beispiel den Westöstlichen Diwan, aber natürlich interpretiert man ihn nicht vollständig, sondern nur in Bezug auf die Hausarbeit, die man zu schreiben hat. Und ähnlich integriert man neues Wissen nicht vollständig, sondern nur in Bezug auf die Vorstellungsmassen, die man bereits früher erworben hat.

Kehren wir zu Ernst Mach zurück, dann sind die Assoziationszentren Metastrukturen in den Vorstellungsmassen. Solche Assoziationszentren prägen dann unsere Integration von neuem Wissen. Dann würde es einen Unterschied machen (was jeder leicht an eigenen Beobachtungen nachvollziehen kann), ob ich ein Wissen im Zustand der Freude, der Wut, der Trauer oder der Angst neu lerne.

Schließlich sei noch folgende These erlaubt: behandeln wir das Wissen wie Freud die Träume in der Traumarbeit, so müssen wir sämtliche (sofern das möglich ist) Gedanken, sämtliche Assoziationen in einen Zusammenhang bringen, mit anderen Worten: wir müssen unser Wissen vernetzen.
Dieser Begriff der Vernetzung, der ja so wichtig ist, wird häufig auf rein praktische Sachverhalte bezogen, meist in der Abfolge: vormachen, durcharbeiten, anwenden. Dieser Gedanke ist zwar sicherlich ein Kerngedanke, aber nicht die einzige Möglichkeit der Vernetzung. Umgekehrt ist der Begriff der Konnotation in Bezug auf solche Vernetzungen zu lesen. Er allerdings schließt eine Vernetzung durch Praxis schon alleine deshalb aus, weil er ein literaturwissenschaftlicher Begriff ist.
Für die Literaturwissenschaft hat sich hier für mich vor langer Zeit das Problem ergeben, dass die wissenschaftliche Analyse und die praktische Tätigkeit zwei zwar verschränkte, aber nicht deckungsgleiche Felder bilden und das ein guter Literaturwissenschaftler noch lange nicht gut schreiben kann.

Wie strukturiert eine Vorstellung die Interpretation?

Ein Nebeneffekt zu meiner Arbeit über die Konnotationen ist die Frage, wie Vorstellungen, bzw. Bilder, eine Interpretation beeinflussen. Dies hängt zwar eng mit der Konnotation zusammen, kann aber durch diese nicht erklärt werden. Hier greife ich zur Zeit auf die Typen des semantischen Gedächtnisses zurück.
Relativ einfach scheinen mir die Propositionen selbst zu sein. Zur Erinnerung: die Proposition ist (in der Psychologie) das mentale Abbild eines einfachen Satzes. Diese die Interpretation strukturierende Vorstellung in Form einer Proposition findet man zum Beispiel in dem Begriff der "geheimen Glaubensüberzeugung", der in bestimmten Therapien, aber auch Coaching-Theorien eine wichtige Rolle spielt. Parallel dazu kann man den Begriff des Enthymems untersuchen, der ja nichts anderes als ein fraglos vorausgesetzter Mittelsatz in einer Schlussfolgerung ist.

In diesem Zusammenhang sind also meine Überlegungen entstanden, die die Vorstellungsmassen betreffen. Sie ordnen sich wiederum in den größeren Zusammenhang einer narrativen Argumentation ein. Wie ich bereits mehrmals geschrieben habe, ist die narrative Argumentation gerade deshalb so schwierig, weil sie viele Voraussetzungen nicht explizit erläutert, sondern sich beim Leser schlichtweg darauf stützt, was dieser schon weiß.
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