22.06.2012

Ästhetik und Masken


Marcuse ist auch deshalb für mich interessant, weil er einen Schwerpunkt auf die Ästhetik legt. Gerade finde ich bei Adorno (in seinem Aufsatz über Huxley) folgende Stelle:
Die Verhaltensweise aber, mit der der Intellektuelle, ohnmächtig in der Maschinerie des allseitig entwickelten und allein anerkannten Warenverhältnisses, auf den Schock reagiert, ist die Panik.
Huxleys ›Brave New World‹ ist deren Niederschlag, oder vielmehr ihre Rationalisierung. Der Roman, eine Zukunftsphantasie mit rudimentärer Handlung, versucht, die Schocks aus dem Prinzip der Entzauberung der Welt zu begreifen, es ins Aberwitzige zu steigern und die Idee von Menschenwürde der durchschauten Unmenschlichkeit abzutrotzen. Ausgangsmotiv scheint die Wahrnehmung der universalen Ähnlichkeit alles Massenproduzierten, von Dingen wie von Menschen. Die Schopenhauersche Metapher von der Fabrikware der Natur wird beim Wort genommen. Wimmelnde Zwillingsherden werden in der Retorte bereitet, ein Alptraum endlosen Doppelgängertums, wie er vom genormten Lächeln der von der charm school gelieferten Anmut bis zum standardisierten, in den Bahnen der communication industry verlaufenden Bewusstsein Ungezählter mit der jüngsten Phase des Kapitalismus in den wachen Alltag einbricht. Das Jetzt und Hier spontaner Erfahrung, längst angefressen, wird entmächtigt: die Menschen sind nicht mehr bloß Abnehmer der von den Konzernen gelieferten Serienprodukte, sondern scheinen selber von deren Allherrschaft hervorgebracht und der Individuation verlustig. Der panische Blick, dem unassimilierbare Beobachtungen zu Allegorien der Katastrophe versteinern, durchschlägt die Illusion des harmlos Alltäglichen. Ihm wird das Verkaufslächeln der Modelle zu dem, was es ist, dem verzerrten Grinsen des Opfers. (98-99)
Seltsamerweise (aber so seltsam ist das gar nicht) habe ich heute Morgen einen Auftrag zu einer Diplomarbeit im Fach Kunstgeschichte angenommen. Die Diplomandin schreibt über Maskierungen. Sie hat lose Gilles Deleuze als Bezugspunkt angedacht, womit ich sehr einverstanden wäre.
Man könnte sich folgendes vorstellen: eine Art Spiel mit Gegenentwürfen der Maske, eine Ästhetisierung des Gesichts außerhalb der Bedürfnisse der Kulturindustrie. Aber das wäre wohl eher eine praktische Arbeit. (Ich erinnere mich hier aber sehr gerne an die dunklen Bilder, die Nico von seinem Sohn, mir und einigen anderen Menschen gemacht hat. Diese Bilder sind fast schwarz und lassen das Porträt nur noch erahnen. Trotzdem sind sie unglaublich faszinierend.)

Das Ganze stößt mich wieder auf ein anderes Bedürfnis, das bei mir in den letzten zwei Jahren aufgetaucht ist: wieder mehr zu Kunst und zur Musik zu arbeiten. (Immerhin habe ich es neulich geschafft, ein paar Notizen zur Rhetorik der Walküre zu schreiben.)
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