15.10.2008

Tier-Werden / operationale Ziele

Bei Deleuze findet sich öfter die etwas mystische Formel, man müsse etwas werden, damit dieses Etwas etwas anderes werden könne. Zum Beispiel, man müsse erst ein Hund werden, damit der Hund etwas anderes werden könne. Manchmal sei dieses Werden etwas, mit dem man den anderen in die Flucht schlagen könne, so wenn man die Codefragmente des Feindes einfängt, zum Beispiel der hungrigen Wölfe, und diese dann etwas anderes werden; so zum Beispiel, wenn man von der Übertragung spricht, wenn man also den Ärger des anderen einfängt und ihn nachahmt, spielt, dramatisiert. Oder wenn man sich der Übertragung verweigert und Theorie wird. Werden, das heißt Codefragmente einfangen. Ein ganz anderes Werden bilden Hummel und Orchidee. Indem die Orchidee die Gestalt der Hummel einfängt und die Hummel die Fortpflanzung der Orchidee einverleibt, geraten beide in ein aparalleles Werden. Nie wird aus der Orchidee eine Hummel, und nie wird aus der Hummel eine Orchidee. Aber die Orchidee kann die Hummel täuschen, während sich die Hummel in die Fortpflanzung der Orchidee einschmuggelt.
Tier-Werden heißt also nicht, wie das Tier zu werden, sondern seine Codierungen nachzuäffen, einzuverleiben, vorzutäuschen, und dadurch die Maschinen aufzuknacken, die zuvor leer in sich selbst laufen konnten.
Nun finde ich in den Lehren des Don Juan Erläuterungen von Carlos Castaneda, was ein Wissender sei. Der Wissende ist ein operationales Ziel. Man stelle sich darunter nicht ein Ziel vor, das man wirklich erreichen könne, sondern eher einen Zustand, der dieses Ziel immer wieder neu aufnimmt. Ein operationales Ziel ist also ein Ziel, das nur durch eine fortgesetzte Tätigkeit aufrecht erhalten werden kann. Anders ausgedrückt: wenn man nicht fortlaufend den Hund spielt, wird man sehr leicht wieder zum Menschen.
Bedingungen dieses operationalen Ziels, so Castaneda, sind operative Strukturen. Sieht man sich zunächst diese operativen Strukturen bei Castaneda an, so erscheinen diese als sehr unklar:
(1) ein Wissender zu werden war eine Sache des Lernens; (2) ein Wissender hatte einen unbeugsamen Vorsatz; (3) ein Wissender hatte einen klaren Verstand; (4) ein Wissender zu werden war eine Sache anstrengender Arbeit; (5) ein Wissender war ein Krieger; (6) ein Wissender zu werden war ein unaufhörlicher Prozess; und (7) ein Wissender hatte einen Verbündeten.
Abgesehen von Satz (6), der wiederum die Unmöglichkeit ausdrückt, wirklich ein Wissender zu werden, bilden die operativen Strukturen ein esoterisches Wissen ab, das bestimmte Tätigkeiten und Haltungen ausschließt, darin aber eine große Grauzone für mögliche Annäherungen offen lässt. Das ist ähnlich wie Wittgensteins Aufforderung, irgendwo in den Wald zu gehen. Je nachdem wie groß der Wald ist, gibt es entsprechend zahlreiche Möglichkeiten.
Was ich dabei sehr spannend finde, ist die Möglichkeit, dies auf Begriffe wie Kultur oder Demokratie zu übertragen. Sich die Kultur anzueignen, das ist ein unaufhörlicher Prozess, genauso wie die Demokratie zu leben. Zu beiden gehören gewisse undeutliche Spielregeln, die zwar einiges ausschließen, aber nichtsdestotrotz viel Unschärfe im angezielten Bereich zulassen. Kultur-werden und Demokratisch-Werden: das ließe sich - mit Deleuze - dann nur als ein differentieller und aparalleler Prozess bilden, bei der die Kultur oder die Demokratie beständig dorthin ausweichen, wo man nicht ist: wie die Jagd auf den Schnark oder - bei gewissen Psychoanalytikern - auf das phallische Symbol.
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