14.10.2008

Das Nein (Lernblockaden)

Wer immer mit Lernblockaden zu tun hat, tut gut daran, sich auf die Logik der Negation zu verstehen. Einstmals war das ein vielgeschätztes Werkzeug der Dialektik. Aber seit Marx und Nietzsche geht es mit ihr den Bach hinab. Freud gar ...
Nun, heute können wir uns eine einfachere Überlegung erlauben. Sätze bilden sich vermutlich im Arbeitsgedächtnis des Menschen, also in dem, was man manchmal auch das Ultrakurzzeitgedächtnis nennt. Das semantische Nein tritt als ein kurzer und recht nebensächlicher Moment zum Satz hinzu. Jedenfalls steht das zu vermuten. Der eine hübsche Beweis für diese Vermutung ist die Aufforderung "Denkt nicht an grüne Elefanten!" - wobei die meisten Menschen natürlich irgendwie doch an grüne Elefanten denken. Und eine andere Stütze für diese These ist, dass Menschen generell schlechter Sätze mit Verneinungen wiedergeben können als Sätze, die rein positiv sind. Häufigster Fehler bei der Wiedergabe von Sätzen mit Verneinung: die Negation wird vergessen.
Es steht also zu vermuten, dass die Attraktivität von Sätzen mit einer Verneinung gering sind und deshalb so unwirksam sind.
Ein ganz anderer Grund schwirrt mir seit Tagen im Kopf herum, genauer, seit ich die Einführung in die Emotionspsychologie gelesen und durchkommentiert habe. Es gibt zwei recht basale Emotionen, Angst und Aggression, die eine zentrale Bedeutung für das Lernen haben. Während die Aggression produktiv ist, und insofern sie kultiviert wird, sich in ein geordnetes Lernen, Neugierde, Gestaltungs- und Durchsetzungsfähigkeit auflöst, wird Angst oft in Fluchtmomente umgesetzt. Deren semantischer Nachbar ist aber ebenfalls das Nein, beziehungsweise auch die Ablehnung. Zwar sollte man die Angst und das Nein in der Theorie nicht vermischen, aber immerhin kann man doch vermuten, dass sich hier eine Wechselwirkung im alltäglichen Leben ergeben kann. Wenn also Negationen im Spiel sind, Ablehnungen, Zurückweisungen, Machtgebahren, Mobbing, auch selbstzerstörerische Tendenzen, sollte man für sich selbst oder mit dem betreffenden Menschen dringend zu der positiven Seite einer Botschaft überwechseln. Und natürlich kann sich diese Botschaft nicht nur auf Sätze ("Den mag ich nicht!", "Der kann das nicht!") beziehen, sondern auch Handlungen oder ganze Handlungsabfolgen (wie zum Beispiel beim Mobbing).
Ein ganz anderes Problem bei der Negation ist, dass diese im sozialen Kontext nicht nur etwas vage ausschließt: es wird ja meist nicht genau erforscht, was abgelehnt wird. Sondern es wird auch verborgen, was auf der anderen Seite der Negation passiert, also bei einem selbst. Die soziale Negation hätte demnach zwei Seiten, die beide entdifferenzierend sind. Die eine Seite nenne ich - provisorisch - die ausschließende Entdifferenzierung, wobei Ausschluss und Entdifferenzierung Hand in Hand gehen (ich streite also nicht über Huhn und Ei). Die andere Seite ist die verbergende Entdifferenzierung, jenes Rühr-mich-nicht-an, das manchmal eine so große Nähe zu narzisstischen und paranoiden Positionen ahnen lässt.
Der Umgang mit solchen auf Emotionen basierenden Negationen ist ebenso komplex wie das Phänomen selbst. Da Emotionen immer auch "Prozessvariablen" des Alltagshandelns sind, scheint mir eine generelle Strategie zu sein, dass man zu diesem dynamischen Verhältnis zurückkehrt, eben dem beweglichen Prozess der Emotionen. Dem Prozesshaften trägt man durch eine Funktionalisierung Rechnung, dem Beweglichen und Variablen durch eine Differenzierung. Funktionalisierung bedeutet in diesem Fall natürlich zuallererst, dass Hypothesen aufgestellt werden, wofür diese negativen und negierenden Emotionen gut sind. Damit kehrt man auf die Seite der Positivität (noch nicht des Positiven) zurück (die Positivität ist etwas Kognitives, während das Positive meist moralisch verstanden wird). Und Differenzierung bedeutet, dass dort Unterscheidungen eingeführt werden, wo die Negation diese unterdrückt oder ausgemerzt hat. Kürzer gesagt: die Abwendung von der Negation bedeutet mehr Sensibilität für sich und andere.
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