28.10.2008

Blutvolle Charaktere

1. Lajos Egri unterstreicht in seinem Buch Literarisches Schreiben die Wichtigkeit blutvoller Charaktere für einen Roman. Und das ist natürlich sinnvoll. Wenn wir einen Roman lesen, müssen uns auch die Charaktere packen. Erst dann sind wir gewillt, den sogenannten Fiktionsvorbehalt aufzugeben. Der Fiktionsvorbehalt ist eine Art Schwelle in unserem Kopf. Bevor wir diese Schwelle übertreten, ist ein Buch eine Fiktion, die man sich mal anschaut, ob sie interessant sei. Nachdem man diese Schwelle übertreten hat, ist ein Buch eine Welt, in der eine Person eine spannende Geschichte erlebt. Blutvolle Charaktere helfen also dabei, sich über diese Schwelle von der Fiktion zur Welt tragen zu lassen. (Wer sich übrigens an dieser Stelle wundert: solange man einen Fiktionsvorbehalt hat, liest man ein Buch, und damit etwas Nicht-Fiktives. Sobald man aber den Fiktionsvorbehalt aufgibt, erlebt man eine Welt und damit etwas eigentlich Fiktives. Man nimmt es dann nur nicht wahr.)
2. Viele junge und leider auch immer mehr eigentlich erfahrene Schriftsteller gehen mit diesem Satz nun recht rabaukig um. Es werden ein paar Charaktere geschaffen, dann werden diese fein ausgefeilt und dann wird der Charakter in den Text hineingestopft. Ja! Regelrecht hineingestopft. Wie man eine Weihnachtsgans nudelt. Das ist ein schlimmes und schwaches Vorgehen. Jeder blutvolle Charakter kann vollkommen leer sein, außer in einem: wenn er nichts tut, ist er aus der Geschichte draußen. Das heißt, jeder Charakter braucht seine Handlungen und hier vor allem seine typischen Handlungen. Blutvolle Charaktere handeln. Natürlich darf dann hier und da die Beschreibung nicht fehlen, aber sie muss sich zurückhalten, jedenfalls im Roman.
3. Daraus ergeben sich auch einige Konsequenzen. Beim Entwurf eines Charakters sollte man sich immer schon mitnotieren, wie man diese Charaktereigenschaft in Handlungen umsetzen kann. Ist jemand draufgängerisch, wird er zum Beispiel ohne großen Plan in ein fremdes Büro reinplatzen, sich den Telefonhörer schnappen und auf Kosten einer fremden Firma seinen wichtigen Anruf tätigen. Hat jemand große Ohren, wird er deswegen oft gehänselt.
4. Gerade der letzte Satz der vorigen Abschnittes zeigt eins: in Handlungen umsetzen heißt nicht, dass der Charakter handeln muss. Es heißt nur, dass in der Geschichte gehandelt wird. In Handlungen umsetzen heißt: der Charakter handelt und wird behandelt.
5. Über den Charakter wird dann häufig der Plot vergessen. Ein blutvoller Charakter kann so spannend sein, wie er will; wenn die Geschichte nicht stimmt, dann haben wir ihm einen Vampir an die Seite gestellt, die ihn im Handumdrehen aussaugt. Ein guter Plot ist zugleich der Gegenhalt für einen guten Charakter. Wenn der Plot stimmig ist, dann kann sich der Charakter darin entfalten. Deshalb ist das Zusammenspiel zwischen dem Entwurf von Charakteren und dem Entwurf des Plots auch so wichtig.
6. Ich denke in dieser Sache ja übrigens etwas ketzerisch: letzten Endes sind Charakterisierungen nichts weiter als Textmittel. Ich kann mich von einem Roman tragen lassen und so tun, als sei ich in der Welt der Romanfigur. Ich kann aber auch einen Schritt zurücktreten und mir ansehen, wie der Autor seine Figuren schildert. Wie? - Diese Frage zielt auf das Handwerkszeug. Es ist für einen Autoren, der eine Geschichte erzählen möchte, zunächst eine große Hürde, sich dieses Wie anzuschauen. Denn seien wir mal ehrlich: zunächst wollen wir doch alle die Geschichten unserer Lieblingsfiguren weitererzählen. Wir sind auf das Was?, auf das Thema fixiert. Und sich davon zu lösen, wirkt wie eine brutale Ernüchterung. Wir wehren uns dagegen. Wir müssen die Existenz einer geliebten Person aufgeben, und sei diese noch so fiktiv. Wir müssen Trauerarbeit leisten. - Ja, alle diese Fanliteratur, wie sich das heute nennt, mag ja ganz nett sein. Aber sie hat sich nicht von dem Thema, von dem Was? gelöst und damit fehlen meist handwerkliche Kniffe. Diese handwerklichen Kniffe sind zwar nur ein Teil des Schreibens, aber sie erleichtern es ungemein. Vorausgesetzt, man hat sich aus von seinen Lieblingsfiguren gelöst und die handwerklichen Techniken eben gut studiert.
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