29.10.2007

Konflikte für Schriftsteller ...

Nein, diesmal geht es nicht um Schreibblockaden, sondern darum, wie man Konflikte in einer Geschichte gut entfalten kann. Ich beschäftige mich jetzt seit über einem Jahr mit der Spannung, also dem, was eine Unterhaltungsgeschichte - unter anderem - lesenswert macht. So ganz genau blicke ich da noch nicht durch. Eine längere Zeit habe ich mich mit Szenen beschäftigt, also den kleinen Einheiten, die sich zu einer Geschichte zusammensetzen. Dann habe ich mich mit Rätseln befasst: hier vor allem viel mit Kriminalromanen und Schauerliteratur wie Wuthering Heights. Jetzt also sind es Konflikte.
Ich mag auch hierzu noch nicht allzuviel sagen.
Aber zumindest kommen hier jetzt für mich stärkere Strukturen in das Gebiet hinein und - was ich mir sehr erwünsche - eine bessere Orientierung an dem, was für den Leser eine "angenehme" Geschichte ausmacht. - Die Ergebnisse sind zuallererst sehr trocken.
So basiert die Einteilung einer Geschichte in Szenen auf bestimmten Textsignalen, allen voran solchen Signalen, die einen Bruch markieren und damit den Beginn oder das Ende einer Szene.

Spuren und Rätsel
Rätsel dagegen nutzen Zeichentypen wie die Spur: die Spur deutet eine Nachbarschaft zwischen zwei Gegenständen an, die jetzt weit voneinander entfernt sind. Hört sich das abstrakt an? Ja, und so ist es auch abstrakt. Nehmen wir ein konkretes und altbekanntes Beispiel: die Fußspur im Sand. An ihr kann man lesen, dass Fuß und Sand "dicht beieinander" waren, der Fuß hat sich ja in den Sand eingedrückt. Das Ergebnis ist eine Spur. Ähnliches sind Lippenstift-Spuren auf einer Zigarettenkippe. Und wenn ich hier eine Übung vorschlagen sollte, dann die, einmal sehr langsam und aufmerksam durch den eigenen Wohnort zu gehen und sich zu überlegen, wo man überall Spuren finden kann. Man muss sich hier sozusagen immer etwas vorstellen, was früher einmal "da" war, jetzt aber "fort" ist. So haben vielleicht tausend Hände auf dem verchromten Türknauf eine abgeschabte Stelle entstehen lassen. So zeigt der leere Pizzakarton in einem Mülleimer, dass auf der Bank daneben eine Pizza gegessen worden ist und das sich in der Nähe ein Imbiss befindet, wo man Pizzas mitnehmen kann. So zeigen die Brotkrumen zwischen dem Kies, dass dort jemand Brot für die Vögel ausgestreut hat, und diese dann verjagt worden sind oder satt waren. Eine Gardine, die zurückgezogen im Fenster hängt, zeigt auf die Hand, die diese zurückgezogen hat. Und, und, und. - Hier kann man sich, um sich ein wenig zu disziplinieren, ein Skizzenbuch mitnehmen und aufschreiben, was man an Spuren entdeckt hat.
Rätsel bestehen nun aus Spuren, die man nicht oder nicht vollständig entschlüsselt hat. Was - als Beispiel - machen die beiden Einkerbungen in der Säule, an deren Fuß man eine Leiche entdeckt? Warum befindet sich in der zerbrochenen Lampe eine Stelle, in der das Glas nicht scharfkantig zersplittert ist, sondern wie ein kreisrundes Loch aussieht? Ein Rätsel basiert also darauf, dass man eine Spur sieht und einen der beiden Teile, die einmal nachbarschaftlich waren, nicht aber den anderen Teil. Das ist in etwa so, als würden wir eine Fußspur im Sand entdecken, zwar wissen, was Sand ist, aber wir kennten keine Füße und würden uns jetzt Fragen, was diese komischen Abdrücke verursacht hat.

Konflikte
Konflikte nun funktionieren wieder ganz anders: solange ein Konflikt besteht, kann eine Geschichte eine Einheit aufrecht erhalten. Und über diesen Konflikt kann man als Autor dann das Spiel von Annäherung und Entfernung spielen, von Scheinlösungen, Hindernissen, plötzlichen Einfällen und überraschenden Wendungen. Zunächst sieht es so aus, als würden die Handlungen in einem Buch den Konflikt "erzeugen" - in Wirklichkeit aber scheint es komplizierter zu sein: der Konflikt richtet die Handlungen auch immer nach sich aus, wie ein Magnet Eisenspäne nach sich ausrichtet, und dabei ist es nur bedingt wichtig, was für Handlungen es sind, solange der Konflikt deutlich ist. So erzeugen also Handlungen zwar den Konflikt, zugleich aber richtet der Konflikt auch die Handlungen nach sich aus. Das kann man sich wie einen Regelkreis vorstellen. - Übung: Auch hier kann man sich wieder mit seinem Notizbuch in die Wirklichkeit begeben und einfach alle Konfliktmöglichkeiten suchen, die man so mit seiner Umwelt haben könnte, angefangen von irgendwelchen Autos, die am Straßenrand stehen, bis hin zu Müll, der in der Umwelt herumliegt oder Kleidungsstücke, die bestimmte Menschen tragen. Hier ist Phantasie gefragt, um einen Gegenstand, eine Szene, ein Ereignis nach möglichst vielen Konflikten abzuklopfen.
Ich bin nun seit mehreren Wochen dabei, genau dies zu tun. Auch Bücher durchforste ich von Anfang zum Ende nach solchen Konflikten, den kleinen, den großen, den vom Autor benannten und den von mir hinzugedachten. Die Arbeit ist manchmal mühsam. Ich komme mir wie ein Insektenforscher vor, der einen Quadratmeter Urwald nach Kerftieren durchsucht, viele gleiche findet und manchmal auch seltsame und bizarre Fliegen oder Käfer. - Und natürlich ist das Ganze kein Selbstzweck, sondern führt hoffentlich zu einer größeren Selbstverständlichkeit beim Entwurf einer spannenden Geschichte.

Hier nun ein etwas älterer Text, ein Arbeitspapier, auf dem ich kurz eine Typologie von Konflikten versucht habe - und zwar nicht von realen Konflikten, sondern von solchen, wie sie in Romanen zu finden sind. Der Text ist etwas unübersichtlich, kurz und stellenweise missverständlich. Nehmt euch heraus, was ihr braucht und lasst den Rest beiseite.


Typen von Konflikten
1. Es gibt in Geschichten sechs Typen von Konflikten. Bevor ich diese selbst erläutere, ist es wichtig zu wissen, warum man ein Phänomen in Typen aufteilt. In einer Geschichte kommen diese verschiedenen Konflikttypen nebeneinander und nacheinander vor. Dabei gibt es dann typische Abläufe. Hat man Konflikttypen, kann man nicht nur die Geschichte gliedern, sondern auch Abläufe schematisch darstellen. Diese Abläufe kann man wie Schablonen für eigene Geschichten benutzen oder von ihnen abweichend schreiben.
2. Die verschiedenen Konflikttypen sind: 1. Zustandskonflikt; 2. Anpassungskonflikt; 3. Erkenntniskonflikt; 4. Informationskonflikt; 5. Werkzeugkonflikt; 6. Herstellungskonflikt.
3. Je zwei der Konflikt hängen eng zusammen. Wer mit einem Zustand im Konflikt ist, hat auch einen Anpassungskonflikt. Ebenso gehören Erkenntnis und Information zusammen, und Werkzeuge und Herstellung. - Wozu die Aufteilung in zwei unterschiedliche Konflikttypen gut ist, erläutere ich später.
4. Zustandkonflikte sind: arm sein, ungeliebt sein, missverstanden sein. Diese Konflikte weisen eine längere Dauer auf (man kann auch kurzzeitig missverstanden werden, ohne dass dies ein Zustandskonflikt ist). Kristin möchte Schriftstellerin werden. Keiner in ihrer Umgebung glaubt daran: im Gegenteil wird sie noch entmutigt. Das ist ein Zustandskonflikt. Zustandskonflikte weisen einen misslichen IST-Zustand auf.
5. Wer IST-Zustand sagt, sagt natürlich auch SOLL-Zustand. Wenn jemand nicht in eine bestimmte Zukunft treiben will, entsteht ein Anpassungskonflikt. Anpassungskonflikte sind: nicht Erzieherin werden wollen (aber dazu gezwungen werden), nicht zu den Großeltern fahren wollen (aber dazu gezwungen werden), nicht ins Gefängnis gehen wollen (aber dazu gezwungen werden). Anpassungskonflikte weisen einen misslichen SOLL-Zustand auf.
6. Natürlich gehen Konflikte dann meist so: ein misslicher IST-Zustand verknüpft sich mit einem noch viel schlimmeren SOLL-Zustand. Du glaubst, die Orkhorde war schlimm, die euren Bauernhof niedergebrannt und deine Familie umgebracht hat? Dann warte erstmal, bis die eigentliche Orkarmee hier eintrifft. - Diese Abfolge - misslicher Ist-Zustand, noch misslicherer Soll-Zustand - ist typisch für Spannungsromane.
7. Kriminalromane zeigen dahingehend eine etwas andere Grundstruktur: der Ist-Zustand ist unerwünscht (Mord z.B.), während der Soll-Zustand ohne große (innere) Anpassungen des Ermittlers geschieht. Zumindest oft. "Blackout" fällt da als untypisch heraus, da Alices Protagonist einen sehr starken Anpassungskonflikt hat. Auch Thriller zeigen öfter Anpassungskonflikte als Krimis.
8. Ein wesentlich auf einem Anpassungskonflikt aufgebautes Genre ist der Bildungsroman. Für den klassischen Fantasybereich: "Erdsee" von LeGuin, und "Herr der Ringe". Berühmt: Catcher in the Rye von Salinger, Beyond Eden von Steinbeck, Into the Heart of Darkness von Conrad, Lord of the Flies, Felix Krull, Die Blechtrommel, etc.
9. Erkenntniskonflikte sind mit einem Zwiespalt verbunden: bisher habe ich immer geglaubt, Mama wäre nur für mich da, und jetzt ist da dieser Peter, der nie mit mir spricht. Liebt Mama mich noch? Erkenntniskonflikte kommen im Herrn der Ringe vor: Frodo wird mehr und mehr vom Geiste Saurons besessen und will dies doch nicht. Er "erkennt", dass er zwiespältig handelt.
10. Im Gegensatz dazu sind Informationskonflikte immer mit Fragen an die Umwelt verbunden: was passiert hinter dieser Tür? wie ist dieser Mann umgebracht worden? warum wurde diese Frau entführt? weshalb schreit die Biologielehrerin immer so herum?
11. Erkenntniskonflikte bestehen also aus zwei widersprüchliche Informationen, mit denen ein Protagonist umgehen muss. Deshalb sind sie mit Informationskonflikten eng verbunden. Andererseits verlangen Erkenntniskonflikte vom Protagonisten, sich an eine neue Situation anzupassen und haben einen engen Bezug zu Anpassungskonflikten. - Informationskonflikte sind nicht nur mit Erkenntniskonflikten verbunden, sondern auch mit Zustandskonflikten. Wer nicht weiß, wo die bewunderte Kusine ist, aber darunter leidet, hat einen Zustands- und einen Informationskonflikt. Darauf baut Alice unter anderem ihren Krimi auf.
12. Schon hier merkt ihr: so ganz sauber lassen sich diese Konflikttypen nicht trennen. Man könnte hier klagen und sagen: alles noch nicht ordentlich ausgearbeitet. Frederik, machs noch einmal. Aber: soll Bewegung in die Konflikte kommen, müssen sich diese vermischen können. Keine Geschichte ohne Bewegung, und deshalb auch keine Geschichte ohne unklare Begriffe. Wer an dieser Stelle schon einen Drehwurm vor lauter Analyse hat, darf sich jetzt zurücklehnen und sagen: ich muss garnicht alles verstehen. Wer lebendig erzählen will, darf eben nicht totanalysieren. (Das sage ich wirklich, auch wenn ihr mir das nicht glaubt. Es gibt dazu natürlich auch eine etwas längere und wissenschaftlichere Ausführung, aber die erspare ich euch jetzt wirklich. Noch!)
13. Werkzeugkonflikte werden von einem bestimmten Fragetyp begleitet: "Mit was ....?" Mit was kann ich meine Mutter davon überzeugen, mich auf diese Party gehen zu lassen? Mit was kann ich den Drachen so ablenken, dass ich das Goldene Ei schnappen kann? Mit was kann ich den Mörder zu einem Fehler verleiten? Mit was kann ich den Lektor von meinen schriftstellerischen Qualitäten überzeugen?
14. Herstellungskonflikte betreffen dagegen Pläne. "Wie ...?", so lautet hier die Frage. Wie kann ich nach Mordor gelangen? Wie löse ich den Fall? Wie finde ich meine Kusine? Wie werde ich Schriftsteller?
15. Werkzeug- und Herstellungskonflikte sind wieder engstens miteinander verbunden: Wie überzeuge ich meine Mutter davon, dass ich auf die Party gehen darf? Mit was überzeuge ich sie? - Hier sind die Konflikte bis zur Unentscheidbarkeit verschmolzen. - Oder: Wie repariere ich das Auto? Mit was repariere ich es? Hier lassen sich die Antworten besser trennen.
16. Man kann die sechs Konflikttypen in zwei andere Kategorien einteilen: die eher äußerlichen - hierzu gehören Zustands-, Informations- und Werkzeugkonflikt -, und die eher innerlichen - hierzu gehören Anpassungs-, Erkenntnis- und Herstellungskonflikt.
17. Wenn ihr solche Konflikttypen einüben wollt, sammelt zunächst mal, und das möglichst unbedarft. Die Typen sind - ich hatte es oben schon gesagt - unscharf. Das heißt auch, dass ihr dieses Gefühl, mit unscharfen Begriffen zu arbeiten, unbedingt beachten müsst. Die Unschärfe bedeutet nämlich, das hier eine Bewegung stattfindet. Und die Bewegung bedeutet, dass hier der Keim einer Geschichte drinnen steckt. Die Konflikttypen finde ich wichtig - wobei ich nur für mich sprechen möchte -; noch wichtiger finde ich, dass sie diese Bewegungen deutlich machen und damit ständig neue Geschichten und Geschichtchen liefern.
18. Einen Kurs zur Verbindung von Konflikten und fiktivem Schreiben würde ich mir so vorstellen: Konflikte sammeln, aus der Umwelt, aus Romanen, aus wissenschaftlichen und philosophischen Büchern - Konflikte den verschiedenen Typen zuordnen - die Probleme bei der Zuordnung diskutieren und die Unklarheit als Chance für den Schriftsteller erkennen - aus Konflikten Plots entwerfen - zu den Plots einzelne Szenen schreiben - Konstellationen von Konflikten sammeln (welcher Schriftsteller benutzt wie welche Konflikte?) und ein Gefühl für Konfliktabfolgen entwickeln - selbst Konfliktabfolgen entwerfen (also Plots unter dem Gesichtspunkt des Konflikts) - eine Konfliktabfolge weiter ausarbeiten, zunächst als Kurzfassung/Zusammenfassung, dann als einen ersten, ausgearbeiteten Text.

Es gibt noch andere Möglichkeiten, mit Konflikten zu arbeiten. Ich glaube, hier haben wir eine mögliche Ausgangsbasis.
Falls ihr Fragen habt: stellt sie bitte. Nichts finde ich klärender als Fragen und ich suche ja schon lange nach guten "Kriterien", um gute Plots zu entwerfen.
Frederik

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