07.09.2006

Geschichten schreiben

Rohfassungen
Marc Albrecht hat – aber das ist ja eigentlich eine Binsenweisheit - geschrieben, dass man den ersten Entwurf eines Textes in einer sehr unausgegorenen Rohfassung zu Papier bringt. Und insofern dein Text unausgegoren ist, kann er immer noch eine gute Grundlage für eine gute Geschichte bilden.

Drei Sachen solltest du allerdings unterscheiden:
1.) zuerst muss sich der Autor über die Geschichte klar werden (dazu gibt es solche Rohfassungen)
2.) dann solltest du planen, wie du den Leser in die Geschichte einführst und
3.) was du die Protagonisten entdecken lässt.


1.) Über die Geschichte klar werden
Schreibspiele? Nein danke!
Was mich mehr und mehr an kreativen Schreibspielen gestört hat, waren die vielen wolkigen Produkte, die ich mir dort zusammengebastelt habe, oder auch, das habe ich mal in recht krasser Form erlebt, die vollständige Ablehnung von Planung. Im entsprechenden Jargon hieß das dann, dass man aus dem Bauch heraus schreiben solle, und all dies wurde damit begründet, dass es ein kollektives Unterbewusstsein à la C. G. Jung gäbe, das schon die passenden, bedeutungsvollen Symbole an die richtige Stelle setzen werde. Völliger Schwachsinn, wenn mich jemand fragen sollte.
Kreative Schreibspiele sollten erst in der nächsten Phase der Planung eingesetzt werden, wenn es um Feinarbeiten geht.

Gerüste – Schemata (und etwas zur humoristischen Literatur)
Zunächst gibt es Gerüste, und der Kern der Geschichte besteht aus Klischees. Ein Beispiel? Das Schema einer Geschichte, das aus einer Einführung oder Exposition, einer Verwicklung oder Dramatisierung und einer Lösung bzw. Ende besteht, dieser Dreierschritt stammt von dem guten Herrn Aristoteles und ist schon über zweitausend Jahre alt.
Davon kann man abweichen. Aber selbst so experimentelle Texte wie Arno Schmidts "Gelehrtenrepublik" und Elfriede Jelineks "Lust" folgen dem. Formelhaftes Schreiben ist deshalb – zunächst – nichts Schlechtes: Stephen King, der auch dieses Schema benutzt, hat nicht wirklich viel mit Arno Schmidt zu tun, oder?
Andererseits begeht Eoin Colfer in seinem Buch "Artemis Fowl" genau diesen Bruch: er beginnt nicht am Anfang, sondern eigentlich mitten in der Verwicklung, dort, wo Artemis im Prinzip die Lösung seines Problems schon erarbeitet hat. Trotzdem kann man nicht sagen, dass Colfer hochexperimentell schreibt. Die Abweichung vom klassischen Schema scheint mir insgesamt eher typisch für humoristische als für experimentelle Romane zu sein (humoristisch hier übrigens in allen Spielarten: von weichgespülter Humorliteratur bis hin zum beißenden politischen Spott).

Auffüllen
Erst wenn ungefähr das Schema steht (ich selbst mache mir eine Zeichnung, eine Art Zeitstrecke, auf der ich Anfang, Mitte und Ende aufteile, wobei ich für den Mittelteil VIEL Platz lasse), fülle ich die Geschichte auf. Meist dann den Mittelteil.
Für mich sind derzeit all jene Ereignisse am wichtigsten, die ich Hindernisse und Verfolgungen nenne.
Hindernisse sind alle möglichen Ereignisse, Objekte, die Handlungen verhindern oder sie scheitern lassen: ein unüberwindbarer Berg (so bei Tolkiens Herr der Ringe, wenn die Gefährten nicht über den Pass des Caradhras gelangen), eine geschlossene Gruppe (in all jenen Romanen, in denen aus einer heimlichen Gruppe heraus Verbrechen geschehen), ein nicht bezahlbarer Gegenstand, usw. Hindernisse zielen darauf ab, den Protagonisten auszuschließen.
Verfolgungen sind den Hindernissen ähnlich, nur wird der Protagonist durch sie eingeschlossen: damit sind allerdings nicht Gefängnisse gemeint (das sind wieder Hindernisse, da sie den Protagonist aus seinem gewünschten Leben und aus der Gesellschaft ausschließen), aber die Verfolger, die den Protagonisten ins Gefängnis bringen wollen. Verfolgungen zielen darauf ab, dass der Protagonist sich in etwas einfügt. Die Erziehung eines schwierigen Kindes ist in diesem Sinne auch eine Verfolgung; ob der Erzieher das nun mit harten Strafen und drakonischen Maßnahmen durchzusetzen versucht, oder eher als ein nicht abzuschüttelnder Begleiter an der Seite des Kindes steht und ihn nach und nach auf die passende Spur zu lenken versucht, ändert nichts an der Tatsache, dass hier auf eine Anpassung gezielt wird.
Diese Definitionen sollte man insgesamt nicht allzu ernst nehmen. Jedenfalls dienen sie mir dazu, meine Ideen zum Mittelteil zu ordnen.

2.) Den Leser in die Geschichte führen
Die Geschichte zu entwerfen ist in vielen Punkten die schlichte Arbeit des Klauens: alle Hindernisse, alle Verfolgungen, jede grobe Struktur ist schon hundert- und tausendmal geschrieben worden.

Wohlfühlen
Aus meinem Gefühl heraus ist nach der Rohfassung der zweite Punkt der wichtigere, denn der Leser ist derjenige, der deine Geschichte gerne durchlesen soll. Mit Wohlfühlen ist im übrigen nicht gemeint, dass nur behagliches Blabla kommt, sondern dass sich der Leser gut an die Hand genommen weiß; denn andererseits sollte – durch die Spannung – durchaus ein Unwohlgefühl da sein. Die Technik besteht hier darin, rasch den Konflikt zu setzen, rasch die Situation zu klären.

Der erste Satz
Nicht ohne Grund beharren hier viele Schreibratgeber auf dem "ersten Satz". Dies kann natürlich auch der erste Absatz sein.

Stephen King beginnt seinen Roman "Es" mit folgendem Satz: "Der Schrecken, der weitere 28 Jahre kein Ende nehmen sollte – wenn er überhaupt je ein Ende nahm -, begann, soviel ich weiß und sagen kann, mit einem Boot aus Zeitungspapier, das einen vom Regen überfluteten Rinnstein entlang trieb."
Nehmen wir diesen ersten Satz auseinander: "Der Schrecken," – das Thema wird abstrakt gesetzt: der Leser weiß noch nicht, welcher Schrecken, aber der Konflikt ist mit diesem Wort bereits da – "der weitere 28 Jahre kein Ende nehmen sollte" – eine Ankündigung, die den Zeitraum, in dem die Handlung spielt, klarstellt – "- wenn er überhaupt je ein Ende nahm -," – und, als eine Art Gegenargument wird die Klarstellung sofort in Zweifel gezogen – "begann," – Markieren des Anfangs der Handlung – "soviel ich weiß und sagen kann," – der Erzähler beschränkt sich selbst (das ist bei Stephen King, der immer auktorial erzählt, zunächst überraschend, passt aber erstens zum vorher angesprochenen Zweifel, zweitens aber dazu, dass King seine Informationen während des Romans nie vollständig hergibt: er ist nur in dem Maße auktorial, wie es ihm passt) – "mit einem Boot aus Zeitungspapier, ..." – der letzte Teil des Satzes liefert eine kleine Szene, die sehr idyllisch wirkt: setzt man sie zu dem Anfang des Satzes in einen logischen Bezug: (abstrakter) Schrecken – (konkrete) Idylle, bildet sich ein doppelter Kontrast. Spätestens ab hier ist der Leser darauf vorbereitet, dass ihn dieses kleine Boot mitten in den Schrecken hineinführen wird. Stephen King enttäuscht seine Leser nicht.

"Kaum war ihr Baby auf der Welt, merkten Mr und Mrs Canker, dass es anders war als andere Babys." (Eva Ibbotson, Das Geheimnis der siebten Hexe) – auch hier: die abstrakte Thematisierung: das Anders-sein.

"Es war um die Mittagszeit eines sehr heißen Junitags, als der »Dogfish«, einer der größten Passagier- und Güterdampfer des Arkansas, mit seinen mächtigen Schaufelrädern die Fluten des Stromes peitschte." (Karl May, Der Schatz im Silbersee) – May eröffnet mit einem konkreten Datum: der erste Teil des Satzes ist die klassische Einleitung einer Anekdote, während der zweite Teil des Satzes die Form der Anekdote in dem Sinne zurücknimmt, dass nicht direkt auf einen bestimmten Menschen gezielt wird, sondern zunächst nur auf den Ort und die besonderen Umstände des Ortes. Einige der schönsten Formen der Anekdote kann man bei Heinrich von Kleist studieren. Ich gebe hier ein paar Beispiele: "Ein H...r Stadtsoldat hatte vor gar nicht langer Zeit, ohne Erlaubnis seines Offiziers, die Stadtwache verlassen." (Der verlegene Magistrat); "In Polen war eine Gräfin von P..., eine bejahrte Dame, die ein sehr bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte." (Der Griffel Gottes); "Ein Kapuziner begleitete einen Schwaben bei sehr regnichtem Wetter zum Galgen." (Anekdote); "Zu St. Omer im nördlichen Frankreich ereignete sich im Jahr 1803 ein merkwürdiger Vorfall." (Mutterliebe)

Die Welt
Der Protagonist kennt seine Welt, der Leser noch nicht. Zu Beginn einer Geschichte sollte man sich überlegen, was man überhaupt von dieser Welt erzählen muss, und wie man es erzählt.
Gleich vorneweg kann ich sagen: junge Autoren neigen zu langschweifigen, überblickenden Prologen. Die sollte man dringend streichen. Solche Prologe sind der meist unzureichende Versuch, sich eine Geschichte zu erarbeiten. Die schreibt der Autor für sich selbst, und da er gleichzeitig meint, für den Leser zu schreiben, bleibt er im Prolog auch noch unklar – damit es irgendwie spannend sei. Dadurch aber wird der Prolog an sich unklar.
Man kann immer noch, auch später, neue Aspekte einführen, neue Bereiche der Welt. Zu Beginn einer Geschichte ist es wichtig, den Ort und einige Personen, die für den Protagonisten zentral bedeutsam sind, gut zu charakterisieren. Alles weitere kann nach hinten hinaus geschoben werden. Freilich gibt es hier die Technik des "zooming-in": diese führt vom Großen zum Kleinen, wird aber heute nicht mehr in dem Maße gebraucht, wie dies früher der Fall war. Hervorragende erste generelle Sätze findet man z.B. bei John Steinbeck, "Früchte des Zorns"; Heinrich von Kleist, "Die Verlobung in St. Domingo"; Lion Feuchtwanger, "Jud Süß"; Joseph Roth, "Radetzkymarsch".
Ich mag hier nicht einen ganzen Roman auseinander nehmen, um zu zeigen, dass die Welt nicht nur zu Beginn erschlossen wird. Das kann man selber studieren: Achten sollte man dabei auf das typische Mittel der Beschreibung und wo dieses angewendet wird. In älteren Romanen steht dies oft zu Beginn von neuen Abschnitten, in neueren Romanen häufiger mittendrin. Hervorragende Geschichten in der Geschichte, die jeweils neu anfangen und sich so in die gesamte Geschichte einlagern, findet man z.B. in Stephen Kings "Es".

Identifikation
Der andere Grund, warum ich die Einführung des Lesers vor die Behandlung des Protagonisten setze, ist, dass der Leser sich am Anfang noch nicht mit dem Protagonisten identifiziert. Deshalb muss man hier besonders stark für den Leser schreiben. Je mehr sich der Leser mit dem Protagonisten identifiziert, umso mehr kann man sich dann darauf verlassen, dass das, was der Protagonist spannend und gruselig findet, auch vom Leser spannend und gruselig empfunden wird.
Obwohl also zu Beginn auch möglichst der Gesamtkonflikt oder zumindest ein Teil des Gesamtkonfliktes klar gemacht werden sollte, müssen hier auch Markierungen und Orientierungen für den Leser gesetzt werden, die "alltäglich" sind und die der Leser gut nachvollziehen kann. Kings sehr sinnliche Beschreibung eines spielenden Kindes zu Beginn von "Es" leistet dies, und insgesamt sollten die ersten Szenen sinnlich sein. Zu Beginn des "Räuber Hotzenplotz" wird, in knappen Worten, eine Idylle beschrieben: Großmutter beim Kaffeemahlen. Obwohl hier nicht der erste Satz in den Konflikt hineinspringt, ist der Konflikt in dieser Idylle vorstrukturiert: Kasperl und Seppel haben Großmutter eine besondere Kaffeemühle geschenkt, und diese Kaffeemühle wird ihr gleich geraubt.
Karl May beginnt seine Roman-Trilogie "Satan und Ischariot" mit den Worten: "Sollte mich jemand fragen, ..." und fährt später fort: "Diese Meinung ist allerdings nur eine rein persönliche, ...", wobei die Identifikation gerade dadurch gewährleistet wird, indem eine absolute Sichtweise abgelehnt wird. Der mögliche Kontrast macht die Perspektive glaubwürdig und setzt den ersten Konflikt (der traurigste, langweiligste Ort der Erde).
Drei Techniken also der Identifikation (es gibt natürlich noch mehr):
  • abstrakte Ankündigung des Konfliktes und sinnlich-konkreter Kontrast (Stephen King und Gabriel Garcia Marquez),
  • idyllische Anfangsszene, in der der Konflikt im Wesentlichen aber seine Elemente geliefert bekommt (die Kaffeemühle im Hotzenplotz),
  • das Thematisieren der Perspektive (z.B. auch in Kings Roman "In einer kleinen Stadt").

3.) Den Protagonisten in die Welt einführen
Hier könnte der umfangreichste Teil stehen. Tut er nicht, da ich mal keine Lust habe, noch zwei Stunden weiter zu schreiben.

Stattdessen acht Tipps:

1. Tipp: Welchen Konflikt sprichst du an? - Schreibe dir diesen zentralen Konflikt auf und versuche dazu einen ersten, spannenden Satz zu finden (Zusatz-Tipp: Klau ihn aus einem anderen Buch! Ich klaue auch immer meine ersten Sätze.)

2. Tipp: Schreibe dir von jedem der Personen drei Eigenschaften, drei gern getane Tätigkeiten und drei ungern getane Tätigkeiten auf. - Schreibe dann dazu auf, ob die Person diese Eigenschaft mag und warum er sich mag oder nicht mag. Bei den Tätigkeiten schreibst du einfach auf, warum er sie mag oder nicht mag (also eine Begründung!!!). - Ganz wichtig dabei: Lass jede Person den Satz selber sprechen, also in wörtlicher Rede.

3. Tipp: Dann denkst du dir noch zu den Eigenschaften und Tätigkeiten aus, wie die wichtige Personen aus der Umgebung (also z.B. Eltern, wenn die Protagonisten Kinder sind) diese sehen. - Hier spielst du ein wenig herum, so dass die Eltern (oder andere) nicht dasselbe denken, wie die Kinder (Protagonisten). - Zentral dabei ist, dass du so Konflikte erfindest: das eine Kind z.B. mag gerne Computerspielen, weil er ...; die Mutter hat mal gelesen, dass Computerspiele nervös machen, und macht sich deshalb Sorgen um ihr Kind.

4. Tipp: Begründe für dich selbst, warum die Fähigkeiten und die Tätigkeiten in der Geschichte wichtig werden könnten oder wichtig sind. - Auch hier darfst und solltest du zunächst ohne Rücksicht auf deine tatsächliche Geschichte begründen: zentral ist, dass sie wichtig sein könnten, nicht das sie ernsthaft wichtig werden.

5. Tipp: Schreibe dir alle möglichen Situationen zu deiner Geschichte auf! Wie sieht eine allerkürzeste Situation aus? Ich mache das folgendermaßen:
Bezeichnung: stichwortartig, was in dieser Szene passiert
Anfangssituation: ebenfalls stichwortartig
Handlung: ebenfalls stichwortartig, - ich setze die Handlung oder Handlungen einfach hintereinander, - bedenke bitte, dass Handlung heißen kann: verbale Handlung (also Dialog) oder non-verbale Handlung (also action, action, action, wie z.B. einer Großmutter über die Straße helfen) – die Handlung führt die Bezeichnung genauer aus
Resultat: was bei der Szene herauskommt - auch hier: erstens ist eine neue Information auch ein Resultat, zweitens ist auch eine falsche neue Information ein Resultat, drittens: auch kein Resultat ist ein Resultat: man hat gedacht, der Höhleneingang führte in das Feenreich, aber er endet schon nach einigen Metern: das Resultat besteht hier in der Information

6. Tipp: Szenen ordnen! - lassen sich Szenen dicht nebeneinanderstellen oder bauen sie sogar aufeinander auf? kannst du Szenen zu einer Abfolge zusammenfassen? wenn ja: fasse sie zusammen und gib der Abfolge einen eigenen Namen

7. Tipp: Nimm nicht alles wortwörtlich, was dir hier gewisse Menschen wie meinereiner so sagen; Schreiben ist zwar viel Handwerk, aber eben doch ein kreatives Handwerk: wie du die Tipps für dich selbst verwenden kannst, kannst nur du selbst herausfinden.

8. Tipp: immer hübsch aus anderen Büchern klauen! - Was du bei anderen Autoren gut findest, solltest du zumindest ausprobieren. Schreiben ist nicht nur Handwerk, Schreiben ist auch das Arbeiten mit Klischees. Und: Bei vielen Autoren besteht die Suppe aus Wasser mit einer Erbse: schreib einfach so, dass in deiner Suppe eine zweite Erbse, eine Karotte und etwas Petersilie zu finden ist. Dann wirds schon ein Bestseller! (allerdings gibt's dann eine saftige Rechnung von mir für diese Tipps)
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