20.09.2006

Der Krankenpfleger fragt weiters

bei Frederik nach, ob er in Sachen Sarkasmus einen kurzen erklärenden Text in den Blog stellen könnte, nun, da klar ist, dass ihn keine Rechnungen vom Nichtfinanzminister erwarten.
Der Hintergrund der Sarkasmus-Nachfrage ist, dass Alice eine Beule am Kopf hat und keine sarkastischen e-mail-Kommentare mehr versteht. Der sarkastische Kommentar war übrigens ausnahmsweise mal nicht auf meinem Mitz (=Mist+Witz) gewachsen, sondern auf dem von Stephan. Stephan kenne ich nun nicht, aber wenn er sarkastisch sein kann, bekommt er auf jeden Fall eine Menge Sympathiepunkte von mir.


Zum Sarkasmus
Panizza war ein Theologe und Otto Julius Bierbaum hat das von seinem Standpunkt aus ganz richtig gefühlt, wenn er nach Veröffentlichung des »Liebeskonzils«, das an zerstörendem Sarkasmus alle antikirchlichen Schriften weit hinter sich lässt, geschrieben hat, der Verfasser sehe nicht weit genug. »Was in ihm hier rebelliert, sagt Bierbaum, ist eigentlich der Lutheraner, nicht der ganz freie Mensch.« (gefunden bei Walter Benjamin, E.T.A. Hoffmann und Oskar Panizza)
Sarkasmus ist also die Rebellion eines noch nicht ganz freien Menschen. Sarkasmus wäre eine Kritik an der Entfremdung des Menschen mit Hilfe von entfremdeten Mitteln.
Anderthalb Jahre später fällt »A propos de Baudelaire« von der großen Höhe des Ruhms und der niedern des Totenbettes geschrieben, ganz erstaunlich, und freilich auch ganz wundervoll in seinem freimaurerischen Einverständnis im Leiden, seinen déjaillances de la mémoire, mit der Geschwätzigkeit des Ruhenden, dem bis zum Äußersten getriebnen détachement vom Thema, das einer hat, der nur noch einmal sprechen will, gleichviel worüber. Und wie diese Erschöpfung durchwirkt ist mit allem, was der gesunde Proust Bösartigstes, Verschlagenstes hatte. Hier erscheint - dem toten Baudelaire gegenüber - eine Haltung, die Prousts Ökonomie auch im Umgang mit seinen Zeitgenossen bestimmt hat: eine so überschwängliche, divinatorische Zärtlichkeit, das der Rückschlag in den Sarkasmus wie ein unabwendbarer Reflex der Erschöpfung erschien und scheinbar kaum dem Dichter selbst moralisch zugerechnet werden konnte. (Gefunden in den Anhängen zu Benjamins Proust-Aufsatz.)
Der Sarkasmus ist hier ökonomisch mit der Zärtlichkeit verbunden. Wahrscheinlich muss der Ökonomie, von der Benjamin hier spricht, die Freudsche Triebökonomie als Hintergrund mitgegeben werden und ihr Pendeln zwischen der Veräußerlichung (der Zärtlichkeit) und dem Sich-Abschließen (dem Sarkasmus). Der Freudsche Wahrnehmungsapparat (zumindest so, wie ich mich daran erinnere) schwankt zwischen dem Kontaktieren der Außenwelt und dem sich Abschließen gegen sie. Benjamin übersetzt dies hier in den Bereich des Kommentars, dem Umgang Prousts mit seinen Zeitgenossen. (Umgang selbst ist ein zweideutiges Wort: gewohnheitshalber bezeichnet es den Kontakt zu Zeitgenossen, kann aber auch das Umgehen, das Darum-herum-gehen, das Ausweichen bedeuten.) Der Sarkasmus, das Sich-Abschließen-gegen, ist eine Folge der divinatorischen, der seherischen Einfühlung, ab dem Moment, in dem sich die Divination verausgabt hat und sich zurückzieht, sich erschöpft hat.
Ironie ein pädagogisches Mittel des Lehrers (Socrates). Voraussetzung: dass sie eine Zeitlang als Bescheidenheit ernst genommen wird und die Anmaßung des Anderen auf einmal bloß stellt, Sonst ist sie alberne Witzelei. - Sarkasmus ist die Eigenschaft bissiger Hunde am Menschengeiste: vom Menschen dazu gegeben, schadenfrohes Lachen. - Man ruiniert sich, wenn man sich hierin ausbildet. (gefunden in den Nachlässen von Nietzsche zu Menschliches, Allzumenschliches)
Die Ironie besitzt drei Elemente: den scheinbar bescheidenen Lehrer, das Ernst-Nehmen, die Enthüllung der Anmaßung.
Der Sarkasmus besitzt ebenfalls drei Elemente: die bissigen Hunde des Geistes, das schadenfrohe Lachen, die Ruinen des Selbst.
Der bescheidene Lehrer wie die bissigen Hunde sind Rollen, Partial- bzw. Teilrollen, die der Mensch zu spielen vermag. Das Ernst-Nehmen und das schadenfrohe Lachen sind Zwischenschritte von Ironie und Sarkasmus, ihr Wirken in der sozialen Umgebung und das Mitwirken der sozialen Umgebung an Ironie und Sarkasmus, schließlich sind Enthüllung und Ruine die Ergebnisse dieses (Zusammen-)Wirkens.
Nietzsches Idee dahinter ist das Kräftespiel der Interpretationen, das heißt, wie sich das Reden der Dinge bemächtigt. Nietzsche schreibt aus diesem Grund viel über die Einfärbungen der Interpretationen und ihrem unterschiedlichen Grad, die Gegenstände fassbar machen zu können. Mit Einfärbungen meine ich hier solche Metaphern wie "der bescheidene Lehrer", "die bissigen Hunde des Geistes", Ausdruckformen wie "Ernst-nehmen".
Im § 371 (Die Farbe der Umgebung annehmen) von Menschliches, Allzumenschliches weist Nietzsche auf zwei Aspekte des Einfärbens hin: zum einen färbt man sich durch Gewohnheiten ein, zum anderen dadurch, dass der Übergang von der Gleichgültigkeit zur Neigung oder Abneigung nur schwer erkannt werden kann. In § 372 (Ironie) färbt sich der Lehrer scheinbar mit der Schülermeinung ein, um dann in einem alles wendenden Moment diese Schülermeinung zu verraten, ihre Anmaßung zu enthüllen und ihr die Lehrermeinung entgegenzusetzen. In § 373 (Anmaßung) schließlich verweist Nietzsche auf das Paradox jeder Anmaßung: je stärker diese (scheinbar) die Umgebung mit ihrer eigenen Meinung einfärbt, umso sicherer wird sich darunter die Demütigung entwickeln, bis diese schließlich überhand nimmt und sich rächt. Wie die Ironie ihre Kraft nur aus dem Unterschied zwischen Lehrermeinung und Schülermeinung ziehen kann, so ist die Anmaßung in ihrer Kraft immer mit der Demütigung als Differenz verbunden.
Nietzsches Interpretation gilt also dem Spiel differenter Kräfte: solchen, die sich gleichzeitig eines Dinges bemächtigen, sei es in Kooperation, sei es im Konflikt, und solche, die das Spiel der Kräfte wandeln: die Anmaßung, aus der sich die Demütigung, aus der sich die Rache entwickelt.
Barthes hat dazu geschrieben (nachdem er sich mit Nietzsche und dem Nietzsche-Buch von Deleuze auseinandergesetzt hatte):
Einen Text interpretieren heißt nicht, ihm einen (mehr oder weniger begründeten, mehr oder weniger freien) Sinn geben, heißt vielmehr abschätzen, aus welchem Pluralem er gebildet ist. (Barthes: S/Z, S. 9)
Sarkasmus, wenn ich hier noch einmal auf Nietzsche zurückkomme, ist damit aus drei Kräften zusammengesetzt: einer Bissigkeit (Bissigkeit wird im Flaubert von Sartre als die "Weigerung, Leben zu schaffen" paraphrasiert), einem Lachen, das etwas als Schaden interpretiert (ein Lachen also, das sich eines Dinges bemächtigt, indem es dieses als Schaden, als beschädigt anzeigt), einen Willen zum Selbst-Ruin.
(Das Wort «spöttisch» folgt dem Wort «verspottet», weil Gustave spürt, dass diese Wörter durch eine tiefe Verwandtschaft miteinander verbunden sind: der Spott wird gekränkt als dumme Verhöhnung verinnert und als erwiderte Verhöhnung rückentäußert. Der in den schulischen Wettkämpfen geschlagene kleine Junge sieht die Chance, seine Besieger auf einem anderen Feld zu besiegen: in den Pausen, im Schlafsaal, überall außer in der Klasse wird er sich durchsetzen; er wird den Preis in Bissigkeit, Ironie und Lästerei erhalten; da er im Namen des Konformismus verspottet wird, wird er vor den entsetzten Augen seiner Mitschüler den Konformismus entlarven. Er wird bösartig, beißend, beleidigend sein; der von seiner Körperkraft unterstützte schwarze Humor wird sie zwingen, in einem ständigen Skandal zu leben. (das nur als Beiwerk aus: Sartre, Flaubert II. Die Personalisation, S. 577) - im Übrigen gibt es einen ganzen Wortschwarm zur Bissigkeit bei Sartres Flaubert)
Nachsatz
Da schreibe ich und schreibe ich, und bei dem ganzen Haufen an Ideen, die mir dazu einfallen, verzettele ich mich also recht ordentlich.
Alice wollte wissen, was Sarkasmus ist und einen kurzen, erklärenden Text dazu haben. Den kann ich wohl nicht liefern.
Ich würde gerne von meinem Text folgendes sagen können: Ich bin dem Pluralen nachgegangen, der im Sarkasmus mitwirkt. Ich habe, auf sehr oberflächliche Weise, das Spiel von Kräften abgeschätzt, die im sarkastischen Reden und im Reden über den Sarkasmus wirksam sind.
Wie so oft, wenn man nicht die Interpretation mit der Definition verwechselt, endet die Interpretation mit einer gewissen Ermüdung.


Was ich noch so gefunden habe

Irene wurde oft zu Rendezvous eingeladen, aber sie schlug Einladungen gewöhnlich aus, weil sie jeglichen körperlichen Kontakt, sogar das Küssen, hasste. Es wurde ihr deutlich, dass ein Mann für sie nur interessant wurde, wenn er sich nicht von ihr angezogen fühlte, und dass sie ihrerseits anfing, sich von Männern abgestoßen zu fühlen oder sie zu verachten, sobald sie Interesse an ihr zeigten. Ihre hauptsächliche Art, mit Freunden, Männern oder Frauen, zu kommunizieren und auch Bemerkungen über sich selbst zu machen, war Sarkasmus - manchmal tatsächlich äußerst witzig und ulkig.
Sie besuchte unter großen Opfern das College und brauchte etwa 8 Jahre bis zu ihrem Abschluss, weil sie abwechselnd ein Semester zur Schule ging und ein Semester als Bedienung arbeiten musste. Zu ihrer Wut, ihrer Bitterkeit und ihrem Neid trug die Tatsache bei (was sie erst spät in ihrer Analyse zugeben konnte), dass sie das meiste ihres Verdienstes an Tony schicken musste, der auf diese Art die Universität absolvierte, obwohl er ständig in seinen Klausuren durchfiel und sein Geld auf Saufgelagen verschleuderte. Dennoch bestanden ihre Eltern darauf, dass "seine Ausbildung" Vorrang vor der ihren hatte.
Irenes Hauptinteresse auf dem College galt der Kunst. Sie wollte gerne Künstlerin werden und hatte größtes Interesse daran, als Illustratorin zu arbeiten. Ihre Studienberater am College jedoch rieten ihr, Lehrerin zu werden. Sie folgte dem Ratschlag, doch hasste sie diesen Beruf mit den Jahren zunehmend mehr. Hin und wieder zeichnete und malte sie noch, und ihre Freunde ermutigten sie, ihre Kunstwerke zu verkaufen, weil sie hervorragend waren. Aber sie verschenkte ihre Arbeiten, weil sie sie nicht für wertvoll genug erachtete, um verkauft zu werden.
Im Gegensatz zu ihrer vorwiegenden, drückenden Depression war sie oft (besonders in früheren Jahren) recht erfolgreich mit ihren Clownereien, denn sie hatte einen hervorragenden Sinn für das Komische in einer Situation, und sie kostete es voll aus: "Fröhlichkeit ist oft ein unbedachtes Wellenspiel über Tiefen der Verzweiflung" ("Gaiety is often the reckless ripple over depths of despair"). (aus einer psychoanalytischen Fallbeschreibung)
Sie hatte ungefähr die letzten sechs Monate damit verbracht, sich an die düstere Aussicht von dreißig oder sogar vierzig lieblosen Jahren zu gewöhnen, die ihr an der Seite dieses Mannes bevorstanden - dieses Mannes, der abwechselnd wütend auf sie war, sie mit kaltem Sarkasmus überschüttete oder sie überhaupt nicht zur Kenntnis nahm. Soweit es Danforth anging, war sie nur ein Möbelstück - es sei denn, natürlich, dass er etwas an ihr auszusetzen hatte. Wenn das der Fall war - wenn das Abendessen nicht auf dem Tisch stand, wenn er es haben wollte, wenn ihm der Fußboden in seinem Arbeitszimmer schmutzig vorkam, sogar wenn die Teile der Zeitung, die er zum Frühstück las, in der falschen Reihenfolge lagen -, dann nannte er sie dämlich. Erklärte ihr, wenn sie ihren Arsch verlöre, wüsste sie nicht, wo sie danach suchen sollte. Sagte, wenn Gehirn Schwarzpulver wäre, wäre sie nicht imstande, sich ohne Sprengkapsel die Nase zu putzen. Anfangs hatte sie versucht, sich gegen diese Tiraden zur Wehr zu setzen, aber er hieb ihre Verteidigung in Stücke, als handelte es sich um die Mauern einer Kinderburg aus Pappe. Wenn sie ihrerseits zornig wurde, dann übertraf er sie mit weißglühender Wut, die ihr Angst einjagte. Also hatte sie es aufgegeben, zornig zu werden, und war stattdessen in Tiefen der Bestürzung versunken. Neuerdings lächelte sie nur hilflos angesichts seiner Wut, versprach Besserung und ging in ihr Schlafzimmer, wo sie auf dem Bett lag und weinte und sich fragte, was aus ihr noch werden sollte. Sie wünschte sich, sie hätte eine Freundin, mit der sie reden konnte. (Stephen King, In einer kleinen Stadt)
Für Sherlock Holmes ist sie immer die eine, die ganz besondere Frau gewesen. Für ihn hatte sie immer den einen Namen, selten hat er sie anders genannt. In seinen Augen überragte sie alle anderen Frauen. Dabei war es gar nicht so, dass er ein Gefühl wie Liebe oder dergleichen für Irene Adler empfunden hätte. Alle Emotionen, und diese eine, die Liebe, ganz besonders, waren seinem kalten, exakten, aber bewundernswert ausgeglichenen Bewusstsein verhasst. Lassen Sie es mich so sagen: Er war perfekt, wenn es ums Argumentieren ging, er war die beste Beobachtungsmaschine, die die Welt je gesehen hat. Aber ein guter Liebhaber wäre er nie geworden. Niemals sprach er von romantischen Liebeshelden anders als mit Sarkasmus und Hohn. Romantische Gefühle waren das gefundene Fressen für den scharfen Beobachter, - bestens geeignet, den Schleier von den Motiven und Handlungen der Mitmenschen wegzuziehen und sie bloßzustellen. Aber selbst einen solchen Einbruch in das eigene, empfindliche, gut ausbalancierte Temperament zuzulassen hätte für den hochqualifizierten Denker höchstens Ablenkung bedeutet, die die geistige Arbeit störte. Sand im Getriebe oder ein Sprung in einer hochempfindlichen Linse konnten sich nicht störender auf eine Maschine auswirken als eine starke Emotion auf eine Natur wie die seine. (Beginn der Sherlock Holmes-Geschichte 'Skandal in Böhmen')
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