06.09.2006

Schreibblockaden?

Monika schrieb:

Wie macht ihr das eigentlich, daß ihr richtig ins Schreiben rein kommt? Ich sitze meistens stundenlang vor dem PC, grüble und bringe doch nichts zustande. Oder lese alle Bücher übers Schreiben, die ich finden kann, belege Kurse im Internet ... aber es bringt nichts. Ich würde so gern einfach mal loslegen, aber da ist nur Leere. Das macht mich noch wahnsinnig! Habt ihr bestimmte Tricks, um rein zu kommen?

Ich finde das ein ziemlich übliches Problem. Meine Lösung, die gar keine Lösung ist, heißt Missachten.

für die Schublade schreiben? ja bitte!
Wenn ich dieses nicht schreiben kann, schreibe ich eben etwas anderes. Dazu besitze ich ein Arbeitsbuch. Sollte das mal irgendwann veröffentlicht werden, wird man darin seitenweise Schilderungen darüber finden, warum ich gerade etwas nicht schreiben kann, welche Gedanken mich ablenken, welche Ideen ich sonst noch habe und leider gerade in diesem Text nicht verwirkliche, den ich doch eigentlich verwirklichen wollte. Das ist sicherlich ein narzisstisches, ja sehr egomanisches Schreiben. Jedenfalls missachte ich die aktuelle „Schreibblockade“.

Hegel für Autoren (Die Schreibblockade an sich)
Und was solche Schreibblockaden angeht, so finde ich, ist das ein etwas dämliches Wort. Schreiben kann man nämlich immer. Was einen blockiert, ist ja nicht das Schreiben selbst, sondern diese vagen Fantasien von dem, wie man zu schreiben hat. Eigentlich sollte man solche Schreibblockaden Idealisierungsblockaden nennen, da sie aus irgendwelchen Idealisierungen herkommen.

Nochmals danke, liebes Hirn! (oder: Offene Türen / Geschlossene Türen)
Stephen King hat mal geschrieben, dass man seine erste Textversion bei closed doors schreiben sollte. Also nur für sich, nicht für andere und die Funktion eines solchen Schreibens ist das Ausarbeiten eines Plots, nicht das Lesbarmachen. Erst bei der Überarbeitung, beim zweiten Schreiben, sollte man dann mit open doors arbeiten, das heißt, sich um den Leser bemühen. Das Ganze dient natürlich dazu, den Arbeitsablauf aufzuteilen und überschaubar zu machen. Dieses egomanische Schreiben ist dabei ein closed doors-Schreiben, vielleicht noch nicht ein Ausarbeiten eines Plots, aber immerhin etwas, das dorthin führen kann. Außerdem findet man hier, so kann ich das bestätigen, eine gewisse Leichtfertigkeit im ständigen Schreiben.

ein höchst räuberisches Verhalten : rupfen in fremden Gärten
Übrigens: fällt mir gar nichts mehr ein, dann schreibe ich einfach ab. Ich habe in meinem Repertoire eine Reihe von Szenen anderer Autoren, die ich gerne ähnlich schreiben würde. Auf diese greife ich dann zurück und lasse mich beim Abschreiben etwas treiben: plötzlich geraten mir irgendwelche Sätze dazwischen, die im Buch nicht stehen, und schon wird aus der Szene etwas anderes. Wenn ich nicht weiter weiß, breche ich einfach ab. Liest ja eh keiner. Aber irgendwann komme ich dann zu meiner Geschichte wieder zurück. Und oft kommen dann die nächsten zwei, drei Sätze, ein Absatz, manchmal eine ganze Seite oder zwei oder drei. Je nachdem.
Oder ich springe zu einer anderen, nicht fertigen Geschichte und arbeite an der weiter.

Leicht : fallen
Insgesamt sind meine Geschichten in den letzten Monaten so immer länger geworden, umfassen mehr Szenen, bewegen sich, ohne, dass ich das erzwingen musste, in Richtung kurzer Novellen. Für mich jedenfalls ist das der richtige Weg. Je weniger ich erzwinge und je mehr ich solche „basale“ Arbeit wie Abschreiben mache, umso leichter fallen mir hinterher längere Texte.

Queer-beet (nein, diesmal keine sexuelle Unsicherheit -> queer = schräg)
Mein ganz persönliches Steckenpferd ist zudem das Ordnen, Organisieren in Begriffen und Schaubildern und „wissenschaftlichen“ Texten (obwohl sie nicht wirklich wissenschaftlich sind, eher Umschreibungen von Ideen, die ich hatte). Auch das hilft mir. Ich überprüfe diese Ideen in möglichst vielen Texten und notiere mir dazu immer ein paar Sätze in meinem Arbeitsbuch. Wenn ich zur Spannung arbeite, dann lese ich von Kinderbüchern bis Horrorromanen, von klassischer Lektüre bis zu zeitgenössischer Junk-Literatur alles noch mal nach diesem Aspekt. Dadurch, so jedenfalls erscheint es mir, lockert sich mein Schreibstil auf, ich kann mehr Wendungen in meine Geschichte einbringen und bin insgesamt flexibler.
Nochmal die Räuber
Das alles sind Arbeiten, die eher etwas ummodellieren als dass sie etwas schaffen. Im weitesten Sinne könnte man das Palimpseste nennen. Eigentlich sind Palimpseste Texte, die so ineinander geschrieben wurden, dass sie trotzdem separat gelesen werden können. Heute könnte man eher dazu sagen, dass es Mischungen nach der Art "Klaust du von einem Autor, ist das Plagiatismus; klaust du von zehn Autoren, ist das Originalität" sind. Der Autor lässt eine (geklaute) Nähmaschine und einen (geklauten) Regenschirm aufeinandertreffen und baut dies zu einem (originellen) Radio um - oder so ähnlich.
Klauen ist vielleicht ein zu hartes Wort für feinsinnige Autorenseelen, letzten Endes aber durchaus nichts falsches. Friederike Mayröcker schreibt sich selbst eine räuberische Lebensweise zu, weil sie alles und jeden "zitiert".

Bloggaden, überall Bloggaden
Nebenher veröffentliche ich kleine Sachen in meinem Blog, wie ihr hier sehen/lesen könnt. Zur Textarbeit bin ich noch kaum gekommen, obwohl ich auch diese hineinstellen wollte. Aber zumindest ist es ganz witzig, den Alltag zu kommentieren und in den zwei, drei Sätzen, die ich schreiben möchte, eine ironische oder sarkastische Wendung einzubauen.
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