05.09.2015

Gender-Macht

Dummerweise bleibe ich mal wieder an anderen Sachen hängen, als denen, die ich dringend machen müsste. Die Woche über habe ich versucht, das Verhältnis von Einbildungskraft und Grammatik stärker zu beleuchten. Dabei bin ich, mal wieder, über meine Notizen zu Judith Butler gestolpert.
Wenn man sich, ich sage es noch einmal, die deutsche Diskussion zum gender-Mainstreaming ansieht, so bleibt diese undeutlich, halbherzig, mit einer in sich zerbrochenen Logik. Folgte man der einen Logik, müsste man von einer radikalen Vereinzelung des kulturellen Geschlechts ausgehen, was aber im Prinzip den Gedanken des Geschlechts vollkommen absorbieren würde: die gender-Theorie würde sich damit selbst auslöschen. Folgte man dagegen der anderen Logik, müsste man die Unterordnung unter Kategorien konsequent durchdenken, und würde damit wieder zu der Einteilung in Mann und Frau zurückkehren. Damit allerdings wäre das Ziel des gender-Mainstreaming in einen völligen Unsinn verkehrt.

Begrenzungen

Nun schreibt Judith Butler noch von einer anderen Grenze, die bei einer Ausarbeitung der gender-Theorie unbedingt beachtet werden sollte. Gelegentlich zitiere ich sehr gerne aus dem letzten Kapitel von »Das Unbehagen der Geschlechter«, in dem sie davor warnt, im Feminismus ein »phantasmatisches Wir« aufzubauen; ich habe auch darauf hingewiesen, dass dieses »phantasmatische Wir« sich mit der Beschreibung der weiblichen Geschlechterehre von Schopenhauer stark überschneidet, ein Witz übrigens, da Schopenhauer dem Feminismus lange Zeit als Feind galt.
Eine weitere Grenze, an der sich die gender-Theorie zu stoßen hat, ist die Analogie von Machtverhältnissen. Butler warnt davor, ungebremst überall die gleichen Mechanismen der Macht anzunehmen und damit zu glauben, man würde gleichzeitig gegen patriarchale, rassistische und kapitalistische Verhältnisse vorgehen, wenn man nur gegen die „Heteronormativität“ rebellieren würde. Butler schreibt:
Das Erfordernis, die heutige Macht in ihrer Vielschichtigkeit und in ihren wechselseitigen Artikulationen zu denken, bleibt selbst in seiner Unmöglichkeit fraglos wichtig. Und doch wäre es ein Fehler, dieselben Kriterien allen Kulturprodukten aufzuerlegen, denn es kann gerade die Parteilichkeit eines Textes sein, die den radikalen Charakter seiner Einsichten bedingt. Sich dafür zu entscheiden, die heterosexuelle Matrix bzw. die heterosexuelle Hegemonie zum Ausgangspunkt zu nehmen, birgt die Gefahr der Verengung – aber diese Gefahr wird eingegangen, damit diese letztlich ihre augenscheinliche Priorität und Autonomie als eine Form der Macht einbüßt.
Butler, Judith: Körper von Gewicht, S. 44

Radikale Grenze der gender-Theorie

Wie viele Passagen bei Butler ist auch diese von einer großen Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Angesichts bestimmter Butler-Fans, angesichts bestimmter Butler-Gegner, erscheint deren Anliegen als ein schlechter Scherz und genau als die Praxis, die Butler nie etablieren wollte. Butler betont ausdrücklich (und dies ist nicht die einzige Stelle), dass es unmöglich sei, die vielschichtigen Machtverhältnisse zur Gänze zu denken. Sieht man sich dagegen die Eindeutigkeiten an, die von bestimmten Feministinnen, aber auch von Politikern geäußert wird, dann wird hier gegen die Einsicht Butlers komplett verstoßen. Ich kann durchaus verstehen, dass sich viele Menschen gegen die Zumutungen des herrschenden Diskurses wehren: er ist platt und unintelligibel. Ob man dies dann allerdings in einem genauso plärrenden und greinenden Ton machen muss, bleibt dahingestellt. Ich jedenfalls bin mir für eine solch krude Gegenmeinung eindeutig zu schade.

Unintelligible Proteste

Genauso aber bleiben die Proteste unintelligibel, und die Ursache benennt Butler sehr präzise: der Protest gegen die „Heteronormativität“ (und ich bitte all jene, die mit der gender-Theorie nicht zurecht kommen, und sie eventuell sogar für unsinnig halten, zu beachten, dass ich dieses Wort in Anführungsstriche setze, es also als „uneigentlich“ benutze: es ist, angesichts der laufenden Debatte, kein Wort der Theorie, sondern ein Machtwort, oder, wie man im Volksmund sagt, ein Totschlagargument); ich beginne erneut: der Protest gegen die „Heteronormativität“ ist nicht zugleich ein Protest gegen den Rassismus. Dies wird alleine schon an dem sehr berechtigten Einwand deutlich, dass in vielen nicht-europäischen Völkern die Unterdrückung der Frau sehr viel offensichtlicher verläuft, als in Europa selbst. Der Kampf gegen den Rassismus wird daran nichts ändern. Auch dies kann man leicht nachvollziehen, wenn man beachtet, dass ein „Volk“ nicht gegen sich selbst rassistisch sein kann, aber trotzdem die Rolle der Frau normieren und homogenisieren kann.
Man kann das auch an einer Symbolfigur festmachen, nehmen wir zum Beispiel Xavier Naidoo. Eine dämlichere Verknüpfung von fundamentalistischem Christentum, pseudomarxistischer Protesthaltung und Anbiederung an rechtsradikale Positionen kann es doch eigentlich gar nicht geben. Eine solche Verknüpfung von undurchdachter Allparteilichkeit erscheint eigentlich nur noch psychotisch.

Was das ganze nun mit der Einbildungskraft zu tun hat und warum ich gerade auf Judith Butler gestoßen bin, mag ich in einem gesonderten Artikel erklären, da es hier nicht um die gender-Theorie geht, sondern um ein Thema aus der Deutschdidaktik.
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