05.09.2015

Kultivierte Einbildungskraft

Einbildungskraft, so hatte ich geschrieben, scheint die zentrale Kompetenz (so übersetze ich mal den Begriff des Vermögens, wie ihn Immanuel Kant benutzt) zu sein, die im Deutschunterricht gefördert werden muss. Einbildungskraft ist dabei ein recht alter Begriff; neuerdings heißt dies wohl Vorstellungsvermögen. Und angesichts der Schlampigkeit bei der Begriffsbildung sollte man hinzufügen, dass je nach Buch und Autor auch solche Begriffe wie Fantasie, Weltwissen, Imagination, und Ähnliches dazu gehören.

Der Sprung in die Grammatik

Grammatik in verallgemeinerter Form

Einbildungskraft ist nicht die eigentliche Sorge, denn diese hat ein jeder Mensch. Sie kann im Unterricht weder gefördert noch weggenommen werden. Ziel des Deutschunterrichts (und allgemeines Ziel der Bildung) ist das Ausdifferenzieren der Einbildungskraft; ausdifferenzieren heißt, dass man Strukturen bildet, einteilende, nicht notwendigerweise ausgrenzende Strukturen. Dies kann man dann als Grammatik bezeichnen, sofern man unter Grammatik die Regelhaftigkeit im Gebrauch von Zeichenmengen versteht, also zum Beispiel die Zeichenmengen, die in einem Comic auftauchen, ebenso solche in einem Film, aber auch sehr spezielle, wie zum Beispiel die, die in etwa das Genre des Krimis ausmachen, oder etwa typischen Zeichen, die einen Restaurantbesuch beschreiben, usw.

Produktive Grammatik

In der Deutschdidaktik wird diskutiert, ob die Grammatik eine Disziplinierungsmaßnahme sei. Das ist sie. Die Grammatik, die ein Kind in seiner Umgebung vorfindet, ist nicht von diesem gemacht. Es muss sich darin einüben, sich ihr unterwerfen.
Lehne ich also die Grammatik ab? Keineswegs. Man müsste sich eben die Gegenseite ansehen, wenn es keine Grammatik gäbe, unter die sich die Kinder zu unterwerfen haben: es wäre eine Einbildungskraft ohne Unterscheidungen (im schlimmsten Fall), also eine chaotische Masse, ein wirres, flüchtiges Aufblitzen von Sinnesdaten.
Natürlich ist die Grammatik auch repressiv, zugleich aber eben produktiv.

Sexuierte Körper

Vielleicht überrascht der Sprung von der Grammatik zur Kritik an den Geschlechtsverhältnissen. Formal gesehen ist die Argumentationsweise aber durchaus übertragbar. Butler zeigt, übrigens viel allgemeiner als nur in Bezug auf das gender, wie der kulturelle Körper konstruiert wird, indem diesem Handlungsfähigkeit zu- oder abgesprochen wird.
Und wenn Handlungsvermögen vorhanden ist, dann ist dieses paradoxerweise in den Möglichkeiten zu finden, die in der und durch diese unfreie Aneignung des regulierenden Gesetzes eröffnet werden, durch die Materialisierung dieses Gesetzes, die zwangsweise Aneignung und Identifizierung mit jenen normativen Forderungen. Das Formieren, Verfertigen, Ertragen, die Zirkulation und Signifikationen jenes sexuierten Körpers wird nicht in einer Reihe von Handlungen bestehen, die in Befolgung des Gesetzes ausgeführt wird; sondern es sind Handlungen, die von dem Gesetz mobilisiert werden, dass zitatförmige Akkumulieren und Verschleiern des Gesetzes, das materielle Wirkungen erzeugt, die gelebte Notwendigkeit jener Wirkungen ebenso wie die gelebte Anfechtung dieser Notwendigkeit.
Butler, Judith: Körper von Gewicht, S. 36

Die Vertreibung aus dem Paradies

Was Butler hier beschreibt, könnte man als eine Vertreibung aus dem Paradies bezeichnen. Hat man sich einmal auf den Körper und auf die kulturelle Regulation von Körperlichkeit eingelassen, ist eine Rückkehr schlechterdings unmöglich. Selbst der Protest gegen bestimmte Formen des Körperlichen ist erst möglich, wenn man implizit die Symbolisierung und Konstruktion des Körpers anerkannt hat. Genauso wenig ist aber ein Protest gegen die Grammatik möglich, ohne eine gewisse Abfolge strukturierter Wörter von sich zu geben. Der Protest selbst ist erst durch die Grammatik möglich.
Heinrich von Kleist hat dieses Dilemma ganz wundervoll in seinem Text „Über das Marionettentheater“ ausgedrückt:
Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?
Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.
Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe Bd. 2, S. 345
Der Baum der Erkenntnis, so muss man hinzufügen, steht im Paradies; dort war der Mensch unschuldig. Daraus ist er vertrieben worden; ein zweites Mal ist der Baum der Erkenntnis für ihn nicht erreichbar. 

Zirkuläre Argumentationsweisen

Absichten

Klassische Logiken schließen zirkuläre Argumentationen aus: was vorausgesetzt wurde, darf nicht durch die Ableitung bewiesen werden, und was bewiesen werden soll, darf nicht vorausgesetzt werden. Diese Art der Argumentation ist im 19. Jahrhundert allerdings empfindlich gestört worden, nicht im rein naturwissenschaftlichen Gebiet, aber überall dort, wo man es mit Intentionen zu tun bekommt. Nicht alle diese Intentionen sind Intentionen von Bewusstseinen. Man kann, wenn man mit dem Begriff großzügiger arbeitet, auch im Gliederbau und der Anordnung der Gewebeschichten von Tieren Intentionen entdecken. So, wie der Wal beabsichtigt, im Meer zu leben, so beabsichtigt die Kuh Gras zu fressen. Es stehen wenig Alternativen zur Verfügung: durch die Evolution und durch die körperlichen Bedürfnisse haben sich bestimmte Vorlieben ausgeprägt und materialisiert.

Relationaler Zufall

Gerade aber die Evolutionstheorie sagt uns auch, dass solche Systeme zufallsempfindlich sind. Die zufällige Verstädterung Mitteleuropas erzwingt in gewisser Weise, dass Meisen und Füchse Kulturfolger werden. Zufällig soll heißen, dass weder Meisen noch Füchse die Verstädterung beabsichtigt haben (die Menschen allerdings schon: für diese ist die Verstädterung kein Zufall).

Verwirrungen der Zeit

Durch die Evolutionstheorie, aber auch durch den Marxismus, konnte nicht mehr abgewiesen werden, dass der Zufall für die Logik ein wichtiges Element bildet. Da sich aber der Zufall immer nur relativ zu Absichten definieren lässt, da solche Absichten Vorgriffe in die Zeit darstellen, wird die chronologische Zeit verwirrt, und jenes Vorher/Nachher rein physikalischer Ereignisse durcheinander gebracht. Die Vase zerbricht, wenn ein Ball gegen sie fliegt. Aber sie zerbricht auch, wenn jemand absichtlich einen Ball gegen sie wirft. So entsteht, über die Absicht, die Möglichkeit einer zirkuläre Argumentation.

Grammatik und Absicht

In diesem Sinne ist Grammatik ein wunderbares Instrument, um Absichten zu bilden und mitzuteilen. Sicherlich verhält sie sich repressiv in dem Sinne, dass sie zugleich bestimmte Erkenntnisse unterbindet und bestimmte Absichten ausschließt. Aber von der Grammatik ganz weg zu gehen hieße, auf Sprache zu verzichten, und allgemeiner auf die Welt zu verzichten.
So ist Einbildungskraft nur wirksam, wenn es eine (verallgemeinerte) Grammatik gibt. Gäbe es sie nicht, dann wäre die Einbildungskraft nutzlos, da sie nichts hätte, worauf einzuwirken es sich lohnen würde.

Kritischer Nachsatz

In letzter Zeit habe ich relativ wenig auf meinem Blog veröffentlicht. Mit ein Grund dafür ist, dass ich mich gerade mit Sachen auseinandersetze, über die ich noch nicht gut genug schreiben kann. Nun ist mein Blog keineswegs „wissenschaftlich“ oder sogar dogmatisch angelegt. Ich verstehe ihn als Anregung (und zu der Zeit, als ich noch selbstständig war, war er für mich natürlich auch die Möglichkeit einer Werbung), als offenes und kritisierenswertes Denken.
Ich möchte auf einige große Unsicherheiten hinweisen, die meine Argumentation betreffen. Alle Unsicherheiten betreffen derzeit Kant. Die erste Unsicherheit ist, dass die Synthese in der reinen Vernunft eine zeitliche Synthese ist; es werden also nicht einfach irgendwelche nebeneinanderliegenden Sinnesdaten zusammengefasst, sondern die Abfolge von Sinnesdaten: was dies allerdings bedeutet, kann ich im Moment nicht einschätzen. Eine zweite Unsicherheit betrifft die (berühmte) Erhabenheit. Diese bildet eine Art Grenze der Einbildungskraft. Nun habe ich in diesem und im vorhergehenden Artikel ständig von Grenzen gesprochen; im vorhergehenden Artikel sogar von einer absoluten Grenze. Inwiefern diese Grenzen miteinander zusammenhängen, inwiefern sie eventuell sogar gleich sind, habe ich mir noch nicht erarbeiten können. Zum letzteren fiel mir aber ein, dass die Idee einer radikal individualisierten Sexualität, oder, besser ausgedrückt, einer radikal individualisierten Körperlichkeit sich in Form der Erhabenheit ausdrücken müsste, also gerade nicht in einer Form, da die Erhabenheit unförmig ist.
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