07.09.2015

Kutschera und das Krebsgeschwür

Ich liege fiebrig zu Hause: die Grippe hat mich voll erwischt. Meine Schuld! Hätte ich mal nicht am Wochenende versucht, den Jahresplan für Deutsch, die Wochenfragen, die Meldung zur LRS-Überprüfung und für meine Ko-Pädagogin einiges zur Erläuterung gleichzeitig zu schreiben. Funktioniert irgendwie nicht. Aber Jammern ist verboten. Und nicht das angekündigte Thema. Das ist folgendes:

Kutschera

Ulrich Kutschera ist Evolutionsbiologe, übrigens ein feiner Mensch, sein Buch Evolutionsbiologie ist empfehlenswert.
Kutschera mischt sich in die gender-Debatte ein. Seine Argumente halte ich allerdings für zu kurz gefasst. Evolution ist natürlich eine wichtige Sache und ich wäre der letzte, diese Tatsache zu leugnen. In den letzten Jahren habe ich häufiger zu dem Verhältnis von Evolutionstheorie und gender-Theorie geschrieben. Ich habe immer wieder beklagt, dass die gender-Theorie zu wenig Ahnung von der Evolutionstheorie habe. Dies aber wäre dringend nötig, da die Evolution ein wichtiges Prinzip, eigentlich das wichtige Prinzip für die Entwicklung des Lebens, damit auch der Menschen, damit auch der Männer und Frauen ist.

Dumme Rhetorik

Ich muss noch etwas Salz in die Wunden streuen. Einiges, was im sogenannten gender-Mainstreaming geäußert wird, ist tatsächlich dumme Rhetorik (obwohl ich beim neuerlichen Googeln eigentlich nur Erfreuliches gefunden habe, z. B. den schönen Artikel: Gender Mainstreaming in Kindertageseinrichtungen). Ich habe dazu in den vergangenen Jahren ebenfalls einiges geschrieben. Meine Kritik trifft aber nicht die gender-Theorie direkt. Ich finde das theoretische Anliegen von Judith Butler, Shoshana Felman, Luce Irigaray, oder auch Alice Schwarzer im Kern als richtig. Und meine Kritik zielt auch weniger auf diese Protagonistinnen, als auf bestimmte Inszenierungen des gender-Mainstreaming, weil sie am Kern des politischen Denkens vorbeizielen.

gender gap-Zeichen

Dumm finde ich z. B. das gender gap-Zeichen: ein Wort bezeichnet doch nur etwas, wenn ich das Wort etwas bezeichnen lassen will. Ich kann zu meinem Bäcker gehen, obwohl es eine Bäckerin ist, und finde das nicht eine Sekunde lang diskriminierend. Ich muss auch nicht Bäcker_In sagen, nur weil es möglicherweise transsexuelle Bäcker gibt. Mir erschließt sich der Sinn dieser Maßnahme nicht. Ich quäle meine Dogmatiker (und Dogmatiker_Innen) doch lieber mit einer scharfen Argumentation als mit einem unlesbaren Text. (Abgesehen davon, dass der Link auf eine Seite führt, auf der alle möglichen Ismen in einen Topf geworfen werden: die Frauendiskriminierung und die Exklusion behinderter Menschen. Beides existiert, beides muss bekämpft werden, aber ob dies der rechte Weg ist, wage ich zu bezweifeln.)

Firmware Gottes, queer und Porno

Andererseits: dass Männer auf Frauen mit runden Brüsten und langen Haaren stehen, ist weder evolutionär notwendig, und schon gar nicht gehört es zur Firmware Gottes (es sei denn, ich wäre Teufelswerk). Was religiöse Fundamentalisten bei der Ablehnung einer Sache, dem gender gap-Zeichen, gleich hinterherschieben müssen.
Und erneut andersherum: Die Pornobranche habe entdeckt, dass queere Sexualität sexy sei, so aranca; quatsch: die machen vor allem eines damit: Geld. Das ist kein gender gap, sondern eine media gap. Pornoindustrie ist nach wie vor eines: Ausbeutung.

Maskulinismus

Eine stellenweise hervorragende Analyse mit leider viel zu vielen Verallgemeinerungen: Gender mainstreaming auf Maskulinismus für Anfänger. Sorry, das müsste ich jetzt weiter erläutern. Schreibe, wegen Grippe, gerade Stückwerk. Wir treffen uns dort, wo ich dem gender mainstreaming eine schleichende Rebiologisierung des sozialen Geschlechts vorwerfe; dies geht auch damit einher, dass sich der Einzelwille nie nur nach sexuellen/biologischen Aspekten beurteilen lässt. "Gender mainstreaming", so schreibt der Autor, sei "ausgesprochen heteronormativ". Ja, genau, teilweise. Kommt drauf an, wer's in die Hände und den Mund nimmt. Umfassend gut ist auf dem Blog folgende Analyse: Wer braucht Feminismus.

Grenzziehungen

Wo aber ziehe ich die Grenze, wenn man zunächst scheinbar zwei entgegengesetzte Lager vorfindet, wenn scheinbar die Evolutionstheorie und das gender-Mainstreaming so gar nicht zusammenzufügen sind?
Der Scheidepunkt liegt darin, dass Menschen (aber auch Tiere, Pflanzen, sogar die Erde) ein Gedächtnis haben, während die Evolution nur ein Prinzip bezeichnet, wie sich ein solches Gedächtnis bildet. Der Knackpunkt an der ganzen Sache ist in etwa folgender: die Evolution will nichts (sofern man Darwin, bzw. den Neo-Darwinisten folgt), Menschen wollen schon etwas. Und um das Problem präziser zu formulieren: wie bringt man die "Gesetze" der Evolution mit dem politischen Individualwillen zusammen?

Ökologie

Neulich habe ich gestanden, und ich wiederhole hier dieses Geständnis, dass ich (noch) zu wenig Ahnung von politischer Philosophie habe. Ich denke, dass ich mich in die Evolutionsbiologie gut genug eingearbeitet habe, um mit ihr argumentieren zu können. Wenn ich von der Biologie ausgehe, dann ist für mich der Anwärter, um den Evolutionismus in Bezug auf die gender-Theorie auszuhebeln, die Ökologie.
Nun stellt uns die Ökologie ebenfalls vor einige Probleme, gerade wenn es um den Menschen geht.
Als erstes müssen wir bedenken, dass das einigende Band zwischen Ökologie und Evolution in den Begriffen des Milieus und der Population zu finden ist: im Milieu variiert eine Population, in einem Milieu selegieren Zufälle und Bedingungen die Population, in einem Milieu restabilisiert sich eine Population. Von den Prinzipien der Evolution aus verknüpfen sich Population und Milieu durch den Dreiklang der Variation, Selektion und Restabilisierung. Diese bilden dann auch die abstrakten Bedingungen der ökologischen Entwicklung.

Zufälle

Ist es aber nicht seltsam, dass diese ehernen Gesetze den Zufall so massiv ins Spiel bringen (wie Kutschera ja selbst immer wieder schreibt)? Hier müssen wir uns zunächst anschauen, was das für "Gesetze" sind, die die Evolution proklamiert. Es sind eben keine Kausalitäten, worunter einige naive Evolutionisten die Evolution tatsächlich verstehen (und damit den Neo-Darwinismus aufgeben). Eher zeigen Variation, Selektion und Restabilisierung auf bestimmte Typen von Kausalität, sind also eher Einteilungen von konkret im Milieu vorliegenden Wirkungen. Dass in der Geschichte des Lebens Zufälle eine starke Rolle gespielt haben (die Dinosaurier haben sich keine Asteroiden erwünscht), wird von der Evolutionstheorie berücksichtigt, aber nicht erklärt. Um den Einschlag eines Asteroiden auf die Erde zu erklären, ist die Evolutionstheorie denkbar unbrauchbar. Das gehört in das Reich der Astrophysiker. Der Evolutionstheoretiker kann aber an den Folgen dieses Zufalls sehen (sofern die Theorie des Dinosauriersterbens haltbar ist), dass die Selektion durch ein verändertes Milieu passiert.

Der Individualwille

Die Evolution will nichts. Sie geschieht. Ich kann das nicht häufig genug betonen. Wenn Kutschera sich dahingehend äußert, dass "eine andere, quasi-religiöse Strömung unter der Tarnkappe des Gender Mainstreaming Fuß fasst und immer mehr, gleich einem Krebsgeschwür, sämtliche Fachgebiete erobern möchte" (siehe hier), dann nicht aus der Sicht der Evolution. Weder will die Evolution die gender-Theorie, noch will sie sie nicht. Der Evolution selbst ist das, entschuldigt bitte, gerade mal scheißegal. Wie ihr Blauwale und Quastenflossler, Kakerlaken und Archeopteryxe scheißegal sind.
Kutschera kritisiert, was genau eben den Menschen ausmacht, auch ihn selbst. Menschen, einzelne Menschen, z. B. Professoren der Evolutionsbiologie, wollen etwas. Eventuell ist es lästig, wenn man in seinem Fachgebiet plötzlich auf Menschen stößt, die etwas anderes wollen, als sich mit der Evolution von Pflanzen zu befassen. Dazu könnte gelegentlich eine Frau gehören, die mal nicht kochen will.

Kochen

Und überhaupt: kochen. "Gut kochen muss sie können", die Frau, behauptet Kutschera. Rein biologisch ist der Mensch aber kein kochendes Tier. Wir leben, und da hat Kutschera ja durchaus Recht, immer noch in der Steinzeit, gentechnisch gesehen. Nudelauflauf stand da noch nicht auf dem Speiseplan, auch keine Ratatouille oder so etwas. Wenn eine Frau nun gerade so etwas kocht, verstößt sie dann gegen die Evolution? Könnte man ja vielleicht meinen.
Folgte man also der Behauptung von Kutschera, dass die Evolution den Männern vorgibt, welche Frauen sie zu wählen haben, dann dürften kochende Frauen ganz weit unten im Ranking stehen. Tun sie nur nicht.
Hier verpasst Kutschera einige wichtige anthropologische Bedingungen. Der Mensch ist, durch seine neurophysiologische Ausstattung (also seinem Gehirn) ein extrem anpassungsfähiges Tier. Nur so sind die enormen Variationen des Menschseins erklärbar. Nur so ist die kulturelle Evolution erklärbar. Autos, Ratatouille, Bibeln und Evolutionsbücher sind von der Evolution nicht gewollt, sondern durch Selektionen im Milieu entstanden. Kreationisten wollen keine Evolution, aber ihr Dasein lässt sich durch die Evolution erklären. Sie sind etwas, was man mit Stephen Jay Gould als "dumme Evolution" bezeichnen könnte, oder, mit Stephen King, als Tommyknockers. Zur dummen Evolution gehören eventuell auch Evolutionsbiologen oder Hobby-Blogger oder Ratatouille-kochende Frauen. Wer weiß das schon?

Krebsgeschwüre

Ich kann leider immer noch nicht aufzeigen, wo die Evolutionstheorie aufhört und wo die Politik des Individualwillens anfängt. Zumindest aber sollte jetzt deutlich sein, dass die Evolutionstheorie zwar inhaltlich den Kreationisten oder eventuell auch der gender-Theorie widerspricht, dass aber genau dieselbe Evolutionstheorie das Erscheinen von Kreationisten und gender-Theorie erklären kann. Die Evolutionstheoretiker müssten sogar ihr eigenes Dasein evolutionstheoretisch begründen können.
Nur fangen Menschen wie Kutschera keineswegs an, Quastenflossler oder Pfeilschwanzkrebse von der Erde zu verbannen, nur weil diese Überbleibsel aus der Steinzeit sind. Evolutionstheoretiker konstatieren die Selektion. Sie betreiben sie nicht: wollten sie die Evolution betreiben, dann müssten sie zuallererst -: nichts wollen. Wenn Kutschera sich in die öffentliche Willensbildung einmischt (was er darf), dann nicht, weil es die Evolution so will, sondern weil er es will. Was daraus folgt, kann evolutionär erklärt werden, ebenso, wie es dazu kam. Aber es ist doch irgendwie nicht wirklich notwendig, oder?
Den Fehler, den Kutschera also begeht, ist folgender: aus der Notwendigkeit der Evolution schließt er auf die Notwendigkeit der Evolutionstheorie. Aber kein Mensch braucht, um zu leben, die Evolutionstheorie. Übrigens auch nicht die gender-Theorie. Warum wir beides haben (und warum ich beides für sinnvoll halte), muss also anders erklärt werden. Aber daran arbeite ich noch.

Vielen Dank.

(Und ich mache jetzt etwas ganz Evolutionsgemäßes und lege mich wieder ins Bett, weil ich zwischendrin beim Arzt war, etwas geschlafen habe, dann weitergeschrieben habe, dann gefrühstückt habe, dann ... naja, lassen wir das, ... ist ja eh alles nur Evolution.)
Kommentar veröffentlichen