19.09.2015

Warum Fundamentalismus langweilig ist

Und wie ich so gerade auf Twitter publik mache, dass ich die neue Version von Dragon NaturallySpeaking installiert habe, überraschen mich doch zahlreiche tweets zu einer Demonstration in Berlin. Offensichtlich haben sich hier Abtreibungsgegner, Polizei und „Feministinnen“ zu einem Stelldichein gefunden. Ist das interessant? Keineswegs! Ideologie ist, auf dieses Niveau heruntergebrochen, langweilig.

Ideologie

Ideologie sei, so konstatierten die Philosophen Deleuze und Guattari einmal, ein schmutziges Wort. Aber warum? In Kurzform könnte man das so erklären: jedes Denken ordnet sich entlang einer bestimmten Vorherrschaft und diese Vorherrschaft kann man zumeist als Idee bezeichnen. Das Denken ist nicht akzidentiell, sondern substantiell ideologisch. Dem Denken also ideologische Machart vorzuwerfen hieße dem Denken vorzuwerfen, dass es existiere. Nicht also die Ideologie an sich ist schmutzig, sondern der Vorwurf, der in diesem Wort steckt.

Pluralismus

Aus diesem Grunde ist auch der Pluralismus eine Ideologie, und, wie mir scheint, keineswegs eine gute. Sieht man sich zum Beispiel den Gebrauch des Begriffes »plural« bei Roland Barthes an, so meint er damit durchaus nicht ›alles‹, sondern lediglich ›einiges‹; zudem meint er damit, dass dieses ›einiges‹ nicht logisch aufeinander abgestimmt sein muss, um es nebeneinander zu verwenden.
Zweifellos aber muss mit solchen Brüchen vorsichtig umgegangen werden. Das Verbot von Brüchen, Rissen und Sprüngen in der Logik kann nicht einfach durch eine nahtlose Akzeptanz ersetzt werden. Beiden Positionen ist tendenziell die Unfähigkeit zum Konflikt und die fehlende Reflexion gemeinsam.
Und oftmals scheint mir dies auch mit dem Begriff Pluralismus gemeint zu sein. Zunächst werden die Konflikte abgewiegelt, um sie dann, meist allerdings an einer völlig falschen Stelle, wieder aufleben zu lassen. Dass ein ähnlicher Mechanismus bei all jenen Menschen zu finden ist, die auf eine kulturelle Einheit drängen, ist wohl mal als Tragik, mal als Komödie lesbar.

Abtreibungsgegner

Warum ist aber der Streit der Ideologien so langweilig? Weil er blind ist. Dabei sind allerdings die naiven Abtreibungsgegner sehr viel offensichtlicher ohne gescheite Argumente. Diese werfen zum Beispiel den Feministinnen vor, sie würden die Abtreibung befürworten. Das allerdings ist nicht die herrschende Idee, die schließlich zur Aufhebung der strafrechtlichen Verfolgung aus dem § 218 führte. Dominant war und ist die Idee der Selbstbestimmung. Wie und warum es dann doch keine Selbstbestimmung wäre, kann man aber nicht der Idee aufdrücken: dies muss man im Einzelfall entscheiden. So ist das Wort Abtreibungsbefürworter auch nur eine rhetorische Floskel.

Feminismus

Andererseits ist auch der Feminismus nur eine Idee; wer auch nur ein wenig die Debatten der letzten 30 Jahre verfolgt hat, fragt sich allerdings, wie gefräßig eine Idee sein darf. Die Idee der Gleichberechtigung der Frau in allen Lebensbereichen hat sich sowohl auf die Kindererziehung als auch auf die Karriere übergestülpt, als seien Kindererziehung und Karriere mit all ihren Problemen damit gelöst. Zwar ist die gegenteilige Behauptung, Kinder brauchten unbedingt Väter, genauso ideologisch; oder der Vorwurf, es gäbe immer noch Männerseilschaften, die den Frauen den Zutritt in gehobene Positionen erschwerten, als sei dies das Alleinstellungsmerkmal von Männern in Karrieren: mittlerweile kann man doch tagtäglich ähnliche Beobachtungen bei Frauen machen.

Dogmatismus

Wir haben es also mit zwei verschiedenen Arten der Ideologie zu tun. Auf der einen Seite finden wir die Ideologie als ein Denken, welches sich entlang einer Idee ordnet; und auf der anderen Seite finden wir eine Ideologie, der man vorwirft, entlang einer Idee die Gesellschaft zu bevormunden. Dies heißt aber eigentlich Dogmatismus.

Nicht aufzulösen

Mittlerweile plädiere ich dafür, den Widerstreit zwischen den Ideen nicht mehr aufzulösen, auch nicht die Dominanz bestimmter Ideen. Ich kann durchaus verstehen, dass viele Menschen beunruhigt sind, wenn sie hören, dass im nächsten Jahr 1 Millionen Flüchtlinge zu uns kommen sollen. Und gerade bei Menschen, die sowieso in unserer Kultur wenig Gutes erfahren haben, obwohl sie zu dieser gehören, verstehe ich auch die Verbitterung ob der Aufmerksamkeit, die Flüchtlinge bekommen, auch ob des Geldes, welches jetzt so scheinbar einfach in die Versorgung dieser Menschen gesteckt wird, wo doch ein Hartz IV-Empfänger oftmals unter massiven Geldsorgen leidet.
Nur kann die Ideen des Asyls nicht gegen die Idee des Wohlstands aufgewogen werden. Betrachtet man sich diese beiden etwas länger, gibt es keine eindeutige Dominanz, nicht einmal eine uneindeutige. Genauso wenig lässt sich sagen, dass der Schutz des ungeborenen Lebens und das Recht auf körperliche Selbstbestimmung durch eine klare Grenze zu scheiden sind. Wenn es dazu ein Recht gibt, wie etwa die derzeitige Praxis zum § 218, dann nicht, weil damit die Gerechtigkeit besonders gut verwirklicht wäre, sondern weil es ein handhabbares Verfahren geben muss, das auf einem großen gesellschaftlichen Konsens und auf der Berücksichtigung des Individualwillens aufruht.

Fundamentalismus

Der Fundamentalismus pickt sich willkürlich eine Idee heraus und verabsolutiert diese. Würde man einem solchen Vorgehen auf breiter Basis folgen, gäbe es nichts mehr zu diskutieren, nichts mehr zu entscheiden. Fundamentalismus ist nicht einfach nur ein Ärgernis, sondern vor allem eine Denkfaulheit, geradezu eine Unfähigkeit zu denken; auch eine Entscheidungsfaulheit, ja eine Unfähigkeit zu entscheiden. Am Ärgerlichsten allerdings ist der Fundamentalismus, der auf eine Quasi-Person aufgebaut ist, auf einen Gott, auf eine Nation. Das ist oftmals nicht mal mehr eine Idee, denn keine Person und keine Nation kann sich nur auf einer Idee gründen; häufig ist dies nur noch ein diffuses Sammelsurium aus Halb- und Viertelwahrheiten.

Tugendlehre

Die Ideologie scheint im Zeitalter der Aufklärung das abzulösen, was bei Aristoteles die Tugendlehre war. Die Tugend dient zunächst der Anerkennung seiner selbst: sie ist eng mit der Lust verknüpft, sie ist ein Ich-habe-Lust-an-mir-selbst. Dann aber ist sie wertvoll, weil sie die Glückseligkeit einer Gemeinschaft mehrt. Glückseligkeit ist die Einheit und Eindeutigkeit von Handeln und Denken gemäß einer selbstbestimmten Tugend. Und, so kann man dies paraphrasieren, wenn auch sicher nicht vor einem Aristoteles-Kenner, unter tugendhaften Menschen wird der Mensch tugendhaft. Dass die Tugend in gewisser Weise durch die Idee abgelöst worden ist, scheint mir allerdings nicht allzu viel zu bedeuten; es sind, aber wen sollte das wundern, Tugenden hinzugekommen, die sich stark auf den schriftsprachlichen Bereich stützen, wie zum Beispiel die Wissenschaftlichkeit oder die Dichtkunst oder die Erfindungskraft. Doch auch dort gilt: handle so, wie du denkst, und denke so, wie du handelst.
Schließlich sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die Tugend immer eine Tugend-für-sich ist, nie eine Tugend für andere. Es gibt, sofern ich Aristoteles verstehe, keine gemeinsame, geteilte Tugend. Die Tugend teilt sich nicht als Tugend mit, sondern als das je verschiedene, das sie bewirkt, als Wohltat, als Vergnügen, als Schutz; sie teilt sich auf der anderen Seite durch ihre Vorbildlichkeit mit und dadurch, dass sie die Glückseligkeit in der Gemeinschaft vermehrt.
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