22.08.2015

Drei Arten, ADHS zu betrachten

Schaut man sich die Fachliteratur an, scheint es drei Arten zu geben, wie man die Entstehung von ADHS betrachten kann. 

Genetische Betrachtung

Die erste Form der Betrachtung ist die genetische. Genetisch verstehe ich hier allerdings in einem weiteren Sinne, nicht nur die Gene betreffend, sondern auch all die Prozesse, die sich bei der Entwicklung eines Kindes aufgrund genetischer Dispositionen abspielen.
So könnte ADHS direkt einem „Gendefekt“ verbunden sein, oder aber genetische Veränderungen führen zu anderen Prozessen der Hirnentwicklung, so dass das Kind für ADHS prädisponiert ist.
Zur genetischen Betrachtung gehören dann aber auch Unfälle und Zufälle, die diese normale Entwicklung stören. Hier wird zum Beispiel die Drogenabhängigkeit der Mutter oftmals angegeben.
Beispielhaft für diesen Blickwinkel ist Gerhard Roth: Fühlen, Denken, Handeln. 

Ontogenetisch-kulturelle Betrachtung

Wesentlich dynamischer ist die Perspektive, dass das Gehirn bereits in seinem Aufbau, also bereits pränatal, auf kulturelle Einflüsse reagiert und sich dementsprechend, also dem Reizangebot folgend, entwickelt. Wie und ob also ein Kind später zur ADHS prädisponiert ist, hängt nicht nur von genetischen Faktoren ab, sondern eben auch schon von den grundlegenden Mechanismen, zu denen das Gehirn gut ist: der Reizverarbeitung.
Erlebt ein Kind also viele Reize, auch schon im Mutterleib, verändert sich das Gehirn dementsprechend. Hier gibt es zwei verschiedene Einflüsse, die Gerald Hüther für die mögliche Entstehung von ADHS verantwortlich machen. Zum einen sind diese Kinder, wohl genetisch prädisponiert, besonders darin, neue Reize rasch einzuarbeiten (man nennt solche Menschen auch novelty-seekers). Wird diese Fähigkeit frühzeitig stimuliert, ergebe sich möglicherweise eine besonders starke Ausstrahlung des dopaminergen Systems, wodurch sich später ein starker Einfluss des Dopamins bemerkbar macht. Ein anderer Einfluss ist allerdings der Stress, dem ein Kind pränatal oder perinatal ausgesetzt ist. Stress verursacht über Katecholamine einen Musterabbau, also so etwas wie Vergessen. Dieser Musterabbau betrifft insbesondere Aktionsmuster. Nun werden die Kinder darüber aber nicht phlegmatisch, sondern impulsiv: die Aktionsmuster sind wenig miteinander verknüpft, nur kurzfristig intentional und auch wenig mit anderen Gedächtnisleistungen, wie zum Beispiel dem sprachlichen Gedächtnis verknüpft.
Dies hat Gerald Hüther in seinem Aufsatz: Dopaminerges System, exekutive Frontalhirnfunktionen und die Wirkung von Psychostimulanzien bei Kindern und Jugendlichen mit ADS-Symptomatik (in: ADHS – Kritische Wissenschaft und therapeutische Kunst) beschrieben. 

Kulturelle Betrachtung

Ganz anders ist es, wenn man das ADHS als reine Reaktion auf die Kultur versteht. Hier wird die Neurophysiologie implizit oder explizit ausgegrenzt. Für einen solchen Ansatz steht zum Beispiel Elisabeth Dägling.
ADHS ist demnach eine besondere Begabung in funktionell äquivalenten Mustern zu denken. Ich stimme Dägling dahingehend zu, dass diese Art und Weise des Denkens in unserer Gesellschaft wenig verbreitet ist. Auf meinem Blog habe ich dies häufig unter dem Stichwort Analogiebildung thematisiert. Analogiebildungen spielen bei der Kreativität, dem Humor und dem innovativen Denken eine wichtige Rolle; neuerdings entdecke ich diese auch im objektorientierten Programmieren (im Gegensatz zum klassischen Programmieren, welches vor allem auf die Mittel-Ziel-Analyse ausgelegt ist).

Allerdings sind, und dies muss man Dägling vorwerfen, sowohl die Analogiebildung als auch die Mittel-Ziel-Analyse abstrakte Pole, von denen man aus konkrete Denkprozesse betrachten kann. Sie existieren nur als Schematismen in Reinform. Auch wenn ich ihre These, dass ADHS-Menschen stärker zur Analogiebildung neigen, durchaus viel Positives abgewinnen kann, halte ich dies noch nicht für eine Absage an bisherige wissenschaftliche Paradigmata. Andererseits bin ich überhaupt kein Freund von neurophysiologischem Determinismus oder von der voreiligen Vergabe eines Störungsetiketts. Dementsprechend nenne ich ADHS ja auch ein Aufmerksamkeitskompatibilitätsdefizit-Syndrom (AkDS), da das Gehirn nicht unaufmerksam sein kann. Es ist bloß nicht immer für die Sachen aufmerksam, die die Umgebung erwartet.

An Däglings Buch stört mich auch, dass sie den wissenschaftlichen Paradigmenwechsel zum gefühlten 67. Mal erfindet und einfordert. Es sollte doch mittlerweile gut bekannt sein, dass Analogiebildungen Kernleistungen der Innovation sind, und dass sie zum Beispiel das kantische Philosophiesystem, eine der wichtigen Grundlagen der organischen Chemie (Benzolring) oder die Relativitätstheorie angestoßen haben. Die Umstellung von teleologischen Betrachtungsweisen auf strukturell-funktionale hat das ganze 19. und 20. Jahrhundert durchzogen. So richtig es also ist, was Dägling fordert, so wenig überraschend, so wenig revolutionär ist es.
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