17.08.2015

Lesen, Leseförderung

Nachdem ich mich über längere Zeit beim Begriff der Einbildung aufgehalten habe, bin ich nun Beisbarts Ausführungen zum Lesen gefolgt (Bausteine der Deutschdidaktik). Eigentlich ist dies ein recht langweiliges Kapitel, da ich mich bereits ausführlich damit beschäftigt habe (und es ist, nebenbei bemerkt, ganz gut, dass es so langweilig ist; denn eigentlich wollte ich alle dreißig Bausteine des Buches durchgearbeitet haben, bin aber derzeit erst beim zehnten).

Lexien

Trotzdem haben mich einige Formulierungen in dem neunten Kapitel, dem zum Lesen, angenehm überrascht. So geht Beisbart davon aus, dass das Lesen interaktiv verläuft. Die Feinheit bei dieser Darstellung ist allerdings, dass es nicht als ein Wechselspiel oder ein intimes Gespräch zwischen Text und Leser präsentiert wird, sondern als ein Wechselspiel zwischen der materiellen Seite des Struktur, also den Sätzen und Text(abschnitt)en, und der "psychosozialen" Seite der Struktur, also dem strukturierten Sinn.
Wer nicht so bewandert mit den philosophischen Begrifflichkeiten ist, wird vielleicht nicht ermessen, welch einen Unterschied es macht, ob jemand sich auf die Struktur eines Textes bezieht, oder auf den Text als Ding.
Jedenfalls kommt diese Darstellung des Lesens dem nahe, was Roland Barthes als Lexie bezeichnet:
"car le pas à pas, par sa lenteur et sa dispersion même, évite de pénétrer, de retourner le texte tuteur, de donner de lui une image intérieur : ... Le signifiant tuteur sera découpé en une suite de lexies, puisque ce sont des unités de lecture. Ce découpage, il faut le dire, sera on ne peut plus arbitraire [sic!] ... Le texte, dans sa masse, est comparable à un ciel, plat et profond à la fois, lisse, sans bords et sans repères; tel l'augure y découpant du bout de son bâton un rectangle fictif pout y interroger selon certains principes le vol des oiseax, le commentateur trace le long du texte des zones de lecture, afin d'y observer la migration des sens, l'affleurement des codes, le passage des citations." (S/Z Paris 1970, p. 19-20)
Ich übersetze:
"denn jenes Schritt für Schritt, durch seine Bummelei und auch sein Zerstreuen, verhindert das Eindringen in und die Rückkehr zum Kapitaltext, und so, von ihm ein inneres Bild zu präsentieren : ... Der kapitale Sigifikant wird entlang einer Folge von Lexien zerschnitten, die die zusammenwirkenden Teile der Lektüre bilden. Diese Einschnitte werden, dies muss gesagt sein, nichts als arbiträr sein ... Der Text, in seiner Masse, gleicht dem Sternenhimmel, eben und tief zugleich, fugenlos, ohne Küste und ohne Merkzeichen; wie der Augur in ihn, von der Spitze seines Stabes aus, ein erdichtetes Rechteck zeichnet, um darin gemäß gewisser Prinzipien den Flug der Vögel zu befragen, schreibt der Kommentator entlang der Länge des Textes Gebiete des Lesens ein, um die Wanderung des Sinns, das Aufblühen der Codes, die Durchreise der Zitate zu beobachten.
In diesem Spiel des Unterbrechens scheint also der Sinn auf; Lesen fügt (sich) ständig in den Text ein und erfüllt gerade dadurch dessen Bestimmung.

Konstruktionsleistungen

Dies ist aber nicht die einzige Passage, die mich an einen ganz anderen Text hat erinnern lassen. Auf S. 99 schreiben die Autoren:
"Im Sinne der Theorie der komplexen Konstruktionsleistung des Lesers ist es tragfähiger, von Fähigkeiten auszugehen, die ganz allgemein für Wahrnehmungsoperationen gelten: nämlich die Operationen der Unterscheidung, der Klassifizierung und der Zuordnung – in diesem Falle im Umgang mit Schriftzeichen …"
Dies allerdings bezeichnet ganz gut die drei Arten der Produktion, die Deleuze und Guattari in den Mittelpunkt ihres Buches Anti-Ödipus stellen (die, nebenbei gesagt, den drei Synthesen Kants entsprechen, auch wenn sie diese entstellen): der Produktion selbst mit ihrem "und dann ... und dann ...", der Distribution mit ihrem "... oder ..." und schließlich der Konsumption mit "das also ist jenes".
Und machen wir uns dies bildlich: dann ist das produktive Lesen jenes Vorwärtsgleiten entlang der Kette der Signifikanten, die Konsumption das Interpretieren dieser Kette entlang einer äußeren Ordnung, und die Distribution die Verteilung des Textes in ein vorgefertigtes Schema. Dreimal wird der Text aufgespalten, zerschnitten, und in diesem Zerschneiden wieder zusammengesetzt. Weshalb die Einheit von Produktion, Konsumption und Distribution die Produktion selbst ist.

Transmedialisierung

Schließlich schlagen die Autoren verschiedene Formen des Lesens und verschiedene Möglichkeiten vor, Operationen des Verstehens an Texten auszuprobieren. Nichts anderes bezeichnet aber der Begriff der Transmedialisierung. Diese setzt eine vorhandene mediale Form (zum Beispiel einen Text) in eine andere mediale Form um. Transmedialisieren, so verstehe ich Vilem Flusser, bezieht sich nicht auf ein rein physikalisches Medium, wie etwa einen Text, oder ein Bild, sondern auf eine Handlung die an einem bestimmten Medium ausgeführt wird. So ist das Abschreiben eines Textes eine Transmedialisierung, einfach, weil das Lesen des Textes und sein anschließendes Schreiben zwei verschiedene Medien bilden.
Dahinter steckt mehr als nur eine Phänomenologie der Medien; dies ist tatsächlich ein radikaler Konstruktivismus, insofern alles Operation ist und jedes Medium nur Zwischenstadium. Joanne Rowling hat keine Weltbestseller geschrieben, sie hat eine Zone des Transits und der Umbildung erschaffen, und seither ist Harry Potter, dank Millionen fleißiger Leser, in alle Winde und alle möglichen Medien zerstreut worden. Die Leser haben die Zone auf produktive Weise abgetragen, jeder für sich.

Und was der Deutschunterricht zu tun hat

Leseförderung bedeutet demnach, den Kindern Aufgaben zu stellen, die zunächst solche Umsetzungen in ein anderes Medium ermöglichen. So hatte ich damals in meiner Klasse eine Dose mit verschiedenen Anweisungen aufgestellt, die auf langen Pappstreifen geschrieben waren. Die Kindern durften diese, wenn sie noch genügend Zeit hatten, lesen. Die Anweisungen waren immer etwas Angenehmes. was die Kinder gerne taten. Sie setzten das geschriebene Wort in Handlungen um. Dies wäre eine Möglichkeit.
Eine andere Möglichkeit ist die Sammlung von Orten, die in einem Roman vorkommen, eine Aufgabe, die ich gelegentlich meinen angehenden Schriftstellern gestellt habe.
In diesem Sinne ist die Förderung des Leseverständnisses einfach jenes connect-I-cut, jenes verbindende Trennen, jenes schreibende Lesen, welches Roland Barthes vorstellt. Der Sinn wird in dieser Geste immer wieder neu erzeugt.

Man könnte sich hier dann lediglich noch Stufen der Komplexität bei der Leseförderung vorstellen: so wäre zu Beginn eine reine, und sagen wir ruhig, irgendwie geartete Umsetzung zu fördern, diese dann zu spezifische Anforderungen zu führen, um schließlich zu Aufgaben zu kommen, die ein mehrmaliges Lesen benötigen und eine je verschiedene Konstruktion des Sinns über je verschiedene Transmedialisierungen, ein "plurales" Lesen.
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