06.10.2012

Schriftstellerische Kreativität

Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich immer wieder an dem Begriff der Kreativität herumarbeite.
Kreativität ist ein schwieriges Wort, gerade auch deshalb, weil es eine Worthülse geworden ist, die im Alltag gar nicht mehr aufgefüllt werden kann. Mit anderen Worten: sie dient der Überredung, nicht der Überzeugung. Überredung soll heißen, dass man einen Menschen zu etwas bringt, was er gar nicht richtig begriffen hat. Und dementsprechend bedeutet Überzeugen, dass man einen Menschen etwas begreiflich macht, so dass dieser das als „vernünftig“ erkennt.
Ich habe mir vor einigen Monaten von Gabriel Tarde „Die Gesetze der Nachahmung“ zugelegt und wollte schon seit langer Zeit dazu etwas schreiben. Nun hat Udo Seelhofer mit seinem Blog  Alltagshirngespinste den zweiten Geburtstag gefeiert und mich um einen Gastbeitrag gebeten. Gestern habe ich ihn dann endlich fertig geschrieben: Die Kreativität der Schriftsteller.

Dieses Thema wird mich noch lange Zeit beschäftigen. Es ist ja nicht nur Gabriel Tarde, sondern auch Michael Bachtin (insbesondere sein Rabelais), Leroi-Gourhan (Hand und Wort) und Jakob von Uexküll (Theoretische Biologie), die mich derzeit sehr befruchten. Vergessen wir dabei nicht Adorno und Kant, Schopenhauer und Nietzsche, oder meine ganze Auseinandersetzung mit der Logik (Kant, Hegel, Dewey, Quine).
Außerdem hatte ich vor einiger Zeit schon mal angemerkt, dass ich mich wieder mehr mit der Kunst beschäftigen möchte. Und so kommen Max Raphael und Max Imdahl dazu.
Allerdings bin ich zur Zeit so sprunghaft, dass ich, wollte ich darüber schreiben, bei den Lesern nur Verwirrung stiften würde. Das schaffe ich manchmal ja schon, wenn ich für mich klare Gedankengänge darlege.

27.09.2012

Nester bauen, Vernetzungen und Kant

Immanuel Kant muss man langsam lesen. Oder, subjektiver gesagt: ich lese Kant mit äußerster Langsamkeit. Schnecken überholen mich.
In den letzten Wochen habe ich vor allem den § 59 aus der Kritik der Urteilskraft auseinander gepflückt. Das ist jener berühmte Absatz über das Symbol und die Hypotypose. Natürlich habe ich nicht nur diesen Absatz gelesen, sondern ihn mit anderen Stellen bei Kant vernetzt. So entstehen während der Lektüre Nester und Netze.
Derzeit hat sich mein Fokus auf die Einleitung in die Kritik der Urteilskraft verschoben. Auch hier entsteht ein Nest.


Solch langsames Lesen ist nicht nur eine gute Übung, um Sensibilität aufzubauen, sondern bewahrt einen auch vor allzu flachen und deshalb falschen Aussagen über Kant. (siehe dazu auch den Kommentar, den ich zu meinem Eintrag Praktische und theoretische Sätze — Kant und die gender-Theorie bekommen habe und meine Antwort darauf)

Nicht nur schwache Bauchmuskulatur

Heute Nachmittag hatte ich den Anruf einer Blog-Leserin. Sie lobte meine Ausführungen über die Verknüpfung von Biologie und gender-Theorie und erzählte mir dann folgende, drollige Geschichte:
Sie sei heute dummerweise mit einer Kollegin über die gender-Theorie ins Gespräch gekommen und diese Kollegin habe fürchterlich darüber geschimpft. Das sei alles nicht bewiesen und man wisse doch, dass der Mensch sich fortpflanzen müsse. Auf die Frage, ob sie denn selber Kinder bekommen wolle, antwortete diese Frau dann (und das hat meine Anruferin so erheitert): Ach nein, das käme für sie nicht infrage, das würde ihre Bauchdecke so ausleiern.
Meine Anruferin erzählte dann, dass sie den ganzen Nachmittag lachen musste. Ich übrigens auch.
Was sie in der Theorie ablehnt, praktiziert sie dann doch. Straffe Bauchdecken, die wichtiger als Fortpflanzung sind, sind ein Zeichen für eine nicht-biologische Geschlechtsidentität. (Übrigens habe ich nichts dagegen, dass diese Frau ihre straffe Bauchdecke behalten will. Darf sie.)

Die Sache mit dem Geschlecht. Und: Schwule Bundesliga-Profis

Danke an Sandra, deren Link ich mal aus dem Kommentar in einen Artikel setze:
Die Sache mit dem Geschlecht. Der Biologe Heinz-Jürgen Voss über das Begehren der Geschlechter

Auf derselben Internetseite habe ich noch folgenden Link gefunden:
Interview mit Ina Hartwig über Sexszenen in der Literatur
Unter anderem geht es um die poetische Bewertung von „Shades of Grey“.

Und etwas recht erstaunliches. Bild-online veröffentlicht diesen Artikel:
Mutiges Interview. Hier spricht ein schwuler Bundesliga-Profi

Dagegen finde ich den Spruch, mit dem Angela Merkel dann zu diesem Thema zitiert wird, etwas weltfremd. Sie hat (angeblich) gesagt, dass „Angst vor einem Outing … unnötig“ sei (siehe allerdings das Video in seinem tatsächlichen Wortlaut). Seit einiger Zeit gibt es ja sogar in Berlin im doch als „Schwulen Stadtteil“ bezeichneten Schöneberg immer wieder Übergriffe auf Schwule. Die Frage ist also, ob die Angst „unnötig“ ist, wenn die alltäglichen Erfahrungen etwas anderes sagen.

26.09.2012

Praktische und theoretische Sätze - Kant und die gender-Theorie

Eigentlich wollte ich die gender-Theorie jetzt mal wieder ein wenig zurückfahren. Abgesehen davon, dass ich auch noch andere Sachen interessant finde, ist es doch recht langweilig, immer wieder die gleichen Argumente und die gleichen Blindheiten auseinanderzupflücken. Und meist nützt es ja auch gar nichts. Mein Einwand mit der Neuroplastizität interessiert die Biologisten gar nicht und wann immer ich dieses Argument bringe, wird es geflissentlich ignoriert. Was mich nur vermuten lässt, dass die Biologisten gar nicht an einer biologischen Fundierung der gender-Theorie interessiert sind, sondern nur an deren Entstellung.

Praktische und theoretische Sätze

Nun habe ich aber bei Kant eine recht hübsche Stelle gefunden, die ebenfalls gut auf ein Problem vieler Menschen mit der gender-Theorie antwortet. Es ist keine ganz einfache Passage und zurzeit traue ich mir nur zu, hier Tendenzen anzugeben. Noch immer ist mir die Begrifflichkeit von Kant zu fremd, noch immer auch sein gesamtes Gedankengebäude. Trotzdem!
Was also wird missverstanden an der gender-Theorie? Es ist das Problem des Verhältnisses von praktischen und theoretischen Sätzen. Sehr kurz gesagt sind praktische Sätze solche, was ich mit einem Ding tun kann und welche Folgerungen das haben wird. Die theoretischen Sätze dagegen sind solche, die die Prinzipien, Gesetze und Regeln eines Fachgebietes beschreiben (Seite 11).
Um dies anschaulich zu machen: wenn ich einen Apfel nehme und diesen loslasse, wird er zu Boden fallen. Dies ist die Praxis. Die Theorie dahinter ist, dass es ein Gesetz von der Anziehungskraft der Massen gibt. Nun gibt es aber einen deutlichen Unterschied zwischen dem Gesetz und der bloßen Tatsache, dass der Apfel zu Boden fällt. Hier wird dann häufig folgendermaßen argumentiert: der Apfel fällt zu Boden, weil die Schwerkraft auf ihn wirkt. Dieser Satz ist allerdings insofern falsch, als die Schwerkraft keine Ursache ist. Die Schwerkraft wirkt immer und sie verändert sich auch nur dann, wenn die sich anziehenden Körper sich verändern. Ursache dafür, dass der Apfel fällt, ist also nicht die Schwerkraft, sondern dass ich ihn loslasse, also eine der Schwerkraft entgegenstehende Kraft „entferne“.
Deshalb bemerkt Schopenhauer irgendwo mal sehr richtig, dass Naturgesetze nichts bewirken, sondern sich in Kausalitäten ausdrücken. Und genau dies macht auch den Unterschied zwischen Prinzipien und Kausalitäten aus.
Mit anderen Worten: dass Äpfel zu Boden fallen, wenn sie sich vom Baum lösen, ist ein praktischer Satz; das Gesetz der Anziehung von Körpern dagegen ist ein theoretischer Satz.

Psychologische und sittliche Grenzen

Nun diskutiert Kant dies aber nicht nur im Bereich der Naturwissenschaften, sondern auch der Psychologie (Seite 13). Und hier bringt er den Begriff der Freiheit ins Spiel. Dabei verkomplizieren sich die Dinge etwas. Denn zum einen sagt Kant, dass das Wissen um die Möglichkeit, menschliche Zustände hervorzurufen, „aus der Beschaffenheit unserer Natur entlehnt werden“ (Seite 13) müssen; und zum anderen seien die Bestimmungen der Handlungen, welche nicht aus der Natur abgeleitet werden, der „Idee der Freiheit“ (Seite 13) verpflichtet.
So haben wir hier zwei Grenzen, die das menschliche Um-Sich-Selbst-Sorgen definieren, einmal die psychologischen und einmal die sittlichen. Die psychologische Grenze, und seien wir hier mal großzügig und rechnen die biologischen gleich mit dazu, kann der Mensch nicht überschreiten. Die sittlichen soll er nicht überschreiten.
Beide Bereiche jedoch lassen sich individuell auffüllen. Dass der Mensch die biologisch-psychologischen Grenzen nicht überschreiten kann, heißt noch lange nicht, dass er alle Möglichkeiten, die er hat, realisieren muss. Jeder Mensch zum Beispiel hat die Fähigkeit, Flöte zu spielen. Trotzdem spielt nicht jeder Mensch Flöte und bei den meisten sind wir sicherlich auch nicht böse darum. Dafür können diese Menschen etwas anderes. Dasselbe gilt für den sittlichen Bereich. Was der eine durch Zuhören und Beraten einem anderen Menschen empfehlen möchte, macht ein anderer durch ein mehr oder weniger liebevolles Hineinstoßen in eine Situation für eine deutliche Entscheidung.

Kausalität und Ausdruck

Halten wir also zunächst fest: Prinzipien und Gesetze bewirken nicht Veränderungen in der Realität, sondern in diesen Veränderungen drücken sich Prinzipien und Gesetze aus. Das gilt übrigens auch für die Gesetze der Evolution. Diese hat nicht die Zweigeschlechtlichkeit zahlreicher höherer Lebewesen bewirkt, sondern in der Zweigeschlechtlichkeit erscheinen die Prinzipien der Evolution.
Halten wir weiterhin fest, dass der psychologische Bereich von zwei Grenzen umfasst wird: dem, was der Mensch kann, und dem, was er soll. Und halten wir auch fest, dass diese beiden Bereiche nicht deckungsgleich sind. Der Mensch kann einen anderen Menschen umbringen. Das ist eine empirische Tatsache. Aber darf er das auch?

Geschlechtsidentität und Sittlichkeit

Als die Homosexualität noch kriminalisiert war, war die Frage ja nicht: können zwei Männer (oder zwei Frauen) miteinander Sex haben? Empirisch gesehen natürlich ja. Die Frage lautete vielmehr: dürfen sie das auch? Und hier war die Antwort (der Gesetzgeber): Nein, das dürfen sie nicht!
Auch heute noch haben wir Geschlechtsidentitäten, die die Gesellschaft nicht einfach hinnimmt und gegen die Gesetze erlassen werden. Gender (und ich rede jetzt von den empirischen Ausprägungen, nicht von der Theorie) ist ein empirisches Konzept, gehört also in das, was Kant den psychologischen Bereich nennt. Und hier finden wir ebenso Päderasten und Vergewaltiger, Sadisten und Masochisten. Gerade in den ersten beiden Fällen kann man diese sehr eindeutig außerhalb des sittlichen Bereiches einordnen. Der Geschlechtsverkehr mit Kindern ist ebenso verboten wie der erzwungene an erwachsenen Menschen.

Freiheit und geschlechterspezifische, sittliche Grenzen

So wie es innerhalb des psychologischen Bereiches Freiheiten gibt, so gibt es innerhalb des sittlichen Bereiches Freiheiten.
Hier nun deutet Kant eine weitere Unterscheidung an: zwischen den Regeln, die sittlich vertretbar sind und den Regeln, die individuell günstig sind. Individuell günstige Regeln werden zum Beispiel in der Ratgeber-Literatur gegeben. Dort steht dann: „wenn du deinen Chef beeindrucken willst, dann mache X, Y und Z“. Die sittlichen Regeln dagegen können solche Ratschläge nicht geben. Sie können nur bestimmen, ob man seinen Chef beeindrucken darf oder nicht. (Die psychologischen Regeln würden sagen, ob man seinen Chef beeindrucken kann oder nicht.)
Was nun hat das alles mit der gender-Theorie zu tun?
Nun, das dürfte klar sein. Die gender-Theorie beschreibt nicht, wie die einzelne Frau zu leben hat  (und natürlich auch nicht der einzelne Mann), sondern sie untersucht den sittlichen Bereich und ob die Grenzen, die diesem auferlegt werden, gerechtfertigt sind. Vor allem aber untersucht sie, ob verschiedene individuell günstige Regeln zu verschiedenen Ansichten über die sittlichen Grenzen führen. Zum Beispiel, woher die Idee kommt, dass Frauen bei gleicher wissenschaftlicher Qualifikation für Leitungspositionen trotzdem nicht so geeignet sind, wie Männer. Dies ist zwar keine scharfe, sittliche Grenze, aber etwas ähnliches.
So können wir hier, in einer leider recht unpräzisen Lektüre von Kant, das Raster aufstellen, was die gender-Theorie, aber auch eigentlich jede Wissenschaft der Moral, problematisiert und problematisieren muss: das, was ein Mensch kann (biologisch-psychologisch), das, was er soll (moralisch-rechtlich) und das, was er will (individuell). Problematisiert werden muss dieses Raster, weil in der Praxis der Zusammenhang zwischen diesen Bereichen immer wieder vermischt wird. Ob zwei Männer miteinander Geschlechtsverkehr haben, ist dabei zum Beispiel überhaupt keine biologische Frage. Empirisch gesehen geht das. Auch individuell ist das kein Problem. Solange die beiden Männer wollen, liegt dies außerhalb des Bereichs individueller Ratschläge. Nur der sittliche Bereich ist fraglich.

Verwirrung der Argumentationen

Der Biologismus versucht nun, die Grenzen dieses sittlichen Bereiches durch die Argumentation mit Naturgesetzen zu verschieben. Dies kann aber nur dann gelingen, wenn man zum Beispiel den Frauen nachweisen kann, dass sie etwas gar nicht können, was Männern möglich wäre. Und natürlich umgedreht.
Solche Fälle gibt es. Siehe Schwangerschaft. Liegt aber auch daran, dass der Mann keine Gebärmutter hat. Es gibt aber viele Männer, die gut zuhören können. Vielleicht kann man tatsächlich sagen, dass Männer zunächst von ihrer Grundausstattung darin nicht so fit sind. Aber man kann ebenfalls sagen, dass Zuhören nicht außerhalb der psychologischen Grenzen des Mannes liegt. Der Mann kann also und es ist wohl auch unbestreitbar, dass er soll. Bleibt dann nur noch die Frage, ob er will.
Wir können heute allerdings von einer noch komplizierteren Situation ausgehen. Die Theorie vom Kompetenzaufbau sagt uns, dass zwar über längere Zeit hinweg Fähigkeiten aufgebaut werden können, aber diese nicht einfach so vorhanden sind, nur weil ich das möchte. Es gibt im Willen also zwei Bereiche. Der eine Bereich bestimmt, was ich lernen und dann können möchte, der andere Bereich, was ich aktuell zeigen will.
Dieses Argument mit der Kompetenz ist auch deshalb so wichtig, weil eine durch die Kultur verursachte geschlechterspezifische Bequemlichkeit zu fehlenden Kompetenzen führt, die dann biologisch ausgelegt werden. So dürfte es psychologisch gesehen überhaupt keinen Unterschied bei den mathematischen Fähigkeiten von Jungen und Mädchen geben. Empirisch gesehen gibt es die allerdings (immer noch). Und wenn hier keine psychologischen Grenzen angetastet werden, dann muss es sich um Grenzen des Kompetenzaufbaus handeln und wie diese gesellschaftlich etabliert werden. Sittlich gesehen kann mathematische Kompetenz sowieso nicht infrage gestellt werden.

Fazit

Es ist leider ein grobes Raster. Trotzdem taugt es erstmal dazu, deutlich zu machen, warum die gender-Theorie in ihrem Anspruch richtig und wichtig ist. Und halten wir fest: es geht um die Trennung der Argumente, sofern diese unterschiedliche Bereiche betreffen und es geht um eine vorsichtige, d.h. vor allem nicht-deterministische Verknüpfung dieser Bereiche. Diese Bereiche sind, in Anlehnung an Kant: der biologisch-psychologische, der sittliche und der individuelle.
  • Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Frankfurt am Main 1974

24.09.2012

Lamarckismus. Noch einmal: Die Elefanten meines Bruders

Letzte Woche habe ich mich, bevor ich mich ins Wochenende verabschiedet habe, mit einem Blog-Eintrag auf dem Blog Geschlechtsverwirrung beschäftigt. Es ist der letzte Eintrag dort, vom 26. Februar 2011. Und ich begrüße es, dass der Autor seinen Blog eingestellt hat, verbreitet er nämlich recht seltsame, biologische Ansichten.

Evolution und Vernunft

Man muss immer vorsichtig sein, wenn jemand mit der Evolutionstheorie argumentiert und hier Zielsetzungen der Evolution einführt. Dann landen wir nämlich beim Lamarckismus. Knapp gesagt behauptet dieser, dass sich eine Art X deshalb so entwickele, damit sie eine bessere Chance zum Überleben hat.
Der klassische Fall ist die Giraffe. Damit die Giraffe an die höheren Blätter der Bäume herankommt, lässt sie sich einen längeren Hals wachsen.
Einwand Darwins: zu einer solchen zielgerichteten Veränderung ist die Evolution nicht fähig. Darwin entwirft also eine Alternative. Bei den ursprünglichen Giraffen (denen mit einem kurzen Hals) gab es schon immer eine gewisse Streubreite, was die Länge des Halses angeht. Wurde die Nahrung knapp, dann hatten all die Giraffen, die einen etwas längeren Hals hatten, einen Selektionsvorteil. Über diesen Selektionsvorteil haben sich nach und nach Giraffen mit (noch) längeren Hälsen herausgebildet. Und so ist es irgendwann zu unseren heutigen Giraffen gekommen.
Die Evolution ist, wie der amerikanische Evolutionsbiologe und Anthropologe Stephen Jay Gould schreibt, eine dumme Evolution. Sie ist natürlich deshalb dumm, weil sie nicht planen kann. Deshalb heißt die Evolution ja auch Evolution und nicht Bewusstsein. Der Lamarckismus unterstellt der Evolution noch eine Art Vernunft.

Ziele in der Evolution

Nun argumentiert der Autor von Geschlechtsverwirrung so, dass die Evolution die Zweigeschlechtlichkeit entwickelt habe, damit Mann und Frau sich fortpflanzen. Hier begeht er dann gleich zwei Fehler.
Erstens hat die Evolution sich nicht hingesetzt und sich gesagt, es müsse doch nochmal eine andere Art der Fortpflanzung als Zellteilung oder Abknospung geben, sondern die Zweigeschlechtlichkeit hat sich im Laufe der Evolution als günstig für das Überleben der Arten erwiesen. Dabei müssen wir aber sehr deutlich darauf achten, was hier Überleben heißt. Wo liegt der Vorteil der Zweigeschlechtlichkeit? Er liegt darin, dass eine Art eine größere Streubreite an Variationen erzeugen kann. Wenn sich ein Polyp einfach nur abknospt, ist dieser neue Polyp genidentisch. Bei einer Änderung der Umwelt zu Ungunsten der Polypen, kommt es dann bei beiden zu einer eher negativen Selektion. Durch die Zweigeschlechtlichkeit können sich aber bei Umweltänderungen plötzlich Selektionsmerkmale ergeben, die eine bestimmte Variation innerhalb der Art begünstigen. Andere Variationen dagegen werden nicht begünstigt. Es gab sicherlich auch Urgiraffen, die einen kürzeren Hals hatten und von denen weiß man heute nichts mehr. Die Evolution hat sie sozusagen wegselegiert.
Wenn es also eine Funktion der Zweigeschlechtlichkeit in der Evolution gibt, dann nicht die der Fortpflanzung, sondern der größeren Variationsbreite der Nachkommen. Dass dafür die Fortpflanzung nötig ist, ist natürlich klar. Nur, und ich sage es noch einmal, hat die Evolution das nicht geplant.
Der erste Fehler ist also, in die Evolution eine Teleologie einzuführen. Das war der Fehler von Lamarck. Und es war Charles Darwin, der diesen Fehler korrigiert hat.

Art und Exemplar

Der zweite Fehler des Autors ist die Verwechslung von Art und Exemplar.
Dass es für eine Art günstig ist, zweigeschlechtlich zu existieren, heißt noch lange nicht, dass das einzelne Exemplar sich fortpflanzen muss. Es heißt auch nicht, dass das einzelne Exemplar zu zweigeschlechtlichem Sex verpflichtet ist, rein biologisch.
Es gibt zum Beispiel in der Löwenpopulation immer einen Überschuss an Männchen, die keine Weibchen abbekommen. Das sind dann Löwen ohne Sex. Evolutionär gesehen scheint sich dies deshalb entwickelt zu haben, weil bei den Kämpfen um ein Rudel das stärkste Männchen gewinnt und so den Löwen (als Art) langfristig einen Vorteil verschafft. Die Evolution nimmt hier also die Nicht-Fortpflanzung "in Kauf". Nun kann man Menschen nur schlecht mit Löwen vergleichen. Dazu unterscheidet sich der Mensch doch zu deutlich von diesen Großkatzen. Und er unterscheidet sich auch relativ deutlich von allen anderen Tieren. Der Mensch ist zum Beispiel in der Lage, massenhaft und systematisch Entwicklungen in die Zukunft hinein zu planen. Natürlich sind diese Planungen nicht per se gut. Auch sie unterliegen sozusagen evolutionären Bedingungen (wer sich hier für eine sehr ausgefeilte, neodarwinistische Position in der Soziologie interessiert, dem sei das dritte Kapitel aus Niklas Luhmann Spätwerk Die Gesellschaft der Gesellschaft empfohlen).
Jedenfalls ist der Kurzschluss von evolutionären Entwicklungen innerhalb einer Art auf die Lebensweise eines einzelnen Exemplars immer bedenklich. Und bei Menschen kommt noch dazu, dass das Gehirn ein dermaßen plastisches Organ ist, dass es sehr rasch Entwicklungen in der Umwelt aufgreifen und auf diese reagieren kann, d.h. die Umwelt dann wieder zu den eigenen Gunsten beeinflusst.
Es ist also völlig daneben, wenn der Autor schreibt:
Kein seriöser Biologe oder Mediziner oder Physiologe wird über Geschlechtsunterschiede sprechen, ohne dabei den evolutionären Zweck der Zweigeschlechtlichkeit, die Fortpflanzung, zu bedenken.
Ja, auch bei Menschen führt die Zweigeschlechtlichkeit zur Fortpflanzung und die Fortpflanzung mithilfe der Zweigeschlechtlichkeit zu einer größeren Variationsbreite unter den Nachkommen. Aber der evolutionäre Zweck (sofern man überhaupt Zweck sagen darf) ist nicht die Fortpflanzung: diese ist ein Mittel und der „Zweck“ ist die Variationsbreite im genetischen Material der Nachkommen. So weit, so biologisch.

Neuroplastizität und Kultur

Die Evolution hat uns eben auch mit einem extrem plastischen Gehirn versorgt. Und auch das hat sie nicht getan, damit wir heute Aktienkurse interpretieren, Bücher lesen oder seltsame Blogeinträge schreiben. Die Evolution ist, wie gesagt, dumm. Sie verfolgt keine Ziele. Die hohe Neuroplastizität des menschlichen Gehirns ist also keine Absicht gewesen. Aber sie ermöglicht uns heute tausenderlei Dinge. Sollten wir diese deshalb nicht tun, nur weil die Evolution sie nicht „gewollt“ haben kann?
Der Autor kann also nicht über seriöse Biologen usw. sprechen, wenn er selbst nicht in der Lage ist, zu erkennen, was eine seriöse Argumentation aus der Sicht moderner evolutionärer Forschung ist.

Und zum Schluss:

Die Teleologisierung ist nicht nur evolutionsbiologisch sehr bedenklich, sondern auch ein hervorragendes Mittel für den Humor. In seinem Roman Die Elefanten meines Bruders führt der Autor Helmut Pöll dies ganz wundervoll vor (ich habe den entsprechenden Satz hier kursiv gesetzt):
Meine Mutter wirkte gestresst und redete kein einziges Wort mit mir während der ganzen Fahrt. Vielleicht hatte sie einen Migräne-Schub. Erwachsene haben ja oft Migräne. Das kommt, wenn das Hirn nicht mehr so leistungsfähig ist wie bei einem Kind. Dann warten die Erwachsenen auf schlechtes Wetter und bekommen Migräne.
Und das ist doch nun wirklich ein witziger Einfall: die Natur hat das schlechte Wetter erfunden, damit Erwachsene Migräne bekommen. Das ist doch genauso schön, wie die Idee, dass die Evolution die Zweigeschlechtlichkeit entwickelt habe, damit wir über Homosexuelle schimpfen können.
In diesem Sinne wünsche ich euch einen fröhlichen Wochenanfang.

20.09.2012

Frauenhirne, Männergelaber, oder: ich ergänze einen dämlichen Kommentar durch eine intelligente Replik

Zu meinem Artikel Sind Frauen zu doof zu schreiben? schrieb Anonymus folgenden Kommentar:
Es ist seltsam, dass zwar über das Vorhandensein von Unterschieden, seien diese groß oder klein, immer wieder diskutiert wird, aber über die Bedeutung einer gegenseitigen Ergänzung kaum etwas zu hören ist.
Frauen haben z. B. mehr graue Zellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn: „Frauen können die einen Dinge besser, Männern die anderen; wir müssen lernen, einander zu helfen“.
Damit und mit weiteren Unterschieden in den männlichen und weiblichen Gehirnen ist eine optimale Ergänzungsmöglichkeit der beiden Geschlechter trotz Konfliktstoff gegeben; Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen (siehe Buch „Vergewaltigung der menschlichen Identität; über die Irrtümer der Gender-Ideologie“)
Hier zeigt sich das ganze Elend  von Menschen, die eigentlich keine Ahnung haben, worum es Judith Butler, Luce Irigaray oder oder oder geht. Dementsprechend ist die Argumentation eigentlich auch völlig sexistisch und, so muss man weiter konstatieren, auch nicht naturwissenschaftlich.

(1) Judith Butler zum Beispiel behauptet nicht, dass der Körper von Frauen und Männern keinerlei Rolle spielt. Sie schreibt, äußerst vorsichtig, dass es keinen Determinismus, keine Kausalität zwischen dem biologischen und dem kulturellen Geschlecht gibt. Sie spricht aber hier vom Determinismus. Das muss man hören. Sie spricht nicht davon, dass das biologische Geschlecht keinen Einfluss auf das kulturelle Geschlecht hätte. (Siehe: Das Unbehagen der Geschlechter, Seite 23)

(2) Dass Feministinnen unkritisch seien, mag folgende Stelle aus dem selben Buch (Seite 33)  widerlegen: „Die feministische Kritik muss einerseits die totalisierenden Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie untersuchen, aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des Feminismus selbstkritisch bleiben.“

(3) Der Begriff der Ergänzung, den der Autor in seinem Kommentar benutzt, wird unkritisch gebraucht. Ergänzen können sich auch Sklavenhalter und Sklave, Fuchs und Maus, Nazi und Jude. Das kommt auf den Rahmen an. Könnte die Maus sprechen, dann würde sie sich dagegen wehren, dass der Fuchs sie ergänzt. Der Ökologe, der dieses System allerdings von außen betrachtet, findet die allerschönsten Sinuskurve der Populationsentwicklung und spricht durchaus mit einem gewissen Recht von Ergänzung. Ergänzt eine schöne, aber dumme Frau einen reichen Mann? Auch wenn diese beiden miteinander glücklich sind?

(4) Der Kommentator reduziert. Es ist für gewöhnlich so, dass zwei verschiedene Menschen etwas unterschiedliches können. Ob sich das auf die Differenz der biologischen Anlagen subsumieren lässt, bleibt fraglich. Mehr als fraglich!

(5) Der Kommentator schreibt: „Frauen haben z. B. mehr graue Zellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn“ und schließt daraus messerscharf „Frauen können die einen Dinge besser, Männern die anderen; wir müssen lernen, einander zu helfen“. Das ist neurophysiologisch gesehen allerhöchstens eine dubiose Hypothese. Zwischen den Gehirnzuständen und den Fähigkeiten eines Menschen konnten bisher nur sehr sporadische, keinesfalls aber klar deterministische Zusammenhänge festgestellt werden. Wie der Geist aus der Nervenstruktur entsteht, ist bis heute immer noch eine Spekulation. Rein empirisch mag der erste Satz richtig sein. Dass der zweite Satz daraus folgt, lässt sich nicht empirisch beweisen. Dass Frauen und Männer einander helfen sollen, ist natürlich ein schöner Wunsch. Aber einerseits ist „helfen“ schon wieder so eine Worthülse; und andererseits dies auf Biologie zurückzuführen, statt auf eine Ethik, schon recht dummdreist.

(6) "Damit und mit weiteren Unterschieden in den männlichen und weiblichen Gehirnen ist eine optimale Ergänzungsmöglichkeit der beiden Geschlechter trotz Konfliktstoff gegeben" — und man muss sich fragen, wie doof denn nun das ist? Was soll das denn heißen: optimal? Wer bestimmt denn diesen Wert des Optimalen? Legen wir das ganze noch einmal tiefer: was ist denn die Ergänzung daran, wenn das weibliche Gehirn mehr Nervenzellen besitzt als das männliche? Kann man hier überhaupt von einer Ergänzung sprechen oder ist das nicht einfach nur eine empirische Feststellung, die zu einem rein quantitativen Vergleich führt, der dann eher mathematisch als biologisch ist?

(7) Und was soll schließlich dieses „trotz“? Gehören Konflikte nicht zum Leben und zum Miteinander dazu? Oder sind diese kontrafaktische und damit eigentlich überflüssige soziale Erscheinungen? Dies scheint der Kommentator zu suggerieren. Das Idyll, der rousseauistische Zustand als Ideal? Grusel!

(8) Gleichzeitig werden Freundschaften, Elternschaften, aber auch homosexuelle Beziehungen als "optimale Ergänzungsmöglichkeiten" ausgeschlossen. Mein bester Freund und ich ergänzen uns (manchmal) hervorragend. Ich erzähle wirres Zeug über Kant und er hört zu, grinst und erinnert mich daran, dass es mehr auf der Welt gibt als die Kritik der Urteilskraft.
Und warum ergänzen sich zwei Männer, die sich lieben, nicht, jedenfalls nicht optimal? Geht das nicht? Ist das biologisch ausgeschlossen? Oder läge das vielleicht sogar daran, dass Homosexuelle doch irgendwie "pervers" seien?

Der Kommentator macht eine biologistische Hierarchie auf, die sich nur dann aus biologischen und neurophysiologischen Tatsachen ableiten lässt, wenn man sein Wissen aus dubiosen Machwerken zusammengeklaubt hat. Ein Buch wie von Gerhardt Roth Denken, Fühlen, Handeln gibt solche Kurzschlüsse nämlich garnicht her.
Fragen also über Fragen. Jedenfalls wird man mit solch übersimplifizierenden Aussagen nur wieder dort landen, wo die Kultur gerne ankommt: bei der Herrschaft der Schreier und Plärrer.

Übrigens habe ich nichts dagegen, hier auch feministische Aussagen anzugreifen, wenn diese, wie Judith Butler schreibt, "eine totalisierende Geste" darstellen. Und zeigt auch die Priorität des guten Feminismus. Er wendet sich nicht gegen Männer, nicht gegen die Biologie der Frau, sondern gegen die Simplifizierung.
Und in diesem Sinne bin ich ein hervorragender Feminist und jener Anonymos liefert einen kleinen, sexistischen und äußert vertrottelten Kommentar.

Geschichten ohne Konflikt

Gibt es Geschichten ohne einen Konflikt?
Vor zwanzig Jahren habe ich von Adalbert Stifter den Roman Nachsommer gelesen, der eine Art Idylle darstellt. Soweit ich mich erinnern kann, ist dieser Roman überhaupt nicht konflikthaft, sondern ein idealisierter Bildungsromans, das Heranwachsen eines jungen Mannes in einer vollkommen naturhaft-harmonischen Umgebung.
Was habe ich mich (damals und wahrscheinlich auch heute) gelangweilt!

Aber auch das sind Wahrnehmungsgewohnheiten. Ich habe das miterleben dürfen, als ich Abenteuerromane auseinandergepflückt habe. Vorher habe ich eigentlich sehr gerne Fantasy gelesen, aber auch Krimis. Das reizt mich heute gar nicht mehr zur Unterhaltung. Ich bin beim Lesen zu wenig in der Welt drin und achte zu viel auf die Kommunikation zwischen Autor und Leser. Und dann klappt natürlich dieses ganze Ding mit der Spannung nicht mehr.

Holländische Riesenlasagne

Der Anbau ans Stedelijk Museum in Amsterdam ist von den Amsterdamern bereits Badewanne getauft worden. Für mich sieht dieser eher aus wie ein riesiger Lasagnetopf, wie man ihn bei Aldi kaufen kann, bloß eben nicht so groß.

Im übrigen kann man hier, wie bei dem Thema Inklusion, gut sehen, dass der Kampf um den Wert einer Sache, sei es hier postmoderner Architektur, sei es ein gesellschaftsstrukturelles Thema, sich auf der Ebene der Konnotation abspielt. So schreibt Hans-Joachim Müller in der Welt online:
Man wird in Amsterdam nichts entdecken, worauf die ridiküle Gebäudeform Bezug nehmen könnte, nichts, was auf die Museumsfunktion weisen oder zwingend aus ihr resultieren würde. Mels Crouwel stellt sein neues Haus vor das alte, beide haben optisch nichts miteinander zu tun. Aber in der Art, wie das Museum aus dem Jahr 2012 vor dem Museum aus dem Jahr 1895 gestikuliert, degradiert es den Altbau zum bloßen Anhängsel, zum allenfalls brauchbaren Kunstcontainer, der selbst keinerlei Darstellungsqualitäten mehr besitzt.
Das Gebäude selbst, nun ja, schauen Sie es sich an.
Formulierungen wie „auf die Museumsfunktion weisen“, „haben optisch miteinander zu tun“, „zum Anhängsel degradieren“ verweisen auf konnotative Effekte. Wir brauchen solche Konnotationen, um Bezüge herstellen zu können. Aber sie weisen auch gleichzeitig auf eine Tendenz hin, solche Bezüge zu interpretieren und können selbstverständlich dann auch wieder „umkonnotiert“ werden.
Mit anderen Worten: was hätte Garfield zu diesem Anbau gesagt?

Infodumping, Suggestion und semantische Nähe

Informationen sind schick und sie gehören auch in eine Zeitung hinein. Nicht zuletzt aber bei Bettina Wulff sehen wir, dass sich Meinungen plötzlich Tatsachen schaffen. Das war schon immer so und das wird wohl auch immer so sein.
Nun finde ich auf Spiegel online folgenden Abschnitt zum „Missbrauchsskandal“ in Ahrensburg (Nebenbemerkung: dieses Wort Missbrauchsskandal kann ich schon überhaupt nicht leiden: es suggeriert ja, dass es einen Missbrauch ohne Skandal gäbe):
Anselm Kohn vertritt seit vielen Jahren die Belange der Missbrauchsopfer und ihrer Angehörigen in Ahrensburg. Drei seiner Brüder wurden Kohn zufolge Opfer des heute 74-jährigen Pastors. Zwei von ihnen sind inzwischen gestorben.
Wenn man sich den letzten Satz gut durchdenkt, dann gibt dieser eine Information, die nicht in den Kontext passt. Offensichtlich haben die beiden Tode nichts mit dem Missbrauch zu tun. Oder es wird nicht gesagt. Jedenfalls gibt es keinen argumentativen Zusammenhang. Es gibt jedoch einen suggestiven.
Durch die räumliche Nähe, aber auch dadurch, das sowohl Missbrauch als auch Tod eines Anverwandten; mit „Schrecken“ assoziiert werden, „Unglück“, „schlimm“, usw. stehen sie sich auch semantisch nahe. Räumliche Nähe und semantische Nähe sind also zwei wesentliche Strategien, um Argumentationen durch Suggestionen zu ersetzen. Was suggeriert nämlich der letzte Satz in dem von mir zitierten Abschnitt? Dass die Brüder infolge des Missbrauchs gestorben sind.
Dass dies natürlich nicht immer klappt, dass diese Suggestion nicht automatisch entsteht, liegt daran, dass manche Menschen Lesemuster besitzen, die entweder diesen suggestiven Zusammenhang aufbrechen oder ihn ignorieren. Im ersten Fall ist der Mensch zu „intelligent“ für diese Suggestion, im zweiten Fall zu „doof“.
Dies alles spricht übrigens noch nicht gegen die Suggestion. Langjährig gewusstes Wissen hat immer einen suggestiven Charakter. Wir ergänzen uns sozusagen aus dem Kopf heraus die fehlenden Argumente. Und auch dieser Fall der Suggestion ist eher banal.

Semantische Nähe

Der Begriff der räumlichen Nähe ist natürlich schon ein Unding, da Nähe immer etwas mit dem Raum zu tun hat. Dies ist ein Pleonasmus. Allerdings nicht ganz. Denn der Begriff der semantischen Nähe benutzt das Wort Nähe als Metapher. Der Pleonasmus deutet darauf hin, dass ich mich von diesem metaphorischen Gebrauch abgrenzen wollte.
Was nun bedeutet semantische Nähe? Der eigentliche Begriff ist hier Konnotation. Konnotation bedeutet im weitesten Sinne einen gewohnheitsmäßiger Zusammenhang, also eine Assoziation. Zunächst! Die Konnotation bezieht sich auf Texte und hier nicht auf den wörtlichen Sinn, sondern auf das, was mit notiert wird, was zwischen den Zeilen steht.
Sehen wir uns einige typische Konnotationen an:
(1) Trägt eine Frau ein Diamantcollier, dann konnotiert das Reichtum. Natürlich können wir diesen Reichtum nicht sehen, nicht als solchen. Er veranschaulicht sich in „Accessoires“, die teuer und luxuriös sind.
(2) Eine sehr wichtige Form der Konnotation ist der Kontrast, bzw. die Opposition. Der Kontrast entsteht durch einen sinnlichen Unterschied. Sage ich „schwarz“, wird bei Ihnen häufig das Wort „weiß“ auftauchen, vielleicht nicht als allererste Assoziation. Aber häufig genug.
Nun ist der Trick bei der ganzen Geschichte, dass diese Kontraste zwar rein sinnlich erscheinen, aber durchaus kulturell zusammen geschweißt sind. Sie erzeugen weitere Assoziationen, wie zum Beispiel Schachspiel (mit dieser Verbindung spielt Max Frisch zum Beispiel in seinem Homo Faber intensiv). Oder Schwarz-Weiß-Denken (da das Denken keine Farbe hat, handelt es sich hier um eine metaphorische Wendung).
Semantische Oppositionen sind kulturell geprägte Entgegensetzungen. In den westlichen Kulturen wurden Leben und Tod gerne als Gegensätze verstanden, in den schamanistischen, hinduistischen und buddhistischen dagegen nicht.
Eine sehr hübsche Opposition ist zum Beispiel die zwischen CDU und SPD. Diese beiden Parteien werden immer noch als die großen Kontrahenten in unserem politischen System betrachtet. Wobei doch jedem halbwegs intelligenten Menschen auffallen muss, dass ein solch komplexes System wie eine Partei sich gar nicht auf einen großen Nenner bringen lässt. Und gerade beim derzeitigen Zustand dieser beiden Parteien kann man auch gar nicht mehr richtig sagen, wo die tatsächlichen Unterschiede liegen und wo sich diese beiden Parteien ideologisch wirklich abgrenzen lassen. So kippen manche Oppositionen in eine Kontinuität oder Abschattierung um.
(3) Schließlich gibt es gewohnheitsmäßige, kulturell gepflegte Gruppierungen. Wer derzeit Bettina Wulff sagt, assoziiert fast sofort Rotlichtmilieu. Diese Gruppierung wird massenweise benutzt und weil sie massenweise benutzt wird, trägt sie sich weiter fort als eine besonders einfache Verbindungslinie. Es ist eine selbsterfüllende Prophezeihung, oder zumindest der Kern einer solchen.
Dasselbe dürfte derzeit mit dem Begriff der Kirche passieren. Man könnte sich hier ein Experiment vorstellen. Bei diesem geht man auf die Straße und fragt die Menschen, was sie mit Kirche assoziieren. Und ich wette, dass die Antwort „sexueller Missbrauch“ häufig auftauchen wird. Hier wurde in den letzten Jahren durch das öffentliche Aufsehen eine Assoziation geschaffen. Allerdings gibt es auch sehr lang gepflegte, uralte Gruppierungen. Dazu gehört zum Beispiel Erde, Wasser, Feuer, Luft, also die vier Elemente. Dazu gehören Liebe, Tod und Teufel. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die vier apokalyptischen Reiter. Faust und sein Mephisto, Don Quijote und sein Sancho Pansa, ebenso aber der Kampf gegen die Windmühlenflügel, der den Ritter von trauriger Gestalt sofort mit aufklappen lässt. Große historische Institutionen, wie die Kirche, sind eben solche Konnotationsmaschinen, wie große kulturelle Werke. Wer Romeo sagt, muss eigentlich schon gar nicht mehr Julia sagen, um sie zu konnotieren. (vgl. Vorstellungsmassen)

Veranschaulichungen, Kontraste und Oppositionen und schließlich Gruppierungen sind also wesentliche Mechanismen für die semantische Nähe.
Aber genauso, wie wir uns auf solche kulturell gepflegte Konnotationen verlassen, können diese auch erzeugt werden. Unser Journalist hat durch seine überflüssige Information (den Tod von zwei Brüdern) einen solchen „Keim“ erzeugt. Wenn er nicht aufgegriffen wird, wird er wieder verschwinden, sanglos und klanglos.
In anderen Fällen, siehe Bettina Wulff, taugen solche erzeugten Gruppierungen zu einem „großen Thema“. Dabei ist es völlig egal, was für eine Realität dahinter steckt. Zunächst muss nur dieser grundlegende Mechanismus greifen, dass eine häufig erwähnte Assoziation zu einer gewohnheitsmäßigen Assoziation wird und diese dann oft genug in Argumentationen suggestiv gebraucht wird.

18.09.2012

Die Elefanten meines Bruders, oder: Paradigmenwechsel

Ab und zu muss man einfach Werbung für ein Buch machen, hier von dem Autoren Helmut Pöll. Das Buch heißt Die Elefanten meines Bruders. Es ist eine ganz wundervolle, ganz zarte Geschichte aus der Innenperspektive eines ADHS-Kindes, mit ganz viel Humor und Situationskomik geschrieben. Eine Stelle, in die ich mich sofort verliebt habe, war folgende (Position 179):
Wenn zehn Punkte voll sind gehen wir Eis essen oder ins Kino. Das darf ich mir aussuchen. Ich kann aber die Punkte auch ansammeln. Das habe ich ausgehandelt. Ich kann die Punkte ansammeln und mir dann neue Rollschuhe wünschen, wenn ich viele OK Punkte sammle. Wenn ich hundert Punkte ansammle bekomme ich fünf Bonuspunkte extra. Das habe ich auch ausgehandelt. Nach dem Einfall des Todessterns in die Elterngalaxie wurde mein Punktestand gelöscht. Ich hatte 80 Punkte und hätte doch immer das Eis nehmen sollen. Das nennt man Paradigmenwechsel, sagte mein Deutschlehrer.
Ein Paradigmenwechsel ist, wenn man etwas gut findet, bis man merkt, dass es doch totale Scheiße ist. Aber Scheiße sagt man nicht.
Das Buch hat leider immer mal wieder fehlende Kommas vorzuweisen, in dieser Passage sogar gleich zwei. Der Geschichte und dem Stil tut das keinen Abbruch.

Wie schreibt man eine Rezension?

John Asht behauptet (27. Januar 2012):
Hier noch eine Dosis Aufklärung für alle die's noch immer nicht kapiert haben:
Bei einer Rezension hört die Meinungsfreiheit auf [Autsch! FW]. Eine Rezension ist eine wissenschaftliche, literarische Analyse, die den Verkaufserfolg eines Buches mitbestimmt. Da zählen nur Fakten - und dafür muss das Werk von A bis Z gelesen werden.
Auf wikipedia dagegen liest man (Literaturkritik):
Jedwede Form von Sekundärliteratur, also auch die Rezension, ist anfechtbar, da zur möglichst objektiv wiederzugebenden Beschreibung eines Gegenstandes immer auch die kommentierend subjektive Sicht des Rezensenten gehört.
Was man heute bei Amazon findet, sind Meinungen. Mal abgesehen von Sockenpuppen und bösartigen Verrissen haben diese Rezensionen keinen aufklärenden, sondern lediglich einen empfehlenden Charakter. Damit entfällt der Anspruch, eine Rezension wissenschaftlich zu fundieren. Was in Ordnung ist!

Ursula Prem hat sich über meine Rezension von Twin-Pryx übrigens folgendermaßen ausgelassen (Eine Lanze für John Asht):
»Ich habe Literaturwissenschaft studiert«, bekennt einer der Ein-Sterne-Rezensenten, der seine Buchbesprechung mit dem fantasievoll gewählten Titel »Müll!« überschreibt. Wie lange das Studium, das ihn zu solch anspruchsvoller Titelfindung und der kompetenten Teilnahme am Ashting-Flash befähigt, gedauert hat, erwähnt er allerdings nicht.
Frau Prem erwähnt allerdings nicht, und da zeigt sich die Voreingenommenheit dieser Frau, dass meine Rezension (mittlerweile zusammen mit dem E-Buch gelöscht) etwas ausführlicher war:
Müll
Normalerweise würde ich ein Buch, einfach aus Ermutigung für junge Autoren, halbwegs positiv rezensieren. Es ist nicht einfach, ein Buch zu schreiben, und auch wenn das Ergebnis dann für den Leser ärgerlich ist: Romane zu schreiben ist so anspruchsreich, dass sie "intelligenzfördernd" wirken. Und das ist ja auch etwas positives.
Warum also bekommt dieser Roman nur einen Stern? Weil sich der Autor als "gestandene" Person gibt und in widerlichster Art und Weise Rezensenten bedroht, die den Roman eben nicht so gut finden [...]
Nein, der Roman ist nicht gut. Er ist hölzern und manieristisch, will sagen: beim Lesen der Handlung bekommt man kein Gefühl für die "Innerlichkeit" der Personen. Sie wirken eher wie Dinge, die vom Autor "herumgeschoben" werden. Und das ist keinesfalls gut. Zudem ist der Roman eher ein "Road Movie", das häufig durch neue, dramatische Orte beeindrucken will, denn ein wesentliches Ziel zu verfolgen. Will sagen: die (einzelne) Handlung ist ein Ornament, deren Relevanz für die Gesamthandlung nicht deutlich wird. Ornamente sind zwar wichtig, wenn es um Charakterisierungen geht. Wenn diese aber nicht gestützt werden, weil zum Beispiel andere Formen der Charakterisierung fehlen, dann wirken diese einzelnen Handlungsabschnitte nur peinlich.
Der Autor beschwert sich, dass er nicht von professionellen Literaturkritikern beurteilt werden würde. Ich möchte behaupten, dass ein solcher dieses Werk als "Unsäglicher Mist" beurteilen würde. Ich habe Literaturwissenschaft studiert; ich mag Unterhaltungsliteratur, auch wenn diese nicht "hochwertig" ist. Bücher dürfen auch einfach nur unterhalten. Aber dieses Buch unterhält nicht. Und im Zusammenhang mit seiner arroganten und beleidigenden Art gegenüber Lesern (was ja nur heißt, dass ihn Leser eigentlich garnicht interessieren) muss man dieses Buch als eine stilistische und literarische Katastrophe bezeichnen.

Fazit: Müll! - Und bei einem so besserwisserischen Autor wird auch in Zukunft nichts weiter zu erwarten sein.
Auch das ist keine literaturwissenschaftliche Kritik. Aber muss jeder dahergelaufene Autor gleich nach einem "Glas" schreien, wie Jacques Derrida es über Hegel und Genet veröffentlicht hat? Mal abgesehen davon, dass ich nicht Derrida bin.
Vampyress kommentiert, nicht literaturwissenschaftlich, aber nett zu Maag-Mell von Asht:
Es fühlt sich an, als hätte mir gerade ein Vogone sein Gedicht vorgetragen. Ich glaube, das überlebt man nur, wenn man sich das linke Bein abknabbert ...

17.09.2012

Etwas entstellte Idiome

Du musst nicht nach seiner Nase pfeiffen.
Das musste ich gerade lesen. Kicher. (Und man beachte pfeiffen, mit drei F.) Fast genauso gut, von einem meiner ehemaligen Physiklehrer:
Das schlägt dem Fass die Krone aus.