22.03.2012

Lesen, was dasteht

Wegen eines Kommentars auf Spiegel online hatte ich einen etwas nervenaufreibenden E-Mail-Verkehr mit einem Menschen, der zu den gnadenlosen Vereinfachern gehört. Dieser hatte geschrieben, man solle den Kindern gefälligst das Lesen beibringen und wenn diese das am Ende der ersten Klasse immer noch nicht könnten, die Kinder "runterstufen".
Genau gegen solch eine Auffassung des Lesens mache ich seit Jahren Front. Wie ich in meinem Artikel Sinnentnehmendes Lesen hier auf meinem Blog und noch einmal in Sinnentnehmendes Lesen - ein unbegrenzter Begriff geschrieben habe, besteht Lesen aus allen möglichen Denkmustern. Nur zum Teil lernt man diese in der Schule. Und es gibt keine Gesamtheit aller möglichen Lesemuster. 
Wer von Kindern am Ende der ersten Klasse ein vollständiges sinnentnehmendes Lesen erwartet, erwartet etwas, was ein hochintelligenter Mensch in seinem ganzen Leben nicht zu leisten vermag. Sein Argument: Das Kind müsse doch nur einfach lesen, was dasteht.

Besagter  Zeitgenosse wollte oder konnte meine Argumentation nicht verstehen. Er bezeichnete mich schließlich als Kommunist. Und kam, als ich ihn fragte, wie er von meinem Plädoyer für eine Vielfalt des Lesens zum Kommunismus käme, mit einem der typischsten Einwände dummer Menschen: Wenn ich das nicht verstehe, sei ich dumm.

Meine Auffassung ist, dass man einem ideologischen Lesen nur durch ein vielfältiges Lesen entkommt. Die einzelne Interpretation ist immer an eine Idee gebunden und an eine Ideologie. Ich kann diese Ideologie also nicht auflösen, sondern nur durch Gegenpositionen abschwächen. Und dazu muss ich teilweise auch offen widersprechende Interpretationen oder Lesarten pflegen. Dafür muss ich (emotional) in der Lage sein, Widersprüche nicht nur auszuhalten, sondern sie bewusst herbeizuführen und nebeneinander stehen zu lassen.

Besagter Mensch hat nun seine eigene und, wie ich ihm bescheinigen kann, sehr beschränkte Art und Weise zu lesen. Die versucht er nun allen Menschen aufzudrücken, auch allgemein den Schülern. Wenn er für sich selbst kein Motiv zur Erweiterung seiner Lesekompetenz findet, dann ist das nicht sonderlich aufgeklärt, aber eben sein Bier.
Doch dann sollte er die fachlich qualifizierten Aussagen den Fachmännern und Fachfrauen überlassen. Mir zum Beispiel. Und nicht, wie er das tut, seine eigene, undurchdachte Meinung als das richtige Maß nehmen.

Wie auch immer: Lesen ist Vielfalt und keine Interpretation ist für sich richtig. Es gibt immer etwas zu lernen. Genau das macht aber Lesen auch zu so einer spannenden Tätigkeit.
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