17.06.2007

Skandale

Die allgemeine Berichterstattung werde durch Skandale und Konflikte verdrängt, „eine Nachricht ist selten eine Nachricht, wenn sie nicht so viel oder mehr Hitze erzeugt als sie Erhellung bringt“. Alles sei entweder ein Triumph oder eine Katastrophe, jedes Problem gerate zur Krise, ein Rückschlag werde als „Politik in Trümmern“, eine Kritik als „schonungsloser Angriff“ dargestellt.
So wird Tony Blair in einem Bericht über die modernen Massenmedien zusammengefasst (unter anderem; der Rest siehe HIER).

Immanente Unruhe
Niklas Luhmann schreibt zu den Massenmedien zunächst, dass sie immanent unruhig sind. (RM, S. 41-44)
Da Massenmedien mit neuen Informationen aufwarten müssen, haben sie ein selbsterzeugtes Problem: sobald die Information gebracht ist, ist sie nicht mehr neu. - Da sich Massenmedien erhalten, mithin also stabil bleiben wollen, müssen sie ständig neue Informationen heranschaffen. Die Massenmedien sind also erst dadurch stabil, dass die Welt instabil ist, bzw. als instabil beobachtet werden kann. -
Im übrigen ist dies ein Problem, das Massenmedien mit allen anderen Systemen teilen: Kein System kann in sich selbst genug Struktur "entwickeln", um stabil zu sein. Alleine dadurch, dass ein System dynamisch ist, also aus Operationen (und nicht aus Festkörpern) besteht, ist es mit Unruhe ausgestattet. Um sich selbst Halt zu geben, sucht es diesen Halt in Umweltereignissen. - Die Operationen eines Systems finden natürlich nur im System statt. Aber die Struktur findet ein System in sich selbst UND in der Umwelt. Es ist sowohl strukturdeterminiert - führt sich also anhand interner Strukturen -, als auch strukturell offen, also bereit, sich auf die Strukturiertheit der Umwelt zu verlassen und diese Strukturiertheit auch zu nutzen.

Zwei Selektoren
Was Tony Blair angeht, haben Massenmedien (unter anderem) zwei Mechanismen entwickelt, die typischerweise die Eigenaktivität der Medien bestimmen und oft genug dann selbst wieder skandalträchtig werden: Konflikte und Normverstöße.

Konflikte
Luhmann schreibt dazu:
Konflikte haben als Themen den Vorteil, auf eine selbsterzeugte Ungewissheit anzuspielen. Sie vertagen die erlösende Information über Gewinner und Verlierer mit dem Hinweis auf Zukunft. Das erzeugt Spannung und, auf der Verstehensseite der Kommunikation, guess-work. (RM, S. 59)
Mit der Information muss also immer noch die Desinformiertheit thematisiert werden, um dann weitere Informationen nachschieben zu können.
Nicht nur wird damit das "Gesetz der Serie" erfüllt (und oft genug das Gesetz der Soap), sondern Teilthemen eignen sich dazu, herauszufinden, welches Thema gewinnträchtig ist und weiter thematisiert werden kann.
Zum anderen lassen sich Teilthemen wesentlich leichter revidieren und in die gewünschte Richtung lenken, als vollständig abgearbeitete Themen.

Normverstöße
Hierzu schreibt Luhmann:
In der Darstellung durch die Medien nehmen Normverstöße häufig den Charakter von Skandalen an. Das verstärkt die Resonanz, belebt die Szene und schließt die bei Normverstößen mögliche Äußerung von Verständnis und Entschuldigung aus. Im Falle von Skandalen kann es ein weiterer Skandal werden, wie man sich zum Skandal äußert.
Die Massenmedien können durch solche Meldungen von Normverstößen und Skandalen mehr als auf andere Weise ein Gefühl der gemeinsamen Betroffenheit und Entrüstung erzeugen. Am Normtext selbst könnte man dies nicht ablesen, der Verstoß erzeugt erst eigentlich die Norm, die vorher in der Masse der geltenden Normen eben nur "gilt". Vorauszusetzen ist natürlich, dass niemand den Gesamtumfang dieser Art von Devianz kennt und auch niemand weiß, wie andere in entsprechenden Fällen sich selbst verhalten würden. Wenn aber Verstöße (und: entsprechend ausgewählte Verstöße) als Einzelfälle berichtet werden, stärkt das auf der einen Seite die Entrüstung und so auf indirekte Weise die Norm selbst, und auf der anderen Seite auch das, was man "pluralistic ignorance" genannt hat, nämlich die Unkenntnis der Normalität von Devianz. (RM, S. 61f.)
Nous
Dieses Problem, dass eine Singularität als exemplum eines Wesens - im philosophischen Sinne - dargestellt wird, und dies dann zu einer Betroffenheit führt, drückt - wenn auch nicht in diesem Kontext - Derrida folgendermaßen aus:
Le nous est le lieu où nous changeons notre identité. (irgendwo in "La Dissémination")
Da es sich hier um ein Sprachspiel handelt, habe ich zuerst auf französisch zitiert. Die erste Übersetzung lautet:
Das Wir (fr.: nous) ist der Ort, wo wir unsere Identität ändern.
Die zweite Übersetzung ist fast gleich:
Das Wesen (gr.: nous) ist der Ort, wo wir unsere Identität ändern.
Der glückliche Zufall, der uns den Gleichklang zwischen dem französischen Wir und dem griechischen Wesen beschert, erlaubt es Derrida, hier in äußerster Kürze auszudrücken, welche Funktion er diesem topologischen Ereignis zuweist.

Empörung und Signifikation
Es gibt natürlich zwischen der Blindheit, die Luhmann anspricht, und der Funktion des nous, die Derrida ausdrückt, einige entscheidende Unterschiede. Während Luhmann das eigensinnige Prozessieren des Systems der Massenmedien darstellt, spielt Derrida mit der entscheidenden Eigensinnigkeit im Nie-zu-Ende-signifiziert-habens des Signifikanten.

Trotzdem ist die Parallele nicht zufällig, erzeugen die Massenmedien doch immer jenes Publikum, das sich durch ein "Wir" auf der Seite der Empörung weiß, und das sein Wesen dadurch findet, indem es das Unwesen ausschließt.
Während bei Luhmann die Empörung zu einer recht flüchtigen und meist nur imaginierbaren Inklusion führt (eigentlich ist nur das Ausgeschlossene, das Exkludierte sichtbar), ist die Signifikation durch den Signifikanten gerade nicht dadurch lösbar, indem man die Signifikanz vermeidet - wir sind nicht die Herren der Signifikation -, sondern indem man sie zerstreut. Der Imperialismus des Identifizierens kann nur durch mehrfaches Durcharbeiten, durch die Arbeit der Dissemination (Zerstreuung) "abgemildert" werden. (Adorno schreibt in der Negativen Dialektik etwas ähnliches: auch diese löst nicht mehr das Versprechen eines letzten Sinns ein, sondern wagt sich an Denkmodelle, die, auf ihre Weise, singulär und nicht wiederholbar sind. Siehe insbesondere den Abschnitt "Wesen und Erscheinung" in ND, S. 169ff.)
Gerade weil die Signifikation, sobald sie fraglos akzeptiert wird, ihr Unwesen treibt, steht sie strukturell in einer ähnlichen Position wie bei Luhmann die Empörung angesichts eines Skandals.

Die "pluralistic ignorance", die Luhmann von Hermann Popitz übernimmt, gilt in dem selben Maße auch für das empörte Publikum, das sich in seiner Heterogenität nicht wahrnimmt, und auch für den Signifikanten, sobald er seine Eineindeutigkeit durchsetzt.

Strukturelle Demokratie
Die Reibungshitze und die Reibungsverluste scheinen eine wesentliche Rolle in den öffentlichen Medien zu spielen. Die Demokratie muss - mehr als früher - rasch sein, um wenigstens anstandshalber, die Form der Pluralität zu wahren.
Blair wird dazu folgendermaßen zusammengefasst:
Ein wesentlicher Teil der Arbeit von Menschen im öffentlichen Leben bestehe darin, die Hyperaktivität der Medien zu bewältigen, bemängelte Blair. Niemand könne es sich leisten, eine Spekulation auch nur einen Augenblick unwidersprochen zu lassen, mit dem Ergebnis, dass Erklärungen abgegeben werden müssten, bevor die Tatsachen genau ermittelt seien. Dieser Prozess sei in den letzten Jahren viel schlimmer geworden.
Auch damit ist eine wesentliche Form, warum Demokratie einen so flüchtigen, instabilen Charakter hat, benannt: um sich von dem Spiel der Massenmedien abzukoppeln, muss das politische System das Spiel mitmachen.
Das Ausbremsen des massenmedialen Informationsdurstes hat möglicherweise vielfältige Ursachen. Mindestens einer aber wird sein, dass Politik wesentlich langsamer entscheiden kann - im Guten wie im Schlechten -, als Massenmedien Informationen aufbereiten und verbreiten.
Inwieweit die Kopplung des politischen Systems an die Massenmedien die Informationsflut ausbremsen kann, bleibt dahingestellt.

Zwischencharakter
Nach Niklas Luhmann jedenfalls muss man noch eine andere Frage stellen.
Massenmedien, so Luhmann, unterbrechen den Kontakt zwischen Sender (das betreffende Medium) und Empfänger (das Publikum). Politiker sind nun eher in der Lage, dieses Unterbrechen des Kontaktes aufzuheben. Natürlich kann dies nicht vollständig passieren und nur in Einzelfällen können Proteste von Seiten der Politik zu entsprechend anderen Nachrichten führen. Trotzdem haben Politiker, indem sie Ursache und Ziel der (politischen) Information sind, einen etwas anderen Status als der Normalbürger.
Etwas anders gesagt und gefragt: Massenmedien sind Massenmedien für Normalbürger, aber sind Massenmedien auch Massenmedien für Politiker?

RM: Die Realität der Massenmedien von Niklas Luhmann, Opladen 1995
ND: Negative Dialektik von Theodor W. Adorno, Frankfurt a.M. 1994
La Dissémination von Jacques Derrida, ohne angegebenen Ort, édition de Seuil 1972

Nur eine Liebesgeschichte

Und wo wir bei Murakami sind:
Mein Arbeitstag heute ist recht dröge. Ich habe selten einen Anruf und dann auch keine lange Gespräche. Das muss heute wohl so sein. Geld lässt sich dabei nicht viel verdienen, aber zumindest kann man nebenher lesen.

Murakami natürlich.
Nachdem ich mir vier Romane bei Nico ausgeliehen habe, habe ich einen ziemlichen Lesedrang gehabt, geradezu einen Lesedurst. "Hard-boiled Wonderland" habe ich zuerst gelesen, dann "Kafka am Strand". Jetzt bin ich mit "Naokos Lächeln" fertig.
Alle drei Romane sind auf ihre jeweils sehr eigene Weise ganz zauberhaft.

Das war noch lange nicht alles.
Zwischendurch, in einem Schnelldurchlauf, Petra Hammesfahr gelesen. "Die Mutter". Schauderhafter Titel.
Der Stil von Hammesfahr interessiert mich nicht. Verzweifelten Frauen kann ich auch nicht so viel abgewinnen - jedenfalls nicht, wenn diese fiktiv sind, und ihre Verzweiflung wie das ursprünglichste weibliche Recht vor sich hertragen. Eigentlich ziemlich scheußlich sogar.

Einen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, eine Parodie auf dieses Buch zu schreiben. "Hammesfahr" hieße es, unter dem Pseudonym "Petra Mutter" veröffentlicht.
Dann fiel mir ein, dass Petra Hammesfahr nicht die Mutter des schlechten Psychothrillers ist, sondern allerhöchstens dessen verstoßene Base. Über so jemanden schreibt man keine Parodie.
Schade eigentlich.

Früher mochte ich Clive Barker sehr gerne.
Die Bücher des Blutes habe ich in meiner Pubertät mit langanhaltendem Gruseln gelesen. Jetzt das dritte Buch dieser Reihe gelesen. Nein!, das alles überzeugt mich nicht mehr. Nett, aber eigentlich sehr banal. Kein guter Stil.
Nun, man entwickelt sich eben weiter.

Die wundervolle Welt der Amelie

Amelie ist schon älteren Semesters.
Als ich neulich eine ihrer Geschichten mit dem Stil Murakamis verglich, schrieb sie mir, dass dies ein bezauberndes Lob sei. Murakami sei nämlich einer ihrer Lieblingsschriftsteller.
Ich war baff und erstaunt. Meinen alten Herrschaften würde ich nämlich keineswegs zutrauen, Murakami zu lesen, geschweige denn, ihn zu verstehen, und zuallerletzt, ihn zu lieben.
Die Welt von Amelie muss wundervoll sein, dass sie sich einem so außergewöhnlichen Schriftsteller anvertrauen kann.

12.06.2007

Gewaltenteilung

Ein letzter Eintrag zu jenem Autor-dessen-Namen-nicht-genannt-werden-darf:

Da schreibt der Kerl doch, das Rechtssystem produziere Recht. - Hat der denn noch nie etwas von Gewaltenteilung gehört?
Erstens werden Gesetze im politischen System verabschiedet; zweitens wird im Rechtssystem "nur" Recht gesprochen. Drittens gibt es zahlreiche Organisationen, die die Einhaltung des Rechts durchsetzen, Polizei, Gefängnisse, Umweltämter, TÜV, Straßenbauämter, Jugendämter, usf.

All dies fällt noch irgendwie unter Produktion von Recht. Der TÜV muss, um das Normmaß eines Öltanks durchzusetzen, nicht extra das Rechtssystem einschalten oder nicht die Politiker mobilisieren. Andererseits kann der TÜV niemanden festnehmen, sondern muss notfalls seine Zuständigkeit für eine Sachlage abgeben. Trotzdem ist der TÜV in gewissem Maße in der Lage, Rechtsvorschriften durchzusetzen, nämlich die zur Einhaltung von gesetzlich vorgegebenen Bedingungen zum Beispiel für Öltanks.

Hochschulen

Nämlicher Autor, den ich eben schon zitiert habe, um mich ein wenig über ihn lustig zu machen, bringt auch folgende Erkenntnis zu Papier: "Hochschule produziert Bildung, ..."
Zuvor schreibt er noch, jedes System hätte eine Organisation.
Das ist natürlich - von Luhmann aus gesehen - in mehrfachem Sinne falsch.

Erstens muss man Systeme und Organisationen unterscheiden. Organisationen sind eine Form von System.
Organisationen sind nicht in irgendwelchen Systemen drinnen, zum Beispiel im Wirtschaftssystem. Natürlich kann man im alltäglichen Sprachgebrauch sagen, dass das Wirtschaftssystem organisiert sei. Der korrekte systemtheoretische Begriff lautet aber, dass Systeme strukturdeterminiert sind. Der Begriff der Organisation ist einem bestimmten Systemtyp vorbehalten.

Was aber ist nun eine Organisation?
Zunächst lösen Organisationen ein Problem der zunehmenden Individualisierung und der alteuropäischen Leitbegriffe von Freiheit und Gleichheit ein, auch auf Druck eines Wirtschaftssystems, das sich mehr und mehr aus langfristigen und komplexen Arbeitsvorgängen zusammensetzt. In der mittelalterlichen Gesellschaft und sogar noch in der beginnenden Neuzeit wurden die Leistungen von (heutigen) Organisationen durch Leibeigenschaft und Sklaverei erbracht. Große Projekte, wie der Bau einer Kathedrale, wurden nicht durch Verträge und Entlohnung geregelt, sondern durch religiöse Pflichten, weltlichen Gehorsam oder einfach durch Zwang.
Die humanistische Semantik lässt all dies nicht mehr zu. Die Menschen sind frei und deshalb auch frei in der Wahl. Trotzdem erzwingt die zunehmend komplexer werdende Gesellschaft, Arbeitsprozesse zu koordinieren, für die zahlreiche Menschen benötigt werden.

Genau hier greifen Organisationen ein.
Sie regeln den Zugriff auf Arbeit über Individuen und über individuelles Können; und nicht mehr über familiäre Traditionen, nach dem Motto: Vater Metzger, Sohn Metzger, Enkel Metzger.
Organisationen lösen sich also von sozialen Bedingungen wie der Schichtzugehörigkeit ab und ersetzen diese durch interne Bedingungen. Gerade dadurch können Organisationen freier wählen, wovon sie sich im Außen abhängig machen. Organisationen sind also nicht unabhängiger von der Umwelt als zum Beispiel Gilden, aber sie sind unabhängiger in der Wahl der Abhängigkeit.
Individuen werden in Organisationen gewöhnlich dadurch inkludiert, indem ihnen eine bestimmte Rolle zugemutet wird, zum Beispiel die des Lehrers (Schulen sind Organisationen). Man kann als Individuum in einer Organisation Mitglied sein, solange man die Rollenerwartung erfüllt. Wie dieses Erfüllen aussieht, muss die Organisation organisationsintern aushandeln, notfalls durch Wegsehen oder Dulden.
In Organisationen gibt es zahlreiche Verfahren, die greifen, wenn es zu bestimmten Entscheidungen gekommen ist. Solche Verfahren produzieren wiederum andere Entscheidungen, über die dann wieder entschieden werden muss. Mithin ist eine Organisation darin selbstreferentiell, dass sie über Entscheidungen von Entscheidungen entscheidet.
Aufgrund dieser extremen Freiheit in der Grundoperation einer Organisation kann sie gleichzeitig extrem determiniert sein, und muss es auch - anderenfalls wird sie kafkaesk.
Damit Entscheidungen nicht haltlos in einer Organisation herumwirbeln, gibt es dann Verfahren, die teilweise sehr penibel entscheiden, wie entschieden werden darf. Verfahren sind der strukturelle Halt der Organisation.
Auch Verfahren sind unspezifisch. Beides garantiert der Organisation noch immer, dass sie sich beliebig entwickeln kann. Schließlich muss - natürlich per Verfahren - entschieden werden, auf welche Entscheidungen in der Umwelt eine Organisation entscheidet, dass sie eigene Entscheidungen darin einhängt.
Erst dieser letzte Punkt ermöglicht es der Organisation, sich als Hochschule zu bezeichnen und nicht als Gericht oder als Umweltamt. Als Hochschule entscheidet eine Organisation über Zulassungsverfahren und Prüfungen, über Organisation von Seminaren und über interne Anschaffungen, wie Büromaterial, aber auch Fachliteratur. Von Gerichten würde man dies so nicht erwarten, obwohl diese auch Organisationen sind.

Hochschulen jedenfalls produzieren keine Bildung.
Hochschulen sind weder mit dem Erziehungssystem gleichzusetzen, noch mit dem Wissenschaftssystem. Natürlich wird in Hochschulen neues Wissen produziert, natürlich kann man bei langjährigem Verharren in einer Hochschule auch Bildung erwerben.
Zunächst aber besteht die Hochschule aus Verfahren, und unter anderem aus Verfahren, Studenten aufzunehmen oder zu entlassen, sei es durch Entzug der Hochschulerlaubnis, sei es durch eine erfolgreich bestandene Prüfung.

Bildung ist ja im Übrigen nur eine Kompaktzumutung an Personen, genau das richtige Faktenwissen zur richtigen Zeit parat zu haben, zum Beispiel Goethe-Zitate auf Sektempfängen.

Auch die Behauptung des ominösen Autors, Hochschulen würden Theorien zum Thema Umweltschutz entwickeln, ist - von der Systemtheorie aus gesehen - falsch.
Die Wissenschaft produziert Theorien, und sonst kein anderes Funktionssystem.
Eine Hochschule kann als Organisation nur beschließen (also entscheiden!), ob sie zum Beispiel umweltfreundliches Papier benutzt, oder ob sich die Kollegen bei der Müllentsorgung zwischen zwei oder drei Müllsorten und damit zwei oder drei verschiedenen Mülleimern entscheiden müssen. - All dies fällt aber unter Verfahren. Diese finden dann ihren Niederschlag in Erlassen, Rechtsverordnungen, Vorschriften, etc.

Literatur dazu:
Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 826 ff (Kapitel "Organisation und Gesellschaft")
Legitimation durch Verfahren
Das Recht der Gesellschaft, S. 297ff (Kapitel "Die Stellung der Gerichte im Rechtssystem")

Medium und Operation

Das Problem
Neulich las ich - in einer Erläuterung zu Luhmanns Systemtheorie -, dass (Körper-)Zellen diejenigen Stoffe produzieren, die dazu nötig sind, ihre Prozesse in Gang zu halten.
Wenn dies wahr wäre, könnten Zellen sich selbst Salze produzieren. Man weiß als halbwegs gebildeter Bürger, dass diese Behauptung falsch ist. Salzbergwerke sind Salzbergwerke und Zellen sind Zellen.

Im Übrigen behauptet der Autor weiter, dass die Elemente eines Prozesses schon im Auftauchen wieder verschwinden. Diese Behauptung ist zwar an sich richtig, wenn man von dynamischen Systemen spricht, kann aber nicht für Material gelten, weder für Salze, noch - wie der Autor zum Besten gibt - für Waren. Salze werden transformiert, Waren nutzen sich zwar ab, müssen dann aber weggeschmissen werden, und dieses Wegschmeißen führt weitere wirtschaftliche Handlungen nach sich, zum Beispiel durch Müllabfuhren, Müllverbrennungsanlagen und Aufträge an Werbefirmen, Anti-Müll-Kampagnen zu entwerfen.

Medium und Operation
Abstrakter gesagt beruht das ganze Problem hier auf der Unterscheidung zwischen Medium und Form, bzw. darin, den Tänzer vom Tanz zu unterscheiden.

Zellen also produzieren nicht die Stoffe, die zur Produktion nötig sind.
Stoffe wie Salze oder Proteine wachsen nicht in der Zelle nach, sondern müssen von außen in die Zelle hineingelangen. Man nennt das Ernährung. Sie haben vielleicht schon einmal etwas davon gehört oder es sogar selbst mal ausprobiert.
Was in der Zelle und nur in der Zelle existiert, sind zellinterne Operationen, also Funktionen, die auf bestimmte Art und Weise Proteine synthetisieren. Die zellinterne Operation heißt also Proteinsynthese. Sie stützt sich natürlich auf ein Substrat, das wiederum aus Proteinen und Salzen besteht. Aber deshalb kann man nicht Proteine und Proteinsynthese gleichsetzen.

Medium und Form
Ähnliches gilt für Kommunikationssysteme. Auch hier gibt es eine Art Substrat. Luhmann nennt dies Medium und identifiziert das Medium von Kommunkationssystemen als Sprache. Auch hier wird dann eine Synthese vorgenommen, nämlich einzelne Elemente des Substrats zu einem Satz zusammengebaut. Mit der Systemtheorie gesprochen: ein Medium (die Sprache) wird in Form (den Satz) gebracht. Dieses In-Form-bringen geschieht durch Selektion, Kopplung und Anschlussfähigkeit. Selektion meint natürlich, dass man nicht alle Worte der Sprache in einem Satz unterbringen kann. In der Tat kann ich sogar nur sehr wenige Worte in einem Satz unterbringen, selbst wenn dieser lang ist. Kopplung hingegen meint, dass einzelne Wörter nicht beliebig verbunden werden können. Man braucht, um einen Satz bilden zu können, Regeln, wie die einzelnen Wörter untereinander verknüpft werden können: eine Grammatik in diesem Fall. Schließlich muss jeder Satz sozusagen Rücksicht darauf nehmen, wie er "wirkt": er muss anschlussfähig sein. Natürlich ist jeder Satz anschlussfähig. Man kann ihn zurückweisen, seinen unsinnigen Inhalt kommentieren oder schlichtweg so tun, als hätte man ihn nicht gehört. Irgendetwas wird schon passieren, wenn man einen Satz äußert. Allerdings gibt es auch bei der Anschlussfähigkeit so etwas wie günstige Orientierungen, zum Beispiel die Wahrnehmbarkeit der Dinge, über die man sich gerade unterhält, oder ihre allgemeine Bekanntheit.

Zeitpunktfixierte Ereignisse: etwas in Form bringen
Zusammenfassend lässt sich sagen: Dynamische Systeme stützen sich auf Medien. Solche Medien sind immer "irgendwie" materiell, sei es, dass sie Luft in Bewegung versetzen, sei es, dass sie die Form kleiner, metallener Scheiben annehmen. Allerdings sind diese Medien nicht die Elemente eines Systems. Die Elemente eines dynamischen Systems bestehen aus Ereignissen und da sich immer nur weniges ereignet, aus den Ereignissen in Differenz zu anderen Ereignissen. Selbst wenn zehn Menschen durcheinandersprechen, ereignen sich eben immer noch relativ wenig der in der Sprache möglichen Sätze. Ereignisse sind deshalb Differenzen, die etwas - nämlich sich selbst - aktualisieren, und alles andere weglassen. Zudem sind Ereignisse aber zeitpunktfixiert. Nicht der Satz selbst, sondern das "In-Form-bringen" der Sprache ist das Ereignis. Und ein System besteht dann nicht aus Sätzen, und nicht aus Sprache, sondern eben aus diesem fortlaufenden "In-Form-bringen", eben der Operation: hat man einen Satz geäußert, zerfällt das Ereignis schon und nur deshalb kann man dann etwas anderes sagen, als was man eben gesagt hat. Was für ein Glück!

Das Wirtschaftssystem
Auch das Wirtschaftssystem besteht nicht, wie der Autor vermutet, aus Waren, sondern stützt sich auf Waren als materielle Seite. Da nach Luhmann das Wirtschaftssystem ein dynamisches System ist, muss es ebenfalls aus zeitpunktfixierten Elementen bestehen, in diesem Fall aus Zahlungen. Zahlungen ereignen sich und sind schon verschwunden, wenn man gezahlt hat. Natürlich hinterlassen sie dauerhaftere Effekte: die Wurst verschwindet ja nicht sofort, nachdem ich sie bezahlt habe.
Wie sehr der Autor also damit falsch liegt, die Elemente des Wirtschaftssystems durch Waren zu bestimmen, oder gar die Wirtschaft durch Produktion von Gewinnen zu charakterisieren, zeigt auch das Zitat von Luhmann, das er zwischendrin anführt:

... es geht um Fortsetzung oder Abbrechen der Reproduktion von Elementen durch ein relationales Arrangieren eben dieser Elemente. Erhaltung ist hier Erhaltung der Geschlossenheit und der Unaufhörlichkeit der Reproduktion von Elementen, die im Entstehen schon wieder verschwinden. (Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 86)

Eine kleine Schreibformel

Spannungsgeschichten zu schreiben hat ja viel mit Formeln zu tun. Nicht immer sind diese Formeln nützlich, aber zumindest geben sie einem oft einen guten Halt.

Ich hatte ja weiter oben mal geschrieben, dass ich die Schreibratgeber und die Theorien von Deleuze und Luhmann aufeinander beziehe. Mittlerweile stehe ich zwar - wieder mal - bei ganz anderen Aufgaben. Nichtsdestotrotz kommt hier also eine kleine Anmerkung zu einer dieser Formeln.

"Scene and Structure"
Die Formel ist dem Buch "Scene and Structure" von Jack M. Bickham entnommen. Dieses Buch ist oftmals kritisiert worden. Inhaltlich ist es aber wirklich ganz brauchbar, wenn man die ganzen Formeln, die Bickham an die Hand gibt, nicht so ernst nimmt. - Die gibt es jedoch in jedem amerikanischen Schreibratgeber.
Problematisch ist an diesem Buch eher das sehr verwirrende Layout. Das macht das Buch stellenweise optisch durcheinander. Und wahrscheinlich wird es deshalb auch so abgetan.

Die Formel
Die Formel, die Bickham aufstellt, gilt für den Mikrokosmos des spannenden Erzählens. Das heißt, es geht nicht um die großen Strukturen, um die generelle Planung einer Geschichte, sondern genau um dieses 'Satz für Satz', das eine Szene mit einer fingierten Realität auffüllt.

Die Formel lautet:
stimulus - internalization - response

Mit stimulus ist jede Art von Handlung gemeint, die "neu" ist, also eine neue Information ins Spiel bringt.
Response ist die "antwortende" Handlung.
Internalization ist hier der "Weg" durch den Kopf einer Person, also hier, wie der stimulus auf jemanden wirkt und wie diese Wirkung dann natürlich auch "irgendwie" den response ankündigt oder plausibel macht.

Ein Beispiel aus "Artemis Fowl und die verlorene Kolonie":

»Wahrscheinlich haben wir ein paar Flitterwochenvideos ruiniert.«
Artemis zuckte die Achseln. »Ein geringer Preis für den Schutz meiner Privatsphäre.«

Wenn man dies mit der Formel markiert, sieht das Ganze dann so aus:
stimulus: »Wahrscheinlich haben wir ein paar Flitterwochenvideos ruiniert.«
internalization: Artemis zuckte die Achseln.
response: »Ein geringer Preis für den Schutz meiner Privatsphäre.«
Ein anderes Beispiel - aus Stephen Kings "Needful things":
Es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, welche Art von Waren der oder die Besitzer von Needful Things zu verkau­fen gedachten.
Dies schien Cora Rusk erheblich zu irritieren - zumindest so stark, dass sie eines ihrer seltenen Samstagmorgen-Gespräche mit Myra führte.
»Ich werde meinen Augen bestimmt trauen«, erklärte sie.
Und - mit der Formel -:
stimulus: Es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, welche Art von Waren der oder die Besitzer von Needful Things zu verkau­fen gedachten.
internalization: Dies schien Cora Rusk erheblich zu irritieren - zumindest so stark,
response: dass sie eines ihrer seltenen Samstagmorgen-Gespräche mit Myra führte.
»Ich werde meinen Augen bestimmt trauen«, erklärte sie.
Die Verkettung
Diese Formel tritt fast nie als ein einzelnes Element auf. Meist verkettet sie sich in der folgenden Art und Weise:
.... = stimulus - internalization - response = stimulus - internalization - response = ....

Ein jeweiliger response wird hier für jemand anderen zum stimulus.
In der linguistischen Gesprächsanalyse nennt man diesen Moment des Wechsels "turntaking". Er funktioniert hier wie ein Scharnier zwischen den Elementen. Zwei Personen flechten den Dialog über solche Scharniere mehr oder weniger eng zusammen.

Ausnahmen
1. Ausnahme: Floskeln und rituelle Formeln
Bei üblichen Begrüßungen, Verabschiedungen, etc. wird die Internalization meist weggelassen. Wozu auch? Zum einen sind solche Formeln in Geschichten nicht besonders glücklich und können meist zusammen gefasst werden, zum Beispiel durch einen Satz wie: "Sie begrüßten sich höflich." oder "Er klatschte seine Hand in die von Peter. 'Dann lass uns mal los.' Peter nickte"
Zum zweiten informieren solche Formeln den Leser äußerst selten.

2. Ausnahme: Stilmittel
In bestimmten Romanen findet man die "Abwesenheit" der Internalization als Stilmittel. Dies kann man zum Beispiel bei Murakami - gerade in den Dialogen - oft studieren (hier aus: "Kafka am Strand"):
»Siebzehn«, lüge ich.
»Oberstufe, oder?«
Ich nicke.
»Wohin fährst du?«
»Nach Takamatsu.«
»Wie ich«, sagt sie. »Hin und zurück?«
»Nur hin«, antworte ich.
»Ich auch. Ich habe dort eine Freundin, aber eine sehr gute. Und du?«
»Verwandte.«
3. Ausnahme: Rätsel
Wenn die andere Person rätselhaft erscheinen soll, kann man dies dadurch erreichen, dass ein Dialogpartner ohne"innere" Reaktion auskommt.
"Ich wollte Sie um einen Gefallen bitten", sagte Peter schüchtern.
"Gerne, Peter."
Peter runzelte die Stirn. Woher kam diese plötzliche Freundlichkeit? Sonst war Herr Demholz doch immer so grob.
4. Ausnahme: die Figuren sind gut eingeführt
Ähnlich wie bei der 1. Ausnahme kann man sich ab einer bestimmten Stelle darauf verlassen, dass der Leser die Internalization von sich aus ergänzt. Zwar sind auch dann immer wieder Hinweise darauf notwendig, aber nicht mehr so oft. Hier ein Beispiel mitten aus dem 4. Band von Harry Potter:
»Was ist ein Reinfall?«, fragte Ron George.
»'nen naseweisen Kerl wie dich als Bruder zu haben«, sagte George.
»Habt ihr beide schon irgendwelche Ideen, was ihr beim Trimagischen Turnier anfangen wollt?«, fragte Harry. »Habt ihr darüber nachgedacht, ob ihr doch noch teilnehmt?«
»Ich hab McGonagall gefragt, wie die Champions ausge­wählt werden, aber sie hat nichts verraten«, sagte George erbittert. »Sie meinte nur, ich solle den Mund halten
und end­lich meinen Waschbären verwandeln.«
Das Geplänkel zwischen Ron und seinen Brüdern Fred und George ist bis dahin den Lesern hinreichend bekannt. Hinweise auf die Internalization sind deshalb überflüssig.

5. Ausnahme: Internalization und Response fallen - zumindest fast - zusammen.
Oft fallen Internalization und Response zusammen. Entweder dadurch, dass ein expressives Verb verwendet wird, oder dass ein Verb "qualifiziert" wird, etwa durch ein Adverb.
Ein erstes Beispiel - in dem Internalization und Response zusammenfallen - kommt wieder aus dem 4. Band von Harry Potter:
»Wie, glaubst du, werden sie kom­men? Mit dem Zug?«
»Wohl kaum«, sagte Hermine.
»Wie dann? Auf Besen?«, überlegte Harry und blickte hoch zum sternbedeckten Himmel.
»Glaub ich auch nicht ... wenn sie von so weit her kom­men ...«
»Mit einem Portschlüssel?«, rätselte Ron. »Oder sie könn­ten apparieren -«
»Du kannst nicht aufs Gelände von Hogwarts apparieren, wie oft soll ich dir das noch sagen?«, flüsterte Hermine unwirsch.
Wörter wie "überlegen", "rätseln" oder "flüstern" qualifizieren den response als "psychisch beeindruckt" und geben diesem damit eine innere Bewegung mit. - Hier findet sich übrigens auch eine wesentlich bessere Begründung für eine abwechslungsreiche Sprache als derjenigen, den Leser nicht zu langweilen: Wechsle die Worte, wenn du eine seelische Qualität ausdrücken kannst oder willst oder musst. Genau dann kann man in Dialogen gut von dem Standardwort "sagen" abweichen.
Die Qualifizierung durch ein Adverb funktioniert ebenso: ein Verb wird durch ein Adverb mit einem "psychischen Ausdruck" belegt. Im vorangehenden Zitat steht im letzten Satz zu Beispiel "flüsterte ... unwirsch". Hier ein anderes Beispiel aus Artemis Fowl und die verlorene Kolonie:
Hier ist es 1. Butler, der antwortet (indirekte Charakterisierung), 2. das Adverb (barsch, etw. barsch sagen), mit dem die Antwort Butlers charakterisiert wird (direkte Charakterisierung), 3. natürlich der Inhalt dessen, was Butler sagt (Zurückweisung der Frage).
Ein anderes - recht beliebig gewähltes - Beispiel, aus dem Herrn der Ringe:
»Es ist doch nicht etwa ein dauernder Schaden angerichtet worden?« fragte Frodo besorgt. »Er wird doch wohl rechtzeitig wieder in Ordnung kommen? Ich meine, in Frieden ruhen können?«
Auch durch die Art der Antwort, des Handelns kann die Internalization ausgedrückt werden. Dann zeigt die Reaktion, wiederum durch eine deutlich "dahinterstehende" Motivation, was innerlich passiert ist.
Wir hatten das schon oben gesehen: Butler weist Marias Frage zurück und befiehlt ihr etwas. Damit hätten wir eigentlich schon genügend Hinweise darauf, wie Butler die Frage Marias internalisiert hat. Hier kommt natürlich noch das Adverb dazu.
Eine andere Möglichkeit ist, die Internalization im Dialog ausdrücken zu lassen. Hier zum Beispiel kommentiert Artemis Fowl eine Frage Butlers, statt sie zu beantworten:
»Alles noch dran, nichts gebrochen. Und jetzt, Artemis, sa­gen Sie mir, was ist siebenundzwanzig mal achtzehn Kom­ma fünf?«
Artemis rückte sein Jackett zurecht. »Aha, verstehe. Sie überprüfen meine geistigen Fähigkeiten. Sehr gut. Es wäre in der Tat denkbar, dass eine Zeitreise das Gehirn beein­trächtigt.«
An dieser Stelle drückt eine Figur aus Murakamis Roman "Kafka am Strand" aus, was in ihr innerlich vor sich geht:
»Suchen Sie sie schon lange?«
»Mal überlegen ... eins, zwei, drei - heute sind es drei Tage.«
Zusammenfassung
Szenen haben im allgemeinen zwei Aufgaben. Zum einen treiben sie die Handlung voran, zum anderen liefern sie fortlaufend Charakterisierungen der Romanfiguren. Gerade deshalb ist eine kleine Formel wie die von Bickham so nützlich.
Problematisch an der ganzen Geschichte ist natürlich, 1. dass diese Formel nur einen guten Anhaltspunkt bietet, aber kein Muss ist; 2. ist natürlich jede Charakterisierung schließlich äußerlich: sie ist genauso Text und besteht genauso aus Worten wie Handlungen und Beschreibungen. Gerade deshalb kann die Charakterisierung sich immer wieder mit anderen Funktionen vermischen. Gerade deshalb fällt sie manchmal zu dürftig aus oder schiebt sich unangenehm in den Vordergrund.
Hier ist dann eben das berüchtigte "Gespür" gefragt.

02.06.2007

Falls Alice mal schläft oder gereizt ist ...

gegen den Schlaf hilft:



reicht dann ja auch für ihren Mann noch, oder eines ihrer zahlreichen (2) Kinder ....


und falls Alice dann entnervt ist und uns nicht mehr mag, gibt es folgendes Angebot:


Einen Malteser bitte!

Da schlürfe ich so heute morgen meinen ersten Kaffee vor mich hin, als das Telefon klingelt.
Keine Nummer auf meinen Telefondisplay - also werden's meine Kollegen sein. Dachte ich mir so. Und denke weiter: Na gut, bist zwar noch nicht richtig wach, aber das kennen die ja von dir, hebst mal ab.
Meldet sich eine total ekelhaft fröhliche Stimme: Guten Morgen, mein Name ist Frau ... und ich bin vom Malteser Hilfsdienst. Wir wollen alle Senioren über 67 mit einem neuen Angebot ansprechen.
Ich: Aha!
Sie: Sie hören sich aber garnicht wie 67 an. Leben denn sonst Personen ab 67 in Ihrem Haushalt?
Ich: Moment! Ich frage mal meine Kakerlaken!
Sie (verunsichert): Kakerlaken?
Ich (kann nichts sagen, weil ich grinsen muss)
Sie (noch verunsicherter): Sind Sie betrunken?
Dann legt sie auf.
Ich finde, als alter Pfadfinder habe ich damit für heute mein gutes Werk getan. Na, vielleicht helfe ich nachher noch einer 67jährigen in eine Kneipe, auf ein Glas Aquavit.

01.06.2007

Blackout

O je, dachte ich mir also, als Alice einen Jugendkrimi ankündigte. Den muss ich dann mal doch wohl lesen.
Jugendkrimis sind ja eigentlich nicht mein Metier. Da ist mir zu viel Moral drin, zu viel kleinbürgerliches Gefasel, zu viel Teenager-Überlegenheit.
Jetzt ist der erste Roman von Alice Gabathuler bei mir eingetroffen.
Tatsache ist, dass ich dann nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Moral? Vielleicht, doch nie aufdringlich. Kleinbürgerliches Gefasel (man lese TKKG)? Nicht die Spur. - Dafür bekommt man einen erstklassigen Plot in einer erstklassigen Sprache, viele überraschende Wendungen und eine hohe Spannung, ausgezeichnete Charakterdarstellungen, knappe, zügig durchformulierte und natürliche Dialoge.
Das soll einer dieser Jugendkrimis sein? Nun, ein Jugendkrimi ist es, aber nicht "einer dieser".
Dieser Roman schafft es, was zahlreiche Erwachsenenkrimis nicht schaffen. Und vor allem deshalb ist es nicht nur ein Jugendkrimi, sondern auch für Erwachsene beste Unterhaltung. Absolut lesenswert! Anders kann man diesen Krimi nicht beurteilen.

31.05.2007

Sind Familien Systeme?

Vorausgesetzt werden soll natürlich, dass es Familien gibt. Es gibt sie massenweise und man hat täglich mit ihnen zu tun. Das soll hier aber nicht das Problem sein.
Die Frage, die sich hier stellt, ist zunächst keine empirische: Gibt es Familien?, sondern eine spekulative: Gibt es eine Einheit der Familie? Mithin: Lässt sich Familie A auf einer hinreichend abstrakten Ebene wie Familie B beschreiben?
Erst in der Folge können die Antworten zu einer empirischen Relevanz führen, nämlich, ob es einem Menschen an Familie fehlt oder nicht, ob eine Familie anormal und damit therapiebedürftig ist, oder nicht.

Luhmann hat dem ganzen Problem dadurch Vorschub geleistet, dass er selbst die Familie als System bezeichnet hat [in: Soziologische Aufklärung 5]. Zu Recht?
Zwei Argumente sprechen mindestens dagegen:
1. Laut Luhmann werden Familien dadurch gebildet, dass sie hochempfindlich Personen einschließt, und diese mit Kompletterwartungen belegt. Alles, was eine Person betrifft, muss auch familienintern kommunizierbar sein, sei es der Abscheu vor Broccoli, der Kegelabend der Mutter oder die nächtlichen Pollutionen des pubertierenden Sohns. -
Diese Argumentation wird aber nicht nur empirisch widerlegt: man spricht nicht über das sexuelle Verhältnis des Vaters mit seiner Sekretärin, man zeigt sich blind gegenüber der offensichtlichen Homosexualität der Tochter, man interessiert sich für die Kinder nicht, solange diese still sind. Rein von der empirischen Ebene wird damit die Kompletterwartung an das Thematisieren-können ausgehebelt.
Luhmann selbst eiert hier in seiner Argumentation dementsprechend herum: eine Person ist nur das, was individuell in Rechnung gestellt wird, und schon hier ist dann eine Kompletterwartung nicht nachweisbar. Die sexuellen Verhältnisse des Vaters mögen irgendwie einen Einfluss auf die Familienkommunikation nehmen, thematisierbar sind sie deshalb noch lange nicht; seiner dreijährigen Tochter wird man kaum eine Diskussion über die strukturelle Gewalt im Kindergarten zumuten, obwohl diese davon unmittelbar betroffen ist.
Mithin: es gibt Themen, die einen Familienangehörigen betreffen, mit diesem aber nicht thematisierbar sind, sei es durch die noch fehlenden kognitiven Leistungen des Angehörigen, sei es durch Scham oder aus einem Zwang heraus.
2. Zahlreiche Sonderleistungen, die historisch für die Familie diskutiert wurden, gehen mehr und mehr auf andere soziale Systeme über. Selbst die Intimität ist der Familie nicht mehr vorbehalten. Es gibt nicht-geleitete Therapiegruppen, in denen alles mögliche besprochen wird, und die sich nach strengen Zugehörigkeitsregeln bilden (die radikale Therapie zum Beispiel). Es gibt Tratsch- und Klatschgemeinschaften, in Dörfern ebenso wie in städtischen Subkulturen. Auch in diesen ist man, sei es durch Nachbarschaft, sei es durch subkulturelle Merkmale wie Musikvorlieben oder sexuelle Präferenzen, fest eingebunden.
Andererseits werden Familien auch deshalb auseinandergerissen, weil diese Familien sind. Das Schlagwort heißt dann Pathologie, ob offiziell oder als Derivate, wie Verwahrlosung, Missbrauch, Kriminalisierung, etc. Gerade weil es Familien sind, können es dann keine Familien mehr sein.

Heute wird zwar immer noch auf der Familie als Kernbestand unserer Gesellschaft hingewiesen. Und das mag auch so stimmen. Deshalb lässt sich aber noch lange nicht nachweisen, ob die Familie ein System ist.
In zahlreichen Funktionen bekommt die Familie ihre Einheit eher von außen aufdoktriniert, als dass sie sich von innen erzeugt. Nicht nur die Erziehungspflicht ist ein rechtliches Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, auch dass Kinder, die nicht mit ihren Eltern einverstanden sind, nicht so ohne weiteres ausziehen können. Andererseits kann eine Familie, selbst wenn es von den Beteiligten gewünscht wird, nicht einfach so zusammenbleiben. Soziale Verwahrlosung wird nicht selten von außen in die Familie hineinkommuniziert und führt dann zu verordneten - nicht immer geordneten - Trennungen. Schließlich wird die intime Kommunikation mehr und mehr von den Massenmedien übernommen. Was früher Bildungsromanen vorbehalten geblieben ist, nämlich die Psychologisierung der Familie mit und durch die Beschreibung ihrer (fiktiven) Intimität, ist heute - nicht immer so glänzend wie bei Flaubert - Thema der Nachmittagsshows.
Schließlich können Kinder ganz ohne Bezug zu ihren leiblichen Eltern rein rechtlich immer noch als zu ihnen gehörig gesehen werden. Etwa, wenn der Mutter das Kind weggenommen und Pflegeeltern übergeben wurde.

Funktional gesehen scheint also die Familie in etwa folgendes zu sein: 1. eine fortwährende Problemorientierung in den (Sozial-)Wissenschaften; 2. eine Moralisierungsmöglichkeit im Politiksystem; 3. eine - recht paradoxe - Entscheidungshilfe im Rechtssystem; 4. eine Entlastung im Wirtschaftssystem, indem es statt Einzelpersonen Haushalte gibt.
Bündelungen von Funktionen, deren Koppelung und Prozessualisierung werden meist von Institutionen übernommen. Die Familie könnte, wenn schon, denn schon, als eine äußerst sonderliche Institution bezeichnet werden, deren Halt nicht durch Gesetze und Rechtsverordnungen geregelt wird, sondern durch Gesetze und Familienregeln (Moral).
Daraus erklärt sich auch der zerbrechliche Status von Familien: Elternteile können auf Nimmerwiedersehen verschwinden und spielen dann allerhöchstens noch durch eine gesetzlich gebundene Zahlungspflicht eine Rolle. Elternteile sterben. Junge Erwachsene verlassen verärgert das Elternhaus und brechen den Kontakt ab.
Der Vergleich mit Institutionen bringt hier vielleicht noch am meisten: statt Personalakten legt man Fotoalben an. Statt einem Büro hat man ein Kinderzimmer; statt vertraglich geregelten Aufgaben hat man ausgehandelte Pflichten. Statt informeller Kommunikation gibt es massenweise Alltag. Statt dienstlichen Auszeichnungen darf man in den Ferien mit Freunden auf den Zeltplatz in der Oberlausitz.

Ein System weist Grenzen auf, an denen die Außenrealität gebrochen wird und nicht mehr kausal im System weiterwirkt. Schon dies ist bei Familien bezweifelbar. Familien gehen auseinander, wenn ein Richter dies entscheidet. Dies kann bei anderer Systemen kaum passieren. Nur weil eine Zahlung nicht rechtmäßig ist, wird nicht das ganze Wirtschaftssystem ausgehebelt werden. Fehlurteile führen nicht zur Abschaffung bürgerlicher Gesetzbücher und korrupte Politiker können nicht den Staat auflösen.
Gerade dies scheint auch gegen den Systemcharakter der Familie zu sprechen: "boundary maintenance is system maintenance" zitiert Luhmann in seinem Hauptwerk "Soziale Systeme". Solche Grenzen sind auf Seiten der Eltern vielleicht über viele Jahre hinweg gegenüber den Kindern durch Macht oder Vertrauen aufrecht erhaltbar, aber nicht auf Dauer. Die allzu fragilen Grenzen der Familie, gerade in der heutigen Gesellschaft, haben den Systemcharakter der Familien bezweifelbar gemacht.

Luhmann lebt

Nun, vielleicht doch nicht.
Vor einigen Monaten wurde die Luhmann-Liste, bei der ich ein recht passives Mitglied bin, von den Fragen einer recht seltsamen Frau gequält: diese wollte nämlich wissen, ob Niklas Luhmann tatsächlich an AIDS gestorben sei. Angeblich ging es hier um einen Artikel für wikipedia.
Soweit ich weiß, starb Luhmann an Blutkrebs. AIDS kam mal als Gerücht auf - und wiederum, soweit ich weiß, von universitärer Seite her. Schade, wenn das stimmt. Dass Universität nicht notwendig heißt, dass man fachlich sauber argumentiert, dürfte vielen bekannt sein. Dass Universität heißt, dass man eigentlich nur noch denunziert, ist beunruhigend.

Übrigens gibt es zwei schöne Interviews mit Luhmann auf dieser Seite von Radio Bremen.

Luhmann selbst hat ja recht umstürzlerisch über Wissenschaft geschrieben. Zumindest habe ich das damals so empfunden. In seinem Buch "Die Wissenschaft der Gesellschaft", S. 247 schreibt Luhmann:
Der Reputationscode bringt mithin Verdienste zum Ausdruck, die speziell in der Wissenschaft (also nicht etwa: durch finanzielle Förderung oder durch politische Unterstützung) um die Wissenschaft erworben werden. Er bezeichnet auf der positiven Seite die Leistung der Erstkommunikation neuen Wissens und auf der negativen Seite das Ausbleiben einer solchen Leistung. Die positive Seite wird besonders markiert, die negative Seite bleibt unmarkiert und wird nur in besonderen Zirkeln und vor allem aus Anlass der Enttäuschung von Erwartungen diskutiert. Der Reputationscode ist ein Analogcode, kein Digitalcode. Er stützt sich auf ein »mehr oder weniger« an Reputation mit fließenden Übergängen, nicht auf ein künstlich-klares »entweder/oder«. Er ist trotzdem ein eindeutig binärer Code mit nur zwei Wertungsrichtungen. Nicht zuletzt ist es diese Zweiwertigkeit, die zu denjenigen Übertreibungen (bzw. Untertreibungen) führt, die dann als Orientierungshilfe dienen. Wer oder was Reputation hat, hat mehr Reputation als er, sie oder es verdienen.
Der Reputationscode kann besonders dann parasitär den Wahrheitscode auffressen, wenn der eine Wissenschaftler einen Ruf hat, der andere nicht. Luhmann spricht zwar davon, dass sich jede wissenschaftliche Reputation in der Wissenschaft und durch die Wissenschaft legitimieren muss, aber in unseren "postmodernen" Zeiten ist eine Orientierung immer schwieriger.
Man kann dies ganz gut an pädagogischen Schriften nachvollziehen. Hier gelten Autoren, die Luhmann zitieren, schon als Systemtheoretiker. Dietrich Eggert zum Beispiel schafft es, sich als systemisch denkend zu verkaufen, aber kaum mehr als eine ökologische Abstammungslehre hinzubasteln. Das hat dann leider mehr mit einem, zudem noch falsch verstandenen Darwinismus zu tun, als mit der Systemtheorie Luhmanns. Trotzdem wird Eggert eifrig von den Pädagogen gelesen und Eggerts Diagnostikbuch ist so etwas wie ein Verkaufsschlager. Eggert gilt als Systemtheoretiker. Leider!

Ein anderes Beispiel ist die Familie.
Ist die Familie ein System oder nicht? In der klassischen Systemtheorie besteht darüber kein Zweifel, aber ein Talcott Parsons ist - nicht zuletzt von Niklas Luhmann selbst - mittlerweile hinreichend kritisiert worden, um ihm - Parsons - nicht mehr ungebremst folgen zu können.
Trotzdem Luhmann recht strenge Kriterien für ein System angegeben hat, werden diese allzuoft missachtet und an der Familie als System festgehalten. Und all dies dann mit Niklas Luhmann, ohne hier Luhmann wirklich zu folgen.
Dazu aber später mehr.

11.02.2007

Mein Sohn sagt und fragt:

1. Wir haben gerade den 2. Teil von Herr der Ringe gesehen. Darin gibt es eine kleine Szene, in der Eowyn (Miranda Otto) aus der Goldenen Halle stürmt und über die Weiten von Rohan schaut. Dabei löst sich im Hintergrund eine der Fahnen und trudelt im Wind davon. Dazu sagt mein Sohn: "Dass die Fahne abreißt, soll sagen, dass Edoras [der Berg, auf dem die Goldene Halle steht] fallen wird." - Kann man besser, deutlicher beschreiben, was ein Symbol macht? Es fasst ein komplexes psychosoziales Phänomen in einem kurzen, dichten Moment zusammen. Nebenbei bemerkt überlege ich mir, ob das Symbol nicht so etwas ist wie das Gegenteil von einer Erzählung. Diese entfaltet ja - zumindest, wenn sie gut ist - ein komplexes psychosoziales Phänomen und breitet es über Seiten und Seiten aus. Wie seltsam, dass viele dicke Romane von Symbolen durchzogen sind. Es ist, als bräuchte diese Kunstform hier ihr Gegenteil, um überhaupt genießbar zu sein?

2. Später sagte mein Sohn etwas unvermittelt zu mir: eigentlich sei es seltsam, dass man nur in einer Stimme denken könne und dass diese Stimme genau wie die Stimme sei, mit der man spricht. Was er aber genau wissen wollte, ist, ob man, wenn man erwachsen wird, seine Kinderstimme als Denkstimme beibehält, oder ob die Denkstimme dann auch erwachsen werden würde. - Ich habe ihm dann erklärt, dass ich nicht nur mit einer Stimme denke, sondern auch oft die Schrift vor mir sehe. Mein Sohn meinte dazu: "Ja, aber das geht nur, wenn man viel und gut schreibt."

3. Eragon sei langweilig, sagt mein Sohn. Ich finde, dass er zumindest dahingehend Recht hat, dass Eragon mit viel Überflüssigem aufgefüllt ist. So steht zum Beispiel dort, dass Brom gedankenversunken ist und er ein Grasbüschel streichelt (oder so etwas ähnliches). Ich weiß nicht mehr ganz genau die Stelle - ich glaube, im Kapitel, das "Warnungen" hieß -; jedenfalls ist mein Sohn sofort darüber gestolpert und fragte mich, warum das da stehen muss. Auch ich war über diese Stelle angenervt. Ich erklärte meinem Sohn, dass dieser Satz dort nicht stehen müsste, sondern eine Ergänzung sei. Mein Sohn schloss daraus folgerichtig, dass der Satz überflüssig wäre.

Das war also wieder einer der Nachmittage, an denen ich das Gefühl hatte, dass mein Sohn mir immer wieder neue Perspektiven eröffnet.
Nicht, dass andere Kinder dies nicht auch könnten. Sogar an der Lernbehindertenschule war ich überrascht, wie selbstverständlich manche der Kinder neue Denkwege öffneten. Man kann daraus, wenn nicht sowieso schon früher, die Lehre ziehen, dass Vernunft keine psychische Kompetenz ist, sondern sich in der Interaktion herausbildet. Fraglich ist dann nur noch, wer hier die größere Deutungsmacht hat, das heißt, wer hier seine Beobachtung und seine Nicht-Beobachtung durchsetzen kann. Wie dies an der Schule läuft, ist wohl jedem klar. Und zeigt auch, wie verantwortungsvoll Lehrer mit solchen Begriffen wie Vernunft und Intelligenz umgehen sollten.
Vernunft kann, nachdem dieser Begriff vielfach konstruiert, destruiert und dekonstruiert worden ist, kaum noch an kulturellen Vorgaben gemessen werden. Die alten Normen sind verabschiedet, auch wenn es immer noch Menschen gibt, die nichts davon gehört haben oder diese Erkenntnis auf die Tätigkeit des Nachplappern-Könnens reduzieren. Wenn man die Vernunft heute knapp definieren will, dann muss man dies vielleicht so tun: sie entsteht in der sozialen Interaktion (das heißt: sie ist "emergent") und führt dort neue Unterscheidungen ein, die neue Felder der Aufmerksamkeit vorgeben (so wie mein Sohn sein Beispiel für Symbole dann gleich noch auf andere Symbole angewendet hat). In diesem Fall hatte ich natürlich einen gewissen Wissensvorsprung. Im Falle der inneren Stimme nicht.