22.04.2013

was ist sonst noch gemacht habe

Nach meinem Krankenhausaufenthalt geht es mir wieder besser. Und so langsam gewinne ich meine Kräfte zurück. Nun, es wird noch einige Wochen dauern, bis ich meinen alten Zustand erreicht habe. Aber zumindest eine frohe Botschaft gibt es: der Arzt meint, ich könne immer noch hundert Jahre alt werden. Das zeigt, dass er langsam dement (oder zynisch) wird. Wer will in dieser Gesellschaft noch hundert werden?

Ich lese wieder den Göttert. Einführung in die Rhetorik, München 1991 (es gibt mittlerweile eine dritte Auflage). Außerdem habe ich ein wenig im eindimensionalen Mensch von Marcuse herumgestöbert. Anlass waren einige Bemerkungen über Merkel und Steinbrück von Hans Hütt. Ich hatte dann die Assoziation zu Marcuse, allerdings habe ich die Stelle, die ich gesucht habe, nicht gefunden und ich bin mir auch gar nicht zu sicher, ob sie im eindimensionalen Mensch zu finden ist.

Sachen weggeschmissen.

Ach ja, das Gehirn der Frauen, und ein wenig Nietzsche vorneweg

Helena und die Sphinx

Zunächst darf ich gestehen, dass ich mit großer Lust ein Fragment von Nietzsche aus seinem Nachlass auseinander pflücke. Es handelt sich um ein Fragment aus dem ersten Buch der nachgelassenen Fragmente (1869-1874) und ist mit 7[27] betitelt, also aus dem siebten Notizbuch Fragment 27.
Das Fragment behandelt die Frage, was das Schöne sei. Um diese Frage zu beantworten, setzt Nietzsche jetzt allerlei rhetorische Tricks in Gang. Er unterscheidet zum Beispiel zwischen objektiv, subjektiv und negativ, wobei objektiv und subjektiv gar keine Unterscheidung bilden. Dadurch geraten das Subjektive und das Negative in eine Differenz. Es ist allerdings eine komplementäre Differenz: indem das Negative die Not verneint und verleugnet, kann das namenlose Subjekt (Nietzsche benennt hier keine spezifische Figur, wie man dies bei ihm häufiger findet) das Schöne empfinden.
Faszinierend aber ist auch, dass das Subjekt (vermutlich männlich) nicht benannt ist, während es mindestens zwei Frauenfiguren gibt, die für das Schöne stehen: Helena und die Sphinx. Die Helena ist die Helena des Fausts, deshalb muss man hier fast notwendig noch eine dritte Frauenfigur dazu nehmen: das Gretchen.
Die Sphinx selbst gehört zu einer Reihe von Geschwistern, die allesamt Mischwesen sind und wurde von zwei Eltern gezeugt, die ebenfalls Mischwesen sind (siehe Wikipedia: Sphinx (griechisch)). Hier muss man zum Beispiel daran denken, dass die ideale Frau eine reine, keine gemischte Frau ist. Zum Beispiel die Helena, die gerade deshalb ideal ist, weil weder etwas fehlt, noch etwas zu viel ist. Zudem bedeutet Sphinx aber auch (im griechischen) einmal erwürgen und einmal (durch einen Zauber) festbinden (siehe Wikipedia: Sphinx (ägyptisch)).
Die letzte Anmerkung ist deshalb spannend, weil sich Nietzsche nicht auf die Helena im zweiten Teil des Faust bezieht, sondern aus der Hexenküche, Vers 2003-2004: „Du siehst, mit diesen Trank im Leibe, / bald Helenen in jedem Weibe.“ So erscheint im Zaubertrank die Sphinx verdoppelt, die ebenfalls festbindet.

Das sind so die kleinen Vergnügen, die ich mir in den letzten Tagen geleistet habe. Ich habe es auch lange nicht mehr gemacht, die möglichen kulturellen Schichten in einem Text aufzulesen. Zu der Technik muss ich nochmal etwas schreiben, denn vielen Menschen ist immer noch nicht auf der praktischen Ebene bewusst, dass das Lesen eines Textes etwas Produktives ist.

Das Gehirn der Frauen, und warum gender mit der Biologie möglich ist

Natürlich ist das Gehirn der Frauen anders als das Gehirn der Männer. Es ist bloß nicht komplett anders, wie dies häufig suggeriert wird, sondern nur in ganz wenigen Teilen. Deren Einwirkung auf das Denken erscheint mir zwar nicht unwichtig, aber erstmal im Großen und Ganzen nebensächlich.
Die Kategorie des gender funktioniert nun alleine deshalb, weil das Gehirn eine so genannte Neuroplastizität aufweist. Diese besagt nichts anderes, als dass sich ein Gehirn von den Reizen der Umwelt anregen lässt, ein eigenes (individuelles) Gedächtnis aufzubauen. Reize sind weder männlich noch weiblich. Sie können aber sowohl auf männliche wie weibliche Gehirne einwirken. Auch weibliche Gehirne ändern sich also durch die Reizverarbeitung ihrer Umgebung. Die Frage ist jetzt, inwieweit die Umgebung für eine spezifisch weibliche oder spezifisch männliche Reizverarbeitung (und in weiterem Sinne Sozialisation) strukturiert wird und ob dies nicht auch anders möglich wäre. Diese Frage nach dem Anders-Möglich-Sein ist die Frage nach dem kulturellen Geschlecht.
Im übrigen, lieber (auch diesmal wieder selbstverständlich anonymer) Beschimpfer, frage ich mich, ob das Denken der Frauen tatsächlich so monoton verläuft, wie Sie das unterstellen. Würde eine Frau tatsächlich so funktionieren, müsste sie praktisch ihren ersten Gedanken, den sie im Leben hat, unendlich und ohne Abweichung wiederholen. Ich verweise hier, als Gegenbeispiel, auf das reale Leben. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.

17.04.2013

Ratgeber-Bücher

Ratgeber sind etwas Feines. Wer wollte das bestreiten?
Trotzdem eine Bitte: Ratgeber liest man nicht einfach, man arbeitet mit ihnen. Ein einfaches Durchlesen reicht nicht.
Warum ich das schreibe? Weil eine Kundin den Fritz Gesing (Kreatives Schreiben, erschienen bei DuMont) gelesen hat und behauptet hat (wahrscheinlich aus ihrer Perspektive zurecht), das Buch sei zu nichts nütze. Sie habe nicht besser schreiben gelernt. Ich habe sie daraufhin gefragt, ob sie Übungen dazu gemacht hat. Die seien nämlich wichtig. Nein, hat sie relativ erstaunt beantwortet. Warum denn? Ein Autor muss doch so verständlich schreiben können, dass man das sofort versteht.
Aber diese Auffassung wäre genauso, als wollte ich mir vom Anschauen eines Klavierlehrerbuches das Klavierspielen beibringen. Wer sich also einen Schreib-Ratgeber kauft, sollte sich auf eine gewisse Mühe einlassen.

Ein anderes Problem sind die Übungen selbst. Viele Menschen scheinen sich selbst nicht mehr Aufgaben stellen zu können. Sieht man sich den Gesing an, dann bietet dieser keinerlei Übungen an, nur Listen mit entsprechenden Fragen. Der Leser muss sich selbst seine Übungen entwerfen. Wie entwirft man eine Übung? So konkret wie möglich. Gesing zum Beispiel beschreibt verschiedene Plotstrukturen, nach denen bestimmte Geschichten aufgebaut sind.
Ein Beispiel für eine solche Geschichte mit einer solchen Plotstruktur ist die innere Wandlung (siehe Gesing, Seite 108). Der Protagonist gerät in eine Selbstfindungskrise, sucht, scheitert und hat Erfolg und ändert sich schließlich innerlich. Der Konflikt ist ein innerlicher. Was ist nun einfacher, als sich solche innerlichen Konflikte aus zu denken und darum herum Geschichten zu basteln? Sie üben damit die Struktur eines bestimmten Plotmuster.

Es ist ein Fehler, von einem Ratgeber zu erwarten, er würde einem sofort helfen. Es ist ein Fehler zu glauben, einen Ratgeber ohne Übungen für die Praxis nutzen zu können.
Den Gesing habe ich zum Beispiel durchkommentiert. Ich habe Beispiele gesucht und verglichen. Das hat mich relativ viel Zeit gekostet. Letzten Endes aber konnte ich hinterher wesentlich besser Ratschläge geben und meinen Kunden konkrete Tipps geben.

Perspektivwechsel: darf man in einer Szene von einer Person zur anderen springen?

[Nachtrag 30.10.2015: wer zufällig über diesen Artikel stolpert, sollte sich besser Einige grundlegende Einteilungen der Erzählperspektive und Erzählsituation ansehen. Dieser ist präziser und differenzierter. Dort verwende ich auch ein systematischeres und einheitliches Modell, während ich mich hier auf das unscharfe, aber bekanntere aus dem Schulunterricht und den (deutschen) Schreibratgebern beziehe.]

Nein, darf man nicht. Obwohl: das Ganze ist eine Sache der Definition. Dort, wo eine andere Perspektive eingeführt wird, beginnt eigentlich per Definition auch eine neue Szene. Trotzdem: ein Perspektivwechsel in einer Szene ist erzähltechnisch zwar nicht verboten, aber doch eher eine Technik des experimentellen Schreibens.

Der Perspektivwechsel

In einer Geschichte, zumindest in den klassischen, gibt es immer eine Erzählperspektive. Üblicherweise sind dies die auktoriale und die personale Erzählperspektive. Es gibt noch die Ich-Perspektive. Diese gilt für Geschichten, die aus der Ich-Position verfasst worden sind.
Die auktoriale Erzählperspektive hat es mit einem „allwissenden“ Erzähler zu tun. Dieser Erzähler kann jederzeit fehlende Informationen nachtragen, das Geschehen kommentieren und von einem Erzählstrang zum nächsten springen, ohne selbst als Erzähler anders zu werden.
Die personale Erzählperspektive erzählt aus der Sicht einer der Romanpersonen. Wenn Peter der Protagonist des Romans ist, kann der Autor dies aus seiner Perspektive machen, d.h. der Autor gibt nicht die eigenen Gedanken wieder, sondern die von Peter. Ist Peter zum Beispiel unglücklich mit seinem Beruf, dann wird er dies aus seiner Sicht schildern. Er kann dies völlig ungerecht tun und völlig falsch. Das ist in diesem Fall aber erlaubt, weil es eben seine Perspektive ist.
Wenn man nun die Geschichte aus einer Perspektive darstellen kann, kann man sie auch aus mehreren Perspektiven schreiben. Eine Geschichte wird dann aus der Sicht von Peter, Sabine, Toby und wem auch immer geschrieben. Der Autor wechselt also die Perspektive.

Probleme mit dem Perspektivwechsel

Geschichten brauchen Strukturen. In Abenteuergeschichten sind dies normalerweise die Szenen (mit Abenteuergeschichten meine ich alle Geschichten, die auf Spannung aufbauen, also viele Krimis und Fantasy, aber auch Liebesromane und zahlreiche historische Erzählungen). Eine gut strukturierte Geschichte ist also eine Geschichte mit gut abgegrenzten Szenen. Eine Szene hat immer eine Funktion: Sie führt zum Beispiel eine neue Figur ein, eine wichtige Information oder eine für die Geschichte relevante Handlung. (Eine ausführlichere Darstellung habe ich unter Szenisches Schreiben veröffentlicht.)
Funktionen in Szenen sind stark auf die Handlung bezogen. Sie brauchen einen Handlungsträger, also einen Protagonisten. Die Betonung liegt hier auf „einen“. Will man also die Perspektive wechseln, muss man eine neue Szene anfangen. Dass sich diese Szenen dann ineinander verschränken können, klar. Peter sitzt am Küchentisch und überlegt, wie er seiner Freundin beibringen kann, dass er mit den Kumpels jetzt doch Fußball schauen geht. Sabine kommt in der nächsten Szene in die Küche und  ahnt, was Peter denkt.
Teilt man Szene nicht auf, sondern führt sie nahtlos aus der Perspektive von Peter in die Perspektive von Sabine, kann sich zwar der Leser denken, dass die Perspektive gewechselt wurde. Doch der Autor orientiert ihn nicht und dann kann es zu Missverständnissen kommen. Um also solche Missverständnisse zu vermeiden: Szenen mit unterschiedlichen Perspektiven trennen.
Ein weiterer Vorteil klar abgegrenzter Szenen und klar abgegrenzter Perspektiven ist die psychologische Darstellung der Personen, die dadurch wesentlich schärfer wird. Gut abgegrenzte Szenen bedeuten gut dargestellte Charaktere. Natürlich kann man nicht alleine dadurch seine Protagonisten lebendig machen. Man braucht auch ein gutes psychologisches Gefühl und Menschenkenntnis. Wer Probleme mit seinen Personen hat, zum Beispiel, weil sie plötzlich nicht mehr das machen, was sie in der Geschichte machen sollen, sollte sich ein wenig mit Psychologie beschäftigen, vor allem mit der Persönlichkeitspsychologie.

Ein Beispiel

Ich danke Christiane für das folgende Beispiel. Sie ist eine meiner wenigen Kundinnen, die mich als Text-Coach im fiktiven Bereich gefordert hat (normalerweise arbeite ich im wissenschaftlichen Bereich, biete aber ein Schreib-Coaching für Erzählungen und Romane an). Christiane hat folgenden Text geschrieben (ich habe den Personen andere Namen gegeben):
Peter schnaubte vor Wut.
Warum regt er sich jetzt so auf, empörte sie sich innerlich. Er ist doch selbst dran schuld.
Und sie steht da, als sei nichts. Wenigstens eine Erklärung könnte sie abliefern. Er verstand Mona sowieso nicht mehr. Erst war sie ganz Feuer und Flamme für ihn, jetzt ließ sie ihn so hängen.
Ich glaube, dazu muss man wenig sagen. Hatten Sie Probleme, die Sätze zu trennen, sich klar zu werden, was Peter denkt und was Mona denkt? Das ist das erste Problem, wenn man die Perspektiven nicht trennt. Sie hemmen den Lesefluss.
Das zweite Problem: findet ihr den Konflikt spannend? Das ist natürlich bei einer so kurzen Textstelle schwer zu sagen. Aber wenn wir schon, wie hier, einen dramatischen Liebesroman haben, dann möchten wir doch wissen, wie einer der Protagonisten seine Probleme und Konflikte mit dem anderen löst. Dann ist ein Perspektivwechsel sowieso nicht angebracht. Gerade weil ich nicht weiß, was diese Figur denkt, wird sie spannend. Diese Szene vergibt sich zum Beispiel die Chance, den Leser in Unsicherheit zu lassen. Wüsste der Leser nicht, wie Peter denkt, wäre die Szene spannender. Man kann dies zum Beispiel dadurch erreichen, dass man aus Monas Perspektive Peter beschreibt, aber seine Innenperspektive weglässt.

14.04.2013

Edgar Wallace: Feuer im Schloss

Der Roman Feuer im Schloss erschien 1931 und wurde 1960 übersetzt. Damit gehört er zu den späten Krimis von Edgar Wallace.

Rezension (ohne Spoiler)

Aus einer Nervenheilanstalt bricht ein alter Mann aus, erschlägt seinen Wärter und verschwindet in den Wäldern. Dieser Mann hat sein Leben lang in der Nervenheilanstalt verbracht. Warum er gerade jetzt ausbricht, weiß niemand. Kurze Zeit darauf werden mehrere Einbrüche verübt, bei denen teure Schmuckstücke gestohlen werden. Seltsamerweise aber werden diese fast ein Jahr später wieder zurückgebracht und zwar erneut durch Einbrüche.
Ein Bewohner des Landstriches ist Lord Arranway. Dieser etwas verschrobene Mensch mit einem großen Hang zur Eifersucht hat eine junge Frau geheiratet und da seine erste Frau ihn betrogen hat, gibt es zwischen den beiden reichlich Konflikte. Der Bruder der jungen Frau hat zur Versöhnung eine Europareise vorgeschlagen. Auf dieser Europareise lernen sie einen Mister Keller kennen, mit dem sich der Lord sehr gut versteht. Keller gibt vor, ein reicher Australier zu sein. In Wirklichkeit ist er ein Frauenheld, Dieb und Erpresser. Er hängt sich an den Lord und seine junge Frau und fährt mit ihnen auf ihr Schloss. Bereits einige Tage später bricht im Schloss ein Feuer aus und es brennt nieder. Die Bewohner des Schlosses siedeln in einen Gasthof über, der einem gewissen John Lorney gehört. Hier betreibt Keller weiterhin seine kleinen Erpressungen, deren Opfer vor allem Mary, die junge Frau des Lords ist. Dann taucht ein weiterer Mensch auf, dessen Tochter durch Kellers Missverhalten erst verrückt geworden ist, dann starb. Die Situation zwischen diesen Menschen spitzt sich immer weiter zu. Schließlich kommt es zum Mord an Keller.

Wallace führt nach und nach in eine Situation ein, die höchst spannend ist und geradezu nach einem Mord schreit. Dabei ist faszinierend, dass man erstens nicht an Keller denkt und zweitens, dass die Auflösung der ganzen Geschichte sehr nachvollziehbar ist, aber bis kurz vor der Auflösung eigentlich nicht denkbar. Der Krimi ist also hervorragend konstruiert.
Stilistisch bleibt Wallace sehr knapp. Seine Sätze sind kurz und ohne größere poetische Wortwahl. Nein, ein literarisches Meisterwerk, wie man dies bei Chandler erwarten kann, ist dieser Krimi nicht. Spannend und kurzweilig dagegen ist er und wegen der schlichten Sprache rasch zu lesen.
Man kann den Roman also ohne Bauchschmerzen empfehlen. Für einen Nachmittag ohne großes Philosophieren und mit viel Regen ist er auf jeden Fall äußerst ideal.

Mikrologik: Abschluss

Ich hatte mit großer Motivation letztes Jahr Betrachtungen zur Mikrologik des Textes begonnen. Dann kam mir meine Dozententätigkeit in die Quere, die mich voll und ganz aufgefressen hat. Mittlerweile bin ich hier zu einem Ende gekommen und habe wieder mehr Zeit für Texte. Ich werde meine Artikel zur Mikrologik trotzdem nicht weiterführen.
Das liegt unter anderem daran, dass ich zu keiner guten Formalisierung komme. Diese bräuchte ich, um die Mikrologik lehrbar zu machen. Immer wieder stoße ich an solche Grenzen, zum Beispiel auch beim Krimi. Eigentlich hat jeder Krimi eine letzte, unlogische Schicht, die sich weder erzählerisch noch psychologisch erklären lässt.
So ist in dem Wallace-Krimi Feuer im Schloss ein Protagonist (Keith Keller) ein ziemlicher Erpresser und Dieb. Er stiehlt der Frau eines Adeligen ein Diamantenhalsband und verkauft es. Als die Polizei dies herausfindet, spricht der Adelige den Erpresser nicht darauf an oder fordert sogar die Rückgabe des Geldes, die dieser beim Verkauf erhalten hat, sondern löst einfach das Halsband aus. Es ist unklar, warum er dies tut. Nun könnte man sagen, dass eine solche Behandlung des Themas schlecht sei. Der Krimi selbst aber ist äußerst spannend und wenn man nicht so genau hinschaut, durchaus gut konstruiert. Das Ende kommt ziemlich überraschend, aber mit dem Effekt: ich hätte es wissen können, aber ich habe es nicht gesehen. Es ist also kein Ende, wo der Gott aus der Maschine plötzlich die Lösung liefert.
Was auf der einen Seite natürlich beruhigend ist, dass Wallace, Chandler, Camilleri und andere Autoren keine komplett logisch durchkonstruierten Krimiplots entwerfen und trotzdem gut unterhalten, sollte natürlich nicht zu einer Nachlässigkeit führen. Es gibt einfach Sachen, die man recherchieren kann. So hat mich damals Die Therapie von Sebastian Fitzek sehr aufgeregt, weil er nicht nur furchtbar schlecht geschrieben hat, sondern auch seine Darstellung einer psychischen Krankheit völlig irreal war. Genauso nerven mich diese Psychose-Thriller, die vor allem eines zeigen: dass der Autor, bzw. die Autorin keine Ahnung von Psychologie haben. Nun gut, das ist wohl auch ein Zeichen der Zeit. Kennt man jemanden und hat drei Ratgeber gelesen, dann kann man wohl auch Psychologie.

13.04.2013

Handke, Proust und Wallace

Lange habe ich nicht mehr schreiben können. Ich habe im Krankenhaus gelegen mit einer etwas unangenehmen Sache. Heute bin ich zurückgekommen und fühle mich noch immer recht blümerant. 500 E-Mails habe ich aus meinem Postfach entfernt.

Während meines Aufenthalts habe ich Handkes Versuch über die Jukebox gelesen. Er fasziniert mich und lässt mich ein wenig ratlos, was er mit seinen Texten sagen will. Vielleicht tatsächlich gar nichts außer anregende Bilder, deren theoretischer Bezug bis zur Unkenntlichkeit weggetüncht ist.

Gelesen habe ich auch die ersten 100 Seiten von Proust Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Abgesehen davon, dass die Antibiotika mich dann so zermatscht haben, dass ich mich nicht mehr auf das Buch konzentrieren konnte, bringt es auch so viele wunderschöne Verbildlichung ins Spiel, dass ich diese etwas systematischer sammeln werde und sie (zusammen mit den ebenfalls sehr schönen Verbildlichungen aus Die Tote im See von Hammett) in mein Buch über die Verbildlichung einbauen werde.

Wallace habe ich gelesen Feuer im Schloss, das es hier kostenlos gibt. Allerdings kenne ich diese Ausgabe nicht. Ich habe noch die alte Goldmann-Ausgabe. Die Geschichte fand ich tadellos spannend. Ich hab dann versucht, den ganzen Plot auseinander zu bröseln und festgestellt, dass es wohl keinen Krimiautor gibt, dessen Geschichte durch und durch auf einer logischen Ableitung basiert.

20.03.2013

Subkulturelles Senfgelb

Lea hat vor einem Monat eine Glosse in der taz veröffentlicht. Gehüllt in Erde und Schlamm. Besonders lustig fand ich die Behauptung von Axel Venn, einem Professor für Farbgestaltung, senfgelb sei subkulturell. Häh? Seit wann ist denn eine Farbe kulturell? Geschmäcker, Trends sind kulturell. Aber eine Farbe?

Ansonsten: ich habe viel zu tun und komme nicht zum Schreiben. Ihr werdet also in den nächsten Wochen wenig von mir hören und wenn, dann eher kurze Sachen.

09.03.2013

Vorurteile und die junge Islamkonferenz

Es ist faszinierend (und ärgerlich), wie falsche Begriffe und falsche Methoden zu recht seltsamen Aussagen führen. Ein solches Wort ist das Wort Vorurteil. Gauck wünscht sich einen vorurteilsfreien Dialog mit Muslimen. Doch das ist natürlich absoluter Unsinn. Man tritt in einen Dialog, weil man sich nicht so gut kennt. Man muss Vorurteile haben. Man muss eben nur mit ihnen umgehen können.
Ein Vorurteil ist erstmal nichts Schlimmes, nichts Böses. Es ist eine Aussage, die vor dem Urteil geführt wird und in der Argumentation revidiert wird.
Die Gefahr an dem Verbot von Vorurteilen besteht unter anderem in dem hohen Druck, der auf die Diskutanten aufgebaut wird. Man weiß es noch nicht oder hat eben undifferenzierte Urteile. Zudem müssen es ja Vorurteile sein, denn sobald es ein Urteil ist, kann man darüber nicht mehr diskutieren.
Freilich gehe ich hier von einem Begriff des Vorurteils aus, der sich eher auf einen philosophischen Begriffsapparat bezieht. Der alltäglich benutzte Begriff ist ja mit "böse", "schlecht", mindestens "gedankenlos" konnotiert. Und das ist auch deshalb kritisch zu sehen, weil eine mögliche Wahrheit suggeriert wird: man könne, so macht die Rede vom vorurteilsfreien Dialog deutlich, die Fehlbarkeit menschlichen Zusammenlebens überwinden. Den philosophischen Begriff des Vorurteils dagegen muss man als notwendiges Moment einer Diskussion nehmen. Zwar ist er noch bei Kant, auch später, auf die mögliche Wahrheit bezogen, aber er ist eher methodischen als moralischen Charakters.

Nicht also die Vorurteile sind schlecht, aber der Umgang mit ihnen. Vor allem der Umgang mit den eigenen Vorurteilen braucht viel Disziplin.

04.03.2013

und jetzt brauche ich doch den gesamten Aristoteles

Im Internet ist allerlei Widersprüchliches zum Enthymem zu finden.
Aristoteles hat sich ausführlich zu den Enthymemen geäußert, nur besitze ich diese Werke eben nicht. Lediglich das Organon kann ich mein nennen. Jetzt nervt mich aber, dass ich die widersprüchlichen Behauptungen zum Enthymem nicht auf eine gute Lektüre-Basis stellen kann. Deshalb werde ich mir morgen, obwohl ich mir eigentlich ein Bücherkauf-Verbot verordnet habe, die Gesamtausgabe des Aristoteles holen.

Auch mein Göttert (Einführung in die Rhetorik, München 1991) bleibt hier etwas sehr oberflächlich und jedenfalls nicht so, dass sich für mich eine Klärung ergibt. Also eben doch der Aristoteles. Mein Bücherregal hat ja sonst nichts zu tun.

Und wo wir gerade beim Einkaufen sind: ich habe mir heute Hosen und Hemden gekauft, vor allem habe ich einige schöne Hemden gefunden, die etwas farbenfroher und gleichzeitig gediegen sind und wesentlich besser zu mir passen als diese (ich hasse sie) Business-Hemden. Und weil ich gerade dabei war, Geld auszugeben, habe ich mir noch zwei Paar Schuhe gekauft, unter anderem zum ersten Mal (glaube ich) in meinem Leben braune. Ich bin immer noch ganz fertig von meiner eigenen, innovativen Kraft.

Politik oder Quoten-Zoten?

Eine Zeitschrift, die – wie der Stern – ihrem Publikum peinliche Zotengeschichten aus dem Leben eines Politikers verkauft, kann sich selbstverständlich auf die Pressefreiheit berufen, aber wenn sie – wie ebenfalls der Stern – ihrem Publikum diese Geschichten in der Rubrik „Politik“ verkauft, dann stellt sie dem politischen Journalismus den Totenschein aus. Damit steht der Stern nur an der Spitze eines Trends im Journalismus, der den Blick auf politische Probleme und gesellschaftliche Prozesse zunehmend durch den Blick in die Hose oder unter den Rock der daran beteiligten Akteure ersetzt.
Frankfurter Rundschau: Ein Sexist wird besichtigt
Und mehr muss man dazu auch nicht mehr sagen, oder?

Homosexuelle, Manager-Gehälter und Gauck und der Sexismus

Statt ernsthaft zu schreiben, krame ich den ganzen Tag in den aktuellen Nachrichten herum. Besonders regt mich die Debatte über die Gleichstellung Homosexueller im Steuerrecht und Adoptionsrecht auf. Meinetwegen darf die christliche Ehe ja noch die nächsten 1000 Jahre heterosexuell bleiben. Doch das hat mit dem Grundgesetz, dem Recht auf Gleichstellung und der säkularisierten Ehe wenig zu tun. Dementsprechend muss, ich fordere es ja seit Jahren, die christliche von der juristischen Ehe strikt getrennt werden. Eine Vermischung ist fatal. Ihr Endergebnis lässt sich an den religiösen Staaten des Islamismus ahnen.
Besonders kühn (oder dämlich) war allerdings Dobrindt: er argumentierte, dass es viel zu wenig Daten gebe, um etwas über die Qualität homosexueller Eltern zu sagen und deshalb kein Anlass bestehe, diesen das Adoptionsrecht einzuräumen. Das allerdings ist eine äußerst verquere Ansicht: weil wir noch nicht wissen, ob etwas gut ist, verbieten wir es einfach mal (oder lassen es erst gar nicht zu).
Scheinheilig finde ich auch die CDU und CSU, die die erste Gesetzesnovelle, die zumindest die homosexuelle Ehe möglich gemacht hat, als ihre eigene Leistung verkauft. Da hat jemand ein ganz ganz schlechtes Gedächtnis.
Im übrigen bin ich überhaupt kein Freund von solchen Veranstaltungen wie dem CSD. Ich sehe zwar ihre Notwendigkeit ein, finde sie aber zu sexualisiert und zu wenig politisch. Außerdem sind die vielen Kundgebungen oft nur noch ein reines wirtschaftliches Geschäft. Der Kampf um Gleichberechtigung in der öffentlichen Meinung als Marketing-Strategie. Gerade wird man auf Facebook mit Unterhosen-Werbungen zugeschüttet, die weniger die Unterhosen, als die Inhalte in den Vordergrund stellt. Und genauso geschieht es mit den „heiratswilligen“ Frauen. (Doch darüber regt sich keiner auf, nicht vor der Sache mit Brüderle und auch nicht danach.)

Gefreut allerdings hat mich, dass die Schweizer ein recht revolutionäres Gesetz auf den Weg gebracht haben: die Beschneidung von Manager-Gehältern. Auf solche Gesetze dürfen wir hier in Deutschland wohl noch einige Zeit verzichten. Angela Merkel hat zwar zurzeit der so genannten „Bankenkrise“ groß herumgetönt. Nur ist wenig passiert.
Wer hat's erfunden?
Die LINKEN, wie fast alle wichtigen Lösungen, die derzeit im wirtschaftlichen Bereich debattiert werden.

Gauck spricht im Fall Brüderle von einem Tugendfuror. Jeder beeilt sich (das sagt aber nicht Gauck, sondern ich), diese Art des Sexismus als besonders schlimm zu empfinden und dem ganzen eine weitere Anekdote hinzuzufügen.
Was uns die Debatte nicht sagt, ist, dass der strukturelle Sexismus und der Einzelfall nicht vermischt werden dürfen. Was im Einzelfall eine dumme Zote ist, die eine Reporterin zwar nicht ertragen, aber auch nicht so auswalzen muss, ist in einem anderen Einzelfall, der aus Vergewaltigung oder Nötigung besteht, eine ganz andere Sache. Diese Wichtigtuerei ist tatsächlich nur eine moralische Hülse. Den Frauen, denen es in Deutschland wirklich noch schlecht geht, wird sie sicherlich nicht helfen. Sie geht an deren Lebenswirklichkeit komplett vorbei. Der Sexismus-Vorwurf wird zu einem Privileg der Gebildeten. Eigentlich ist das ziemlich widerlich.

Immerhin habe ich mich aber mit den Enthymemen bei Aristoteles intensiver beschäftigt. Und ich habe mir einen Schreibtisch (auf dem Zettelkasten von Daniel Lüdecke) zur mathematischen Förderung angelegt. Ich war also nicht nur politisch zugange.