02.12.2016

Sprechhandlungen

Von Polenz führt eine ganz andere Art der Satz-/Textanalyse in seinem Buch Deutsche Satzsemantik ein. Diese scheint gegenüber den Analysen des Aussagegehalts (zu denen die semantischen Rollen gehören) übergeordnet zu sein, zumindest, wenn man die Sprechhandlung als auf mehreren Ebenen möglich sieht.
Im Folgenden werde ich (zwei) andere Sichtweisen auf den Handlungsgehalt von Texten vorschlagen, die beide auch als Lesemodelle verstanden werden können. Beide verschieben den Schwerpunkt, den von Polenz setzt, ohne ihn aufzugeben.

Sprechakte

Die Sprechakttheorie bezieht sich auf Sätze, die etwas tun. Die ersten Vertreter haben diese Handlungen noch sehr dicht an den echten Handlungen gesucht, bzw. dann vor allem in solchen Handlungen, die nur durch Sprache möglich sind.
Man kann etwa eine Missbilligung mimisch ausdrücken, also ohne Sprache, aber auch in Worten fassen. Dagegen sind die Taufe, der Vertrag oder das Versprechen auf Sprache angewiesen.
Jedenfalls unterscheidet die Sprechakttheorie zwischen dem Sprechen als Handlung, der Handlung als Inhalt des Gesprochenen und der Wirkung (Re-Aktion) auf das Gesprochene.

Die (un)gesehene Handlung

Die Differenz im Sprechakt

Aus der Systemtheorie kommt der Gedanke, dass nicht die Handlung das Primat des Sozialen ist, sondern die Kommunikation, bzw. dann noch der darunter liegende Sinn, den sich soziale und psychische Systeme teilen. Diese Frage müssen wir nicht weiter erörtern. Wichtig daran ist, dass die Zustände des Sinns nicht durch Identitäten, sondern durch Differenzen geregelt sind; so dass jede Identität nur eine Seite einer Differenz ist, aber nicht diese Differenz selbst.
Demnach sind aber auch Sprechakte nicht einfach nur Identitäten, die durch Differenzen verbunden sind, sondern die Identitäten werden erst durch die Differenz geschaffen, also immer nachträglich und immer abhängig von der anderen Seite der Differenz. Dies würde erklären, warum die Sprechakttheorie so große Probleme hat, die Wirkungen eines Sprechakts zu beschreiben, bzw. überhaupt klären zu können, wie viele Arten und Weisen des Sprechakts es überhaupt gibt.

Der Sprechakt im Lichte des Konstruktivismus

Der Konstruktivismus behauptet, dass selbst die Wahrnehmung einer Aktivität ist, und wenn schon nicht eine Aktivität des Bewusstseins, so doch eine Aktivität des Gehirns oder des Vorbewussten. Betrachtet man nun die sogenannten Repräsentativa, die Sprechakte darstellen, die etwas darstellen, sei es eine Wahrnehmung, eine Information oder eine andere kognitive Leistung, so muss man zugleich deren Hergestelltsein zugestehen. Eine Information wird demnach nicht repräsentiert, sondern konstruiert; zugleich wird der Sprechakt, der diese Information konstruiert, ebenfalls geschaffen — und so ist gerade der repräsentierende Sprechakt auf doppelte Weise keine Repräsentation.

Leben in verschiedenen Welten

Noch fragwürdiger wird die Unterscheidung, wenn man sich Erzählungen ansieht, in denen Geheimnisse oder Rätsel eine wichtige Rolle spielen, oder die ironisch sind, also etwas sagen und zugleich nicht sagen.
Ein gutes Beispiel dafür liefert der Beginn von Harry Potter. Wir erinnern uns: der Roman beginnt in der Nacht, in der der böse Zauberer Voldemort die Eltern von Harry Potter ermordete, aber den kleinen Jungen, eben Harry, nicht nur nicht umbringen konnte, sondern bei dem Versuch seine ganze Macht einbüßen musste. Die Geschichte selbst beginnt nun nicht mit diesem Ereignis, sondern den Geschehnissen im Haus von Harrys Tante und deren Ehemann, den Dursleys.
Vom erzählerischen Aspekt ist die Zweiteilung der Welten in eine Menschenwelt und eine Zaubererwelt wichtig, denn hierdurch wird das erste Rätsel gebildet: die Zaubererwelt schickt Signale in die Menschenwelt, die die Menschen aber nicht interpretieren können. Nun befinden sich die Dursleys dummerweise gegenüber vielen anderen Menschen in einem Vorteil, denn natürlich wissen beide, dass es Zauberer gibt. Allerdings versuchen sie, deren Existenz so gut es geht zu leugnen.
Der Leser selbst ist ebenfalls im Bilde: auch wenn die Zaubererwelt im Buch selbst bis zu dieser Stelle nicht benannt wird, wird er wohl mindestens den Klappentext gelesen haben, oder durch Hörensagen ein wenig vom Inhalt des Buches wissen.

Narrative und diskursive Ebene

Jedenfalls wird diese blinde und selbstverliebte Idylle, in die sich die Dursleys eingeigelt haben, zunächst von einem Satz durchbrochen, der keine Rolle für die Geschichte selbst spielt, aber umso mehr für die Art und Weise, wie der Leser die Geschichte wahrnimmt:
None of them noticed a large tawny owl flutter past the window.
Dieser Satz funktioniert nur, indem er zugleich etwas präsentiert und nicht präsentiert. Auf der einen Seite berichtet der Erzähler von einer Eule und davon, dass niemand diese Eule gesehen hat, und auf der anderen Seite hat diese Eule tatsächlich niemand gesehen, zumindest niemand in der Geschichte.
Was lehrt uns dieses Beispiel?
Nun, zunächst, dass derselbe Satz zur selben Zeit zwei sehr verschiedenen Ebenen zwei sehr unterschiedliche Wirkungen besitzt. In der Literaturwissenschaft wird diese Differenz durch die Trennung von narrativer und diskursiver Ebene ausgedrückt: die narrative Ebene betrifft alles, was in der Geschichte „real“ vorkommt, also Zauberer, mystische Länder, Weltraumstationen und das unsägliche Grauen, welches hinter den Grenzen von Raum und Zeit lauert; die diskursive Ebene betrifft die Kommunikation vom Autor zum Leser.
Im weiteren Sinne erfahren wir aber, dass ein solcher Satz vom Kontext abhängig ist, aber auch davon, wie wir diesen Satz in seinem Kontext interpretieren.

Die Ironie

Tatsächlich stützen sich viele erzählerische Techniken auf der Trennung von zwei oder mehr verschiedenen Deutungsrahmen. Sehr deutlich wird dies in der Ironie, wie sie sich im ersten Satz von Harry Potter and the Philosopher's Stone finden lässt:
Mr and Mrs Dursley, of number four, Privet Drive, were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much.
Zunächst wird die Sichtweise der Dursleys geschildert – „wir sind völlig normal“ –, dann aber bricht der Kommentar des Autors in diesen Deutungsrahmen ein: „na vielen Dank aber auch“, ein deutliches Signal, dass diese Sichtweise keine endgültige ist. Damit wird die Sprechhandlung, sich selbst als normal zu bezeichnen, zu einem unfreiwilligen Eingeständnis, alles andere als normal zu sein.
Die Ironie funktioniert hier nicht auf der narrativen Ebene, zumindest zunächst noch nicht, sondern rein in der Kommunikation zwischen Autor und Leser. Aber der Satz, so wie er dasteht, macht noch mehr: er erzählt nicht nur von der Selbstblindheit der Dursleys, er ironisiert diese nicht nur für den Leser, sondern er weist auf einen Konflikt hin, der später in der Geschichte eine wichtige Rolle spielen wird. Mit diesem Satz darf der Leser erwarten, dass der Deutungsrahmen, den der Autor ihm nahegelegt hat, in die Welt selbst hineinwandern wird. Und tatsächlich wird wenige Seiten später die Zaubererwelt massiv in das Leben der Dursleys einbrechen; überall die Romane von Harry Potter hinweg werden wir dadurch Zeuge, wie diese ach so normale Familie versucht, diese Normalität aufrechtzuerhalten.

Sprechhandlungen

Zu dieser langen Rede gibt es einen kurzen Sinn. Eine Handlung ist etwas anderes je nach der Handlungsfolge, in die sie eingebunden ist. Ein Mensch, der einem anderen Menschen dem Skalpell die Bauchdecke aufschneidet, ist entweder ein Chirurg oder ein Massenmörder, und je nachdem sieht die Handlungskette um diese Handlung herum anders aus, wird der Beobachter einen anderen Deutungsrahmen benutzen, und die Mitteilung der Handlung eine andere Wirkung erzielen.
Bedenkt man dann noch, dass man eine solche Mitteilung auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen betrachten kann, als Linguist, als Narratologe, oder vielleicht als christlicher Moralist, der die chirurgische Praxis in Ordnung findet, aber nicht Erzählungen, in denen Massenmörder auftauchen (weil diese Teufelswerk seien und die Menschen vom Lesen der Bibel abhielten). Und je nachdem wird die Handlung anders eingeschätzt.
So kann man schließen:
In einem Satz/Text überkreuzen sich so viele Handlungen, wie es Deutungsrahmen dessen Handlungsgehalts gibt.

Der operative Urgrund des Sprechens

Was ist eine Operation?

Als Operation kann man jede geistige Bewegung betrachten, die etwas in etwas anderes wandelt. Wie wir eben gesehen haben, können diese die Bewegung selbst betreffen oder den Rahmen, in dem ein solches Etwas wahrgenommen wird: Ich kann mir zu einem Pferd einen Cowboy oder eine Kuh denken (ich assoziiere also); oder ich kann ein Pferd als schön oder als nützlich empfinden, also in je verschiedenen Rahmen. Bei genauerem Hinsehen wird zwar auffallen, dass der Unterschied zwischen Assoziation und Rahmung gering oder sogar hinfällig ist, aber für die Darstellung kann uns hier diese Zweiteilung genügen.
Fasst man diese Schilderung zusammen, so ist die Operation eine wandelnde geistige Bewegung oder, da Wandel und Bewegung das gleiche bezeichnen, einfach eine geistige Bewegung.

Lernen

Wir werden nicht mit allen Operationen geboren, die wir im Laufe unseres Lebens erlernen; vieles eignen wir uns an, wenn auch nicht bewusst. Operationen können bewusst reflektiert werden; da sie aber am Bewusstsein mitwirken, können sie nicht zugleich, sondern nur nachträglich Inhalt des Bewusstseins sein. Operationen entwickeln sich eher hinterrücks als bewusst. Trotzdem gibt es eine Vermutung, die man für sehr wahrscheinlich halten kann, wie einige davon entstehen: durch zahlreiches Üben wird bewusstes, inhaltliches Wissen in reflektierbares, operatives Wissen umgewandelt; anders gesagt wird interpretiertes Wissen zu interpretierendem (einen Satz, den meine Leser kennen).
Übendes Lernen ist zwar mühsam, und der Gewinn daran nicht sofort einsichtig, aber die Möglichkeit, dadurch reicher und vielfältiger die Welt zu erfahren, ist recht gut zu belegen.

Sprechen

Auch Sprechen, bzw. Schreiben, beruht auf Operationen. Je nachdem, von welchem Aspekt aus ich dieses betrachte, gehören dazu das Auswählen (von Wörtern und Satzstrukturen, von Handlunsgabsichten, etc.), das Aufmerken (auf sinnliche, geistige, soziale Phänomene), das Zusammenbringen (wie dies im Satz, Text oder Handlungszusammenhang) geschieht.
Fasst man Operationen weiterhin als geistige Handlungen auf, so verfeinert diese auch sein mögen, wird die Sprechhandlung von mehreren geistigen Handlungen unterlegt, von denen einige kognitiv sind (ein bestimmtes Satzmuster erstellen, etc.), andere motivational (jemanden etwas glauben machen wollen, etc.).
Wenn wir dies auf einen Satz oder Text anwenden, können wir uns fragen, was der Autor oder Sprecher wie ordnet, welche Probleme er explizit aufwirft, welche implizit mitschwingen, und welche Probleme der Autor nicht erfasst, aber beim Betrachten des Textes doch eine Rolle spielen. Und wir können nach den Absichten des Autors fragen; wozu er den anderen überreden will, was er von sich selbst preisgeben möchte, und so weiter und so fort. Schließlich können wir dies nicht nur mit einem gesamten Text machen, sondern mit ausgesuchten Teilen, also zum Beispiel allen Stellen, in denen eine bestimmte Figur oder ein bestimmter Ort auftauchen.
Texte sind demnach aus hunderten, tausenden Operationen aufgebaut. In diesen finden wir eine andere Möglichkeit, einen Text Wort für Wort und Satz für Satz zu untersuchen.

Erster Schluss

Von Polenz meint mit dem Handlungsgehalt von Sätzen etwas anderes als ich; meine Auffassung erweitert seine. Meine Auffassung ist aber gerechtfertigt, da auch ein so umfangreicher Text wie der erste Band von Harry Potter oder die Phänomenologie des Geistes als Handlungen verstanden werden müssen; und da der Leser an solchen Texten eine Vielzahl von Handlungen vollziehen und hineininterpretieren kann.
Denn ein anderer Nachteil der Sprechakttheorie ist, dass die dort untersuchten Handlungen ihre Wirkung nur kurzfristig, meist noch in der gleichen Situation vollziehen. während Texte - wie etwa die Bibel - über Jahrhunderte hinweg Menschen in ihren Handlungen beeindrucken und beeinflussen (auch wenn dies wieder mit durch die aktuelle Kultur geprägt ist, wie solche Handlungen identifiziert und verstanden werden).

Zweiter Schluss: wie und was ich aktuell lese

Zur Zeit lese ich, Satz für Satz, zwei Texte, einmal Die Farbe aus dem All von H. P. Lovecraft, und einmal die Vorrede zur Phänomenologie des Geistes von Hegel. Beide Texte sind in Bezug auf semantische Rollen schwierig, weil darin zahlreiche Wörter auf zusammenfassende oder stark abstrahierende Weise gebraucht werden. Wenn man dagegen die Handlungen ausdeutet, kann man recht dicht an der Oberfläche bleiben. In dem Satz
Dass das Vorgestellte Eigentum des reinen Selbstbewusstseins wird, diese Erhebung zur Allgemeinheit überhaupt ist nur die eine Seite, noch nicht die vollendete Bildung.
Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt am Main 1986, S. 36
findet man - unter anderem - ein genaueres Bestimmen, bzw.: Hegel bestimmt hier genauer das Vorgestellte als Eigentum des Selbstbewusstseins, und ein Aufteilen, bzw.: Hegel teilt die Bildung des Selbstbewusstseins in zwei Seiten auf (von denen er die eine vorher, die andere hinterher erklärt).
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