13.12.2016

Der versteinerte Zeuge


Neben vielen anderen Sachen lese ich seit dem Sommer immer und immer wieder einen Artikel von Donald P. Spence, Das Leben rekonstruieren. Darin wird die Entstehung einer Erzählweise behandelt, die auf eine „faschistische Geisteshaltung“ schließen lässt. Nun hat mich dieser Artikel zu allerlei fruchtbaren Betrachtungen angeregt, aber er hat mich auch zugleich sehr verstört, um nicht zu sagen abgrundtief geärgert.

Die (quasi-)„faschistische“ Erzählung

Zunächst sieht Spence einige typische Merkmale in dieser Art der Erzählung: Sie besteht aus einer Stimme und einer These; Erzähler und Opfer sind deckungsgleich oder zumindest stark solidarisch; die wichtigen Schlussfolgerungen der Erzählung sind nicht diskutierbar, entweder, weil nur der Erzähler Zeuge dieser Ereignisse war, oder weil sich aufgrund der schweren moralischen Verletzung eine andere Interpretation verbietet. Dazu führt Spence zwei inhaltlich sehr verschiedene Erzählungen an.

UFO-Entführungen und sexueller Missbrauch

Die eine Erzählung thematisiert die Entführung durch Außerirdische; die andere den sexuellen Missbrauch. In beiden Fällen versucht sich der Erzähler Gehör zu verschaffen; mehr aber noch wird ein uneindeutiges Selbstbild durch eine solche Erzählung eindeutig und stabil:
Auch sein sich ständig änderndes Selbstbild macht dem modernen Menschen zu schaffen. … Er möchte beständig werden, sich zurücklehnen mit einem »Selbst« und einem »Ich«.
(S. 206)
Und dies erreicht er durch eine eindimensionale, unerbittliche Erzählweise:
Ein eindimensionaler, zielstrebiger Erzählfaden eliminiert nicht nur Vergangenheit und Zukunft, sondern auch den beunruhigenden Druck durch andere Stimmen. … Wenn viele Stimmen den Frieden stören, besteht eine Lösung darin, die Sprecher zum Schweigen zu bringen; eine andere ist der Rückzug in eine ein-stimmige Welt …
(S. 204f.)
All das ist interessant; nur hat die Sache einen kleinen Haken: UFO-Entführungen sind immer erfunden, der sexuelle Missbrauch dagegen kann real stattgefunden haben; dies erwägt Spence nicht einmal in einem Nebensatz. So ist schon an der Oberfläche das eigentliche Problem solcher Erzählungen nicht gelöst: ihr Wahrheitsgehalt. Nimmt man hinzu, dass eine UFO-Entführung eine Art Ersatzgeschichte für ein mögliches, tatsächliches Schreckenserlebnis sein könnte, so ist mit einer schlichten Zurückweisung solcher Geschichten weder dem Erzählenden noch der Gesellschaft geholfen.

Rot-grün-versiffte gender-Faschisten

So las ich es neulich, ich glaube auf Facebook. Und wenn man dies recht übersetzt, so soll dieses pejorative Konglomerat wohl heißen: ich bin von grünen Männchen entführt worden, die haben mit mir komische Sexualität gemacht, jetzt muss ich schreien. Genau aus diesem Grund kann ich Spence viel abgewinnen. Denn sieht man von dem Patzer ab, dass sexueller Missbrauch tatsächlich stattfindet (auch wenn die Erzählung davon noch keine Garantie für die Wahrheit ist), so trifft dieser Artikel sehr wohl auf die Äußerungsformen einer gewissen Bevölkerungsgruppe zu, die man als rechtspopulistisch, mithin als primitiv und paranoid bezeichnen kann: Hier wird die Eindeutigkeit nicht durch die Einsamkeit des Zeugens etabliert (nur ich habe das so erlebt, nur ich bin von Außerirdischen entführt worden, deshalb darf mir auch keiner widersprechen), sondern durch eine sehr scharfe Auswahl, was als Wahrheit und was als Lüge gilt. So wird seit Jahren von dieser Bevölkerungsgruppe der sexuelle Missbrauch mit der Herkunft aus gewissen Ländern verknüpft, ungeachtet der Tatsache, dass 1.) die Fälle sexuellen Missbrauchs sehr viel höher sein müssten, wenn dies zu dem Wesen oder zu der Kultur in diesen Ländern gehören würde; und dass 2.) die meisten Statistiken auf eine besonders hohe Anzahl sexueller Missbrauchs-Fälle innerhalb der Familien (auch der deutschen) hinweist. Nur kommt niemand auf die Idee, deshalb die Familien abzuschaffen. Was diese ganzen Plärrer angeht, so darf man sich fragen, was übrig bleibt, wenn sie ihre Ziele denn durchgesetzt haben: denn bei all dem Negativen scheint nichts Positives durch. In gewisser Weise macht dies auch den letzten Zug solcher faschistischen Erzählungen aus: das Opfer versteinert in seiner Rolle als Opfer; und so sehr es gegen die Zustände hetzt, kann es deren Änderung doch nicht wollen, da damit die erarbeitete Identität wieder fraglich würde.
  • Spence, Donald P.: Das Leben rekonstruieren. Geschichten eines unzuverlässigen Erzählers. in: Straub, Jürgen (Hrsg.): Erzählung, Identität und historisches Bewusstsein. Die psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte. Frankfurt am Main 1998, S. 203-225
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