15.12.2016

Regeln für einen Ritter

Man kann Tugendlehren sehr tiefgründig gestalten, aber man kann sie auch sehr einfach halten. Wo diese tiefgründig durchdacht werden, ziehen sie meist anthropologische Grundlagen hinzu; aus der Lehre, was der Mensch sei, wird die Lehre abgeleitet, wie der Mensch sich um sich selbst zu sorgen habe, um ein gutes oder aufrichtiges oder reiches oder glückliches Leben zu führen. Andere, einfachere, empfehlen bestimmte Verhaltensweisen.
Es gibt dazu zahllose Bücher, mal solche, die esoterisch das Glück in den Sternen suchen, mal solche, die als Ziel den inneren, aber vor allem den äußeren Reichtum proklamieren. Es gibt, um es deutlich zu sagen, zu viele von ihnen, und zu viel Bedeutungsnebel und Wortdunst in ihnen.

Rules for a Knight

Neulich habe ich ein schönes, kleines Buch gefunden, geschrieben von Ethan Hawke, der nicht nur als Schauspieler in einigen guten Filmen mitgespielt hat, sondern auch bereits zwei Romane veröffentlicht hat, die beide zumindest für renommierte Preise nominiert waren.
Dieses Buch hat es mir gleich angetan, denn das Thema trifft sich mit meinen aktuellen Arbeiten sehr gut: es ist eine Tugendlehre, eingebunden in eine Rahmenhandlung und illustriert durch Erklärungen und kurze Anekdoten.
Dann aber konnte ich das Buch doch nicht sofort lesen, denn etwa eine halbe Stunde, nachdem ich dieses Buch gekauft hatte, habe ich es verschenkt. Zu der Buchhandlung bin ich dann erst wieder am Montag gekommen, und tatsächlich hatten sie das Buch noch in der englischen Originalfassung vorrätig; allerdings liegt auch eine deutsche Übersetzung vor.

Ein letzter Brief

In der Rahmenhandlung schreibt Sir Thomas Lemuel Hawke seinen Kindern einen Brief; er schreibt diesen Brief am Vorabend einer Schlacht, in Erwartung seines Todes auf dem Schlachtfeld. Die Kinder sind noch jung, und so ist der Brief nicht nur als Zeichen der Dankbarkeit und der Liebe geschrieben, sondern auch als eine Lehre für das spätere Leben. Der Verfasser berichtet, wie sein eigener Großvater, ein Ritter, ihn als Pagen akzeptierte, und welche Lehren sein Großvater ihm in den folgenden Jahren mit auf den Weg gab.
Es sind zwanzig Tugenden, bzw. zwanzig Blickwinkel auf das eigene Leben (also: zwanzig Sorg-Falten), die in kurzen Kapiteln dargestellt werden. Zunächst gibt es eine Einleitung, die entweder eine Definition enthält, oder den Vorteil dieser Tugend herausstreicht, oder den Nachteil, wenn man dieser Tugend nicht folgt. Dem folgt jeweils eine Anekdote, in die Maximen (also Handlungsempfehlungen) eingeflochten sind; zum größeren Teil sind diese Anekdoten vor allem erzählend, zum Teil aber auch durch philosophische Betrachtungen eingeleitet oder beendet.

Vergebung / Forgiveness

In dieser Anekdote zeigt der Autor, dass Vergebung nicht nur anderen Menschen gilt, sondern indem wir ihnen vergeben, vergeben wir auch uns selbst. Der bemerkenswerteste Satz in diesem Kapitel allerdings betrifft das Streben nach Perfektion, also nach einer perfekt erfüllten Tugend, und der Art und Weise, wie wir (oder der Ritter) diese Tugend im Moment erfüllen können (nämlich nicht ganz so perfekt). Der Autor schreibt:
To head north, a knight may use the North Star to guide him, but he will not arrive at the North Star. A knight's duty is only to proceed in that direction.
In der Anekdote erzählt der Ritter, wie seine Frau einen jungen, verwöhnten Knappen aus einer unangenehmen Lage befreit hat, aber keine Dankbarkeit erfuhr. Noch Stunden danach ärgert sich der Ritter über das Verhalten des Jungen, woraufhin seine Frau ihm erklärt, dass sie dem jungen Burschen bestmöglich geholfen hat, um sich jegliches weitere Nachdenken oder Sorgen zu ersparen. Sie hat nur die Bürde für die Zeit getragen, in der sie geholfen hat, während er den Knappen auf dem ganzen Heimweg „mitgenommen“ habe. Einem Menschen sein Missverhalten zu vergeben und ihm trotzdem Hilfe anzubieten, befreit uns von jeglicher weiteren Sorge um ihn.

Disziplin / Discipline

Disziplin, so der Autor, schaffe eine Struktur und Ordnung, innerhalb der Freiheit möglich sei:
Oddly, with discipline, structure, and order, you will find there is freedom. Inside this kind of freedom, anything is possible.
Disziplin sei vor allem die Verantwortlichkeit für sich selbst; und verantwortlich sei man, wenn man sich dafür entscheidet, immer das Beste zu geben. Das Beste heißt hier allerdings nicht, sich zu verausgaben, sondern streng nach seinen Tugenden zu leben. Die aus der Anekdote gewonnene Schlussfolgerung ist zunächst überraschend, dann aber sehr plausibel: wer nach seinem eigenen Kompass lebt, bricht mit den Manipulationen durch Schuld und Angst.
A healthy conscience should be used like an internal compass: it is yours, not an instrument for others to play.

Schluss

Das Buch kommt ohne großen Anspruch daher: es möchte Wege aufzeigen, und das gelingt ihm hervorragend. Die Anekdoten sind schön erzählt; die Lehren sind warmherzig. Immer wieder betont der Verfasser, dass die Tugenden (oder Regeln) für beide Geschlechter gleichermaßen gelten, dass Fürsorge keine weibliche Eigenschaft sei, genauso wenig wie Mut eine männliche; und im eigentlichen Sinne sind es auch gar keine Eigenschaften, sondern Richtlinien, die man verfolgen soll, und durch die man zum Ritter, bzw. zur Ritterin wird.
Wer nicht einigermaßen gut Englisch kann, sollte zur deutschen Fassung greifen; die Sprache ist reich und durch relativ viele ungewöhnliche, zum Teil altertümliche Wörter geprägt. Sie sind treffend gewählt, und dadurch wird der Satzbau und die Darstellung kurz und präzise, doch wer hier für jeden zweiten Satz zum Wörterbuch greifen muss, wird wenig Vergnügen am Inhalt finden.
Ein Kapitel, muss ich gestehen, hat mich besonders begeistert: Aufrichtigkeit / Honesty. Darin findet sich der wunderbare Satz
The facts are always friendly.
Dass dies nicht nur ein Spruch ist, sondern durch den gesamten Text eine zutiefst humane Leuchtkraft erhält, darf jeder selbst lesen.
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