25.08.2016

Die Fabel hinter der Fabel

Die Fabel hinter der Fabel, – so heißt ein einigermaßen berühmter Aufsatz von Michel Foucault. Fabel, so lässt sich hier der Begriff verstehen, bedeutet dasselbe wie bei den Schriftstellern der Plot: die wichtigen Handlungen einer Geschichte. Foucault berichtet nun in diesem Aufsatz, wie sich hinter der Fabel, in ihrem Erzählt-Werden, weitere Stimmen mischen, manche ganz vordergründig, als jemand, der zwar anonym bleibt, aber doch vom Geschehen berichtet, als sei er gerade dabei. Andere treten zurück, tauchen gelegentlich auf, sprechen in kurzen und seltenen Sätzen. „Eigentlich …“, schreibt Foucault,
müsste man alle diese hinter der Fabel agierenden Stimmen untersuchen, in deren Wechselspiel und Kämpfen die Fiktion Gestalt annimmt.
(Foucault, Michel: Die Fabel hinter der Fabel. in ders.: Schriften zur Literatur. Frankfurt am Main 2003, S. 203)

Drei verdeckte Fabeln

Spricht man aber von verdeckten Fabeln, so kann man nicht nur von einer Fabel ausgehen, der Fabel des Erzählens, sondern von dreien, die hinreichend unterschieden sind. Dies sind (1) die Fabel vom Erzähler, (2) die Fabel, die aus einer anderen Fabel entsteht, und (3) die Fabel, aus der sich andere Fabeln ableiten.

Io, Maia, Syrinx, Juno

Zunächst dürften uns hier all jene Erlebnisse einfallen, in denen uns jemand etwas erzählt hat, oder wo wir dabei waren, etwas zu erzählen. Tatsächlich taucht die Erzählung vom Erzähler schon sehr früh in der Literatur auf, als Erzählweise und Erzähltechnik. Denken wir an solche Werke wie zum Beispiel Ein Ehepaar erzählt einen Witz, von Kurt Tucholsky, oder daran, wie Gandalf im Fangorn-Wald Aragorn, Legolas und Gimli von seinem Kampf gegen den Balrog und seinem Sieg berichtet.
In Ovids Metamorphosen findet sich diese Technik auf vielen Seiten. Im ersten Buch verführt Jupiter Io (568-750), und um diese vor seiner eifersüchtigen Gattin zu verbergen, verwandelt er sie in eine Färse. Diese ist wunderschön. Juno begehrt sie für ihre Herde, und Jupiter muss sie, notgedrungen, überlassen. Io wird nun von Argus bewacht, der über hundert Augen verfügt; immer nur zwei von ihnen schlafen. Jupiter möchte Ios Leiden beenden und schickt seinen Sohn Mercurius/Hermes (den er zusammen mit Pleias, bzw. Maia zeugte), den Argus zu überlisten. Dieser nähert sich dem Hirten und zeigt ihm die Panflöte, bzw. Syrinx. Dem Argus erzählt Hermes nun, wie die Syrinx erfunden wurde. Syrinx war eine arcanische Nymphe, der der Gott Pan nachstellte. Sie floh, aber Pan holte sie an den Ufern des Ladon ein (einem Fluss auf der spartanischen Halbinsel, nahe Olympia und nördlich von Sparta). Daraufhin erflehte Syrinx die Hilfe ihrer Schwestern, der Flussnymphen. Diese verwandelten sie in ein Schilf, aus dem Pan dann die Flöte erschuf, um ihrer Stimme immer nahe zu sein.
Während Hermes also die Geschichte erzählt, schläft Argus tatsächlich ein. Daraufhin tötet der Götterbote Junos Hirten.

Die Fabel des Erzählers

Sicherlich ist es nicht ruhmreich, wenn der Zuhörer beim Erzählen einschläft. Doch umso schärfer lenkt dies den Blick darauf, was eine Erzählung noch ist: eine Strategie, die vom Erzähler aus den Zuhörer zum Objekt degradiert und ihn dafür mit Selbstvergessenheit „belohnt“ – Hermes schneidet Argus die Gurgel durch, dem Ort, an dem rein physikalisch die Stimme entsteht. Wie strategisch Erzählungen sein können, und wie sehr sie sich in die Realität einmengen, erzählt ein Roman von David Ignatius, Body of Lies. Hier erfindet der Anti-Terror-Spezialist Roger Ferris um den Architekten Omar Sadiki eine Geschichte, die ihn (Sadiki) in Kontakt mit einem Terroristen bringen soll, den die CIA seit langer Zeit vergeblich sucht.

Die Fabel einer anderen Fabel

Damit sind wir beim umgekehrten Fall. Der Fabel, die der Erzähler erzählt, geht eine andere Fabel voraus. Die einfachste Form einer solchen Abfolge ist die Verkettung von Geschichten, die nur lose in eine Gesamtgeschichte eingebunden sind. Typisch dafür sind alte Ritterepen. Ovids Metamorphosen dagegen erweisen sich schon als recht kunstvoll. Manche dieser Fabeln verketten sich tatsächlich in Form eines Verlaufes, andere wieder erläutern Nebenhandlungen, wieder andere, wie hier die Geschichte der Syrinx, erläutern etwas (wie es zur Erfindung der Syrinx kam), aber sind auch Teil der Gesamthandlung.
Man kann aber über die Jahrhunderte beobachten, wie die Erzählung, die auf einer anderen Erzählung beruht, zunehmend einen strategischen Platz einnimmt. Sie verkleidet die direkte Kritik, wo diese nicht möglich ist (Lafontaines Fabeln); sie drückt die Perspektive aus, die ein Mensch in der Welt „erzeugt“, um sie mit anderen Perspektiven zu kontrastieren: die Geschichten werden psychologisch und sozialkritisch. Schließlich wandern all die Gespenster, die im Auftrag der Moral Rache ausüben oder an Pflichten erinnern, in den persönlichen Bereich ab: es sind selbst Opfer widriger Umstände, und man besiegt sie nicht mehr, indem man ihren Namen ausspricht, sondern indem man ihre Geschichte kennt und das geschehene Unrecht rückgängig macht. Dann, Mitte des 19. Jahrhunderts, kehren die Gespenster in die reale Welt zurück: als Verbrecher. Der Mordfall ist die Fabel einer anderen Fabel par excellence. Der Tathergang ist die unsichtbare Stimme, die der Krimi orchestriert.

Die aus der Fabel abgeleitete Fabel

Aus den Metamorphosen kommt eine andere Geschichte zu uns, die uns seit einem Jahrhundert begleitet: die des Narcissus (III. Buch, 340-510), aus der Sigmund Freud dann seine eigene Fabel macht. Allerdings, dies muss man Freud und der gesamten Psychoanalyse zugestehen, hat die Populärpsychologie aus dem Narzissmus das traurige Echo einer längst vergessenen hermeneutischen Kunst gemacht. Freilich ist die Populärpsychologie geschwätzig, darin gleicht sie der Nymphe Echo. Und wie die Nymphe Echo scheint sie nur die letzten und darum missverständlichen Worte wiederholen.

Tiresias

Vergessen wir nicht, was der Fabel des Narcissus vorhergeht. Juno möchte Jupiter der Untreue überführen und beschwatzt Semele, sich eine Gabe von Jupiter zu erbeten. Er verspricht dies, woraufhin Semele sich, wie Juno ihr das eingeflüstert hat, wünscht, Jupiter möge sich ihr in seiner wahren Gestalt nähern (d.h. mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben); dies ist, laut Ovid, der Blitz. Doch obwohl Jupiter zu seiner leichtesten Form greift, erträgt die Sterbliche das göttliche Feuer nicht; das unreife Kind, das aus dieser Zeugung entstanden ist, lässt sich Jupiter in den Oberschenkel einnähen und trägt es aus. Daraus entsteht Bacchus, der zweimal geborene Gott.
Auf diese Episode folgt ein Wortwechsel zwischen Jupiter und Juno, bei der Jupiter behauptet, dass die Frauen zu größerer Lust fähig seien als die Männer. Juno verneint das. Daraufhin beschließt man den Tiresias zu fragen: der kannte Venus auf beiderlei Seiten. Denn Tiresias schlug einst zwei mächtige Schlangen, die sich im Walde paarten, und wurde daraufhin für sieben Jahre zur Frau. Er wandelte sich zurück, als er die beiden Schlangen erneut schlug. In dem Streit zwischen Jupiter und Juno stimmte Tiresias Jupiter zu. Dies ärgerte Juno so sehr, dass sie dem Mann das Augenlicht nahm. Zum Ausgleich schenkt Jupiter dem Blinden die Sehergabe. Und genau dies lässt ihn dann auch das Schicksal des Narcissus verkünden: der Knabe werde ein hohes Alter erreichen, wenn er sich fremd bleibe.

Echo und Narcissus

Der Niedergang des Narcissus ist dann schnell erzählt: kein Mensch, kein Jüngling und kein Mädchen vermag ihn zu rühren. Während der Jagd nach Hirschen begegnete er der Nymphe Echo, die durch Juno dazu verdammt ist, nur das zu wiederholen, was zu ihr gesagt wird. Narcissus täuscht sich zunächst, als er meint, ihm würde jemand Gleichgesinntes antworten. Darüber täuscht Echo sich, dass Narcissus sie wirklich lieben würde, und gibt sich ihm zu erkennen, worauf er sie flieht und sie kränkt. Echo zieht sich zurück, margert ab und lässt nur ihre Stimme und ihre Knochen zurück.
Narcissus lässt sich so wenig von anderen Menschen berühren, dass ihn schließlich der Fluch eines Verschmähten trifft: Möge er selbst so lieben und nie das Geliebte besitzen. – Wieder auf der Jagd beugt sich Narcissus über einen Quell, erblickt sich selbst darin; diesem Trugbild sitzt Narcissus auf: Möglich scheint die Berührung: die Liebenden trennt nur ein Kleines. Schließlich aber erkennt er die Täuschung: Liebe zu mir verbrennt mich: ich schüre die Glut, die ich leide. … Mein ist, was ich ersehne; ich möchte mich schenken und kann nicht. – Was nun oft vergessen wird, ist, dass Narcissus nicht einfach zu einer Blume wird, sondern sich den Leib zerschlägt und schließlich - in der Morgensonne - „zerrinnt“. Das ist der Moment, in dem Echo wieder auf der Bühne erscheint: Sie erblickt Narcissus, der weiterhin in seinem Spiegelbild „gefangen“ ist, und wiederholt, erzwungenermaßen, nun sein Gejammer. Von Narcissus wird weiter erzählt, dass er sich sogar noch in den Wassern des Styx selbst betrachtet, während sein Körper zur Narzisse wird.

Die Strukturen der Fabel

Mit dem Schriftgebrauch verkompliziert sich die Erzählkunst. Zwar gibt es immer wieder Sammlungen einfacher Fabeln, 1001 Nacht (die in ihrer ursprünglichen Fassung vornehmlich erotische Geschichten waren, und denen Sindbad, Ali Baba, und das Märchen vom Geisterkönig nicht angehören: diese wurden von einem französischen Übersetzer der Werke hinzugedichtet), das Dekamerone, die Hausmärchen, des Knaben Wunderhorn (und falls euch dabei lustige Gedanken kommen: die sind berechtigt). Aber im Allgemeinen wurden die Fabeln komplexer. Sie stehen nicht mehr nur nebeneinander, sondern vermischen und verschlingen sich.
Natürlich gibt es noch relativ klare Gliederungen. In jeden Thriller sind kleinere Fabeln eingelagert, die von Verlust und Niederlage erzählen: sie bilden eine Kette. Viele Fabeln erzählen aber auch, und zugleich mit der Verkettung, das Auffinden der verlorenen Fabel, sei es, dass ein Verbrechen gelöst wird, indem der Tathergang rekonstruiert wird, sei es, dass ein Thriller zugleich nach und nach darlegt, wie ein Mensch zum Serienkiller wurde, sei es, dass das düstere Geheimnis einer der Hauptpersonen nach und nach aufgedeckt wird: er ist ein Werwolf, ein flüchtiger Milliardärssohn, ein ehemaliger CIA-Agent, der Landesverrat begangen hat - natürlich aus positiv ethischen Gründen. Selbst ein so lächerlicher Film wie Dantes Peak stützt sich auf eine (sehr magere) Hintergrundgeschichte: die Freuden des Vulkan-Werdens. Und umgekehrt wird das Erzählen selbst zu einer Fabel (noch ein berühmtes Beispiel: Momo von Michael Ende).

Die Metamorphosen der Analogie

Was Ovids Metamorphosen zu einem solch komplexen und reichen Werk machen, ist allerdings nicht nur das Gewirr an Geschichten, die darin eingelagert sind. Oftmals entsprechen sich Geschichten einander, aber nie vollständig. Sie tauchen in immer neuen Variationen auf. Nicht nur Freud leitet aus der Fabel seine eigene, neue ab, sondern Ovid selbst verändert, kontrastiert, verwebt; wie etwa die Spiegelung des Narziss im Wasser und die Wiederholung durch die Nymphe Echo sich angleichen, ohne vollständig gleich zu sein; wie etwa Jupiter seinen Oberschenkel zur Gebärmutter ausgerechnet für Bacchus (den Gott des Weines und der Exstase) umfunktioniert; wie der Streit über das Mehr an Genuss zwischen Juno und Jupiter zu Tiresias führt, der beide Seiten der Venus erfahren habe, dann aber sein Augenlicht genommen und eine prophetische Stimme verliehen bekommt, mit der er ausgerechnet das Schicksal des Narcissus kündet. Beständige Verschiebung und Variation des Themas Blick/Stimme.
Wir sehen also drei mögliche Formen, eine Geschichte komplexer zu gestalten: Verkettung, Hintergrundgeschichte/Erzählergeschichte, Variation.
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