28.08.2016

Frau Augstein erinnert

Ich könnte jetzt irgendetwas lustiges schreiben, wie zum Beispiel, dass sich Frau Augstein für diese Kolumne gender-neutral geschminkt habe, aber obwohl mir die Spottlust gerade aus jeder Pore dringt, ist mir bei diesem Satz doch eigentlich nicht zu spotten zumute. Schade, oder vielleicht gar nicht so schade, dass er von Jakob Augstein ist (im Spiegel 35/2016). Ich erkläre ihn mal zum Satz der Woche:
Der feministische Diskurs ist längst nicht beendet.
Das klingt wie ein Notschrei, und wahrscheinlich ist es auch ein solcher. Ich habe zwar schon lange kein feministisches Buch mehr gelesen, zumindest kein neueres (Judith Butler allerdings steht in meiner Handbibliothek), aber wenn ich mir die Protagonistinnen in den Massenmedien ansehen, so zeichnen sich diese weniger durch Feminismus denn durch Spießigkeit aus (von Schwarzer möchte ich nicht sprechen: Feminismus als Heimatschutz - oder wars umgekehrt?). Und vom anti-feministischen Diskurs möchte ich erst recht nicht anfangen; da haben ja die Terroraufrufe des IS geradezu einen liberalen Duktus.
Augstein macht dann auch das einzig richtige: erstens erklärt er, warum Gina-Lisa Lohfink auch als Täterin ein Opfer ist (oder muss man sagen: eine Opferin?), oder zumindest sein müsste, wenn die Opferfrage mehr als nur juristisch geklärt gilt. Und er zeigt, dass Lohfink, die Frau mit maximaler Öffentlichkeit, von der anonymen Burka-Trägerin, der Frau mit minimaler Öffentlichkeit (zumindest, was die individuellen Frauen angeht), auch nicht so verschieden ist.
Wohl passend dazu veröffentlicht Peter Sloterdijk im Herbst einen erotischen Briefroman. Elke Schmitter überschreibt ihre Rezension mit Die Frau als Herrenwitz. Und folgert über den Stil und den Inhalt dieses Romans:
Wenn das Aufschreiben derartiger Kommunikationsdelikte einen Sinn haben soll, dann könnte es eigentlich nur der sein zu zeigen, dass das wahre Schelling-Projekt noch auf seine Autoren wartet.
Auch Tania Martini scheint mit dem Buch nicht allzu viel anfangen zu können. Zu Sloterdijks Lesung aus dem Manuskript konstatiert sie:
Es folgt eine Pointenschlacht, die einem das Hirn zu Butter macht.
Mit diesem Nachtrag zu dem guten Augstein (oder der guten Augsteinin) sei auch mein Vorbehalt gegen Neueres von Sloterdijk ein wenig plausibler gemacht.
Ich möchte, weiterhin, nicht institutionell befriedete Feminismen. Wie berechtigt die sind, darüber streiten wir dann hinterher.
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