30.06.2014

Eine psychoanalytische Fehlinterpretation zum Nationalsozialismus

Neulich hatte ich das Bedürfnis, mir weitere Bücher von Leon Wurmser zu Gemüte zu führen. Leon Wurmser ist ein kanadischer Psychoanalytiker, den ich 1992 ausgiebig gelesen und kommentiert hatte. Dies betraf allerdings nur eines seiner Bücher, nämlich ›Die Maske der Scham‹. Die Auseinandersetzung ist weitestgehend sehr persönlich verlaufen, d.h. vor allem auf der Suche nach meiner eigenen Geschichte und meinem eigenen, seelischen Werdegang. In den letzten Jahren bin ich sehr häufig in der Universitätsbibliothek gewesen und ebenso häufig an seinen Werken vorbeigelaufen. Aus meiner Arbeit hat sich nie ergeben, mich wieder intensiv mit der klassischerweise Psychoanalyse zu beschäftigen. Lediglich Lacan, Barthes und ein wenig darum herum haben mich weiterhin beschäftigt. In den letzten anderthalb Jahren allerdings ist dann auch bei meinen Kunden die Psychoanalyse wieder häufiger aufgetaucht, meist in einer klassischen Form. 

Übermacht der Feinde

Gerade finde ich eine Notiz zu einem Aufsatz von Peter Kutter — ›Aggression als Trieb- und Objektschicksal‹ — aus dem Buch ›Aggression und Wachstum‹. Dort habe ich mich über eine Passage sehr aufgeregt, weil sie so weltfremd und so wenig geschichtsbewusst ist:
In psychoanalytischer Sicht [es heißt aber: aus psychoanalytischer Sicht] ist hinzuzufügen, dass ängstliche, selbstunsichere und oft ohnmächtig wütende Menschen sich besonders leicht zu aggressivem Verhalten verführen lassen, besonders dann, wenn ihnen gesagt wird, dass dieses aggressive Verhalten einem guten Ziel dient. So erklärt sich Hass auf Minderheiten, wie Juden, Behinderte und Homosexuelle. Die Aggression kann sich bis zur systematischen Tötungs-Maschinerie steigern, wenn keine Möglichkeit mehr besteht, sich erfolgreich gegenüber der Übermacht der Feinde zur Wehr setzen können (die Situation der nationalsozialistischen Führung ab 1943).
Seite 15

Ideologie und Deutungswahn

Es ist immer sehr fragwürdig, wenn man eine Organisation auf Ziele hin analysiert, die den Familiengeschichten und individuellen Urfantasien abgelauscht sind. Der Fehler besteht darin, eine Ideologie und eine funktionierende Organisation gleichzusetzen, als wäre das eine durch das andere bestimmt und als ließe sich ein solcher Wahnsinn, wie der des III. Reiches verhindern, wenn man nur eine möglichst sich distanzierende Blickweise aufbaut und möglichst oft auf den Nationalsozialisten herumhackt. Wie immer muss man dann aber feststellen, dass die Ideologie nicht durch ihre Inhalte, sondern eher durch ihre Struktur zu definieren ist. Ideologien zeigen z.B. einen ausgeprägten Hang zum Deutungswahn. Der Nationalismus wie die Psychoanalyse zeigen immer wieder solche Züge und insofern sollte man vorsichtig sein, wenn sich ein Psychoanalytiker von der nationalsozialistischen Ideologie distanziert. Gerade die deutsche Psychoanalyse war dann ja auch sehr fleißig, Hitler zu dämonisieren. Ein Hund, wer hier an die nachträgliche Reaktivierung einer traumatischen Situation oder Urphantasie denkt. 

Dämonisierungen

Wahnhaftes Denken erzeugt sich seine eigenen Dämonen. Wer sich etwas genauer mit der Biografie von Adolf Hitler auseinandersetzt, der findet hier keinen übermächtigen Feind vor, sondern ein armes Würstchen. Man kommt nicht umhin festzustellen, dass die Dämonisierung der Juden in der Nazizeit und die Dämonisierung der herrschenden politischen Riege der NSDAP äquivalente Züge aufweist.
Dies wird deutlich, wenn Kutter die langfristige Vorbereitung zum Massenmord, deren frühe Ankündigung und die systematische Glorifizierung auf einen Punkt und eine Ursache zusammendampft. Der Gang der Geschichte ist damit verfehlt. Was bleibt, das ist die Bestätigung der eigenen Weltsicht und der eigenen Ideologie. Und nichts anderes scheint mir jenes Zitat zu bewirken. Statt einer scharfen, von sich selbst auch distanzierenden Analyse wird hier die Bestätigung bereits bekannter Hypothesen gefeiert.

Mir ist insgesamt nicht klar, warum der Aufsatz von Kutter seinen Titel trägt. Er gibt einen Überblick über einige Theorien der Aggression, bleibt aber in der gesamten Darstellung eher unspezifisch. Besonders hübsch ist dabei folgende Einleitung in ein Unterkapitel:
Nach dieser theoretischen Übersicht über die verschiedenen Auffassungen einzelner Autoren in der Literatur zu Phänomen und Ursachen von Aggression möchte ich jetzt persönlicher werden.
Seite 16
Was folgt, ist Backfisch-Philosophie.
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