07.12.2013

Feine Kunden - diesmal: die queer-Theorie und die Pädagogik

In meinem letzten Post hatte ich von einer Kundin berichtet, die mich angerufen hatte, weil sie über die Darstellung von "hegemonialer Männlichkeit" verunsichert war. Das hat zu einem weiteren kleinen Nachbeben geführt.
Die Kundin ist hier deutlich zwischen einer queer-freundlichen Auffassung und dem pädagogischen Anspruch, Kindern die Entwicklung einer gesunden Identität zu ermöglichen, aufgerieben. Da sich Identitäten entlang von Schablonen und Vorbildern entwickeln, manchmal durch Nachahmung und manchmal durch Widerstand, ist jene junge Frau in die Zwickmühle gekommen, wie sich eine sinnvolle pädagogische Intervention gestalten ließe, die zwischen "queeren" Ansprüchen und den sehr klischeehaften Rollenbildern, die manche ihrer (zukünftig) zu betreuenden/erziehenden Kinder mit sich bringen, vermittelt.

Identitätsverluste

Zunächst muss man sämtlichen Gegnern von Judith Butler den Zahn ziehen, sie wolle eine queere Gesellschaft. Lesen wir dazu zunächst sie selbst:
Sie [die Aufsätze im vorliegenden Band] konzentrieren sich auf die Frage, was es bedeuten könnte [!], restriktiv normative Konzeptionen des von Sexualität und Gender bestimmten Lebens aufzulösen ... Die Aufsätze behandeln diese Erfahrung des Aufgelöst-Werdens ... gleichermaßen in guter wie schlechter Hinsicht. Manchmal kann eine normative Konzeption von Gender die Personalität auflösen, indem sie die Fähigkeit untergräbt, sich in einem lebenswerten Leben zu behaupten. Dann wieder kann die Erfahrung, dass eine normative Beschränkung aufgelöst wird, eine frühere Vorstellung davon, wer man ist, auflösen, nur um eine relativ neue zu eröffnen, deren Ziel es ist, das Leben lebenswerter zu machen.
Butler, Judith: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt am Main 2011, S. 9.
Hören wir also genau auf dieses "sowohl ... als auch ...", und dass sich die Frage nach einer unbeschädigten Identität nicht einfach durch die Verqueerung einer Gesellschaft lösen lässt. Dies wird aber auch weniger von Gender-Theoretikern vertreten, als von Menschen, die Butler nie gelesen haben. Doch natürlich findet man auch die abstruse Forderung, Kindern eine heterosexuelle Identität abzuerziehen.

Heterosexualität aberziehen?

Philosophie, insbesondere politische Philosophie, neigt dazu, Fragen der Erziehung nur am Rande zu erwähnen, auch wenn es sich explizit um Fragen der Ethik und der Politik handelt. Bekannt und berühmt ist die Behandlung in Platons Gesetzen (7. Buch, meist wird der entsprechende Abschnitt mit 3 beziffert). Es folgen idealistische Positionen wie die von Rousseau. Im Allgemeinen sucht man aber explizit pädagogische Erläuterungen vergeblich. Dewey bildet eine Ausnahme, mit "Demokratie und Erziehung". Ansonsten muss man sich auf philosophisch ambitionierte Pädagogen und Soziologen verlassen, auf Psychologen oder einfach auf nachdenkliche Menschen des Alltags.
Judith Butler kann in diese Erziehungs"blindheit" bedingt ebenfalls eingereiht werden. Trotzdem gibt sie deutliche Hinweise, die eben nicht in Richtung einer zwanghaften Aberziehung von Heterosexualität gehen:
Daraus folgt allerdings nicht, dass die Queer-Theory jedwede Geschlechtszuordnung bekämpfen würde oder die Wünsche derer fragwürdig machen wollte, die zum Beispiel bei Intersex-Kindern solche Zuordnungen sicherstellen möchten, weil Kinder sie durchaus brauchen können, um sozial zu funktionieren, selbst wenn sie später im Leben - um die Risiken wissend - zu dem Entschluss gelangen, ihre Geschlechtszugehörigkeit zu ändern. Dahinter steht die vollkommen berechtigte Annahme, dass Kinder nicht die Last auf sich nehmen müssen, Helden einer Bewegung zu sein, ohne zu einer solchen Rolle ihre Zustimmung als Mündige geben zu können. In diesem Sinne ist die Kategorisierung angebracht und kann nicht auf Formen eines anatomischen Essentialismus reduziert werden."
Butler, Judith: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt am Main 2011, S. 19.
Man könnte aus dieser Passage also folgern, dass die Erziehung zur Heterosexualität 1.) nicht falsch ist und 2.) als Übergangslösung begriffen werden kann, insofern Kinder keine eindeutigen Signale aussenden, bzw. Erwachsene Zweifel hegen.
Weder aber wird gesagt, dass Kinder Erzieher brauchen, die Zweifel an der eigenen Identität haben, auch wenn dies manchmal vorkommen soll und nicht immer zu einer Schädigung der kindlichen Identität führt, noch heißt das, dass in den Kindern Zweifel gesät werden sollen.

(Sexuelle) Identität und Erziehung

Folgt man Butler weiter, ist Identität ein heterogenes Konzept. Auf diesem Hintergrund wird es für den Erzieher manchmal schwierig, die verschiedenen Anforderungen an die Identität des Kindes in widerspruchsloses erzieherisches Verhalten umzusetzen.
Auf diesem Hintergrund hat dann die Kundin etwas desillusioniert gesagt: Also läuft alles darauf hinaus, Kindern gegenüber sensibel zu sein und ihnen einen Schutzraum zu bieten?
Ja, so scheint es wohl.
Dieser Rückzugsort muss gewährleistet sein, anscheinend von der Entscheidung an, ein Kind zu bekommen bis zu dem Moment, da das Kind eigenständig und selbstverantwortlich ist. Die Kundin berichtete, dass es unklar ist, inwieweit Väter für eine gesunde Identitätsentwicklung notwendig sind und dass mit der zunehmenden Zahl an alleinerziehenden Vätern immer fraglicher wird, ob Mütter dafür notwendig sind. Was Kinder allerdings nicht gebrauchen können, ist ein Rückzugsort, der von massiven Konflikten durchzogen ist.

Mündigkeit und queer-Sein

Unterstreichen wir also im letzten Zitat, was Butler scheinbar nur am Rande erwähnt: die Mündigkeit. Und damit kann man, bei aller scheinbar radikalen Zuschreibung der Butlerschen Konzepte, im guten wie im bösen Sinn, einen sehr klassisch-humanistischen Kern ausmachen: die sittliche Autonomie auch als Kern einer queer/gender-Ethik. (Ich erinnere an dieser Stelle auch daran, dass Foucault, auf den Butler sich sehr häufig bezieht, sehr starke Verbindungen zu Kant pflegte und diesen immer wieder kommentiert hat. Es wäre durchaus sinnvoll, dies einmal genauer zu untersuchen.)
Auf diese sittliche Autonomie dürfen sich dann auch wir Heterosexuelle berufen und zu dieser müssen wir uns auch verpflichten.
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