26.01.2013

Kommentare; Homo faber und der Palast von Jabba, dem Hutten

Weil mich mittlerweile der Spam in den Kommentaren überflutet (hier auf meinem Blog), habe ich die Kommentar-Funktion mit einer Sicherheitsabfrage versehen. Für all die Leser, die sowieso nur Kommentare schreiben, wenn sie nicht durch diese kompliziertere Prozedur gehen müssen (es sind wenige): tut mir leid, aber diese hunderten Werbungen für Porno, Spielcasinos, aber auch österreichische Abfallversorgung (jawohl!) nerven mich ziemlich.

Analogie, pictura
Komischerweise scheint die Analogie, obwohl sie doch eigentlich ein recht schlichtes Arbeitsmittel ist, für viele Menschen kompliziert zu sein. Sie wird zwar irgendwie intellektuell verstanden, aber wie man sie einsetzt, ist meinen Lesern und Kunden oftmals nicht klar. Eine Hürde dabei dürfte aber auf jeden Fall sein, dass sie vielfältig einsetzbar ist und man sich aussuchen muss, wo und wie man sie gebraucht.
Glücklicherweise schwemmt unsere Kultur solche Analogien massenhaft ans Ufer und so können wir eigentlich tagtäglich beobachten, wo sie wirklich vorkommen.
Ein typisches Beispiel ist die pictura, die durch Anspielungen auf ein ähnliches, aber anders bedeutetes Bild verweist. Im Homo faber findet sich folgende Stelle:
Als ich wieder zu mir kam, kniete die dicke Negerin neben mir, Putzerin, die ich vorher nicht bemerkt hatte, jetzt in nächster Nähe, ich sah ihr Riesenmaul mit den schwarzen Lippen, das Rosa ihres Zahnfleisches, ich hörte den hallenden Lautsprecher, während ich noch auf allen vieren war -
(Homo faber, Seite 11)
Ich hatte das gestern als einen Übungstext in meinem Seminar und die eine Kollegin assoziierte sehr richtig: die Putzerin wird wie ein Monster beschrieben. Sicher: zunächst entwirft Frisch ein Bild von einer Farbigen, das sinnlich ist. Aber die Betonung des "Riesenmauls", die weiteren Informationen (Lippen, Zahnfleisch), machen diesen Einfall in gewisser Weise plausibel. Auch dass Faber sich noch auf allen vieren befindet: wie ein Tier.
Ich empfinde vor allem die Einengung auf das "Maul" als ein anspielendes Signal. Es gibt in der Literatur öfter solche kurzen oder mal auch länger ausgearbeiteten Bilder, die über sich hinaus deuten. Der Fachbegriff für das Bild ist pictura; dieses "Über-sich-hinaus-bedeuten" wird zum Beispiel durch Ähnlichkeiten hergestellt.

Lego und die Hagia Sophia
Eine äußerst seltsame Behauptung hat jetzt die türkische Gemeinde Österreichs aufgestellt. Der Lego-Palast von Jabba, dem Hutten, sehe aus wie die Hagia Sophia. Jabba ist eine Figur aus dem StarWars-Universum, ein großer und unförmiger Wurm mit kriminellem Ehrgeiz. Die Hagia Sophia ist eine Moschee, die bis zur Eroberung 1453 eine zentrale Kirche des orthodoxen Glaubens war. Sie gilt als eine der bedeutendsten Kuppelbasilika der spätantiken Zeit.
Die türkische Gemeinde nun wirft Lego vor, bei Kindern könne der Eindruck entstehen, der Islam sei eine gewaltsame Religion. Weitere Vorwürfe findet ihr hier: Muslime wollen Lego verklagen.
Sehen wir mal davon ab, dass Kinder häufig einen "natürlichen Rassismus" entwickeln (sie lehnen ab, was besonders fremd ist), der bei der richtigen Erziehung auch wieder verschwindet, ist der Vorwurf soziologisch auch bedenklich, weil sich unsere Kultur durch die Verschiebung von Strukturen weiterträgt. Bilder werden aufgenommen und verändert, Sätze, Erzählformen werden aufgenommen und verändert und natürlich entstehen hier Ähnlichkeiten, die nicht immer so gewollt sind. Doch genauso werden eben auch Ähnlichkeiten nicht wahrgenommen.
Die Argumentation gegen Lego funktioniert nun so: Der Palast sehe aus wie die Hagia Sophia. Das ist eine Ähnlichkeit, also eine falsche Analogie. Die türkische Gemeinde befürchtet nun, dass folgende (echte) Analogie entsteht: Palast <-> Jabba, der Verbrecher : Hagia Sophia <-> muslimischer Prediger.
Das Problem dieser Argumentation (der türkischen Gemeinde) ist erstens, dass wir ständig Analogien bilden und dabei natürlich nicht immer politisch korrekte Analogien entstehen; zweitens, dass nicht die Benutzer von Lego (also die Kinder) die Analogie explizit gemacht haben, sondern ihre Kritiker und da Analogien produktiv sind, die Möglichkeit, hier eine Analogie zu sehen, verstärkt haben. Analogien werden gebildet und wieder vergessen. Es braucht vermutlich starke kulturelle Zusammenhänge, um diese ernsthaft zu etablieren. Schließlich dürfte die türkische Gemeinde zu viel Bildung bei den Kindern voraussetzen: die meisten Menschen können mit der Hagia Sophia nichts anfangen (wie angeblich 86% der Deutschen nicht wissen, wer Rößler ist). Bei Kindern dürfte das noch gravierender ausfallen. Dann aber fehlt ein wichtiges Element für die Analogiebildung: wenn ich das Bauwerk nicht kenne, kann ich es auch nicht vergleichen.

Analogien sind zwar für sich selbst nicht schwierig zu begreifen. Im Kontext allerdings kann ihre Interpretation sehr kompliziert werden. Sie dienen sowohl kritischen als auch dogmatischen Prozessen gleichermaßen, ebenso wissenschaftlichen und kabarettistischen.
Was mir, beim Schreiben dieses Artikels, noch einmal so aufgefallen ist: die Verflechtung von Nachahmung und Analogie. Dazu werde ich wohl mal arbeiten müssen.
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