13.01.2013

Das Leben als Schneegestöber; Peter Stamm: Agnes

Es ist eine fast subtile Einleitung, die Peter Stamm an den Anfang seines Romans Agnes setzt; und im Rückblick doch ein ganzes Stück weit ein literarischer Holzhammer. Ich bin gerade mit dem Roman fertig geworden. Er ist schön geschrieben, hat seine Feinheiten, aber auch seine Grobheiten.

Der Roman erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive. Erzählt wird die Liebe zwischen diesem Erzähler und der wesentlich jüngeren Frau Agnes, die an einem physikalischen Institut arbeitet. Die Liebe scheitert, weil die beiden nicht bereit sind, diese Beziehung wirklich werden zu lassen: Sie soll sein, aber sie darf keine Spuren hinterlassen.
Und genau hierfür steht dann das Schneegestöber: es sind die vielen Ereignisse, die zusammenhangslos und jedes für sich durch die Luft trudeln, hübsch und voller Wiederholungen und nicht wirklich bedeutsam. Diesen beiden Menschen fehlt die Idee, die ihrem Leben die Basis gibt. Es sind nette, aber ideenlose Menschen, die selbst durch die Luft trudeln, die versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen und denen der Halt fehlt.

Und natürlich ist der erste Satz ("Agnes ist tot.") keine Wahrheit. Am Ende verschwindet sie einfach, genau so ereignislos, wie sich die Beziehung gestaltet hat.

Eine ganz faszinierende Stelle gelingt Stamm, als der Protagonist nach New York fährt und sich neben ihm eine äußerst dicke Frau niederlässt, die zu ihrem Liebhaber fährt. Diesen allerdings hat sie noch nie gesehen. Sie haben sich bisher nur geschrieben. Selten zeigt Stamm deutlicher, was die verbindende Kraft zwischen zwei Menschen ist, die Hoffnung, die durch eine Idee polarisiert wird und dadurch ihren praktischen Halt gewinnt.

Stamm schreibt diese Ereignislosigkeit ganz wunderbar, mit einer ganz einfachen, teilweise geradezu bezaubernd schönen Sprache. Seine Darstellung ist subtil, unaufdringlich, ein Psychogramm einer Generation, die nicht mehr an "Ideen" glaubt und daran scheitert. Im Gegensatz zu Max Frisch unterlässt Stamm weitestgehend irgendwelche Anspielungen, sozusagen die ganze Schicht des Gebildet-Seins, mit der sich zum Beispiel der Homo Faber "schmückt".
Und dann kommen eben doch diese seltsame Wendungen. Schon in den ersten Sätzen wird, so kann man später lesen, Agnes mit diesem durcheinanderwirbelnden Schnee gleichgesetzt. Eine Grobheit empfinde ich die Idee mit der Schwangerschaft. Vor allem reagiert der Erzähler ähnlich wie Walter Faber auf die Nachricht, und Agnes ähnlich wie Hanna; auch manche Themen des Romans von Stamm korrespondieren mit Themen des Homo Faber.
Nein, ich schreie jetzt nicht wegen eines und sei es auch noch so unterschwelligen Sexismus. Manchmal versteht einfach der Klaus die Gabi nicht und dieser Anspruch, immer verstanden worden zu sein, der in manchen Interpretationen wie selbstverständlich für die Frauen formuliert wird, ist mit Sicherheit das Irrationalste, was der schlechte Feminismus hervorgebracht hat. Nein, hier geht es eher um eine poetische Chance, die Stamm verspielt hat, indem er das Verhältnis asymmetrisch hält, unausgewogen. Der Erzähler ist aktiver, auch gesetzter, unverbindlicher als seine Geliebte. Sie ist das eigentliche Schneegestöber. Und dass sie ihren Ruhepunkt irgendwie in einem Kind zu finden sucht, macht die Sache auch nicht besser.

Kann man also dieses Buch empfehlen?
Auf jeden Fall. Aber mit dem Nachsatz, dass man es auch nicht unbedingt gelesen haben muss. Die Sprache selbst und die Idee hinter dem Buch sind gut und sehr zeitgemäß. Es erinnert an Botho Strauss' Partikular, an Houellebecq (Die Möglichkeit einer Insel), nicht vom Schreibstil, aber vom Thema.
Nun bin ich mir unsicher. Ich habe bisher eher schlechte Kritiken zu diesem Buch gelesen. Diese kann ich nun keineswegs bestätigen. Vom Hocker gerissen hat mich dieses Buch auch nicht, obwohl ich mir jetzt mit Sicherheit noch das eine oder andere Buch von ihm kaufen werde. Ich werde also, auch wegen "meiner" Schüler, ein wenig an diesem Roman herumfrickeln.
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