10.11.2011

Das Groteske. Walter Moers

Ich bin übrigens immer noch an meinem Walter Moers. Wie immer, wenn ich rhetorische Mittel untersuche, wuchern meine Anmerkungen, obwohl Moers, wie zahlreiche Autoren des Humors, auf eigentlich nur sehr wenige rhetorische Mittel zurückgreifen. Jedoch ist hier die Verflechtung faszinierend, die immer sehr spezifisch abläuft.

 

Nebenher entstehen weitere Zettelhaufen, unter anderem Bemerkungen zu dem ganz wundervollen Buch von Bachtin über Rabelais.

 

Anmerkungen zu Wilhelm Fraenger: Das Groteske

"Drängen wir diese ausführlich analytische Betrachtung nun einer kurzen Formel zu, so dürfen wir die groteske Wirkung dieser Beispiele darauf zurückführen: Der freizügige Wille erfährt hier durch den Widerstand der Materie eine solche Vergewaltigung, dass dieser Wille sich zur höchsten Elastizität beschwingen muss, um solchen Widerstand zu überwinden. Zwei einander völlig artfremde Energien, der frei bewegte Wille und die träge Schwerkraft der Materie, gerieten in den aufregendsten Streit; ein Organisches ist mit einem Anorganischen in ungewisse Verwicklungen und ränkevolle Verstrickungen geraten." (Seite 13)

 

Die groteske Wirkung ist eine Art Antimetapher, nicht die Belebung des Unbelebten, wie bei bestimmten Metaphern, sondern der Streit zwischen beiden.
Andererseits ist die Metapher natürlich eine Art von Besessenheit; das metaphorischem Wort übernimmt die Kontrolle, ja ersetzt das eigentliche Wort. Wie bei manchen Parasiten in Horrorfilmen ist der "Mensch" nicht mehr er selbst; ebenso beim Vampirismus und beim Zombiefilm.

 

"Grotesk ist eine Darstellung zu nennen, welche artfremde Daseinsformen zu fantastischer Einheit verbindet." (Seite 13)

 

Tätigkeiten des Grotesken:

  • transformieren
  • vermischen
  • durcheinanderschlingen
  • verzerren

(Zu Seite 14)

 

Das Groteske hat eine eigenartige Beziehung zu Metapher. Es nutzt die Metapher und nutzt sie zugleich nicht. Das Groteske schildert gleichsam das Eindringen der Metapher in die Sprache. (Dies müsste weiter ausgearbeitet werden.)
(Zu Seite 14)

 

Das Groteske hat eine Sonnenseite und eine Nachtseite:
"Um das Doppelgesicht des Grotesken — das eine Antlitz ist einem fantastischen Humor zugekehrt, während das andere in den Bereich eines monströsen Satanismus starrt — zu enthüllen, … zeige [ich] an dem Sonderbeispiel der grotesken Ornamentik, wie schnell sich die scheinbar tagesklare Straße dieses Kunstgebietes in einer Dämmerung der monströsen und grauenvollen Fantastik verlieren kann." (Seite 14)

 

Auf diese Weise, durch die Transformation und durch die Nähe des üppigen und des unnatürlich wuchernden Lebens, gibt es zwischen der komischen und der grauenvollen Groteske eher eine Abstufung, denn einen Gegensatz.
Bei dem einen wie bei dem anderen ist der Mensch in den Genuss verschlungen. Die grauenhafte Seite zeigt allerdings, wie der Mensch in die Passivität hineinrutscht, nicht mehr genießt, sondern genossen wird.
Die Perversion ist ein typisches Beispiel dafür. Alle Bedürfnisse von der Maslowschen Bedürfnispyramide können auf diese Weise umgedreht werden.
Der Fetischismus ist diese unvorstellbare Liebe für ein Detail.
Die synthetischen Gefühle von Plutchik könnte umkippen in eine Besessenheit. Die Freude, die ein Objekt erringen will, wird pervertiert, wenn dieses Objekt den Menschen beherrscht, ihn besitzen will.
(Seite 14)

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