06.08.2009

Wirklichkeitserzählungen

So heißt ein Buch, das ich gerade für media-mania rezensiere.
Erforscht wird all dasjenige Erzählen, das sich direkt auf die Wirklichkeit bezieht, also den Abspruch erhebt, wahr zu sein und dem Erzähler Glaubwürdigkeit - im weitesten Sinne - zuspricht. Zu dem Buch im Allgemeinen kann ich noch nicht viel sagen. Brigitte Boothe hat einen Aufsatz beigesteuert; diese Autorin habe ich ziemlich zu Beginn meiner Beschäftigung mit der 'Narratologie' entdeckt und sehr schätzen gelernt. Bernhard Kleeberg, der das wundervolle Buch Theophysis. Ernst Haeckels Philosophie des Naturganzen geschrieben hat, und Ideengeschichtler ist, oder - wie man das auch nennt - Wissenschaftshistoriker.

Was genau nun kann man sich unter diesem Untersuchungsobjekt vorstellen? Und: was könnte man sich von der Erforschung dieses "Objekts" erhoffen, und ich meine hier nicht nur den Erkenntnisgewinn, sondern auch den pragmatischen Gewinn?
Zunächst kann man hier aus dem Bereich der Neurophysiologie und der Psychologie eine mittlerweile recht anerkannte Erkenntnis zur Seite stellen, dass Lernen wesentlich auf sprachlichen Segmenten fußt, die folgende Eigenschaften ausweisen: sie gehorchen einer "Alltagslogik" (so etwas kommt von so etwas) und verbinden sowohl räumliche, als auch zeitliche Aspekte. Es sind Erzählungen. Wirklichkeitserzählungen, wie es hier heißt. Dabei führen diese Erzählungen in der Alltagslogik ihren kulturellen Hintergrund mit: sie induzieren also das fraglos Gegebene als Voraussetzung in die Erzählung. Gleichzeitig muss sich die Erzählung aber aus irgendwelchen Gründen von diesem fraglos Gegebenen absetzen. Sie muss, und wenn nur mit einem Funken, neu sein.
Lernen durch Narration ist nicht ganz so neu, und vielleicht in Deutschland zu wenig tradiert. Berühmte Beispiele dieses Lernzusammenhangs sind die Odyssee und die Bibel. Man vermutet, dass die Odyssee in Teilen, wohl nicht als Ganzes, schon vor Homer existiert hat und zu den Geschichten gehörte, die man sich "am Lagerfeuer" erzählt hat. Die ersten Niederschriften des Neuen Testamentes sind ebenfalls wohl nicht von den Jüngern gemacht worden. Irgendwo diffus im Hinterkopf meine ich mich zu erinnern, dass das erste Johannes-Evangelium in Schriftform auf 80 nach Christus geschätzt wird. Johannes, der älter als Jesus war, wäre zu dem Zeitpunkt über 80 Jahre alt gewesen, ein weit über die damalige Lebenserwartung hinausgehendes Alter.
Nun werden solche Neuheiten eben in Anekdoten, Erzählungen, Gleichnissen tradiert und in Zeiten, als es noch kaum Papier gab, besonders durch mündliches Erzählen. Heute finden sich eben Bücher wie Die Spinne in der Yucca-Palme. Moderne Alternativen sind sicherlich Blogs.

Narratives Lernen und Wirklichkeitserzählungen gehören aufs Engste zusammen. Zumindest theoretisch. Intuitiv kann man natürlich auch sofort sagen, dass sie in der Praxis zusammengehören.

Was mich wundert, und auf diesen Tatbestand treffe ich immer wieder, ist, dass Lernen mit Hilfe von Geschichten an das autobiographische Gedächtnis gekoppelt wird. Das ist sicherlich kein Fehler. Seltsam ist nur, dass es nur an das autobiographische Gedächtnis gekoppelt wird.
Dazu muss man wissen, dass das autobiographische Gedächtnis zum Langzeitgedächtnis gehört, und hier eine Art Zusammenhang zwischen eigener Identität und eigener Welt herstellt.
Nun sind Erzählungen aber nicht immer autobiographisch im eigentlichen Sinne. Wenn mir meine Nachbarin erzählt, wie das damals war, als ihr Kind in der Schule gegangen ist, ist das für mich eine Wirklichkeitserzählung. Sie erzählt aber nicht ein Stück meiner Autobiographie, sondern eins meiner Nachbarin. Alltagserzählungen haben also nicht notwendigerweise einen für mich autobiographischen Kern. Und hier ist die Frage, welche anderen Gedächtnisformen noch daran beteiligt sind und nach welchem sich die Geschichten vornehmlich richten.
Hier muss man sozusagen die allererste Gedächtnisform, diejenige, die kurzfristig und situativ die handlungsorientierende Bedeutung erstellt, als den tragenden Pfeiler von Geschichten vermuten. Dieses Kurzzeitgedächtnis oder auch Arbeitsgedächtnis (wobei dieser Begriff sehr unterschiedlich gebraucht wird) gilt als Knotenpunkt für bedeutsame Inhalte. Ich hatte früher schon auf dieses semantische Gedächtnis hingewiesen und Bezüge zur Narration hergestellt.

Kurzerhand kann man den pragmatischen Gewinn der Erzählforschung also an die Kopplung zwischen dem semantischen Gedächtnis im kurzfristigen Maß, an das autobiographische Gedächtnis im langfristigen Maß binden, mithin also eine Verschränkung von psychischen und sozialen Phänomenen.
Peter Fuchs hat Narrationen das Medium des Selbst genannt. Das Selbst, also die soziale Präsentation des Ichs, käme hier in den Stand eines autopoietischen Systems, in der Art, dass Elemente (Narrationen) durch andere Elemente (Narrationen) reproduziert werden und sich so das Selbst in eine driftende Form gießt.

Wirklichkeitserzählungen bilden hier einen wichtigen Aspekt. Sie sind, solange sie autobiographisch sind, auch Elemente, die Inklusionsmöglichkeiten antesten. Inklusion, das ist die systemtheoretische Vokabel für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.
Lustige Anekdoten sind nicht für sich zu lesen. Im sozialen Zusammenhang sind es - so meine Ansicht - Testballons für den Stand der Inklusion. Wer nette Geschichten erzählt, möchte "irgendwie" dazugehören. Das ist übrigens auch ein Phänomen, dem man heute unter dem Begriff der Metapher bei vielen Coaches begegnet. Was hier als Metapher oder Metaphorik bezeichnet wird, ist ein unsachgemäßer Umgang mit Wirklichkeitserzählungen. Hier wird - neben der von mir oft gerügten Begriffskonfusion - ein Gespräch von Seele zu Seele angepriesen, bei der die Kommunikation völlig unter den Tisch fällt: nicht als Wort, aber als Begriff.
Liest man Coaching-Literatur auf den Inklusionsbedarf von Coaches hin, bleibt meist wenig übrig, was irgendwelchen praktischen Wert darüber hinaus hat.

Der Herausgeber des Buches, Christian Klein, hat dem Buch einen Artikel beigesteuert, der sich Erzählen im moralisch-ethischen Diskurs nennt. Dieser ist deshalb (für mich) besonders spannend, weil allgemeinere Strukturen der Inklusion nicht wissenschaftlich, sondern moralisch legitimiert werden. Wer die Moral für sich gepachtet hat, kann als inkludiert gelten, und wer sich für inkludiert hält, darf die Moral auf seiner Seite sehen. Trotzdem gibt es eine ganze Menge Rituale, Klein untersucht dies auf der Textebene, in denen gerade diese Inklusion noch einmal explizit oder implizit angesprochen wird.
So beschreibt der Autor anhand von Ulrich Wickerts Buch Der Ehrliche ist der Dumme, wie pointiert sich der Autor als Spezialist für Moralfragen inszeniert: er hat alltäglich mit Nachrichten zu tun, die die Welt in ihren schlechten Aspekten darstellt. Er muss sich ständig darüber Gedanken machen. Eine andere Strategie ist, viel Detailwissen anzubringen. Auch wenn dieses Detailwissen vom Leser vergessen wird, bleibt als Quintessenz übrig: der Mann kennt sich aus.
So sind Wirklichkeitserzählungen eben auch zum Teil strukturiert: man hat viel damit zu tun, man kennt sich eben aus, man kann viele Beispiele bringen. - Hier diese Erzählungen konsequenter auf das Schema von Inklusion/Exklusion zu lesen, erhellt auf jeden Fall narrative Strategien, die eigentlich nur implizit wirken sollen, nicht explizit gelesen sein wollen.
Wickerts Buch, das ich aus anderen Gründen vor zwei Jahren gelesen habe, gehört in diese Kategorie Bücher, von denen wenig Inhaltliches übrig bleibt, wenn man die Rhetorik stärker in den Mittelpunkt rückt.
Kommentar veröffentlichen