30.08.2009

Geduld

Ich bitte meine Leser um Geduld.
1. Zwei Bücher haben mich in letzter Zeit sehr beschäftigt. Das erste ist Der Kriminalroman von Peter Nusser. Es ist gerade in der vierten Auflage erschienen. Ich habe ja vor einigen Jahren gegen die übliche Literaturwissenschaft und dem Primat der Rezeptionsästhetik eine Produktionsästhetik gesucht. Zuerst im Bereich des kreativen Schreibens selbst, dann genrespezifisch für Fantasy und seit längerer Zeit für Kriminalromane. Neuestens ist die erotische Literatur dazu gekommen.
Dass wir eine Produktionsästhetik brauchen, sieht man an folgender Tatsache: viele junge Autoren wollen zum Beispiel ein Buch wie Harry Potter schreiben. Sie kennen das Werk, aber nicht den Weg dorthin. Folglich ahmen sie das Werk nach, nicht die Art und Weise, wie Joan Rowling schreibt. Damit landen sie aber bei Büchern, die relativ stark an Harry Potter angelehnt sind. Wer die Schreibweise nachahmt, müsste aber nicht notwendig mit seinem Buch im Fantasygenre landen.
Es gibt natürlich Schreibratgeber. Ob man nun Beinhardts How to write a mystery nimmt, Lesley Grant-Adamsons Writing Crime Fiction oder Robert & Ray and Jack Remmicks The weekend novelist writes a mystery; es gibt diese erfahrenen Autoren, die in mehr oder weniger festen Kursen Vorschläge unterbreiten.
Und auf der anderen Seite gibt es Poetologien, obwohl diese mittlerweile aus der Mode gekommen sind. Wenige Schriftsteller äußern sich noch zu Bedingungen und Techniken, unter denen ihre Werke entstanden sind. Schon im 19. Jahrhundert war das für Unterhaltungsschriftsteller unüblich, auch wenn sie Balzac oder Dickens hießen. Heute findet man noch im Krimibereich die Bereitschaft dazu, man denke an Patricia Highsmiths Buch Suspense. Im Horrorgenre ist Stephen King die rühmliche Ausnahme. Poetologien sind in diesem Sinne auch Reflexionen auf das eigene Schreiben in seiner gesellschaftlichen Funktion.
Vor zwei Jahren ist außerdem Roland Barthes Vorlesung La préparation du roman, Die Vorbereitung (oder Zubereitung) des Romans bei suhrkamp erschienen. Barthes letzte Vorlesung dreht sich um das Schreiben und das Scheitern des Schreibens. Er interessiert sich weniger für Techniken als für körperlich-handwerkliche Zustände. Aber damit schwimmt er irgendwo am Rande des von mir anvisierten Bereichs.
Nusser nun liefert mir deshalb so viel Stoff zum Abarbeiten, weil er aus der Gegenrichtung kommt, aus der Rezeption. Er liest den Krimi wissenschaftlich, aber eben auch als 'schlichter' Leser. Ich habe immer wieder (wie viele andere auch) die Leserorientierung betont. Und hier bietet Nusser viel Stoff zum Nachdenken. Zudem analysiert er wichtige Elemente des Krimis. Diese nun unterscheiden sich wenig von den Elementen in Schreibratgebern für Krimis. Der größte Unterschied findet man im Namen der Begriffe. Solche Bezeichnungen sind aber das willkürlichste an den Begriffen. Insofern kann Nusser auf vier Seiten darstellen, was mancher Ratgeberautor auf zweihundert Seiten beschreibt.
Trotzdem kommentiere ich jetzt wieder viel, einmal Nusser, zum anderen meine Krimiratgeber, drittens Krimis selbst. Schließlich muss ich noch Henrike Heiland danken, die mir weitere fruchtbare Impulse geliefert hat. (Ganz zu schweigen von Alice Gabathuler.)

2. Das zweite Buch, das mich beschäftigt, ist Asmuths Einführung in die Dramenanalyse. Vor Jahren hatte ich intensiv mit Pfisters Das Drama gearbeitet. Gegen Ende meines Studiums habe ich mehr und mehr die Analyse durch die Produktion ersetzt, auch, um zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn man ästhetische Texte schreibt.
Asmuths Werk ist ganz wunderbar. Ich hatte in letzter Zeit wieder viel Brecht und Goethe gelesen. Und auch wenn ich hier nicht systematisch arbeite, entstehen viele neue Gedanken, die dann in meinem Zettelkasten landen und dort vor sich hin kompostieren.

3. Und da wir gerade beim Zettelkasten sind. Er ist ja mein mystischer, grauer Herr. Mal pflege ich ihn täglich, mal drei, vier Tage garnicht. Mal schreibe ich Ideen hinein, mal kommentiere ich eine Passage aus einem Buch durch, mal exzerpiere ich, mal schreibe ich Zitate ab. Jedenfalls kommt mir mein Hin- und Herpendeln zwischen Unterhaltungsliteratur und Systemtheorie, soft-skills und den alltäglichen Beobachtungen zugute.
Nach und nach spuckt der Zettelkasten ungewöhnliche Verbindungen aus, regt zu neuen Gedanken an, schafft bisher unerkannte Verbindungslinien.
Zur Zeit bin ich übrigens noch einmal an dem ganz basalen Begriff des Sinns, wie Niklas Luhmann ihn in Soziale Systeme vorstellt. Gegenlektüre sind die Maigret-Romane von Simenon.
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