31.01.2014

Traum und Bild als Zeichen

Ein recht hartnäckiges Problem in meinem Beruf ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen Zeichen. Das mag auf den ersten Blick nicht so einsichtig sein. Tatsächlich aber haben wir schon in ganz einfachen Sätzen sehr unterschiedliche Arten von Zeichen und dies auf sehr unterschiedlichen Ebenen.

Das typischste Zeichen ist das Symbol (dies bitte nicht mit dem literarischen Symbol verwechseln). Dieses linguistische oder semiologische Symbol stellt eine Beziehung zwischen dem Lautbild und dem Vorstellungsbild her, welches auf Willkürlichkeit beruht. Meine Vorstellung vom Hund muss nicht notwendig mit dem Wort ›Hund‹ bezeichnet werden. Nun hat mich diese Behauptung, die Beziehung seien willkürlich, immer auch gestört. Sie ist natürlich nicht in dem Sinne willkürlich, dass man einen Hund jetzt auf beliebige Art und Weise bezeichnen kann. Hier ist man einer Tradition verpflichtet.
Anders gesagt: die innere Bindung zwischen Lautbild und Vorstellungsbild wird durch äußere historische Prozesse aufgezwungen.

Das Ikon ist ebenfalls ein Zeichen (laut Semiologie). Hier wird die innere Verbindung durch eine Ähnlichkeit hergestellt. So sind Fotografien Ikone mit einer hohen Ähnlichkeit. Wenn der vierjährige Sohn seinen Kopffüßler vom Papa malt, dann ist die Ähnlichkeit sehr gering. (Kopffüßler: es gibt in der Entwicklung der Kinderzeichnung ein Stadium, in dem das Kind Köpfe mit Füßen dran malt. Diese Figuren nennt man Kopffüßler.)

Nun schreiben Adorno und Horkheimer in ihrem Buch Dialektik der Aufklärung folgendes:
Auf der magischen Stufe galten Traum und Bild nicht als bloßes Zeichen der Sache, sondern als mit dieser durch Ähnlichkeit oder durch den Namen verbunden. Die Beziehung ist nicht die der Intention sondern der Verwandtschaft.
(Seite 17)
Man könnte also sagen, dass der Unterschied zwischen dem archaischen und dem modernen Denken in der Wahl der Problemlösungen liegt. Das archaische Denken nutzt die Analogiebildung, dass moderne Denken die Mittel-Ziel-Analyse.

Und wenn man Adorno und Horkheimer weiterverfolgt, dann sind Symbole (oder wie sie hier genannt werden: Bezeichnungen) säkularisierte Ikone. Die Ähnlichkeit wurde im Laufe des historischen Prozesses vergessen. Geblieben ist die Gewohnheit, das Original und das Abbild zu verknüpfen, egal, wie sehr diese in den Merkmalen noch übereinstimmen.

27.01.2014

Ach Fantasy-Buch. Und Herr Snowden

Heute habe ich in einen ziemlich schlechten Roman hineingeschaut. Es gab auf den ersten Seiten so viele Sätze, deren Logik zweideutig war, garniert mit den üblichen Abstraktionen, dass ich keine Lust hatte, weiterzulesen. Vielleicht sollte man den einen oder anderen Satz noch einmal hier vorführen, einfach um zu zeigen, welche Sätze unglücklich formuliert sind. Hier waren es übersetzte Sätze. Das Buch ist im Piper-Verlag erschienen. Mittlerweile habe ich die Autorin und den Titel des Buches erfolgreich vergessen.

Das Interview sei unfruchtbar gewesen und dramaturgisch ungeschickt. So lautet eine der Kritiken an dem Snowden-Interview gestern Nacht. Was aber haben die Menschen erwartet? Snowden bekommt ja nur Asyl unter der Bedingung, dass er keine weiteren Veröffentlichungen vornimmt, als jene, die er sowieso schon den Journalisten übergeben hat. Damit ist doch klar, dass Snowden im Moment die Hände gebunden sind. Es war mutig genug, was er gemacht hat. Dass er jetzt, nur um die Sensationsgier mancher Menschen zu befriedigen, auch noch seinen letzten Aufenthalt verspielt, das darf man wohl nicht erwarten.

Und Europa: was Jörges verschwiegen wissen wollte

Es mag ja penetrant sein, aber ich hänge immer noch an dieser Talkshow von Lanz und an der Haltbarkeit der Argumente.

Vielleicht das Vergnügliche vorneweg.
In der Satirezeitschrift Titanic gibt es seit längerer Zeit eine wirklich hervorragende Kolumne (wie die Titanic insgesamt langsam wieder zu einer durchgehend guten Zeitschrift wird). Diese Kolumne nennt sich Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück. Aktuell: Der Kampf gegen Gimpel.
Besonders freut mich, dass Gärtner den guten, alten Kant so gut kennt, dass ich ihm nicht widersprechen kann (was allerdings auch daran liegen könnte, dass ich mich mit der Philosophie von Kant immer noch unbeholfen fühle). Jedenfalls: sehr lesenswert.

Lassen wir mal die Reichen außen vor, sagt Lanz Sahra Wagenknecht.
Gerade kommt ein Vorschlag von der Bundesbank, der, ja was ist der eigentlich? Ökonomisch sinnlos? Ein „linker Shitstorm“ gegen Reiche? Jedenfalls schreibt Spiegel-online: Bundesbank: Verschuldete Länder sollen Reiche zur Kasse bitten.
Ich hoffe, dass Lanz das nicht gelesen hat.

Jörges verteidigt die Ausnahmen beim flächendeckenden Mindestlohn. Ausnahmen allerdings, das ist geradezu die Untertreibung des Jahres. Ebenfalls bei Spiegel-online liest man: Niedriglöhner: 2 Millionen Menschen droht Ausschluss vom Mindestlohn. Damit würden aber statt 5 Millionen nur 3 Millionen Menschen von der Mindestlohn-Regelung profitieren. Und profitieren ist natürlich eindeutig ein falsches Wort. Sie würden weniger schlecht dahinvegetieren. Und das ist dann fast die Hälfte. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Lücke nicht ausgenutzt wird. Immerhin ist es eine Lücke von der Größe eines Scheunentors.

Europa militaristisch zu nennen sei europafeindlich. In der online-Ausgabe der Rheinischen Post liest man dagegen folgendes: „Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt.“ Man kann hier natürlich darüber streiten, ob das bereits zum Militarismus gehört. Tatsache ist, dass Waffen solcher Größenordnung für Kriege verwendet werden und damit militärische Strukturen sowohl politisch als auch wirtschaftlich unterstützen. Ob ein Ausstieg von Deutschland oder Europa aus dem Waffenexport etwas nützen würde, ist natürlich fraglich. Aber sich einfach nur zynisch hinzustellen und zu sagen: wenn wir die anderen sowieso nicht daran hindern können, dann machen wir es eben lieber selbst, ist wohl eine der schlechtesten Ausreden, die es gibt.
Abgesehen davon, dass der Sprung vom Militarismus zur Europafeindlichkeit schon einem Bocksprung gleicht, ist die ganze Diskussion durch die fehlende Begriffsklärung undeutlich geworden. Und ich hätte es interessanter gefunden, wenn Lanz hier mal tatsächlich nachgehakt hätte und das deutlich sichtbare Unbehagen von Wagenknecht an dieser Formulierung etwas abgeklärt hätte. Es wäre nämlich durchaus interessant gewesen, ob Wagenknecht diese Formulierung nur deshalb ablehnt, weil sie die Reaktionen dazu kennt oder ob sie diese Formulierung ablehnt, weil sie den Begriff im vorläufigen Parteiprogramm der Linken für zu umfassend findet. Und dann wäre es natürlich wesentlich interessanter gewesen, nicht eine Begriffsdiskussion zu machen, sondern über die Bedingungen, durch die Europa in die Waffenproduktion verstrickt ist (damit natürlich auch in Kriege), zu sprechen, vor allem über Alternativen.

Europa ja oder nein?
Die Süddeutsche schreibt: „Die meisten wollen Europa, aber sie wollen es anders. Wie eine andere, eine bürgernähere EU aussehen könnte, das müsste das Thema des Wahlkampfs sein, der nun mit diversen Parteitagen begonnen hat. Europa braucht nicht nur Verträge, es braucht das Vertrauen seiner Bürger.“
Dieser unkritische Blick auf Europa, für den Lanz und Jörges massiv geworben haben, der ist es schließlich, der die Bürger gegen Europa aufbringt, nicht nur gegen diese beiden Hofnarren des Journalismus.

Isolation und Vereinheitlichung: Stefan Niggemeier und der etablierte Journalismus

Stefan Niggemeier muss man einfach mögen.
Gerade hat er in seinem Artikel So mögen sie Gulaschsuppe essen: eine Kritik der Kritik an der Lanz-Petition eben jene Mechanismen benannt, die durch eine rhetorische Analyse herausgearbeitet werden können. Und dies sind eigentlich zwei Mechanismen, die zudem meist im gleichen Satz auftauchen: die Isolation und die Vereinheitlichung.

Isolation und soziale Struktur

Schon das erste Beispiel zeigt, was hinter der Rhetorik oder der rhetorischen Analyse immer wieder auftaucht: dass hier eine soziale Struktur suggeriert wird. Pflücken wir dies mal ein wenig auseinander und etwas umfassender, als das Niggemeier selbst macht.

Norbert Himmler, Programmdirektor des ZDF, sagt
(…) Markus Lanz hat in mehr als 500 Sendungen einen hervorragenden Job gemacht. Dann geht es einmal nicht gut, und das sorgt dann für eine Riesenwelle. Das ist unverhältnismäßig.
Himmler schiebt dem aktuellen Ereignis eine Opposition unter (eine semantische zunächst). Auf der einen Seite gibt es den hervorragenden Job und auf der anderen Seite dieses ›dann geht es einmal nicht gut‹. Damit wird jene Sendung mit Sahra Wagenknecht von allen anderen Sendungen, die Markus Lanz gemacht hat, isoliert. Und Niggemeier wirft hier zu Recht ein, dass sich diese Opposition bei genauerem Hinschauen rasch verflüchtigt. Es sei, so Niggemeier, typisch für Lanz, so mit Politikern und über Politik zu reden.

Über die Opposition wird dann diese Bewertung ›unverhältnismäßig‹ etabliert und damit die Kritik zurückgewiesen.

In diesem Zitat von Himmler gibt es allerdings noch eine zweite Isolation. Lanz wird hier vom restlichen ZDF und dessen Leistungen abgetrennt. Niggemeier schreibt aber sehr zu Recht, dass Lanz hier nicht als Person gemeint ist, sondern eben als Symbol für das ZDF und dass sich die Kritik nicht gegen den Menschen Markus Lanz richtet, sondern gegen den Protagonisten eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens, an dem der Unmut in der Gesellschaft so gewachsen ist, dass er sich an diesem "Ereignis" (also Lanz) dann zahlreich zeigt.
Indem Himmler diesen Zusammenhang verschweigt, sieht es so aus, als sei es vor allem Markus Lanz als Person. Und hier wird dann auf einer ganz subtilen Ebene um Mitleid geheischt.

Lanz als Symbol

Symbol? Nun, in einem Symbol kreuzen sich verschiedene Interessen und Bedürfnisse. Folgt man einer klassischen Darstellung dessen, was ein Symbol ist, nämlich der Traumdeutung von Sigmund Freud, so ist das erste, was man liest (und gerne überliest), dass das Symbol der Auslegung bedarf. Schon das hat es eigentlich in sich. Denn das Symbol existiert nur so lange, solange es nicht gedeutet ist. Und indem man es deutet, verschwindet es.
Hinter dem Symbol gibt es Mechanismen, die die Wirksamkeit dieses Symbols hervorrufen. Und hier nennt Freud vor allem zwei Mechanismen: die Verschiebung und die Verdichtung. Ich möchte das ganze nun nicht nach der Psychoanalyse behandeln, sondern möchte nur auf die Komplexität hinweisen, mit der im allgemeinen Symbole zustandekommen und dann als sehr einfache und sehr dingliche Monumente auftreten.
Es ist natürlich klar, dass Lanz hier auch ein ganzes Stück weit ein Symbol ist, in dem sich sehr verschiedene Unzufriedenheit mit den öffentlichen Sendern oder auch mit der Kultur im Allgemeinen verdichten. Und natürlich kann man diese Symbolisierung dann auch den Menschen vorwerfen, die sich gerade über Lanz echauffieren.
Doch Niggemeier hat hier schon recht, auch wenn er es so nicht sagt. Den Kritikern fällt nichts anderes ein, als ebenfalls zu symbolisieren und dann besteht der Kampf nur noch darin, wer sein Symbol durchsetzen kann. Der Effekt: die Lager bilden und spalten sich; sie isolieren sich voneinander und vereinheitlichen dabei. Langfristig gesehen ist das nicht hilfreich.
Was bleibt? Man muss eben in die Analyse gehen und das Symbol auflösen. Psychoanalytisch müsste man also die Bedürfnisse und Wünsche hinter dem Symbol aufdecken. Gesellschaftlich gesehen müsste man in die verschiedenen Strukturen eindringen, die eine Person wie Markus Lanz erzeugen und eine Zeit lang notwendig machen.

Analyse der Nicht-Analyse

Analysiert allerdings wird wenig. Man muss Niggemeier dankbar sein, dass er die Nicht-Analyse der Analyse so dezidiert darstellt. Er bleibt dort stehen, wo es dann um weiterführende Strukturen geht. Das grundlegende Elemente einer Struktur ist der Kontrast, bzw. die Opposition (der Kontrast sagt, dass etwas unterschiedlich sei, die Opposition, dass etwas entgegengesetzt sei).

Die Rhetorik untersucht nun, wie sich solche Kontraste bilden oder wie sie auch wieder verschwinden. Die Isolation ebenso wie die Vereinheitlichung sind die zwei typischen Bewegungen, die solche Kontraste auf- und abblenden.
Wenn zum Beispiel aus den verschiedenen Stimmungen, die sich in einer Ablehnung von Lanz symbolisieren, ein „linker Shitstorm“ (Jörges) gemacht wird, dann wird hier eine Meinung von allen Bedingungen, unter denen sie entsteht, isoliert und damit vereinheitlicht. Man kann hier Jörges nur vorwerfen, dass er nicht differenziert und damit den Konflikt abstrakt hält, nämlich genau in jener Feindschaft, die eigentlich nur noch ein Kampf um das etablierte Symbol ist und nicht mehr eine Kritik an realen, gesellschaftlichen Bedingungen.

Nachtrag

Die Kritik am Diskussionsstil im deutschen Öffentlich-Rechtlichen ist nicht neu. Und wenn wir hier einen altbekannten Herren, den Herrn Jörges, wiederfinden, dann wundert das wenig. Birgit Kienzle schrieb im April 2010 über eine Sendung vom 13. Januar 2010: hartaberunfair: Vier Schwänze wackeln mit dem Hund ...

Und dann wieder die beiden alten Probleme

Was denn das für ein Mist sei, fragte mich jemand betreffs meiner Überschrift Eigentlich langweilig, rhetorisch aber immer wieder interessant. Ich wagte dann ihm zu antworten, die Überschrift sei ironisch, auch selbstironisch gemeint. Natürlich kann ein Thema rhetorisch für kurze Zeit interessant werden, wenn man es von der Rhetorik aus betrachtet und es dort noch einiges zu entdecken gibt. Mir jedenfalls hat das Thema wenig gebracht. Es erstaunt mich zwar kurzfristig immer wieder, wie schlecht manche Menschen zuhören können und wie selbstgefällig sie dann über andere Menschen urteilen, deren Aussagen sie aber gar nicht verstanden haben. Doch was die Debatte Lanz/Wagenknecht angeht, so war sie inhaltlich dermaßen flach gehalten, dass sie mir überhaupt nichts Neues und Nachdenkenswertes erzählt hat, aber auch in der Rhetorik altbekannt, eben die altbekannte Paranoia.

Zugegeben: diese diffuse Ironie, die nach beiden Seiten ausstrahlt, in Richtung Publikum, aber auch zurück zu mir, die ist wohl nicht so einfach zu verstehen. Denn im Prinzip sagt sie widersprüchlich: beachtet doch mehr die Rhetorik dieses Ereignisses; und auf der anderen Seite weiß ich, dass viele Menschen gar nicht die Chance hatten, sich so intensiv mit Rhetorik auseinanderzusetzen und ich nicht zu viel erwarten darf.
Hier gibt es einen alten Automatismus: wenn man jemandem sagt, er habe nicht so viel Ahnung davon, kommt automatisch diese Reaktion: Hältst du mich für dumm? Doch das ist mit Sicherheit überhaupt kein Thema. Die Intelligenz als Maßstab für menschliches Verhalten ist äußerst fragwürdig. Deshalb benutze ich sie auch nicht mehr. Stattdessen ersetze ich sie durch den Kompetenzaufbau. Und Kompetenzen kann man immer aufbauen. Hier stellt sich eher die Frage, ob man dafür Zeit in seinem Leben findet oder nicht.

Mein anderes Problem: ich habe mal wieder weiße Flecken auf meiner Landkarte entdeckt.
Der eine weiße Fleck: das ist die Bildsprache in Videos. Gestern habe ich den ganzen Tag ausprobiert, geschnitten, zusammengesetzt, überlagert, maskiert und mit Effekten versehen. Und eigentlich beherrsche ich jetzt die einzelnen Werkzeuge der Programme recht gut. Ich kenne sie und weiß, was sie im einzelnen machen. Doch spätestens dann stellen sich auch die Herausforderungen ein. Es geht nicht nur darum, die Werkzeuge irgendwie zu benutzen, sondern sie in einem sinnvollen Zusammenklang zu benutzen. Es geht also um den Arbeitsprozess selbst und um die Qualität des Endproduktes. Der Arbeitsprozess selbst, der ist auf den Weg. Ich weiß nicht genau, wo ich stehe. Hier fehlt mir einfach das kompetente Urteil. Beim Produkt selbst weiß ich, dass ich noch eine ganze Menge zu tun habe. Ich habe jetzt einige ordentliche Ergebnisse erzielt. Doch diese Ergebnisse sind alle sehr bieder, sehr gewöhnlich. Und derzeit habe ich zwar eine Menge Ideen im Kopf, von denen ich grundlegend sagen kann, dass sie sich realisieren lassen, aber ich weiß nicht, wie ich dort hin komme. Ich müsste es ausprobieren und kann keinen genauen Plan entwerfen, an dem ich mich festhalten könnte. Und das ist eher ein Zeichen dafür, dass ich noch relativ unerfahren bin.

Der andere weiße Fleck auf meiner Landkarte ist eigentlich gar nicht so weiß. Es geht um die Erzählperspektive. Als ich vor acht Tagen den Artikel dazu veröffentlicht habe, dachte ich, dass das eher ein unbeachteter Artikel bleiben würde. Etwa zwei Tage später konnte ich 5000 Besucher verbuchen. Mittlerweile sind es weit über 8000, eher schon 9000. Das ist erstaunlich und hat mich beflügelt.
Nun bin ich dabei, dieses mir eigentlich gut bekannte Buch (Frank Stanzel: Theorie des Erzählens) neu zu sortieren. Kennen musste ich natürlich dieses Buch und zwar seit dem ersten Semester meines Germanistik-Studiums. Es ist ein Grundlagenwerk. Da es aber bis heute auch sehr umstritten ist (zu Recht), gibt es hier auch viel zu entwickeln und zu entdecken.

25.01.2014

Eigentlich langweilig, rhetorisch aber immer wieder interessant

Ich habe mir gerade eine kleine empirische Untersuchung erlaubt. Da Jörges behauptet, Wagenknecht habe ständig unterbrochen und kein vernünftiges Gespräch aufkommen lassen, habe ich ausgezählt, wie oft Sahra Wagenknecht unterbrochen hat und wie oft sie unterbrochen worden ist.
Ergebnis bis zur 30. Minute: Wagenknecht hat 7 mal unterbrochen und ist 18 mal unterbrochen worden. Nicht mitgezählt habe ich, wo Lanz unterbrochen hat und Wagenknecht das ignoriert hat, so dass Lanz nachgedrängelt hat.

Vernünftige Diskussion. - Was die vernünftige Diskussion angeht: ich weiß nicht, was daran vernünftig ist, wenn man einem Diskutanten vorwirft, es sei alles ein großer Stuss. Das kam von Jörges. Und ich weiß auch nicht, was daran vernünftig sein soll, Wagenknecht ein Bekenntnis zu Europa abzudrängeln, wo sie vorher schon dreimal gesagt hat: Europa ja, aber bitte nicht so.

Gemeinschaft. - Ignoriert wurde auch, dass Wagenknecht gerade die Befürchtung hat, dass Europa zerfällt. Würde man dagegen die Argumentation von Jörges weiterverfolgen, dann hat Europa gerade ein Interesse daran, die armen Länder arm zu halten, wenn sie die "Gemeinschaft" erhalten will. Jörges sagt nämlich, dass die Südländer längst ausgetreten wären, wenn es ihnen besser ginge. Und mittelbar bedeutet das ja folgendes: solange ihnen Europa nutzt, bleiben sie drinnen und sobald sie selbst etwas zahlen müssten, wären sie so unsolidarisch, dass sie nicht mehr zu Europa stehen werden und austreten.

EU,CSU. - Was die EU angeht, so hätte Lanz, wenn er geschickt gewesen wäre, durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Jörges und Wagenknecht entdecken können. Jörges sagt, die EU sei ein Moloch (oder Koloss?). Wagenknecht wieder sagt, die EU würde nicht streng genug kontrolliert und dadurch der Lobbyismus so stark. Zumindest die europäischen Bürger bleiben bei beiden Argumenten außen vor.
Ebenso war zunächst eine Übereinstimmung bei dem Wahlkampf-Spruch der CSU vorhanden. Die Angst von Wagenknecht, dass er billige Ressentiments schürt, ist berechtigt. Die Behauptung, die CSU bilde die Brandmauer nach rechts, ist allerdings sehr befremdlich. Eher bewegt sich die CSU nach rechts, um Wähler zu bedienen und deren Stimme zu erhalten. Damit ist aber die Ursache, die rassistische und europafeindliche Meinung in manchen Bevölkerungskreisen, nicht bekämpft.
Dann müsste die CSU auch nicht mehr die Brandmauer spielen (übrigens ist Brandmauer eine tolle Metapher).

Jörges Zwischenruf. - Schließlich: Jörges macht sich mit seinem Zwischenruf auf Video wieder äußerst unbeliebt. Die Kritik am Diskussionsstil der Sendung als linken Shitstorm abzutun, das ist nicht nur beleidigend, sondern, soweit ich das sehe, auch unzutreffend, da sich viele Menschen zu Wort melden, die man kaum dem linken Spektrum zuordnen kann.
Jörges konstruiert hier eine Einheitlichkeit, die letzten Endes tatsächlich zu einer gemeinsamen Position führen könnte, alleine weil sich auf diesem schmalen Grat auch eine Übereinstimmung ergibt.

Shitstorm. - Auf Stern erschien nun ein Artikel, der einige "interessante" Verschiebungen vorschlägt. Zunächst wird die Empörung als "Shitstorm" bezeichnet und dann als eigentliches Motiv einmal die Flachland-Unterhaltung und zum anderen die Rundfunkgebühren für die Empörung genannt. So wird jedenfalls ein Medienwissenschaftler zitiert. Dieser sagt aber auch, dass es immer ein aktuelles Interesse (am Shitstorm) gäbe und dies seien Lanz Fragestil und Jörges emotionales Verhalten gewesen.
Opferinszenierung. - Zudem gibt es eine Abgrenzung gegen Markus Lanz: Stern-online schreibt,
"viele Mailschreiber [hätten] die inhaltliche Debatte mit Wagenknecht gegen die vermeintlich inhaltslose, die Lanz mit ihr geführt habe"
, abgegrenzt. Zudem behauptet der Artikel, Wagenknecht würde sich als Opfer inszenieren, was ich bisher nicht mitbekommen habe. Der Artikel bezieht sich darauf, dass Wagenknecht das vermeintliche Einvernehmen nach der Sendung, das laut ZDF bestanden hätte, als "frech" zurückgewiesen hat. Damit hat sie aber nur einen prinzipiell legitimen Schritt getan; ob er dann auch tatsächlich legitim war, kann ich nicht entscheiden.

So bleibt letztes Endes doch nur ein äußerst gemischtes Gefühl.
Was die Wirtschaft angeht, so erlaube ich mir, deutlich auf der Ebene der Vor-Urteile stehen zu bleiben, denn auch wenn ich heute einiges wesentlich besser verstehe als vor zehn Jahren, traue ich mir nicht mehr als ein laienhaftes Urteil zu.
Zu dem Militarismus: das ist natürlich auch eine Frage, wie man Begriffe auffüllt. Tatsache ist, dass Europa eine sehr starke Industrie hat, die Waffen oder Waffenteile herstellt. Tatsache ist auch, dass die meisten Menschen gegen Krieg sind. Und schließlich ist Tatsache, dass die Welt ein durchaus sehr unbefriedetes Gebiet ist. Eine Antwort darauf, wie man damit umgehen sollte, kenne ich nicht. Ich bezweifle aber, dass sich dieses Problem politisch rasch lösen lässt. Im Abstrakten sind mir Soldaten, die demokratisch kontrolliert einen Krieg zu beenden versuchen, lieber, als fanatische und verzweifelte Bevölkerungsgruppen, die nur an einem Sieg interessiert sind.

Insgesamt nervt mich aber die Debatte: es sind hier Fehler begangen worden, die seit über zweihundert Jahren gut diskutiert worden sind. Und zumindest von einem gebildeten Menschen dürfte man hier ein höheres Niveau erwarten, als Lanz und Jörges dies in der Sendung gezeigt haben. Es ist, wie es ist: Sahra Wagenknecht hat schon recht, wenn sie zu den Werten der europäischen Tradition steht und diesen das aktuelle Europa entgegenstellt. Denn dieses aktuelle Europa verdrängt das, was lange Zeit die Idee von Europa angetrieben hat.

24.01.2014

Ach Spiegel! Warum Sahra Wagenknecht kein Opfer von Markus Lanz ist

Die böse bürgerliche Presse ist natürlich die gute bürgerliche Presse. Zumindest darf man das nach einem Artikel auf Spiegel-online vermuten. Der Linke käme die Aufregung gerade recht, um sich selbst zu inszenieren. Und: Wagenknecht könne sich selbst verteidigen. 

Richtig, zugegeben.

Doch es geht zum großen Teil nicht um den Umgang von Lanz mit Wagenknecht, als ob diese beiden sich irgendwo im stillen Kämmerlein getroffen hätten, um nun über irgendetwas zu argumentieren. Es geht um diese Diskussion im Beisein von Publikum. Wie ich in meinem Video bereits gesagt habe: das Publikum fühlt sich entmündigt. Und das ist den Menschen wesentlich wichtiger als Sahra Wagenknecht.

Es ist ein Zeichen von Unbürgerlichkeit, ein soziales Problem nicht von allen Seiten zu würdigen und zu diskutieren. Die Presse hätte hier eigentlich eine Vorreiter-Rolle. Sie nimmt diese aber immer weniger wahr. Stattdessen wiederholt der Artikel das Problem, das Lanz mit der Politik hat: er macht aus einem politischen Begriff einen empirischen.
Das Zusammenleben von Menschen lässt sich aber nicht regeln, wie sich die Naturwissenschaft regeln lässt. Menschen handeln intentional; die Natur beruht auf Kausalitäten.

Besonders bitter allerdings: Jörges wirft Wagenknecht vor, was er selber macht, nämlich den politischen Gegner totzuquatschen. Wer so wenig Bewusstsein für die Selbstwirksamkeit hat, macht sich eigentlich nur lächerlich.

Uns wird das Internet ausgehen, bevor wir keine Luft mehr haben

Nun, das ist allerdings ein rätselhafter Satz. Was ist passiert? Wissenschaftler haben mit einer statistischen Methode den Tod von Facebook vorausgesagt. Facebook konterte. Mit derselben wissenschaftlichen Methode bewiesen sie, dass wir in 50 Jahren keine Luft mehr haben werden. Vorher werde uns allerdings das Internet abhandenkommen. Zu dieser bissigen Satire auf die Leichtgläubigkeit bei Statistiken musste dann ein User eben jenen oben genannten Kommentar loswerden. Den ganzen Bericht lest ihr auf Spiegel-online: Princeton gegen Facebook.

Mich erinnert das an die Menschenkenntnis des toten atlantischen Lachses.

Vogelflug und Feuerwerk: Videokunst mit Zwiebelschalen

Auf der Suche nach neuen Ideen, wie man Videos gestalten kann, bin ich über die Videos von Dennis Hlynsky gestolpert. Darauf hat dankenswerterweise die taz in einem tweet hingewiesen. Hlynsky macht nun etwas, was ich sehr faszinierend finde, schon seit langer Zeit, auch wenn es erstmal eine Albernheit ist, die ich aus der Kindheit mit herumtrage.
Ihr kennt doch Wunderkerzen. Die fand ich nun eigentlich nie spannend. Was ich dann allerdings doch immer mit einer gewissen Aufregung wahrgenommen habe, war, wenn man mich oder einen meiner Brüder beim Herumwedeln mit Wunderkerzen fotografiert hat. Dann war nämlich auf dem Foto eine Lichtspur zu sehen und das hat mich als kleines Kind verwundert. Später habe ich natürlich die Ursache herausgefunden, warum es hier eine solche Spur gibt.
Hlynsky erzeugt nun einen ähnlichen Effekt durch die Bearbeitung von Videos. Allerdings nimmt er als Vorlage für die Bewegung kein Feuerwerk, sondern Vogelschwärme. Und so gibt es von ihm zahlreiche Videos mit Staren, Geiern, Lachmöwen, Ameisen und Karpfen, die die Bewegung von Herdentieren sichtbar machen und auch ihre chaotische Organisation.

Natürlich gibt es dann auch ein Video mit Feuerwerk.

Und was ist nun mit den Zwiebelschalen? Nun, damit wird ein Effekt bezeichnet, der in das aktuelle Bild eines Videos vorhergehende und nachfolgende Bilder mit eingeblendet, was für Videokünstler notwendig ist, wenn sie Bewegungen nachvollziehen wollen, vor allem selbst programmierte, um so glattere Abläufe zu erzeugen. Genau das hat nun er Künstler nicht gemacht. Zur Zeit kann ich es mir nicht anders vorstellen, als dass er Bild für Bild und Objekt für Objekt ausgeschnitten und grafisch neu organisiert hat, so dass sich komplette Fluglinien ergeben. Das dürfte eine relativ mühsamer Arbeit gewesen sein. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich stehe mit meinen Video-Künsten noch ziemlich am Anfang und kann den technischen Aufwand nicht einschätzen. Schön ist es allemal.

22.01.2014

Aus der Welt der Zensur: kaputte Festplatten und das Urheberrecht von staatlichen Dokumenten

Zwei skurrile Begebenheiten aus der Welt des zensierten Journalismus:
(1) Die Justitiarin des Londoner „Guardian“ berichtet von der seltsamen Ohnmacht, die der Geheimdienst frisch nach den Veröffentlichungen von Edward Snowden an den Tag legte. Das ganze liest sich wie eine befremdliche Skurrilität. (HIER)
(2) Die Open Knowledge Foundation Deutschland e.V. weist das Verbot der Veröffentlichung eines aus dem Bundesinnenministerium kommenden Vermerks zurück. Das Bundesinnenministerium hatte diesen Vermerk zur privaten Kenntnisnahme verfasst und sieht jetzt eine Verletzung der Urheberrechte. Spannende Frage: hat eine Regierung die Möglichkeit, das Urheberrecht auszunutzen, wenn die Angelegenheit von öffentlichem Interesse ist? (HIER)

Flexibilität und Nachhaltigkeit. Lanz, die Medien und die Tugenden.

Emran Feroz twittert gerade:
Während Qualitätsjournalismus immer seltener wird (und wenig bezahlt), verdient Lanz also 250.000 €/Jahr für seine Sendung? Ein Witz.
Und was mir noch auffällt: immer dann, wenn Politiker nicht flexibel sein wollen, sprechen sie von Nachhaltigkeit. Und immer dann, wenn Politiker nicht nachhaltig Politik machen können, sprechen sie von Flexibilität. Ich habe nun weder etwas gegen Nachhaltigkeit noch gegen Flexibilität. Aber wenn man diese beiden Wörter als Begründung benutzt, dann habe ich schon etwas gegen sie.
Frage ist also, was im politischen Bereich Nachhaltigkeit ist und was Flexibilität. Nachhaltigkeit ist die Fähigkeit, Werte und Ziele der Politik kritisch durchzuhalten. Und kritisch meint hier tatsächlich das Gegenteil von dogmatisch. Natürlich muss man immer wieder darauf achten, standfest zu sein, aber Starrsinn ist noch lange nicht Standfestigkeit. Ebenso ist die Flexibilität nicht auf Moden gegründet, sondern die Fähigkeit, seinen Standpunkt mit neuen Tatsachen begründet zu vermitteln.

Damals, als Guttenberg in den Massenmedien (zurecht) so skandalisiert wurde, habe ich mich gerade in einer Auseinandersetzung mit der Praxis der Argumentation gefunden. Und abgesehen davon, was dies rechtlich bedeutet, ist der Skandal bei Guttenberg natürlich der, dass er seinen propagierten Werten durch sein Tun widerspricht und dass er in dem Moment, in dem dies offensichtlich wurde, plötzlich ein unglaublich hohes Maß an „Flexibilität“ an den Tag gelegt hat. Plötzlich konnte er Tag für Tag eine andere Meinung und eine andere Position haben.
Wenn eine Tugend daraus besteht, dass Handeln und Denken weitestgehend parallel läuft, wie ich hier vorsichtig mit Aristoteles formulierte, dann hat Guttenberg in dieser Situation sehr untugendhaft gehandelt.

Flexibilität und Nachhaltigkeit erweisen sich in Bezug auf politische Tugenden nicht selbst als Tugenden, sondern als Regulative für den Weg zu einem (politisch) tugendhaften Leben. Und man kann sie deshalb auch nicht wie Tugenden beurteilen, sondern muss den je einzelnen Weg zu bestimmten Tugenden betrachten, bei jedem Menschen neu.
Damit sind es aber Bedingungen der Selbstreflexion. Und wenn man diese ganze Diskussion auf eine griffige Formel bringen möchte, in der sowohl der Weg zu den Tugenden als auch diese Selbstreflexion aufgehoben ist, dann in dem Spruch: Practice what you preach! - Tue selbst, was du anderen predigst.

Ich glaube ja, dass diese ganze Diskussion um Markus Lanz auch ein Stück weit der Selbstversicherung dient. Die Menschen weisen darauf hin, dass Lanz eben auch nur ein Mensch ist, sich aber nicht so verhält. Und natürlich tun sie das gerade an den Stellen, wo überdeutlich wird, dass er seine Kompetenz völlig überschreitet. In der Diskussion mit Sahra Wagenknecht hat er ja nur gezeigt, was schon lange bekannt ist: dass er eben keine Ahnung von der Volkswirtschaft hat und deshalb auch kein Recht hat, so mit Sahra Wagenknecht umzugehen. Und viele Menschen, die ebenfalls weit von sich weisen würden, dass sie die Volkswirtschaft begriffen hätten, sehen eben trotzdem ganz grundlegende Fehler oder erahnen sie zumindest. Und auch da muss man einfach den vielen Stimmen, die sich jetzt gegen Lanz empören, Respekt zollen. Denn später, wenn diese Debatte abgeflaut ist, wird es nicht um Markus Lanz gehen, sondern um die Aufklärung über ökonomische Bedingungen und natürlich auch die Gestaltung von ökonomischen Bedingungen.
Insofern begrüße ich diese Debatte.

Vorhin habe ich irgendwo gelesen (es tut mir leid, dass ich jetzt die Quelle nicht nennen kann), dass Lanz doch etwas Gutes getan hätte: er hätte doch eine wichtige Debatte angestoßen, nämlich den um den Zustand unserer Massenmedien. Nun: diese Aussage ist nun wirklich lächerlich. Denn diese Debatte um die Massenmedien, die ist schon im 19. Jahrhundert geführt worden, wahrscheinlich noch früher. Aber einige der ganz ganz großen philosophischen Werke des letzten Jahrhunderts, von Adorno, von Arendt, von Marcuse, von Negt/Kluge, von Sloterdijk, von Luhmann, sind Werke, die sich auf sehr unterschiedlich kritische Art und Weise mit den Massenmedien auseinandersetzen. Lanz hat ja gar nichts dazugetan.

Im übrigen ist diese Formel ›hat eine wichtige Debatte angestoßen‹ auch ein Feigenblatt. Ob man eine wichtige Debatte anstoßen kann oder nicht, das ist auch ein wenig Zufall. Wichtiger ist doch, ob man diese begleiten kann. Und anscheinend hat Lanz sich entschlossen, samt dem ganzen ZDF, diese Debatte nicht zu begleiten und sie stattdessen totzuschweigen. Das ist nach den ganzen politischen Skandalen in der Bundesrepublik auch schon deshalb sehr tragisch, weil jetzt offensichtlich die Feigheit und Dummheit endgültig im Journalismus angekommen ist.
Wahllose Aussagen und verstocktes Schweigen, so stelle ich mir Flexibilität und Nachhaltigkeit in einer funktionierenden Demokratie nun nicht vor.

Verbeugung vor meinem Publikum

Kleiner Nachtrag: obwohl ich selbst unzufrieden bin, erfahre ich gerade viel Lob für dieses erste Video mit mir selbst. Es gibt natürlich auch Kritikpunkte, aber die sind durchaus immer sehr konstruktiv. So muss ich zum Beispiel an meiner Mimik arbeiten. Ich hatte natürlich vor, eine etwas umfassendere Aufnahme von mir selbst zu machen, möglichst eben noch mit den Händen im Blickfeld. Als Dozent werde ich immer als recht lebhaft beschrieben und das kommt in diesem Video nun gar nicht rüber. Allerdings ließ sich das mit meiner WebCam auch nicht wirklich machen.

Ich habe mir natürlich überlegt, ob ich mir eine digitale Kamera kaufe. Aber ich kann mich dazu überhaupt nicht entschließen. Ich müsste mir erst mal genauer ansehen, welches Modell ich mir zulegen möchte.

Normalerweise stehe ich diesen ganzen sozialen Netzwerken eher kritisch gegenüber. Ich habe auf Facebook relativ wenig Gutes erfahren. Meist sind dort, so wie ich das erlebt habe, sehr eingeschränkte Menschen unterwegs. Umso mehr haben mich in den letzten Wochen einige Diskussionen auf Facebook aber auch sonst die Resonanz sehr positiv überrascht. Und auch hier kann ich sagen, dass es nicht uneingeschränktes Lob gab, aber wenn Kritik, dann eben sehr konstruktiv. Ich habe es jetzt zweimal ganz direkt hintereinander auch auf Facebook erlebt, dass sich Menschen mit Sachverstand und einen differenzierten Blick zu Wort gemeldet und nicht nur geurteilt haben, sondern Interesse bekundet haben. Es ist nicht so, dass ich hier ein Interesse an mir erwartet hätte, sondern das überhaupt jemand da steht und ein Interesse an sachlichen Themen mit seiner eigenen Person verbindet. Natürlich liegt das auch am Medium, aber letzten Endes ist vieles, was dann durch diese sozialen Netzwerke geht, sehr unpersönlich. Und deshalb empfinde ich ja diese Bezeichnung ›soziales Netzwerk‹ als sehr zynisch. Auch wenn man die Gesellschaft nicht in einzelnen Personen aufgehen lassen kann (dazu habe ich Niklas Luhmann zu gründlich gelesen), ist sie ohne Menschen nicht denkbar.

Es gibt zwei Menschen, denen ich über lange Zeiten hinweg zutiefst verbunden bin. Der eine ist mein Onkel Hanfried. Ihm verdanke ich es, dass für mich der Begriff der Familie überhaupt noch Sinn ergibt. Es gab Zeiten, zu denen ich ganz stark gezweifelt habe, dass Familie aus mehr besteht als einem institutionell eingerichteten Egotrip. Mittlerweile sind auch meine Geschwister wieder dazugekommen. Denen kann ich nun keine Versäumnisse vorwerfen, da sie selbst mit diversen Anforderungen fertig werden mussten, die einem als junger Erwachsener so begegnen.
Der andere Mensch ist natürlich Nico. Meist zuckt er mit den Achseln, wenn ich sein Verhalten als zutiefst solidarisch empfinde. Aber manchmal ist es eben tatsächlich nicht dieses große, massenmedial aufgeblähte Theatralisieren von Anerkennung, sondern es sind diese kleinen Gesten und Interessen am anderen, die man kaum benennen kann und die sich gleichsam um das gemeinsame Bierchen drumherum ansammeln.

Seltsamerweise sind es vor allem die Leute, denen ich wirklich in der Vergangenheit sehr geholfen habe, manchmal sogar über die Grenzen hinaus, wo es für mich noch angenehm war (was dann manchmal auch als Selbstverleugnung meiner selbst kritisiert wurde), die es nie geschafft haben, etwas zurückzugeben.
Meist sind das solche Leute, bei denen man hinterher entdeckt, dass sie ihre Hilfsbedürftigkeit zum Teil wirklich simuliert haben oder unter falschen Voraussetzungen haben laufen lassen. Ich erinnere mich an eine Autorin, die mich wegen eines Romans angeschrieben hatte, als sie noch nicht bekannt war und auch noch keinen Erfolg hatte. Ihr Erfolg ist auch heute noch recht mäßig. Aber zumindest hat sie einen. Und ich glaube, dass ich da nicht unwichtig war. Nun liegt mir wenig daran, dass sie mir dafür dankt. Was mich an dieser ganzen Geschichte erschreckt hat, war, dass sie mittlerweile nicht mehr unter 18 Jahren alt ist, sondern auf die vierzig zugeht, innerhalb von zwei Jahren, und dass sie wohl in diesem Fall sehr bewusst darauf spekuliert hat, dass ich keinen Beratungsvertrag mit ihr abschließen kann. Diese bewusste Manipulation könnte man noch irgendwie hinnehmen, wenn das hinterher zumindest in irgendeiner Art von Wissen hinausläuft. Bei dieser Frau ist es nun anders geschehen: Sie hat dann auf Facebook ganz bewusst gegen mich intrigiert. Ich habe das auch erst später erfahren. Und es mag ja sein, dass ich hier tatsächlich nicht geholfen habe. In einem so schwierigen Feld wie dem Verfassen von langen fiktionalen Texten (also Romanen) kommt das durchaus vor. Man kann aber seine Kritik dann direkt bei dem betreffenden Menschen loswerden, also bei mir, und macht das bitte schön nicht hintenherum.
Es gibt aber auch eine Frau, der ich finanziell sehr unter die Arme gegriffen habe, der ich jahrelang durch viel Zeit und Kraft geholfen habe und die hinter meinem Rücken wohl ein Gebäude aus Lügen und Halbwahrheiten gebaut hat, durch das sie praktisch gezwungen war, mich aus ihrem Leben schließlich herauszuschmeißen, denn sonst wäre dieses Lügengewebe zerrissen worden oder sie hätte auch mal zurückgeben müssen, was sie von mir bekommen hat.

Nun: in solchen Zeiten, wenn ich an den Menschen zweifle, halte ich mich tatsächlich an diesen Freunden und Familienmitgliedern fest, aber auch an den Grundgedanken meiner Philosophie, insbesondere der von Kant. Ansonsten wäre ich längst völlig homophob und frauenfeindlich und rassistisch und was weiß ich noch.
Und im Moment ist es eben auch ganz wunderbar, plötzlich auf Menschen zu stoßen, die jenseits von Lobhudelei und besserwisserischer Ignoranz dazu bereit sind, etwas zu diskutieren und an dieser Stelle nochmal ganz ausdrücklich eine Verbeugung vor all diesen Menschen, die den Mut aufbringen, so über Sachen zu reden, dass sie diese nicht schon im Vorfeld dogmatisch eingepfercht und dingfest gemacht haben.

20.01.2014

Lanz und Wagenknecht

Es sieht so aus, als würde seit letztem Samstag eine Welle der Empörung Markus Lanz überschwemmen. Anlass war die Sendung, in der Sahra Wagenknecht zu Gast war. Was früher schon immer wieder zu großem Unmut geführt hat, nämlich dass Lanz Wagenknecht mitten in einer Argumentation unterbricht, war in dieser Sendung besonders krass. Lanz geht auf bestimmte Argumente von Sahra Wagenknecht überhaupt nicht ein. Stattdessen kommt er immer wieder mit völlig idiotischen Fragen und teilweise auch mit Unterstellungen, sogar mit Sachen, die Wagenknecht vorher bereits von sich gewiesen hat.

Die Form der Aufklärung

Die Aufregung, die diese Sendung verursacht hat, betrifft nicht die Inhalte, also zunächst nicht das, was Lanz Wagenknecht entgegengesetzt, sondern die Form, in der Lanz mit Wagenknecht umgeht. Und soweit ich das mitgekriegt habe, sind die meisten Menschen auch nicht deshalb gegen Lanz, weil sie für Wagenknecht sind, sondern weil sie sich von Lanz entmündigt fühlen und sich lieber selbst eine Meinung gebildet hätten über das, was Wagenknecht erzählt.
Besonders schlimm finde ich dann, dass Lanz Wagenknecht anti-europäische Ressentiments unterstellt, im gleichen Atemzug aber grundlegende Spielregeln der europäischen Aufklärung verrät, zu der zum Beispiel die Begriffsdiskussion gehört. Die Begriffsdiskussion ist eine Sache, die Immanuel Kant in seinem Aufsatz Was ist Aufklärung? ausdrücklich erwähnt. Und er verlagert die Begriffsdiskussion dort in die Öffentlichkeit und zwar in eine Öffentlichkeit, die um Aufklärung bemüht ist. Indem Lanz nicht erfasst oder nicht erfassen will, wie Wagenknecht ihre Begriffe definiert, kann er natürlich nicht diskutieren und damit auch ein grundlegendes Prinzip der Aufklärung nicht nachvollziehen.

Petition gegen Lanz

Mittlerweile ist der Ärger im Internet so groß, dass irgendwelche Menschen eine Petition gestartet haben, die Lanz aus den öffentlich-rechtlichen Medien verbannen soll. Prinzipiell bin ich ja dagegen, dass Moderatoren immer nur die Meinungen anderer zu Gehör bringen. Aber wenn ein Moderator so dilettantisch oder böswillig eine andere Meinung unterdrückt, dass im Prinzip nur noch seine eigene Meinung durchgesetzt wird, dann widerspricht das zutiefst meinem Verständnis einer demokratischen Diskussion. Und in diesem Fall, und es ist ja nicht das erste Mal, erweist sich Lanz einfach als nicht tragbar. Dann soll er doch bitte schön zu den Schmuddelsendungen von RTL gehen, besser noch von RTL 2.

Europa als Fetisch

Und Wagenknecht? Nun, Ihre Idee von Europa ist natürlich eine Idee, die gestaltet werden muss. Und sie kritisiert ja nicht Europa und sagt: das muss jetzt alles weg. Sondern sie kritisiert den Zustand, in dem sich die europäische Integration im Moment befindet. Und hier spricht sie immer wieder eine Sache an, die sie leider nicht besonders klar darstellt. Europa ist kein Ding, das irgendwo herum liegt und noch nicht richtig fertig geworden ist. Europa ist ein politisches Gefüge. Und dieses politische Gefüge ist unzureichend gestaltet worden, bisher. Lanz tut gegenüber Wagenknecht aber so, als würde man Europa einmal fertig machen, und dann sei es für den Rest der Zeit auch eben genau dieses gute Europa. Und so funktioniert ein Staatsgefüge einfach nicht. Das ist eine Sache, die man immer wieder neue Ideen und neue Umformungen hinein geben muss. So hatte auch noch nie im ganzen Zeitraum der Geschichte ein einzelner Staat funktioniert. Wenn die Änderungen nicht von innen kamen, dann kamen sie irgendwann von außen. Und dann musste politisch auf die eine oder andere Weise wieder darauf reagiert werden.

Raus aus dem Euro? - Die Bedingungen einer Währung

Dasselbe ist doch das Problem vom Euro. Zunächst ist der Euro eine Währung. Und eine Währung funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen. Die Frage ist jetzt: können wir die Bedingungen zum Beispiel wesentlich damit ändern, wenn wir die DM wieder einführen? Womit dann auch wieder die Frage verknüpft ist, ob es sich für uns überhaupt lohnt, aus dem Euro auszuscheiden. Oder ob es sich für andere Länder lohnt oder ob es sich für die Gemeinschaft lohnt. Ich kann diese Frage natürlich nicht beantworten. Aber ich kann zumindest ablehnen, den Euro als eine Sache zu bewahren, nur weil sie gerade im Moment von der Regierung als besonders toll und nicht kritisierbar erachtet wird. Ich möchte natürlich diskutieren, wo die Vorteile und wo die Nachteile des Euros sind. Und die zweite Sache ist, dass der Euro nicht als Münze wichtig ist, sondern als Möglichkeit, etwas zu tauschen. Und damit ist es gar nicht so wichtig, was der Euro für sich ist, sondern welche Funktion der Euro in einem Netzwerk hat. Man muss den Euro nicht abschaffen, um irgendwelche Vorteile zu bekommen. Man kann auch das Netzwerk drumherum ändern und dadurch dem Euro selbst einen anderen Status geben. Dahin ist die Diskussion mit Wagenknecht aber gar nicht gekommen. Lanz hat das ganze Gespräch immer wieder auf diese völlig unsinnige Frage zurückgeführt, ob Wagenknecht nun für oder gegen den Euro ist. Und Wagenknecht hat mehrmals den Anlauf gemacht, dass es nicht darum geht, sondern unter welchen Bedingungen dieser Euro im Moment funktioniert. Und das ist dann von Lanz immer wieder als Ablehnung des Euro interpretiert worden. Zu der eigentlich spannenden Frage, welche Bedingungen Wagenknecht für den Euro schaffen will, damit der ihrer Ansicht nach gut funktioniert, ist die ganze Diskussion ja gar nicht gekommen. Und dass man sich über diese Bedingungen dann wieder hätte streiten können, ist natürlich klar. Aber es wäre ein Streit auf einem anderen Niveau gewesen. Meiner Ansicht nach hat Lanz hier das Niveau der Diskussion bewusst gedrückt und versucht, dieses Niveau dann Wagenknecht in die Schuhe zu schieben. Und das ist schlechter Journalismus.

Die Sendung findet ihr hier.