26.01.2013

Kommentare; Homo faber und der Palast von Jabba, dem Hutten

Weil mich mittlerweile der Spam in den Kommentaren überflutet (hier auf meinem Blog), habe ich die Kommentar-Funktion mit einer Sicherheitsabfrage versehen. Für all die Leser, die sowieso nur Kommentare schreiben, wenn sie nicht durch diese kompliziertere Prozedur gehen müssen (es sind wenige): tut mir leid, aber diese hunderten Werbungen für Porno, Spielcasinos, aber auch österreichische Abfallversorgung (jawohl!) nerven mich ziemlich.

Analogie, pictura

Komischerweise scheint die Analogie, obwohl sie doch eigentlich ein recht schlichtes Arbeitsmittel ist, für viele Menschen kompliziert zu sein. Sie wird zwar irgendwie intellektuell verstanden, aber wie man sie einsetzt, ist meinen Lesern und Kunden oftmals nicht klar. Eine Hürde dabei dürfte aber auf jeden Fall sein, dass sie vielfältig einsetzbar ist und man sich aussuchen muss, wo und wie man sie gebraucht.
Glücklicherweise schwemmt unsere Kultur solche Analogien massenhaft ans Ufer und so können wir eigentlich tagtäglich beobachten, wo sie wirklich vorkommen.
Ein typisches Beispiel ist die pictura, die durch Anspielungen auf ein ähnliches, aber anders bedeutetes Bild verweist. Im Homo faber findet sich folgende Stelle:
Als ich wieder zu mir kam, kniete die dicke Negerin neben mir, Putzerin, die ich vorher nicht bemerkt hatte, jetzt in nächster Nähe, ich sah ihr Riesenmaul mit den schwarzen Lippen, das Rosa ihres Zahnfleisches, ich hörte den hallenden Lautsprecher, während ich noch auf allen vieren war -
(Homo faber, Seite 11)
Ich hatte das gestern als einen Übungstext in meinem Seminar und die eine Kollegin assoziierte sehr richtig: die Putzerin wird wie ein Monster beschrieben. Sicher: zunächst entwirft Frisch ein Bild von einer Farbigen, das sinnlich ist. Aber die Betonung des "Riesenmauls", die weiteren Informationen (Lippen, Zahnfleisch), machen diesen Einfall in gewisser Weise plausibel. Auch dass Faber sich noch auf allen vieren befindet: wie ein Tier.
Ich empfinde vor allem die Einengung auf das "Maul" als ein anspielendes Signal. Es gibt in der Literatur öfter solche kurzen oder mal auch länger ausgearbeiteten Bilder, die über sich hinaus deuten. Der Fachbegriff für das Bild ist pictura; dieses "Über-sich-hinaus-bedeuten" wird zum Beispiel durch Ähnlichkeiten hergestellt.

Lego und die Hagia Sophia

Eine äußerst seltsame Behauptung hat jetzt die türkische Gemeinde Österreichs aufgestellt. Der Lego-Palast von Jabba, dem Hutten, sehe aus wie die Hagia Sophia. Jabba ist eine Figur aus dem StarWars-Universum, ein großer und unförmiger Wurm mit kriminellem Ehrgeiz. Die Hagia Sophia ist eine Moschee, die bis zur Eroberung 1453 eine zentrale Kirche des orthodoxen Glaubens war. Sie gilt als eine der bedeutendsten Kuppelbasilika der spätantiken Zeit.
Die türkische Gemeinde nun wirft Lego vor, bei Kindern könne der Eindruck entstehen, der Islam sei eine gewaltsame Religion. Weitere Vorwürfe findet ihr hier: Muslime wollen Lego verklagen.
Sehen wir mal davon ab, dass Kinder häufig einen "natürlichen Rassismus" entwickeln (sie lehnen ab, was besonders fremd ist), der bei der richtigen Erziehung auch wieder verschwindet, ist der Vorwurf soziologisch auch bedenklich, weil sich unsere Kultur durch die Verschiebung von Strukturen weiterträgt. Bilder werden aufgenommen und verändert, Sätze, Erzählformen werden aufgenommen und verändert und natürlich entstehen hier Ähnlichkeiten, die nicht immer so gewollt sind. Doch genauso werden eben auch Ähnlichkeiten nicht wahrgenommen.
Die Argumentation gegen Lego funktioniert nun so: Der Palast sehe aus wie die Hagia Sophia. Das ist eine Ähnlichkeit, also eine falsche Analogie. Die türkische Gemeinde befürchtet nun, dass folgende (echte) Analogie entsteht: Palast <-> Jabba, der Verbrecher : Hagia Sophia <-> muslimischer Prediger.
Das Problem dieser Argumentation (der türkischen Gemeinde) ist erstens, dass wir ständig Analogien bilden und dabei natürlich nicht immer politisch korrekte Analogien entstehen; zweitens, dass nicht die Benutzer von Lego (also die Kinder) die Analogie explizit gemacht haben, sondern ihre Kritiker und da Analogien produktiv sind, die Möglichkeit, hier eine Analogie zu sehen, verstärkt haben. Analogien werden gebildet und wieder vergessen. Es braucht vermutlich starke kulturelle Zusammenhänge, um diese ernsthaft zu etablieren. Schließlich dürfte die türkische Gemeinde zu viel Bildung bei den Kindern voraussetzen: die meisten Menschen können mit der Hagia Sophia nichts anfangen (wie angeblich 86% der Deutschen nicht wissen, wer Rößler ist). Bei Kindern dürfte das noch gravierender ausfallen. Dann aber fehlt ein wichtiges Element für die Analogiebildung: wenn ich das Bauwerk nicht kenne, kann ich es auch nicht vergleichen.

Analogien sind zwar für sich selbst nicht schwierig zu begreifen. Im Kontext allerdings kann ihre Interpretation sehr kompliziert werden. Sie dienen sowohl kritischen als auch dogmatischen Prozessen gleichermaßen, ebenso wissenschaftlichen und kabarettistischen.
Was mir, beim Schreiben dieses Artikels, noch einmal so aufgefallen ist: die Verflechtung von Nachahmung und Analogie. Dazu werde ich wohl mal arbeiten müssen.

14.01.2013

Christine Nöstlinger: Rosalinde hat Gedanken im Kopf

Jennifer Jäger hat auf ihrem Blog Zwischengedanken eine Liste mit den 100 "beliebtesten" Büchern der ZDF(?)-LeserInnen veröffentlicht und dort markiert, welche Bücher sie bereits gelesen hat. Natürlich sind solche Listen absoluter Unfug. Auch Listen mit den 50 größten Romanen des 20. Jahrhunderts (es gibt da sogar Bücher): reiner Blödsinn. Jennifer schreibt das ebenfalls, was sie sympathisch macht.
Aber gäbe es hundert Bücher, die ich empfehlen würde? Ich erstelle gerade eine Liste und komme ins Schwitzen. Ich möchte keinen Autoren doppelt in der Liste haben und nur deutsche SchriftstellerInnen.

Nun habe ich auch einige Kinderbücher in meiner Liste, den Hotzenplotz und natürlich Nöstlingers Rosalinde hat Gedanken im Kopf, eines ihrer bezauberndsten Werke, wie ich finde. Zum Glück sind Nöstlingers Werke immer noch Klassiker. Doch gerade dieses mein Lieblingsbuch von ihr ist zur Zeit vergriffen.
Warum liebe ich dieses Buch?
Es ist witzig. Es ist eine der schönsten Einführungen in die Ideenwelt des radikalen Konstruktivismus (sic!), die ich kenne, trotzdem ein Kinderbuch. Und: ich bin, als mein Sohn vier Jahre alt war, mit ihm im Zug nach Hannover und habe ihm dieses Buch vorgelesen. Und nach und nach scharrte sich das halbe Abteil um uns und hat uns zugehört und alle waren ganz ergriffen von diesen kleinen, wunderschönen Geschichten. Schließlich: ich besitze es nicht mehr, weil irgendjemand dieses Buch immer mitnimmt und dann nicht mehr zurückgibt. Ich habe es bereits gefühlte dreißig mal nachgekauft. Es kostet ja auch nur vier Euro, wenn es das noch zu kaufen gäbe.

Und warum liebe ich Christine Nöstlinger?
Ihre Protagonisten leben in angepassten ("bürgerlichen") Welten. Aber irgendwie interessieren sich die Protagonisten nicht für die Anpassungen. Sie treffen sich lieber mit Pinguinen und reisenden Hunden, verprügeln ältere Jungs, probieren Küsse und Marmelade, spielen Detektiv und Ritter. Anpassung gibt es, aber anderswo. Man selbst hat andere Ideen, die einen antreiben. So einfach ist das.

13.01.2013

Das Leben als Schneegestöber; Peter Stamm: Agnes

Es ist eine fast subtile Einleitung, die Peter Stamm an den Anfang seines Romans Agnes setzt; und im Rückblick doch ein ganzes Stück weit ein literarischer Holzhammer. Ich bin gerade mit dem Roman fertig geworden. Er ist schön geschrieben, hat seine Feinheiten, aber auch seine Grobheiten.

Der Roman erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive. Erzählt wird die Liebe zwischen diesem Erzähler und der wesentlich jüngeren Frau Agnes, die an einem physikalischen Institut arbeitet. Die Liebe scheitert, weil die beiden nicht bereit sind, diese Beziehung wirklich werden zu lassen: Sie soll sein, aber sie darf keine Spuren hinterlassen.
Und genau hierfür steht dann das Schneegestöber: es sind die vielen Ereignisse, die zusammenhangslos und jedes für sich durch die Luft trudeln, hübsch und voller Wiederholungen und nicht wirklich bedeutsam. Diesen beiden Menschen fehlt die Idee, die ihrem Leben die Basis gibt. Es sind nette, aber ideenlose Menschen, die selbst durch die Luft trudeln, die versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen und denen der Halt fehlt.

Und natürlich ist der erste Satz ("Agnes ist tot.") keine Wahrheit. Am Ende verschwindet sie einfach, genau so ereignislos, wie sich die Beziehung gestaltet hat.

Eine ganz faszinierende Stelle gelingt Stamm, als der Protagonist nach New York fährt und sich neben ihm eine äußerst dicke Frau niederlässt, die zu ihrem Liebhaber fährt. Diesen allerdings hat sie noch nie gesehen. Sie haben sich bisher nur geschrieben. Selten zeigt Stamm deutlicher, was die verbindende Kraft zwischen zwei Menschen ist, die Hoffnung, die durch eine Idee polarisiert wird und dadurch ihren praktischen Halt gewinnt.

Stamm schreibt diese Ereignislosigkeit ganz wunderbar, mit einer ganz einfachen, teilweise geradezu bezaubernd schönen Sprache. Seine Darstellung ist subtil, unaufdringlich, ein Psychogramm einer Generation, die nicht mehr an "Ideen" glaubt und daran scheitert. Im Gegensatz zu Max Frisch unterlässt Stamm weitestgehend irgendwelche Anspielungen, sozusagen die ganze Schicht des Gebildet-Seins, mit der sich zum Beispiel der Homo Faber "schmückt".
Und dann kommen eben doch diese seltsame Wendungen. Schon in den ersten Sätzen wird, so kann man später lesen, Agnes mit diesem durcheinanderwirbelnden Schnee gleichgesetzt. Eine Grobheit empfinde ich die Idee mit der Schwangerschaft. Vor allem reagiert der Erzähler ähnlich wie Walter Faber auf die Nachricht, und Agnes ähnlich wie Hanna; auch manche Themen des Romans von Stamm korrespondieren mit Themen des Homo Faber.
Nein, ich schreie jetzt nicht wegen eines und sei es auch noch so unterschwelligen Sexismus. Manchmal versteht einfach der Klaus die Gabi nicht und dieser Anspruch, immer verstanden worden zu sein, der in manchen Interpretationen wie selbstverständlich für die Frauen formuliert wird, ist mit Sicherheit das Irrationalste, was der schlechte Feminismus hervorgebracht hat. Nein, hier geht es eher um eine poetische Chance, die Stamm verspielt hat, indem er das Verhältnis asymmetrisch hält, unausgewogen. Der Erzähler ist aktiver, auch gesetzter, unverbindlicher als seine Geliebte. Sie ist das eigentliche Schneegestöber. Und dass sie ihren Ruhepunkt irgendwie in einem Kind zu finden sucht, macht die Sache auch nicht besser.

Kann man also dieses Buch empfehlen?
Auf jeden Fall. Aber mit dem Nachsatz, dass man es auch nicht unbedingt gelesen haben muss. Die Sprache selbst und die Idee hinter dem Buch sind gut und sehr zeitgemäß. Es erinnert an Botho Strauss' Partikular, an Houellebecq (Die Möglichkeit einer Insel), nicht vom Schreibstil, aber vom Thema.
Nun bin ich mir unsicher. Ich habe bisher eher schlechte Kritiken zu diesem Buch gelesen. Diese kann ich nun keineswegs bestätigen. Vom Hocker gerissen hat mich dieses Buch auch nicht, obwohl ich mir jetzt mit Sicherheit noch das eine oder andere Buch von ihm kaufen werde. Ich werde also, auch wegen "meiner" Schüler, ein wenig an diesem Roman herumfrickeln.

Was für eine Drohung!

Bushido, einer der wirklich schlimmen Auswüchse unseres Landes, hat auf seiner Twitter-Seite ein Bild vom Nahen Osten veröffentlicht, auf dem Israel nicht existiert. Schlimm? Ja. Ihr wisst, dass ich mit der Politik Israels gegenüber den Palästinenser eher recht kritisch bin. Aber was sich nun unser Innenminister Hans-Jürgen Friedrich leistet, um dieses Bushido-Problem anzugehen, ist schlichtweg lächerlich:
„Dieses Kartenbild dient nicht dem Frieden, sondern sät Hass. Bushido muss dieses Bild sofort von seiner Twitter-Seite entfernen, andernfalls kann er nicht länger als Beispiel für gelungene Integration dienen.“ (zitiert nach bild.de)
Seit wann, bitteschön, ist ein homophober, sexistischer, ausländerfeindlicher Rapper denn ein Beispiel für eine gelungene Integration? Ok, Friedrich ist CDU, aber selbst die waren ja nun schon mal weiter.
Und: Stört diese Drohung Bushido? Ich habe den Eindruck, dass ihm das ganze Thema ziemlich egal ist.

Elbphilharmonie und Leseförderung, Kultur und Unkultur

Die Elbphilharmonie ist ein Prestige-Objekt. Man fragt sich, für wen. Und nein, ich meine gerade nicht die Politiker, die sich mit ihrer wüsten Fehlkalkulation lächerlich machen. Ich frage, für wen das hinterher ein Prestigeobjekt sein wird und zwar eins, das nützlich ist. Für die Touristen? Jedenfalls nicht für die Unterschicht. Nicht für die "bildungsfernen" Schichten. 560 Millionen Euro kostet dieses Gebäude. Mittlerweile. Davon hätte man die öffentlichen Bibliotheken mal ordentlich mit aktueller Literatur aufstocken können. Lesegruppen einrichten können (1-Euro-Jobs, damit's von Herzen kommt). Prestigekultur ist zwar teuer und wahnsinnig wichtig, aber nicht für den kleinen Mann oder das Kind des kleinen Mannes (respektive der kleinen Frau), die sich eine Eintrittskarte sowieso nicht leisten können und sich für diese Kultur auch nicht interessieren. (Ist eigentlich schon mal eine Jazzkneipe als Prestigeobjekt vom Staat finanziert worden? Ich glaube nicht. Das ist wohl zu billig.)
Da sind dann 20.000 Euro für neue Kinderbücher schon mal eine großzügige Spende vom Senat. Und schauen wir uns das einfach mal rein optisch an:
20.000
560.000.000
Da ist die zweite Zahl irgendwie etwas länger. Und, so möchte man sagen, auch penisförmiger.

Neulich war ich in der Oper, Barbier von Sevilla, und mitten in der Musik fangen die Leute an zu klatschen. Das ist nämlich Prestigekultur: wenn man das Opernhaus mit dem Bierzelt verwechselt.
Nee, nee. Bevor ich mir diese scheinheilige Hochkultur antue, dann doch lieber eine ehrliche, schlechte und ein bisschen dreckige "Un"-Kultur. Und lieber ein paar mehr Patterson & Findus-Bücher für die lokale Bibliothek oder, wer Zeit hat, eine Lesegruppe für Kinder. Lieber sollen die Kinder wieder alle den Hotzenplotz oder den Jim Knopf kennen, statt dass die Besserverdienenden voreinander herumstolzieren.

Mein kleines Projekt zur folkloristischen Literatur, eigentlich ein Herumdenken an Bachtins Rabelais, liegt auf Eis. Daran müsste ich eigentlich weiterarbeiten. Um die Kritik an den Kindle-Autoren etwas handfester, etwas realistischer werden zu lassen und ihren sozialen Nutzen auszuloten.

Stamm: Agnes; und einiges mehr an Literatur

Es ist Mitte Januar und ich habe noch kein einziges Buch eines Kindle-Autoren gelesen in diesem Monat. Dafür habe ich mir einiges an "klassischer" Literatur verordnet. Allerdings bin ich gerade etwas träge. Ein Virus-Infekt hat mich seit Wochen mehr oder weniger niedergestreckt und mich schlafenderweise ans Leben assimiliert. Doof.
Ich lese: Sekundärliteratur zum Homo Faber. Dummerweise kommt man an die wirkliche Sekundärliteratur nur schwer heran. Vieles (aus dem Grin-Verlag vorwiegend) scheinen Seminar-Arbeiten zu sein, die meist (leider) recht belanglos sind. Außerdem sehr teuer. Und auch auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen, leiste ich mir die nicht.

Ich lese: Agnes von Peter Stamm. Manche Schüler sind von dem Buch genervt. Gehaltlos, schrieb jemand. Ich mag dieses Buch. Stamm schreibt einfache Sätze, aber es sind keine dummen Sätze. Zur Geschichte selbst kann ich noch nichts sagen, da ich erst die Hälfte gelesen habe. Aber ich werde heute wohl noch fertig, erlaube mir aber ein wenig Nachdenken darüber, bevor ich mir ein Urteil bilde.
Jedenfalls ist der Stamm, im Gegensatz zum Frisch, sehr reduziert. Frischs wilde Anspielungen, die eine ständige Bedeutsamkeit suggerieren, werden von Stamm ganz unterlassen. Ab und zu taucht mal eine Art Hinweis auf, aber ansonsten erzählt er einfach eine etwas befremdliche Liebesgeschichte. Nein, ein wirklich großes Buch ist das nicht, aber ein schönes.

Gesetzestexte der Berliner Schulbehörde lese ich. Für den Lehrgang.

Jelinek habe ich gelesen (Prinzessinnendramen), Handke (Die drei Versuche).

Viele Nachrichten habe ich gelesen. Und mich immer wieder geärgert. Wen setzen die dort eigentlich hin, um sich Nachrichten und Artikel schreiben zu lassen? Stilistisch ist das manchmal so gruselig, dass schon alleine aus diesem Grund die Artikel nicht attraktiv sind. Und die Information selbst ist so dünn, teilweise offensichtlich zweifelhaft, dass einem ziemlich die Lust vergeht.

Nein, es tut mal ganz gut, die Kindle-Autoren beiseite zu lassen und sich wieder auf die Klassiker zu stürzen. Sonst gerät einem aus dem Blick, dass Literatur noch etwas anderes kann als mehr oder weniger zusammengeklitscherte Krimis, Vampire und unlustige Frauen-Spaß-Literatur.

06.01.2013

Faber und das Fleisch; außerdem: falsche Interpretationen

Auch auf die Gefahr hin, damit zu nerven: hier noch einmal eine Anmerkungen zu den vermeintlichen Selbstbeschreibungen Walter Fabers als tödlich krank. Ich erinnere daran, dass Claus Gigl diese Selbstbeschreibungen mit Fabers Beschreibungen von Professor O. parallelisiert und daraus die Schlussfolgerung zieht, Faber würde sterben.
Es gibt aber zumindest teilweise eine andere, allerdings auch nicht weniger schwierige Interpretationsmöglichkeit. Faber beschreibt das Fleisch insgesamt eher abfällig, ja, man muss sagen, dass er hier ein gewisses absurdes Verhältnis ausdrückt. Berühmt jedenfalls ist der Satz:
"Überhaupt der ganze Mensch! — als Konstruktion möglich, aber das Material ist verfehlt: Fleisch ist kein Material, sondern ein Fluch." (171)
Aber sehen wir uns folgende Passage an. Hier beschreibt Faber weder sich selbst noch einen erkrankten Menschen und kommt doch nur zu einer Darstellung, die von einem gewissen Ekel durchzogen wird:
"Ihre Hand (ich redete sozusagen nur noch zu ihrer Hand) war merkwürdig: klein wie eine Kinderhand, älter als die übrige Hanna, nervös und schlaff, hässlich, eigentlich gar keine Hand, sondern etwas Verstümmeltes, weich und knochig und welk, Wachs mit Sommersprossen, eigentlich nicht hässlich, im Gegenteil, etwas Liebes, aber etwas Fremdes, etwas Entsetzliches, etwas Trauriges, etwas Blindes, ich redete und redete, ich schwieg, ich versuchte mir die Hand von Sabeth vorzustellen, aber erfolglos, ich sah nur, was neben dem Aschenbecher auf dem Tisch lag, Menschenfleisch mit Adern unter der Haut, die wie zerknittertes Seidenpapier aussieht, so mürbe und zugleich glänzend." (141)
Man könnte an dieser Stelle natürlich auch sehr gut die Todesverfallenheit Fabers mit hinzunehmen. Die Materialermüdung ist ebenfalls ein Thema im Roman, so zum Beispiel durch all die technischen Geräte, die kaputt gehen: insbesondere das Flugzeug und der Rasierapparat (die Schreibmaschine übrigens, die Hermes-Baby, soll nach manchen Interpreten ebenfalls kaputtgehen: allerdings heißt es am Ende des Romans (198) sehr lapidar: "Sie haben meine Hermes-Baby genommen.").

Eine vielleicht nicht ganz so randständige Beobachtung: Faber nimmt technische Sachen auseinander und setzt diese wieder zusammen, Hanna altgriechische Scherben. Dies ist nicht die einzige Annäherung zwischen Walter und Hanna auf der symbolischen Ebene.
Und vielleicht ist diese ganze Dramatisierung von Hanna (als der verständigen und guten) gegen Faber eine viel zu starke Interpretation. Dies ging ja bis zu der Behauptung, Faber sei frauenfeindlich. Unbestritten benimmt er sich gegenüber Frauen äußerst seltsam, unglücklich, falsch. Ob die Charaktereigenschaft frauenfeindlich allerdings zutrifft, möchte ich eher bezweifeln. Dieses Urteil ist wohl eher der Auswuchs eines falsch verstandenen Feminismus, der meint, überall (in jedem Roman) auch mal etwas zu antifeministischen Tendenzen sagen zu müssen.

Sina, Karl, eine vielleichtblond (so das Pseudonym einer Schülerin) und einige andere Schüler scheinen meine neuesten Artikel zum Homo Faber intensiv zu verfolgen. Und ich bin sehr dankbar darüber, solch kritische, junge Leser zu kennen. Im Gegensatz zu vielen Kindle-Autoren kann man mit diesen nämlich ernsthaft über Literatur diskutieren.

Im übrigen ist jede Interpretation schon deshalb falsch, weil sie auswählt und gewichtet. Die endgültige und einzig richtige Interpretation, wie dies in Lektürehilfen für die Schule gerne suggeriert wird, gibt es nicht. Hier ist auch meine Kritik an Claus Gigl insofern oberflächlich, als ich mich nur an offensichtlich falschen Bezeichnungen festhalte. Eine gute Kritik müsste die Interpretation so weitertreiben, dass die bisherige Interpretation nicht mehr funktioniert.
D.h. vor allem auch eins: eine komplexere Interpretation abliefern. Wodurch sich natürlich die Frage stellt, was man einem Schüler zumuten kann. Was mich geärgert, ist, dass einige dieser jungen Menschen durchaus sehr gute Ideen produzieren oder kritische Fragen stellen und hier wohl offensichtlich von bestimmten Lehrern auf eine Art Dogma festgelegt werden, das genauso fragwürdig ist (oder sogar noch mehr). Das sind die Schüler, mit denen ich zur Zeit vorwiegend diskutiere.

Zum Schluss: warum muss man in der Schule interpretieren lernen? Ich gebe hier keine Antwort. Mir scheint aber, dass die Interpretation für den Subtext, die konnotative Ebene sehr wichtig ist, also für ein Gefühl für all das, was unterschwellig und zwischen den Zeilen in einem Text passiert.

31.12.2012

Immer diese Eindeutigkeiten. Fabers Schuld.

Ich hatte mich eine Zeit lang an dem Buch von Claus Gigl (Einfach Deutsch: Homo Faber … verstehen. Schöningh-Verlag) und von Manfred Eisenbeis (Lektürehilfen. Homo Faber. Klett-Verlag) abgearbeitet. Im Moment kommentiere ich ein Buch von Alexandra Wölke, ebenfalls aus dem Schöningh-Verlag und der Reihe Einfach Deutsch. Hier handelt es sich um Unterrichtsmodelle für den Lehrer. Ich hatte zuallererst den Abschnitt über Demeter und Kore gelesen, weil ich zu diesem Thema tatsächlich keinen Bezug herstellen konnte. Und der Abschnitt ist wirklich schön, mit einer vorsichtigen Gleichsetzung. Vorsichtig heißt hier auch, dass die Autorin sich sehr bewusst ist, dass diese Gleichsetzung nur eine Arbeitshypothese ist. Aber es ist eine sehr brauchbare Hypothese.

Trotzdem sollte man mit der Passage auch wieder sehr vorsichtig umgehen, denn die Rolle der Demeter und der Persephone sind in verschiedenen Zusammenhängen unterschiedlich. Das lässt sich für mich besonders gut deutlich machen an einem ganz anderen Gott, nämlich an Hermes. Gigl schreibt in seiner Interpretationshilfe, dass Hermes die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt führe. Diese Rolle von Hermes lässt natürlich über die Schreibmaschine Hermes-Baby einen Interpretationsfaden knüpfen. Andererseits ist Hermes aber auch der Götterbote, der Botschaften aus dem Olymp in die sterbliche Welt bringt und so könnte man die Schreibmaschine als eine Art "göttliches Instrument" sehen. Gigls Problem ist also nicht, dass er hier eine Fehlinterpretation liefert, sondern auf konkurrierende Alternativen nicht eingeht. Und ähnlich scheint mir das bei Alexandra Wölke gelagert zu sein. Es gibt abweichende Mythen von der Persephone.

Wirklich schlimm fand ich aber folgende Behauptung:
"Weil er [Walter Faber] nicht zugeben will, dass sie [Sabeth] gefallen ist, als er ihr nackt zu Hilfe eilen wollte, wird sie nur ungenügend behandelt und stirbt an den Folgen der Kopfverletzung." (10)
Erstens wird nie ein Wort darüber verloren, wie Faber den Unfall gegenüber den Ärzten selbst darstellt. Wir können also überhaupt nicht sagen, dass Faber hier etwas nicht zugeben wolle. Zweitens aber wird die Ironie ausgeblendet: Nicht die Schlange (das mythische Element), sondern die Kopfverletzung (sozusagen das technische Element) ist für den Tod Sabeths verantwortlich. Von einer Kausalität ("weil") kann also nicht die Rede sein.
Man müsste bei den ganzen Interpretationshilfen tatsächlich diese Versessenheit herausarbeiten, Faber in eine grundsätzliche Schuld hineinzuinterpretieren. Hier offenbart sich ein sehr mythischer und deshalb auch sehr unwissenschaftlicher Zug in der Schulliteratur.

Im übrigen halte ich, je länger ich den Homo Faber lese, die Interpretation für umso schwieriger. Eine gute didaktische Reduktion vorzunehmen, halte ich für eine große Herausforderung.

Doppelgänger, und Sekundärliteratur zu Homo Faber

Aus der Ecke der ordentlichen Literaturwissenschaft gibt es kaum ausführliche Texte zum Homo Faber, wie überhaupt viel moderne Literatur ausgeblendet wird. Ich besitze ein Buch zu einem sehr speziellen Thema Elfriede Jelinek betreffend und ein allgemeineres zu Peter Handke. Das kann man aber kaum eine ordentliche Diskussion nennen. Es sieht fast so aus, als habe die Literaturwissenschaft ihren aktuellen Bezug aufgegeben und sich in der Zeit vor 1950 eingeigelt. Nun: Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Aber es ist schon auffällig, wie wenig zu unseren Nachkriegsschriftstellern publiziert wird.

So muss man beim Homo Faber vor allem auf Bücher für die Schule zurückgreifen und diese sind von Lehrern für Schüler oder von Lehrern für Lehrer geschrieben. Die Literaturwissenschaft, die hier eigentlich der Lehrperson die Sachanalyse zu liefern hat, ist, wie gesagt, meist nicht hilfreich, da entweder zu speziell oder gar nicht existent.

Was mich an den Homo Faber im Moment so bindet, ist diese Fähigkeit des Romans, alle Bezüge und alle Zusammenhänge immer wieder zu verunsichern und letzten Endes eine klarere Interpretation unmöglich zu machen.
Dabei interessiert mich zum Beispiel der Doppelgänger als Figur sehr. Es wird immer darauf hingewiesen, dass Professor O. ein Spiegelbild von Walter Faber sei. Und tatsächlich gibt es hier eine gewisse Doppelgängerei. Es gibt aber auch zum Beispiel den Anruf von Faber in seinem alten Appartement, die durchaus ebenfalls einen unheimlichen Doppelgänger bezeichnen könnte (ein typisch romantisches Motiv). Und natürlich gibt es einige Spiegelszenen in dem Roman.
Marcel zum Beispiel, der Kunsthistoriker, den Faber in den Urwald-Ruinen trifft, kann als Doppelgänger von Hanna gesehen werden, wenn auch als schräger und in gewisser Weise negativer. Während Hanna eine den Männern sehr kritische Position einnimmt, wiederholt Marcel einen alten Mythos, der Tod sei eine Frau (hier müsste ich nochmal genauer nachsehen, was Frisch tatsächlich schreibt, deshalb dies nur als Anregung nehmen).

Ich glaube, dass dieser zum Teil extrem ironische Wirbel an Symbolisierungen, die uns Frisch bietet, sehr viel mehr für die Interpretation des Werkes beachtet werden müsste und zumindest teilweise schon von den Schülern in der Mittelstufe geleistet werden kann.
Und was mich ebenfalls sehr fasziniert, ist diese verbissene Wut, mit der die Interpreten Walter Faber sterben lassen wollen. Als ob sie sich an der Romanfigur (die Frage ist bloß wofür?) rächen wollten. Oder als müssten sie sich aus Unsicherheit an dem Tod als letzte Sicherheit festhalten, weil sonst die Interpretation nicht mehr funktioniert.

Analogieschluss. Spezifischer: ich, der Antisemit!

Ende November bekam ich auf eine Buchrezension vom Autor eine sehr böse Antwort. Zugegeben: freundlich bin ich mit dem Autor nicht umgegangen. Er hat eine Interpretationshilfe zum Homo Faber geschrieben und darin unter anderem behauptet, Walter Faber sterbe am Ende des Romans. Dies und zwei andere Kritikpunkte habe ich exemplarisch aufgeführt (es sind noch einige mehr), den Autoren einer schlechten Interpretation geziehen und nur einen Punkt vergeben mit der Aufforderung, die Finger von diesem Buch zu lassen.
Nein, das hat dem Autoren gar nicht gefallen!

Seine Antwort, warum seine Interpretation (die vom Tod Fabers) richtig sei, hat er versucht, mit dem Analogieschluss zu begründen. Ich habe ihm darauf hin einen falschen Gebrauch des Analogieschlusses vorgeworfen und dies in einem Artikel auf suite101 allgemein für die Literaturinterpretation genauer ausgeführt (Der Analogieschluss in der Literaturinterpretation).

Vor zwei Wochen habe ich dann eine E-Mail bekommen, wohl von einem anderen Deutschlehrer, der den Analogieschluss als richtig eingesetzt verteidigt hat. Nun, er hat ihn nicht verteidigt, sondern er hat einfach behauptet, dass das so richtig sei. Auf eine Nachfrage, was er damit meine, hat er die Richtigkeit des Analogieschlusses als Behauptung wiederholt (Marke: Analogieschlüsse sind richtig, weil sie richtig sind).
Ich habe ihm dann versucht zu erklären, warum Analogieschlüsse keinesfalls unter solchen Umständen zu Wahrheiten führen und zwar, ich gebe es zu, mit einem höchst moralischen Thema. Ich habe nämlich folgenden Analogieschluss konstruiert: „Ich habe noch nie Außerirdische gesehen. Außerirdische existieren nicht.“ (das ist die eine Seite des Analogieschlusses) und dies dann folgend ergänzt: „Ich habe noch nie Auschwitz gesehen. Auschwitz existiert nicht.“ Und schreibe noch danach: „Einer solchen Schlussfolgerung kann man doch nicht allen ernstes zustimmen.“
Ergebnis dieses kleinen E-Mail-Verkehrs war, dass ich als übler Antisemit beschimpft wurde. Das hat mich nun wirklich erstaunt.

Das Beispiel des Analogieschlusses von Außerirdischen auf Auschwitz zeigt übrigens die tatsächliche Gefahr und das tatsächliche Problem von solchen Analogieschlüssen. Solche Schlussfolgerungen erhalten ihre Konsistenz aus der empirischen Basis. Aber schon hier muss man aufpassen: Konsistenz heißt noch lange nicht Wahrheit. Letzten Endes müssen Analogieschlüsse, die die schwächste und unsicherste Art der Schlussfolgerungen darstellen, möglichst durch bessere und sicherere Schlussfolgerungen ersetzt werden.
Ob dort jemand durch die Welt läuft, sich vorstellt, dass Walter Faber stirbt oder sich grün anpinselt, das ist mir doch eigentlich ziemlich egal. Methodisch aber habe ich hoffentlich deutlich gemacht, wohin eine solche Argumentationsweise im Zweifelsfall führen kann: zu einer Auslöschung von Tatsachen (also zum Beispiel zur Leugnung von Auschwitz). Und das finde ich dann überhaupt nicht mehr lustig.

30.12.2012

Kleine, weibliche Lesezirkel

Ich hoffe, Ihr hattet ein schönes Weihnachtsfest. Ich bin seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag schon wieder da, habe aber viel am Schreibtisch sortiert, zwischendurch ein wenig gelesen und vorgestern war ich den ganzen Tag bei meinem „Porno“-Klaus (das ist ein Insiderwitz).

Was der Unterschied zwischen neuen und alten Romanen sei. Sie müsse darüber eine Facharbeit verfassen. Fragt eine junge Frau auf Facebook. Und bekommt dienstbeflissen die Antwort: Odysseus, die Zerstörung von Troja.
Eine andere, etwas übereifrige Antwort war: klassische Romane sind immer dicke Romane und nur dicke Romane werden klassische Romane. Man werde Harry Potter und Twilight auch in 100 Jahren noch lesen, weil die dick seien.

23.12.2012

Belastungsbremse und Leistungsgerechtigkeit

Ich hatte vor einigen Tagen bereits auf den sehr schönen Artikel von Hans Hütt hingewiesen: Feuerkraft aus der Belastungsbremse.

Herr Hütt und ich sind uns übrigens in diesem Fall nicht so ganz einig, was eine Katachrese ist. Und in diesem Fall bin ich mir nicht so ganz sicher. Es geht um das Wort Belastungsbremse.
Ich hatte die Katachrese in einen referentiellen und einen metaphorischen Teil eingeteilt. Der metaphorische Teil metaphorisiert den referentiellen. Beispiel: Stuhlbein. Stuhl ist der referentielle Teil, Bein der metaphorische. Allerdings ist diese Katachrese mittlerweile so konventionell, dass wir sie kaum noch als rhetorische Figur anerkennen würden.

Auf jeden Fall ist das Wort Belastungsbremse eine doppelte Metapher und das ist das eigentlich Spannende. Was metaphorisiert eine Metapher, wenn sie eine Metapher metaphorisiert?
Doch machen wir langsam. Last ist ein physikalischer Begriff, Belastung ebenso. Der eine bezeichnet ein Gewicht in Bezug auf das Material eines Trägers (zum Beispiel: dieser Holzbalken trägt die Hauptlast des Daches), der andere (Belastung) dagegen bezeichnet eher die Kraft, die vom einen zum anderen Gewicht wirkt.
Metaphorisch ist die Belastung in diesem Fall, weil kein physikalischer Vorgang bezeichnet wird. Belastet wird das Privatvermögen.
Ähnlich kann man jetzt das Wortbremse aufschlüsseln. Bremse ist ein Wort aus dem Bereich der Mechanik.

Bei Komposita ist es immer schwierig zu sagen, ob es sich um einen genitivus objectivus oder genitivus subjectivus handelt. In diesem Fall: handelt es sich um eine Belastung der Bremse oder um eine Bremse der Belastung? Jedenfalls lässt sich dies häufig schon nicht bei einem unmetaphorischen Kompositum leicht sagen. Bei diesen metaphorisierenden wird es nun völlig wild. Denn was hier wie und wo übertragen werden soll, bleibt recht unklar. Das meint Hütt wohl auch damit, wenn er zum Schluss die Hypothese in den Raum stellt, Lindner würde sich einfach mit seinen Metaphern berauschen.

Ein anderes schönes Wort: Leistungsgerechtigkeit. Lindner fordert Leistungsgerechtigkeit. Aber das ist schon im Ansatz falsch, da das Geld ein Signifikant für das Signifikat Arbeit ist, das Geld eher eine Axiomatik, denn ein Ausdruck. So existiert auf der grundlegenden Ebene schon kein kausaler Zusammenhang zwischen Arbeit und Geld, sondern lediglich ein konventioneller. Ob ich für ein Buch sieben oder acht Euro ausgeben muss, ist ja keine natürlich gewachsene Sache, sondern auf der Entscheidung von irgendjemanden beruhend.
Wollte man die Leistungsgerechtigkeit tatsächlich ernst nehmen, also das, was die Menschen tatsächlich produzieren und nur dieses, mithilfe ihrer Arbeitszeit, dann müsste man bei manchen der besser Verdienenden auf jeden Fall den Spitzensteuersatz knapp unter 100 % ansetzen.
Nun bin ich gar nicht gegen die gut verdienenden Wohlstandsbürger. Ich finde das ja immer ganz niedlich, wenn sich einer dieser Luxuskinder mit seinem Ferrari um einen Baum wickelt und dann die Mutter gezeigt wird, wie sie versucht unglücklich auszusehen und dabei nur ihre Gesichtsoperationen ein wenig hin- und herschiebt. Mir geht es zunächst nur darum, dass hinter dem Wort Leistungsgerechtigkeit, das dem Herrn Lindner so einfach über die Lippen kommt, ein sowohl ökonomisch als auch ethisch höchst komplexer Zusammenhang steckt. Da kann man nicht einfach so ja dazu sagen, genauso wenig wie nein. Da muss man erstmal nachdenken, den Sachverhalt auflösen und die Zusammenhänge erläutern. Und dann kann man sich vielleicht um die Leistungsgerechtigkeit tatsächlich auch mal politisch kümmern. Lindner jedenfalls wird das nicht.

19.12.2012

Mehr Wut, mehr Analyse

Manchmal ertrage ich einfach diese Kindle-Autoren nicht mehr. Ich finde es ja eigentlich sehr lobenswert und interessant, dass der Büchermarkt nun allen Menschen offen steht und jeder seinen Beitrag leisten kann. Aber manche Menschen veröffentlichen hier und haben noch nicht mal den Ansatz eines Sprachgefühls. Vielleicht werde ich später über einige der Autoren lästern.

Dagegen gefällt mir einiges in der Blogsphäre sehr sehr gut. Ich möchte, wie bereits des öfteren, auf den sehr lesenswerten Rhetorik-Blog von Hans Hütt und seinen letzten Artikel Metaphernschule: Feuerkraft aus der Belastungsbremse hinweisen. Dazu werde ich auch nochmal etwas schreiben, einfach, um ein paar Anbindungen an mein theoretisches Vokabular zu ermöglichen. Was Hütt als Metapher bezeichnet, bezeichne ich vorwiegend als Katachrese.

Eine gute rhetorische Analyse findet man auch immer wieder bei Feynsinn. Sein letzter Beitrag: Du gehörst dir nicht.

Was mich an beiden Bloggern sehr überzeugt, ist ihre Fähigkeit, Sprache zu analysieren. Hier zeigt sich auch die wesentliche Aufgabe einer guten Rhetorik: sie klärt über die sprachlichen Machenschaften auf. Und es ist ein wichtiges Gegengewicht gegen die üble Tendenz, Sprache nicht nur manipulierend zu gebrauchen, sondern sich auch noch damit zu brüsten: Alter Wein in alten Schläuchen.
Mehr denn je braucht unsere Gesellschaft solche Menschen: solche, die analysieren können, auch wenn sie deutlich die Wut über die aktuellen Zustände umtreibt.