31.12.2012

Immer diese Eindeutigkeiten. Fabers Schuld.

Ich hatte mich eine Zeit lang an dem Buch von Claus Gigl (Einfach Deutsch: Homo Faber … verstehen. Schöningh-Verlag) und von Manfred Eisenbeis (Lektürehilfen. Homo Faber. Klett-Verlag) abgearbeitet. Im Moment kommentiere ich ein Buch von Alexandra Wölke, ebenfalls aus dem Schöningh-Verlag und der Reihe Einfach Deutsch. Hier handelt es sich um Unterrichtsmodelle für den Lehrer. Ich hatte zuallererst den Abschnitt über Demeter und Kore gelesen, weil ich zu diesem Thema tatsächlich keinen Bezug herstellen konnte. Und der Abschnitt ist wirklich schön, mit einer vorsichtigen Gleichsetzung. Vorsichtig heißt hier auch, dass die Autorin sich sehr bewusst ist, dass diese Gleichsetzung nur eine Arbeitshypothese ist. Aber es ist eine sehr brauchbare Hypothese.

Trotzdem sollte man mit der Passage auch wieder sehr vorsichtig umgehen, denn die Rolle der Demeter und der Persephone sind in verschiedenen Zusammenhängen unterschiedlich. Das lässt sich für mich besonders gut deutlich machen an einem ganz anderen Gott, nämlich an Hermes. Gigl  schreibt in seiner Interpretationshilfe, dass Hermes die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt führe. Diese Rolle von Hermes lässt natürlich über die Schreibmaschine Hermes-Baby einen Interpretationsfaden knüpfen. Andererseits ist Hermes aber auch der Götterbote, der Botschaften aus dem Olymp in die sterbliche Welt bringt und so könnte man die Schreibmaschine als eine Art "göttliches Instrument" sehen. Gigls Problem ist also nicht, dass er hier eine Fehlinterpretation liefert, sondern auf konkurrierende Alternativen nicht eingeht. Und ähnlich scheint mir das bei Alexandra Wölke gelagert zu sein. Es gibt abweichende Mythen von der Persephone.

Wirklich schlimm fand ich aber folgende Behauptung:
"Weil er [Walter Faber] nicht zugeben will, dass sie [Sabeth] gefallen ist, als er ihr nackt zu Hilfe eilen wollte, wird sie nur ungenügend behandelt und stirbt an den Folgen der Kopfverletzung." (10) 
Erstens wird nie ein Wort darüber verloren, wie Faber den Unfall gegenüber den Ärzten selbst darstellt. Wir können also überhaupt nicht sagen, dass Faber hier etwas nicht zugeben wolle. Zweitens aber wird die Ironie ausgeblendet: Nicht die Schlange (das mythische Element), sondern die Kopfverletzung (sozusagen das technische Element) ist für den Tod Sabeths verantwortlich. Von einer Kausalität ("weil") kann also nicht die Rede sein.
Man müsste bei den ganzen Interpretationshilfen tatsächlich diese Versessenheit herausarbeiten, Faber in eine grundsätzliche Schuld hineinzuinterpretieren. Hier offenbart sich ein sehr mythischer und deshalb auch sehr unwissenschaftlicher Zug in der Schulliteratur.

Im übrigen halte ich, je länger ich den Homo Faber lese, die Interpretation für umso schwieriger. Eine gute didaktische Reduktion vorzunehmen, halte ich für eine große Herausforderung.
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