31.01.2017

Martenstein und die Temperaturdämonen

Was Maxwell als Gedankenexperiment einführte, bezeichnete Kelvin später als Maxwellschen Dämon. Dabei handelt es sich um einen Dämon, der am Schieber einer kleinen Türe zwischen zwei gleichgroßen Räumen sitzt. Immer, wenn ein schnelles (also warmes) Molekül sich der Tür von der einen Seite nähert, öffnet der Dämon die Tür und lässt es durch. Umgedreht lässt er von der anderen Seite nur die langsamen (also kalten) Moleküle durch. So sorgt der Dämon dafür, dass zwischen den beiden Räumen ein deutliches Temperaturgefälle entsteht.
Maxwell nun brauchte dieses Gedankenspiel dafür, den zweiten Satz der Thermodynamik infrage zu stellen. Und tatsächlich hat dieses bloße Gedankenspiel dazu geführt, dass der zweite Satz deutlich reformuliert und ausgeweitet wurde.
Martenstein versucht sich nun seinerseits am Maxwellschen Dämon, allerdings für die Berichterstattung:
Stellen Sie sich eine Zeitung vor, die jeden Übergriff meldet, der von einem Asylbewerber begangen wurde, jede Belästigung, jeden Diebstahl, einfach alles. Und nun stellen Sie sich eine andere Zeitung vor, die jede Beleidigung und jeden Angriff gegen Ausländer meldet, ausnahmslos, egal wie gewichtig. In beiden Fällen stimmen die Fakten, beides kommt ja nicht selten vor. Da entstehen zwei völlig verschiedene Gesellschaftsporträts, zweimal die Hölle, beides auf der Basis von Fakten, und beides falsch.
So weit, so richtig. Allerdings hat die Gesellschaft schon immer mit dem "Postfaktischen" zu tun gehabt. Man nimmt sich etwas vor, von dem man denkt, dass es klappen könnte, und dann klappt es doch nicht: das ist aber nicht postfaktisch. Man behauptet, der Mensch stamme aus dem Paradies, und stellt dann fest: es war eine Steppe, in der Affenhorden den aufrechten Gang erlernten. Das ist ebenfalls nicht postfaktisch. Helmut Kohl hat einst dem Osten blühende Landschaften versprochen. Geblüht haben diese Landschaften aber schon immer (bzw. die Blumen, die sich darauf und zwischen den Städten befanden) und gesellschaftlich blüht dort heute tatsächlich so einiges, aber die Landschaft so an und für sich tut es nicht.
Anders als beim Maxwellschen Dämon ist die Lüge nicht nach dem zweiten thermodynamischen Hauptsatz zu fassen: eine Lüge heizt die Stimmung weiter auf und führt zur nächsten, bis schließlich das ganze soziale System zu kippen droht. Gelegentlich führt dies in einen Bürgerkrieg, gelegentlich dazu, dass Herrschende die überflüssigen Energien durch einen Krieg kanalisieren.
Entropiesenke nennt man so etwas in der Physik. Man sieht diese erst, wenn man vom System zurücktritt, sich gleichsam von ihm distanziert, und jene Wechselwirkungen in Augenschein nimmt. Als solch eine Entropiesenke empfiehlt Martenstein dann Lob des Zweifels von Berthold Brecht. Hier sei es, gleichwohl gekürzt, wiedergegeben:
Lob des Zweifels
Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.

...

Den Unbedenklichen, die niemals zweifeln
Begegnen die Bedenklichen, die niemals handeln.
...
Unter der Axt des Mörders
Fragen sie sich, ob er nicht auch ein Mensch ist.
...

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
So lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!

...

Du, der du ein Führer bist, vergiss nicht
Dass du es bist, weil du an Führern gezweifelt hast!
So gestatte den Geführten
Zu zweifeln!
Vollständig zu finden ist es in: Brecht, Berthold: Gesammelte Werke 9, S. 626-628.

29.01.2017

Deutschland zerfällt, oder?

Ich wollte nicht mehr, aber es hat dann doch ein nicht allzu geringes Suchtpotential: das facebook.
Es gibt da so lustige Menschen, die Zensur und Kritik verwechseln. Oder Kritik und Beleidigung. Oder Meinungsfreiheit mit ungehindertem Pöbeln, möglichst auf Intuition basierend und argumentationsfrei.
Es gab mal eine Zeit in Deutschland, da hat man sich wenigstens noch die Mühe gegeben, größere Zusammenhänge zu stiften. Und an den Sachen dran zu bleiben. Wenn man derzeit weite Diskussionen ansieht, so geht es wie auf dem Schulhof zu, wenn dort zwei besonders zänkische Kinder aufeinandertreffen: Du bist Schuld! - Nein, du! - Nein, du! Besonders lustig dabei immer wieder die Rechtspopulisten, die Rassisten, die Ultranationalisten.
Nichts gegen den Nationalismus; ich bin eindeutig ein Kulturnationalist. Das habe ich mir schwer erarbeitet, auch wenn ich noch die vielen Lücken sehe, die dort klaffen (so fehlt mir immer noch in weiten Teilen der Hegel, und wenn ich auch schon einiges von Kant gelesen habe, so zerteilt sich die Frucht meiner Lektüren in tausenden kleinerer Anmerkungen, die noch nicht zu einem größeren Ganzen zusammenrücken wollen).
Entschieden habe ich aber etwas gegen Menschen, die sich auf die Staatsbürgerschaft berufen und dann so tun, als seien sie schon deshalb besonders gute Deutsche. Vielleicht erhält man damit so etwas wie den deutschen Staat, aber von Kultur fehlt dann immer noch jede Spur. Das ist ein bequemer, fauler, feiger Nationalismus. Das sind all die Menschen, die die deutsche Kultur innerlich so ausgehöhlt haben, dass sie beim kleinsten Stich in sich zusammenfallen. Das sind die, die Grimmelshausen nicht kennen, Heine nicht lesen wollen, sofort wissen, dass Wagner der bedeutendere Komponist als Schumann war und Mahler komplett ignorieren; und wenn man zu deutschen Malern fragt, dann kommt meist gar nichts mehr (oder Spitzweg! ausgerechnet Spitzweg!).
Deutschland ist in seiner Kultur so vielfältig, Deutschland hat so viele hervorragende Impulse auch aus dem Ausland aufgenommen (und dorthin zurückgegeben), dass man nicht einen gemeinsamen Nenner, eine Art durchgängiges Wesen finden wird. Wer das nicht sieht, der kennt eben seine deutsche Kultur nicht, und was immer er dann auch verteidigt: die deutsche Kultur oder unser "großartiges deutsches Volk" wird es nicht sein. So ist ein gewisser Nationalismus gerade nicht Nationalismus, sondern Anti-Nationalismus, kulturverachtend, kleingeistig, undeutsch, geradezu beschämend feige.
Es gibt Menschen, die von einem Goethe oder einem Wagner so löblich reden, nicht, weil sie die Erinnerung an diese lebendiger machen wollen, sondern die Erinnerung an eine Christa Wolf oder einen Uwe Johnson noch toter.

Wege in die ferne Vergangenheit

Was machst du? ist wohl eine geläufige Frage, deren Absicht aber äußerst vage ist. Viele Menschen stellen sie, um eine Art Schnappschuss, ein twitter-statement, zu bekommen. Das ist nicht so mein Fall. Was machst du? spiegelt bei mir immer auch Umgebungen wieder, Kontexte, in denen ich mich aufhalte. Aus verschiedenen Gründen eliminiere ich allzu Persönliches, aber für all diejenigen, die mir auf einer etwas allgemeineren Ebene folgen wollen, sei hier eine etwas längere Antwort gegeben. Zum Teil zeigt sie Kontinuität an, zum Teil neue Entwicklungen.

Algorithmen und Text(muster)semantik

Aus verschiedenen Gründen bin ich gerade bei Sartre gelandet. Zum einen liegt das daran, dass ich mich mit der Konstruktion von Textmustern beschäftige. Das wiederum ist ja ein altes Thema von mir. Im Moment ist es aber auch ein frisches, und eines, was bei mir sehr in Bewegung geraten ist, weil ich den Zusammenhang zwischen Satzsemantik und Textmustersemantik genauer diskutiere: ich bin auf der Suche nach Algorithmen, die ich in mein Programm einbauen kann; diese Algorithmen lösen - bestenfalls - das Problem, dass die Bedeutung eines einzelnen Satzes immer auch vom Kontext abhängig ist.
Mein Programm? Nun, ich schreibe an einem Zettelkasten, ähnlich jenem von Daniel Lüdecke. Nachdem ich mich Mitte letzten Jahres grundsätzlicher um die Abbildung von Daten in Datenbanken gekümmert habe, bzw. überhaupt um das Zusammenspiel von verschiedenen Datensätzen, konnte ich einige ganz gute Erfolge verzeichnen. Anfang Dezember bin ich dann aber massiv mit dem Problem konfrontiert worden, dass mein Programm zu umfangreich geworden ist, um ohne Planung und ohne grundlegende Struktur weiter geschrieben werden zu können. Das habe ich dann in den letzten zwei Monaten gemacht (sofern ich Zeit hatte), Stichwort dazu: design patterns (Entwurfsmuster), die ich vor allem an Heide Balzerts Lehrbuch der Objektmodellierung und an Matthias Geirhos Entwurfsmuster diskutiere. Zwar werde ich jetzt mit dem Programmieren noch einmal von vorne anfangen müssen, zumindest fast von vorne, insbesondere um eine bessere Trennung der Objekte zu erreichen, aber ich denke, der Aufwand hat sich gelohnt.

Sartre: Was ist Literatur?

Nun, davon wollte ich eigentlich nicht erzählen.
Sartre, insbesondere seine Schriften zur Literatur, haben schon etwas sehr Beeindruckendes an sich. Mir fehlt aber, bei einem neuerlichen Lesen vom Saint Genet (und auch seinem Baudelaire und dem Mallarmé) eine größere Klarheit in seinen Schriften. In allen diesen Texten fallen mir die Wiederholungen unangenehm ins Auge, und gerade im Moment, da ich mich intensiver mit Was ist Literatur? auseinandersetze, die unscharfe Begrifflichkeit.
Um hier Klarheit einzuführen, nutze ich die Technik eines gelassen gehandhabten Glossars. Gelassen gehandhabt heißt dabei, dass ich 1.) Begriffe aus einem gelesenen Text herausschreibe, 2.) diese dann anhand einiger Textstellen definiere, bzw. umschreibe und 3.) diese nach und nach revidiere.
Der erste Schritt ist recht intuitiv; häufig ergänze ich meine Liste später um weitere Begriffe.
Der zweite Schritt fasst nicht nur die explizite Definition zusammen, sondern auch den Gebrauch eines Wortes, wenn er mir wichtig erscheint. Zudem knüpfe ich in diesem Schritt Verbindungen zu anderen Begriffen. Schließlich formuliere ich hier erste Kritiken und schreibe weiterführende Fragen auf.
Schließlich lässt sich der dritte Schritt kaum noch zu gewissen Techniken zuordnen. Auch hier arbeite ich, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene, wieder sehr intuitiv, wenn auch immer mit dem Text vor mir, zu dem ich arbeite. Rekonstruktion und Weiterentwicklung gehen Hand in Hand.
Wenn es mir wichtig erscheint, dann schreibe ich zum Schluss erneut eine Liste mit allen Begriffen, aber so gekürzt, dass scharfe und prägnante Definitionen entstehen. Dies ist eine sehr reduzierende Arbeit, die dem Text selbst meist nicht gerecht wird, aber ein guter Ausgangspunkt für das eigene Denken.

Reise in die ferne (Bücher-)Vergangenheit

Das wilde Denken

Auch das war es nicht, was ich eigentlich erzählen wollte.
Ich habe mich, so schrieb ich, auf eine Reise in ferne Vergangenheiten begeben, in Folge meines kleinen, ausufernden Programmes. Roland Barthes liegt neben mir, zunächst einmal die wunderbare Einführung von Ottmar Ette: Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie, die 1998 im suhrkamp-Verlag erschienen und mittlerweile leider vergriffen ist; seine Einführung aus dem Junius-Verlag ist ebenfalls gut, setzt aber ganz andere Akzente.
Nun, dieses Buch habe ich seit 15 Jahren nicht mehr (durch)gelesen. Im Moment bin ich dabei, langsam, kontemplativ. Ich verfasse zu jedem Abschnitt 1.) Absatzüberschriften, eine kleine, recht fruchtbare Technik, um sich über Kerngedanken und Argumentationsabfolgen Gedanken zu machen, und 2.) Listen mit wichtigen Begriffen, zum Teil schon mit kurzen, prägnanten Definitionen, die eher scharf als richtig sein sollen, aber für den weiteren Verlauf der Lektüre sehr wichtig sind. Zumal ich auf diese Definitionen immer dann zurückgreifen kann, wenn ich über einen solchen Begriff erneut stolpere.
Dann habe ich die ersten beiden Kapitel aus Lévi-Strauss' Das wilde Denken gründlich durchgearbeitet, aber noch nicht durchkommentiert. Diese beiden Kapitel haben mich schon immer fasziniert, und ihnen habe ich mich in den letzten zwanzig Jahren auch immer wieder gewidmet; meine Kommentare dazu sind vielfältig. Zu Beginn, also etwa 1995, hat mich vor allem der Begriff der Bastelei fasziniert; später wurde das Modell für mich ein Kernbegriff; und neulich, als ich die beiden Kapitel erneut las, habe ich mich am längsten bei den Abschnitten zu Kunst, Ritus und Spiel aufgehalten.

Umarbeiten, umdenken

Bisher habe ich aber immer sehr essayistisch mit diesem Buch gearbeitet. 1995 stand mal eine genauere Diskussion in irgendeinem meiner Arbeitsbücher (resp. meinem "Tagebuch"), aber die ist mir heute kaum noch etwas wert. Ich habe mich zu sehr verändert. Ich habe diese also wiederholt, mit fast denselben Techniken, aber eben von meinem heutigen Standpunkt aus (später, wenn ich mal gestorben bin, und irgendwer meine Texte als interessant entdecken sollte, wird der Vergleich zwischen den beiden Ergebnissen vielfältige Vermutungen zu meinem geistigen Werdegang anstoßen).
Von Lévi-Strauss habe ich dann auch noch Sehen, Hören, Lesen und Das Rohe und das Gekochte gelesen. Ersteres Buch ist neu, auch wenn ich es bereits einmal, vor zwei Jahren, aber nur sehr oberflächlich durchgearbeitet habe.
Zwischendrin lagen dann noch deCerteaus Kunst des Handelns, und Wilhelm Schmids Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst, beides Werke, die ich im vorigen Jahrhundert sehr geschätzt habe, und die ich wieder sehr schätze. Beides sind Werke, die ich gründlicher lesen sollte, insbesondere auch die Kapitel über das Schreiben und all die Anmerkungen zum Kategorisieren (die für das Erstellen von Algorithmen von großer Bedeutung sind).
Ich befinde mich also - gewissermaßen - auf dem Weg in meine eigene, ferne Vergangenheit, hin zu Büchern, die ich vor Jahren mit Begeisterung gelesen habe, deren Aura aber nach und nach verblasst und dünn geworden ist, und die ich jetzt wohl wiederbeleben muss.
(Von Habermas habe ich jetzt einiges gelesen. Dazu aber später wohl mehr.)

Kaputter Computer

Im Moment wird mir meine Arbeit dadurch erschwert, dass mein Computer kaputt gegangen ist. Wieder einmal rettet mich mein Computer, den ich vor zehn, zwölf Jahren in die Ecke gestellt habe, obwohl er noch funktioniert. Aber er ist langsam, manchmal nervtötend langsam. Wartezeiten von fünf Minuten, in denen er herumrechnet und sich keine Eingabe machen lässt, sind häufig. Zudem komme ich nicht an meine externen Festplatten heran, bin also ohne meine ganzen Daten und selbst ohne meinen Zettelkasten.
Mein neuer Computer wurde am Donnerstag geliefert, war aber kaputt: das Betriebssystem wollte sich nicht laden. Am Samstag, also gestern, wurde er wieder abgeholt. Nun warte ich auf den nächsten. Es ist das erste Mal, dass ich solch einen "Ärger" hatte, aber wie immer ist www.one.de da sehr unkompliziert. Nach zehn guten Computern ist das recht verschmerzbar, auch wenn mir die Wartezeit weh tut.

Dozenten, die kürzen

"Mein Dozent will, dass ich meine Literaturliste kürze", teilte mir am Freitag eine Studentin mit, die mitten in ihrer Bachelorarbeit steht. "Aber ich kann das nicht."
Nun, wie ihr wisst (oder auch nicht), betätige ich mich nicht mehr im Feld des Text-Coachings. Da diese Arbeit aber Jugendkriminalität als Thema hat, habe ich zugesagt, einen Blick darauf zu werfen.
Insgesamt war die Arbeit etwas roh, wie bei jungen und mit dem wissenschaftlichen Schreiben noch wenig vertrauten Menschen sehr üblich, aber auch eigenständig und gut lesbar. Ein paar scharfe Wendungen in der Argumentation deuteten darauf hin, dass die Autorin bereit war, die üblichen Wege zu verlassen und neue Standpunkte auf das Thema anzudenken. Da das eher unüblich ist, und da diese Wendungen mit einer sorgfältigen Argumentation unterlegt waren, war ich richtiggehend angetan.
Die Literaturliste wies 14 Seiten mit um die 120 Einträge auf; für eine Arbeit, die insgesamt 60 Seiten lang ist, ist das ein durchaus vernünftig Maß. Im Text selbst präsentierte sich die Literatur immer um einen Kern-Artikel herum geschrieben, der dann auch mehrfach zitiert wurde; darum herum versammelten sich Artikel und Bücher, die zum Vergleich und zur Begrifssdiskussion herangezogen wurden.
Meine einzige wirkliche Kritik waren dann auch die vielen Wortwiederholungen, also keine inhaltliche, sondern eine stilistische Kritik.
Was aber wollte nun der Dozent?
Er wollte, dass die Literaturliste auf 3 Seiten gekürzt wird. Drei!
Als wir dann eben ein Gespräch miteinander führten, also die Studentin und ich, und sie mich nochmal, mit einiger Fassungslosigkeit, fragte, ob ich ihr empfehlen könnte, was sie herauskürzen solle, konnte ich nur sagen: Ihren Dozenten.

Ich bin ja gerne etwas fauler, wenn es um die vorher geprüfte Literatur geht. Allerdings muss ich das auch nicht: solche umfassenden Begriffsdiskussionen führen. Mein Blog ist essayistisch angelegt, meine Leser würden ein solches Vorgehen wohl auch nicht schätzen. Aber ich kann das durchaus sehr bewundern, wenn jemand sich solche Arbeit macht und dabei solche Eigenständigkeit zeigt, zumal für ein Schriftstück, welches von allerhöchstens drei, vier Menschen gelesen wird (und manchmal hat man das Gefühl, dass die bewertenden Dozenten die Arbeit noch nicht einmal gelesen haben).

27.01.2017

Noch mehr Clowns

Eins muss man Höcke und der AfD Thüringen lassen: sie haben meine Stimmung heute gewaltig gehoben.
Höcke wurde von der Gedenkstätte Buchenwald ausgeladen. Darauf reagierte die AfD mit "Pauschale Ausladungen sind kein Mittel der Auseinandersetzung"; nun war die Ausladung erstens nicht pauschal, sondern sehr spezifisch (andere Mitglieder des Landtages aus der AfD-Fraktion hatten keine Ausladung bekommen), und was das Pauschalisieren angeht, so dürfte Höcke sich darüber nun so gar nicht beschweren.
Gut fand ich auch, dass die AfD Thüringen von einer "schäbigen Inszenierung" sprach. Höckes Dresdner Rede war ja keineswegs eine schäbige Inszenierung von Zweideutigkeiten, oder habe ich da jetzt was missverstanden?
Was die "nicht hinzunehmenden Grenzverletzung in der politischen Auseinandersetzung" angeht, so ist es vielleicht nicht Höcke selbst, der hier für die unfreiwillige Ironie sorgt, aber zumindest ein Teil seiner Wähler. Merkel, so hört man dort zum Beispiel, sei eine "Schwerverbrecherin, die das deutsche Volk an den Rand der Ausrottung getrieben habe" [sic!]; der Künast solle man "Ketten anlegen und sie in einem Kerker verrotten" lassen. Wunderbar, wie geradezu laissez-fairemäßig darauf die AfD reagiert. Wenn sich eine Partei solche Äußerungen ihrer eigenen Wähler nicht verbietet, was ist dann von ihr noch zu halten?
Ich halte Höcke und zu großen Teilen auch die AfD für eine ernsthafte Bedrohung der deutschen Kultur; sie greift fundamentale Werte unseres Selbstverständnisses an; in der bedenkenlosen Einfalt werden zahlreiche großartige Menschen und deren Einfluss schlichtweg ignoriert. Für mich ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin nicht nur eine Erinnerung an die Verbrechen der Nazis, sondern auch eine Erinnerung daran, dass Verantwortung eine historische ist: sie ist die conditio eines geschichtsbewussten Menschen. Und das Mahnmal erinnert mich auch daran, wie einflussreich einmal das jüdische Geistesleben für die deutsche Kultur gewesen ist, und wie patriotisch: man denke an Felix Mendelssohn-Bartholdys Elias.
In diesem Jahr kommen mindestens zwei Horrorfilme mit Clowns in die Kinos: die Neuverfilmung von Stephen Kings 'Es', und 'Clownterghost', der vor einigen Tagen angelaufen ist, aber wohl in Deutschland nicht die Lichtsäle erreichen wird. Vielleicht ist es das, was den Höcke gerade so wuschig macht, denn immerhin ist Clownterghost eine Mischung aus Clown und Dämon; und vielleicht will er uns ob dieses herben kulturellen Verlusts ja ein wenig entschädigen.

24.01.2017

"Deutsche Patrioten vereinigt euch"

Würde ich ja gerne, aber 1.) reicht dafür meine Potenz nicht und 2.) muss sich der Höcke dann bittscheen hinten anstellen; dem kotze ich doch dabei glatt auf den Rücken. (Sorry an meine - zumeist - sehr feinfühligen Leser.)
Was gibt es sonst noch von der AfD zu berichten? - Ach ja, der Greisverband Saale übt sich in neudeutscher Stilistik. Nach Kritik aus den eigenen Reihen heißt es dort nicht mehr "Darum rufen wir in Einigkeit und Patriotismus zum gemeinsamen Bundeswahlkampf auf, um die letzte Chance zu nutzen und das System zu stürzen", sondern "... um die letzte Chance, das linksversiffte System aufzubrechen". Mit der Anmut einer Nachtigall, einer Heineschen!
Höcke sei auch, so der reisverband Saale, "durch und durch Patriot". Sollte die Medizin irgendwann mal dieses medizinische Wunder aufschneiden, wird sie eine besonders hohe Konzentration in seiner Galle feststellen.
A propos Einigkeit und Konzentration: neuerdings ist Höcke ja dagegen: "Ich hoffe sehr, dass die AfD ... sich ihren Meinungspluralismus ..." - Kreischverband Saale: "Spalter der Nation" - "... bewahren kann." Also doch so'n Multi-Kulti-Terrorist. Wenigstens hätte er Meinungsvielfalt sagen können.
Die AfD Thüringen hat sich dann noch dahingehend geäußert, die Dresdner Rede habe "viele Menschen verunsichert ..." (mich nicht!). Und erklärt weiterhin: "Wir wenden uns gegen alle Versuche, das Gegenteil [nämlich die Verleugnung oder Relativierung des Massenmords an den Juden] in die Positionen der AfD und ihres Landesprechers Björn Höcke hineinzuinterpretieren." Nun, das so zu verstehen, kann man dann getrost dem Fußvolk der AfD überlassen. Geklatscht und gejohlt haben die dabei.
Höcke sagt auch: "Mit Sorge ...", na die hat er dann wenigstens noch, "... habe ich zur Kenntnis genommen ...", wir verfloskeln mal unsere schöne deutsche Sprache, "... wie die Diskussion über meine Dresdener Rede die sachliche Ebene verließ ...", als ob ich's geahnt hätte, "... und von einigen Parteifreunden ...", hört, hört!, "... für innerparteiliche Machtkämpfe ...", mir stockt der Atem, "... missbraucht ...", nein, wie damals in Köln, in der Sylvesternacht, als die ganze ... oder so was ähnliches, ich kann jetzt gar nicht weiter lesen.
LandkreisSaale schreibt auch: "In der Hand [tragen wir] die blaue Fahne." Trägt man die eigentlich nicht im Mund? - Aber obwohl, man kann ja auch von der Hand in den Mund leben, körperlich wie geistig.

22.01.2017

Zweideutigkeiten und Übertreibungen; Höcke: "Mehr Bodennebel für Deutschland"

Es ist, wohl nicht nur für mich, eine Phase des Umbruchs. Was meine Wenigkeit angeht, so diskutiere ich, fernab vom Blog, Wittgenstein und Barthes, Eco und Peirce; ich lese Hegel, Nietzsche, Arendt, Dewey. Nicht unbedingt in der Reihenfolge, meist "wild" durcheinander, also im Vergleich von Stellen, die mir hier und dort ins Auge gesprungen sind. - Ich bin auf der Suche nach neuen Hintergründen, neuen Perspektiven. War dieser Blog auch eigentlich als ein solcher gedacht, dass ich Wege, nicht Ergebnisse veröffentliche, so hat sich in den vergangenen Jahren doch gezeigt, dass er genau als ein solcher wahrgenommen wurde. Ich beuge mich also, in meinem Schweigen, ein wenig dem Druck der "Straße".

Höcke und die Deutschen

Dass darin eine Rede von Höcke platzt, war abzusehen. Nicht genau diese Rede, nicht unbedingt von Höcke, aber dass es mit großer Wahrscheinlichkeit und einigem Abstand zum letzten "Aufreger" wieder an der Zeit ist, ist nun fast so berechenbar bei der AfD wie die tägliche Dosis "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten". Ich will nun nicht auf den direkten ethischen und politischen Implikationen dieser Rede herumreiten; andere haben das besser getan, etwa Sascha Lobo. Stattdessen mag ich, noch einmal, die Grundlagen dieser Kritik wissenschaftlich unterfüttern. Dass ich dabei auch auf zwei große Denker der deutschen Geistesgeschichte, Wilhelm von Humboldt und Ludwig Wittgenstein Bezug nehme (und natürlich taucht dahinter dann auch noch der naturwissenschaftliche Goethe auf), darf als indirekter Protest dagegen gelten, dass Höcke behauptet, die Deutschen würden nicht mit ihren "großen Philosophen" in Berührungen gebracht werden.

Das Zeichen, die Konnotation, der Mythos

Das Zeichen

Bekanntlich besteht ein Zeichen aus einer doppelten Gliederung, einmal dem Signifikanten und einmal dem Signifikat. Bei Humboldt wurde dies noch als Lautbild und Vorstellungsbild dargestellt und auch wenn dies heute durch die moderne Semiotik eine wesentliche Erweiterung erfahren hat, lässt sich daran der Unterschied ganz gut erklären.
Das Lautbild ist die materielle Seite des Zeichens, eben jene Wörter, die ich äußere, um mich "verständlich" zu machen; das Vorstellungsbild dagegen ist die seelische Seite, also auch das, was, wenn man Humboldt folgt, die materielle Seite beseelt.
Schon Humboldt war sich im Klaren, dass es hier zwischen zwei Sprechern keinen direkten Kontakt der Vorstellungsbilder geben kann, und dass der Weg über die materielle Seite zwar notwendig, aber doch auch missverständlich sein kann.

Sprachkraft und Grammatik

Um zu erklären, warum sich Menschen trotzdem verstehen, hat Humboldt eine doppelte Strategie verfolgt. Zum einen postuliert er ein Vermögen, ganz im Sinne Kants, welches für die Umwandlung von Lautbildern in Vorstellungsbilder, bzw. umgedreht von Vorstellungsbildern in Lautbildern zuständig ist, die Sprachkraft. Zum anderen sieht er die Funktion der Grammatik darin, dass sie die Vorstellungen präziser auszudrücken helfe.
Dieser letzte Aspekt zielt auf einen psychophysischen Parallelismus ab: die Struktur des Vorstellungsbildes werde in der Struktur der Rede nachgeahmt; als Ideal wäre am Horizont die vollständige Deckung der Vorstellungen durch die Rede anzusehen.
Sprachkraft wäre dann die Fähigkeit, die Gliederung der eigenen Vorstellungen zu erfassen und in eine gegliederte, grammatisch wohlgeformte Rede umzusetzen.

Sprache und Geschichte

Überspringen wir ein Jahrhundert, eines, das sich lebhaft, zum Teil kongenial, zum Teil aber auch unerträglich, mit Humboldt auseinandergesetzt hat. Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich in der Philosophie etwas ab, was man heute gerne als sprachphilosophische Wende bezeichnet. Diese Wende hat allerdings viele Wurzeln, und sie zu datieren dürfte einigermaßen schwer fallen. Man kann aber insbesondere hier die individualisierende Poetik eines Schlegels nennen, bei dem die Vernunft nicht mehr ein allgemeines Menschengut ist, sondern einem individuellen Ausdruck weicht, dann die zahlreichen Versuche, die Geschichte als Entwicklung zu erfassen, angefangen bei Hegel, Marx, Darwin, Nietzsche; keines dieser Werke sagt übrigens die Wahrheit, aber die Kernidee wurde damit etabliert und ist seitdem geblieben: der Mensch ist in seiner Form historisch. Und spätestens seit Nietzsche kann man dem hinzufügen, dass die Sprache(n), die der Mensch spricht, ebenfalls historisch sind. Der Einfluss der Geschichte auf die Art und Weise, wie Menschen ihre Vorstellungen ausdrücken können und welcher Art der psychophysische Parallelismus ist (und ob er überhaupt existiert), ist seitdem ebenfalls eine Art Allgemeinplatz der Philosophie.
Schließlich zeichnet sich auch in der Literatur, zur Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Kehrtwende ab, weg von der klassischen Form und deren unzerrissenem Bewusstsein hin zu einer Literatur des Obszönen und Verfehmten; auch wenn dies in Deutschland eher am Rande passiert ist und die wichtigen Protagonisten (zunächst) in Frankreich, England und den USA zu suchen sind. Die obszöne Literatur ist übrigens nicht im heutigen Sinne zu verstehen: sie ist eine Literatur der Grenzüberschreitung, eine, die herrschende moralische Überzeugungen dadurch unterläuft, dass sie eine andere Wirklichkeit darstellt oder postuliert; der verfehmte Poet ist dementsprechend ein Schriftsteller, der nicht mehr als Vorbild einer guten Lebensweise und einer glücklichen Vernunft dient, wie man dies noch für Goethe behaupten kann, sondern der am Rande der Gesellschaft existiert und mit Vorstellungen zu kämpfen hat, die ihn wie Dämonen heimsuchen und gelegentlich in eine Spirale des Irrsinns treiben. - Jedenfalls wird die Sprache nicht mehr mit jenem idealen Horizont des glücklichen Ausdrucks gesehen, sondern dient der "Aufzeichnung" der Zerrissenheit, Verworfenheit, des Zweifels und der düster andrängenden Bilder.

Sprache als System

1916 trat in Genf ein Linguist an, die Sprachbetrachtung noch einmal grundsätzlich zu reformieren. In einem eher bescheidenen Gestus, und zunächst ohne großes Aufsehen postulierte dieser Ferdinand de Saussure, dass die Sprache ein differentielles System bilde, sich also aus Differenzen zusammensetze, und diese Differenzen jenes Netz von Bedeutungen strukturieren würden, über die eine Sprache verfüge.
Zunächst erscheint dieses Postulat recht nebensächlich. Je weiter aber diese Erkenntnis durchdacht wurde, umso schärfer setzten sich die Folgerungen daraus von bisherigen Überlegungen ab.
Wenn es nämlich stimmt, dass die Wörter ihre Bedeutungen nur über die Differenz zu den Wörtern erhalten, die sie nicht sind, dann muss sich die Bedeutungsvielfalt, die einer Sprache möglich sind, anhand der Vielfalt der Differenzen orientieren. Damit kehrt Saussure aber in gewisser Weise die immer noch idealistische Position der Humboldt-Nachfolger um: nicht die Vorstellungen werden mehr oder minder gut in der Sprache ausgedrückt, sondern die Sprache ermöglicht oder verhindert bestimmte Vorstellungen. Bereits Nietzsche hatte das "Ich" als grammatische Fiktion bezeichnet, und in seinen Philosophischen Untersuchungen spricht Wittgenstein davon, dass die Bedeutung eines Wortes in seinem Gebrauch liege (was etwas anderes als das System de Saussures meint, hier aber, auf dieser groben Ebene, in die gleiche Richtung weist).

Konnotation und Metasprache

Die Rede über die Sprache führte rasch dazu, auch das Verhältnis der Zeichen untereinander weiter zu verfeinern. Peirce zeigt in seinen Schriften sehr deutlich, dass das Verhältnis von Signifikant (Lautbild bei Humboldt) und Signifikat (Vorstellungsbild) sehr unterschiedlich sein kann, und dass die Sprache, wie wir sie im gewöhnlichen Sinne verstehen, willkürlich ist: weder "Hund", noch "dog", noch "chien", noch "sabarka" sieht wie ein Hund aus oder benimmt sich wie ein Hund. Die Bezeichnungen sind willkürlich und erlangen erst durch die historischen Entwicklungen und kulturellen Gewohnheiten ihre Notwendigkeit.
Damit konnten Zeichen aber auch wieder als Gesamt zu Teilen von anderen Zeichen werden: die Semiotik entdeckte die Verschachtelung der Zeichen. So konnte ein bestimmtes Zeichen entweder Signifikant oder Signifikat sein. Tatsächlich hat dies Roland Barthes dann auch ausdrücklich so erläutert:
Ist ein Zeichen das Signifikat eines anderen Zeichens, handelt es sich um Metasprache, eine Rede über die Zeichen; ist dagegen ein bestimmtes Zeichen der Signifikant eines anderen Zeichens, ist dies eine Konnotation: unter der "eigentlichen" Bedeutung eines Zeichen liegt gleichsam eine "zweite", "sekundäre" Bedeutung, ein Mitgemeintes.
Machen wir uns dies an einem unverfänglicheren Beispiel als dem der Höcke-Rede klar: wenn im Homo faber eine Schlange auftaucht, noch dazu an einer Stelle, die eine Art paradisischen Zustand beschreibt, dann kann man (muss man aber nicht) an den Sündenfall denken. Der Sündenfall wird nicht ausgesprochen, er könnte vom Autor sogar bestritten werden; trotzdem drängt er sich auf. Dieses Sich-Aufdrängen ist eine Erweiterung des "eigentlichen" Verständnisses, die trotzdem sie nicht in Worten geschrieben steht, doch in gewisser Weise im Text eingeschrieben ist, aber als Struktur, mithin als eine Art Grammatik. Schlange + paradisischer Zustand + nackter Mann/nackte Frau ergibt eine Parallele, die die Idee des Sündenfalls auftreten lässt. Dass es sich dabei nicht um die in der Schule so beliebte Satzgrammatik handelt, dürfte klar sein; ich benutze hier Grammatik in einem weiteren Sinne als alle Ordnungsleistungen, die sprachliche Partikel untereinander verknüpfen, nicht nur zu Sätzen, sondern auch zu Textmustern, Bedeutungsmustern, historischen (und kulturspezifischen) Formen.

Mythos: Konnotation der Konnotation

Wenn man die einmal verschachtelten Zeichen weiterdenkt, kann man sich auch zweimal verschachtelte Zeichen vorstellen.
Ein Zeichen A ist Signifikant eines Zeichen B, und dieses wiederum ist Signifikant eines Zeichen C, was man wie folgt darstellen kann A/(B/(C/x)). x ist somit jene "dritte" Bedeutungsebene, die aus der Konnotation einer Konnotation entsteht.
Nun muss man hier, zum besseren Verständnis, einen Zwischenschritt einlegen: bisher habe ich den Signifikant (also die materielle Seite des Zeichens) so behandelt, als sei dies eine einfache und kompakte Einheit. Tatsächlich kann dieser sich aber über ein breiteres "Gebiet" erstrecken, wie im Homo faber, bei dem die idyllische Szene am Strand, das Baden von Walter und Sabeth und die Schlange einen komplexen Signifikanten bilden. Erst diese zusammen konnotieren dann die Vertreibung aus dem Paradies.
Ähnlich ist es nun bei der dritten Bedeutungsebene: diese bildet sich wiederum meist aus einem breiter ausgestreuten Signifikanten. Diesen Zusammenhang bezeichnet Roland Barthes dann als Mythos.
Hierzu lässt sich ein einfaches Beispiel angeben: indem die rechte Presse ausschließlich von Asylanten berichtet, die Verbrechen begehen (und niemand wird bezweifeln, dass es solche gibt), indem sie, ohne auf logische Zusammenhänge zurückgreifen zu müssen, von Erniedrigungen deutscher Bürger berichtet, indem beständig auf die Unfähigkeit und die Absurditäten - gerne auch aus gewolltem Unverständnis heraus - hingewiesen wird, entsteht hier der Mythos eines in den Abgrund schlitternden Deutschlands. Die Wiederholung von Zeichen (z.B. eines Verbrechens), von Konnotationen (z.B. nur Asylanten) und von Mythen (z.B. alles in Deutschland ist elend) etabliert eine bestimmte Form des Sprechens.
x, wie es oben in der Formel auftaucht, steht für den Mythos.

Die Hohepriester: die mythische Metasprache

An dieser Stelle tauchen dann Figuren auf, die den Mythos interpretieren. Barthes bezeichnet sie als Hohepriester. Der Hohepriester ist die Gegenfigur des Grammatikers.
Was macht der Hohepriester? Kurz gesagt verfertigt er eine Metasprache vom Mythos auf der Grundlage einer vom Mythos geschaffenen Grammatik, was auch bedeutet, dass er den Mythos nicht verlässt.
Zunächst ist die Metasprache eine Art Gegensprache zur Konnotation: in ihr wird das Zeichen zum Signifikat; die Vorstellung, was Sprache ist, wird sprachlich auf einer zweiten Ebene ausgedrückt. Das Problem jeglicher Metasprache ist dabei natürlich, dass es die Sprache nicht verlässt und damit auch wieder Konnotationen transportiert. Trotzdem kann man, der Einfachheit halber, zunächst folgende Formel für die Metasprache aufstellen: C/(A/B), wobei C hier für die Metasprache steht. A/B steht hier meist ebenfalls für einen Komplex, diesmal einem komplexen Signifikat.
Der Hohepriester entwickelt nun eine Metasprache, deren Ziel die Auslegung des Mythos ist. Was die ganze Sache hinreichend verwirrend macht, denn hier greifen Mythos und Metasprache so ineinander, dass sie eine nur schwer zu überschauende Bewegung bilden, die sich auch mit der Formel für den Hohepriester lediglich annähernd erfassen lässt:
A/(((h/(C/x))/B)/(C/x)). h, das hier für den Hohepriester steht, legt Konnotation und Mythos auf Grundlage des Mythos aus, verfährt also selbstreferentiell und geschlossen in einem System in sich abgeschlossener Bedeutungen. Es handelt sich um eine aus dem Mythos gewonnene Metasprache, die sich als objektiv darstellt, aber aufgrund eines bereits eingeschränkten Sprachverständnisses.

Höckes Rede

Der Kulturverleugner

Wie sehr Höcke diesen Mythos noch herstellen muss (und zum Glück bedeutet das immer noch ein Stück sprachlicher Arbeit; zum Glück lässt sich dies immer noch deutlich lesen), zeigt seine Dresdner Rede. Es ist nicht das Problem der Deutschen und der deutschen Kultur, wenn Höcke meint, diese (und ihre Geschichte) werde in Deutschland mies gemacht. Unseren (also: "unseren") großen Humboldt, den kennt der Höcke nicht. Seine Bedeutung für die Sprachwissenschaft, die deutsche, die internationale, ebenfalls nicht. Und dass Höcke nicht einen Blick in ein Lehrbuch für Deutsch in der Oberstufe geworfen hat, wo Humboldt natürlich diskutiert wird, das verschweigt er uns auch. Höcke verleugnet, wohl mehr aus Dreistigkeit denn aus Dummheit, die Kultur und ihre Einflüsse, die natürlich auch in Deutschland (oder eigentlich hier: dem ehemaligen Preußen) existiert hat. Womit sich natürlich die Frage stellt, wer hier eigentlich Deutschland oder das Deutsche (oder was auch immer man dafür an Bezeichnungen wählen möchte, unverfänglich ist wohl keine mehr) verleugnet und mies und madig macht.

Zweideutigkeiten

Dafür wirft er mit Zweideutigkeiten um sich: sicherlich, das Holocaust-Denkmal als "Mahnmal der Schande" zu bezeichnen, das impliziert noch nichts. Es ist, dank deutscher Genitiv-Konstruktionen, mehrdeutig. Eine eindeutige Bedeutungszuweisung ergibt sich erst auf der Ebene der Konnotationen; und hier ist doch klar, dass in diesem Umfeld Schande nicht als ein Eingeständnis sondern als eine unerlaubte Zumutung begriffen wird. Der Kontext und die Konnotation machen die Eindeutigkeit, nicht die Worte selbst. Dass Höcke in diesem Fall sich mit der wörtlichen Bedeutung verteidigt, ist wiederum nur eine Konnotation: er wechselt den Kontext und behauptet, er habe halt jenen Kontext gemeint und nicht den, in dem er die Rede gehalten hat.

Übertreibungen

Übertreibungen, so hatte ich mal zu einer Diskussion einer Passage von Judith Butler zusammengefasst, haben den großen "Nachteil", mehrdeutig zu sein, bzw. weiß man nicht, ob sie wertstabilisierend oder wertzersetzend sind. Eine Übertreibung treibt einen bestimmten Wert ins Extreme. Das kann zum einen dazu dienen, diesen besonders wichtig und deutlich zu machen; auf der anderen Seite kann es aber auch dazu führen, dass dieser Wert in seiner Lächerlichkeit und Disharmonie bloßgestellt wird.
Dass die deutsche Kultur in der Schule nicht mehr diskutiert wird, das ist eine so lächerliche Behauptung, dass ich hier einfach mal aus dem Oberstufenlehrbuch des Dudens die Autoren zitiere (ab Seite 230): Watzlawick (ein Amerikaner, österreichischer Migrant), Bühler (während NS-Zeit emigiert), Schulz von Thun, Loriot, Gabriele Wohmann, Tena Stivicic, Barack Obama, Walter Jens, Kurt Tucholsky, Judith Hermann, Theodor Storm, Heinrich August Pierer (Herausgeber des Universal-Lexikons von 1840), Johann Gottfried Herder, Johann Gottlieb Fichte, Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff, Sevgi Özdamar (deutsche Autorin, türkischer Migrationshintergrund), Aras Ören (türkischer Autor, wohnhaft in Berlin), Franz Kafka, Friedrich Schiller, Heinrich Heine, Gottfried Keller, usw. (ich ende mit meiner Aufzählung auf S. 261).
Wir lernen 15 "rein deutsche" Autoren kennen, 3 emigrierte (Heine, Watzlawick, Bühler), 1 deutsch schreibende Autorin mit migrantischem Hintergrund (Özdamar), 1 in Deutschland lebenden aber türkisch schreibenden Autor (Ören), 2 Autoren, die weder emigiert noch immigriert sind (Stivicic, Obama). Lässt man die Erwähnung der beiden türkischen AutorInnen beiseite, die eben nur namentlich angeführt werden, haben wir ein Verhältnis von 15 : 5, bedenkt man weiterhin, dass Heine und Bühler fast ihr ganzes Werk auf Deutsch verfasst haben, dann ein Verhältnis von 17 : 3. - In dem gesamten Oberstufenwerk sieht es nicht anders aus.
Muss ich nun auf die Werke für den Geschichtsunterricht zu sprechen kommen, in denen selbstverständlich die Zeit der Reformation und des 30jährigen Krieges genau so behandelt werden, wie die Zeit der Medlevinger und Karolinger, des Postnapoleonismus und der Gründungszeit der Bundesrepublik Deutschlands? Ich weiß ja nicht, wie Höcke seinen Geschichtsunterricht durchgeführt hat, aber wenn das Einzige, was von seinem eigenen Unterricht bei ihm hängen geblieben ist, die Zeit der Judenverfolgung gewesen ist, dann muss er tatsächlich ein ziemlich lausiger Geschichtslehrer gewesen sein und wir müssen Gott oder wem auch immer dafür danken, dass er nicht weiter die deutsche Bildung mit seinem reduzierten Geschichts- und Unterrichtsverständnis verschandelt.

Höckes lausige Bildung

Was also wird hier kritisiert oder lächerlich gemacht? Nun, Höcke meint, er kritisiere das Bild, das Deutschland von sich selbst habe, und dass dieses Bild ein mieses, gar garstiges sei. Aber nein, sobald man nämlich den Kontext verlässt, sieht man ein ganz anderes Bild, eines, das immer noch an Deutschland als einem Land großer kultureller Erzeugnisse interessiert ist. In den letzten zwanzig Jahren durften wir alleine drei Literaturnobelpreisträger unser "eigen" nennen, Günther Grass, Elfriede Jelinek, Herta Müller. Ist das nichts? Ist das ein Zeichen dafür, dass die deutsche Kultur nicht ernst genommen wird?
Lese ich nicht gerade ein höchst kluges Buch über Kant, geschrieben von einem Amerikaner (Karl Amerik: Kant and the Fate of Autonomy); und habe ich nicht vor vier Jahren mehr englischsprachige Symposien über Max Frisch gefunden als deutsche? -
Keinesfalls möchte ich aber hiermit andeuten, dass Höckes Bildung lausig ist; nichts läge mir ferner und wer immer die Überschrift in diesem Sinne versteht, kennt die Tücken des deutschen Genitivs nicht; es läge mir nicht nahe, Höcke als ein Mahnmal der Schande zu bezeichnen, und ihm daraufhin ein Denkmal mitten in Berlin zu setzen. Nein, das liegt mir so fern, dass ich sogar meine, dass sich Höcke in einer solchen Ferne aufhält, dass er mit Deutschland eigentlich recht wenig zu tun hat, und irgendwo in Arabien oder Afrika oder auf einer südpazifischen Insel wohnen müsste, so fern liegt mir die Bildung von Höcke.

Schluss: "endlich Bodennebel"

Jürgen Elsässer sieht gerade eine Hexenjagd auf Höcke; dem muss ich dann, wieder ernst geworden, widersprechen. Erstens muss, wer selbst Hexenjagden veranstaltet, damit rechnen, dass sich schließlich die Gejagten umdrehen und sich fragen, wer sich hier das Recht herausnimmt, alles, was nicht seiner im Gemütszustand einer total besiegten Bildung geäußerten Meinung entspricht, zu verfolgen. Zweitens rücken diejenigen, die diese Rede als Nazi-Rede bezeichnen, die andere, durch die Konnotation ebenfalls mögliche Deutung ins rechte Licht; eben bovis licet, quoque Jovis licet.
Als Grammatiker, und dies ist der dritte Weg, diese Rede zu betrachten, kann ich nur sagen, dass Höcke entschieden Bodennebel verbreitet (man könnte dies als Vollverschleierung bezeichnen); wer diesen nicht durch einen scharfen Blick auf die Funktionen der Sprache vertreibt, sieht die Hand nicht mehr vor Augen und hält die Weiden am Wegesrand für menschenfressende Trolle und todbringende Gespenster.
Höcke ist keinesfalls angetreten, die deutsche Kultur zu retten; dem Zustand seiner Rede nach zu urteilen tritt er sämtliche Tugenden, auch die von ihm beschworenen "preußischen" mit Füßen: die Gewissenhaftigkeit, die Wissenschaftlichkeit, die Liebe zur eigenen Sprache und zur Wahrheit, das Pflichtgefühl dem eigenen Volke gegenüber; wohl aber, wie ich meinen möchte, aus einem Unverständnis heraus: es war Wagner, der zu einem Beethoven-Konzert folgende Kritik verfasst hat, die man hier analog zu Höcke setzen kann: der Dirigent bemühe sich, "die Musikphrasen nachsprechen zu lassen, die er selbst nicht verstand, und ungefähr nur so sich zu eigen gemacht hatte, wie man wohlklingende Verse dem reinen Klange nach auswendig lernt, die in einer, dem Recitator unbekannten Sprache verfasst sind".

01.01.2017

Farbwörter

Woher weiß ich denn, dass eine Farbe in einem Farbwort „enthalten“ ist? Denn das Wort ist ja nicht in dieser Weise farbig, und die Farbe des Wortes spielt für das Farbwort keine Rolle.
Man könnte auch so fragen: warum ist das Farbwort ›rot‹ schwarz?
Und genauso verhält es sich mit den Hauptwörtern: warum sieht das Wort ›Hund‹ nicht wie ein Hund aus und warum bellt es nicht?
(Sprache repräsentiert nichts, aber sie regt uns an, uns eine Ähnlichkeit zu machen, eine Vorstellung von etwas. Je weniger ein Wort mit einer Vorstellung durch Ähnlichkeit verbunden ist, und dies gilt für die meisten Wörter, umso mehr müssen wir uns auf konventionelle, durch Gewohnheit erworbene Vorstellungen verlassen.)