22.01.2017

Zweideutigkeiten und Übertreibungen; Höcke: "Mehr Bodennebel für Deutschland"

Es ist, wohl nicht nur für mich, eine Phase des Umbruchs. Was meine Wenigkeit angeht, so diskutiere ich, fernab vom Blog, Wittgenstein und Barthes, Eco und Peirce; ich lese Hegel, Nietzsche, Arendt, Dewey. Nicht unbedingt in der Reihenfolge, meist "wild" durcheinander, also im Vergleich von Stellen, die mir hier und dort ins Auge gesprungen sind. - Ich bin auf der Suche nach neuen Hintergründen, neuen Perspektiven. War dieser Blog auch eigentlich als ein solcher gedacht, dass ich Wege, nicht Ergebnisse veröffentliche, so hat sich in den vergangenen Jahren doch gezeigt, dass er genau als ein solcher wahrgenommen wurde. Ich beuge mich also, in meinem Schweigen, ein wenig dem Druck der "Straße".

Höcke und die Deutschen

Dass darin eine Rede von Höcke platzt, war abzusehen. Nicht genau diese Rede, nicht unbedingt von Höcke, aber dass es mit großer Wahrscheinlichkeit und einigem Abstand zum letzten "Aufreger" wieder an der Zeit ist, ist nun fast so berechenbar bei der AfD wie die tägliche Dosis "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten". Ich will nun nicht auf den direkten ethischen und politischen Implikationen dieser Rede herumreiten; andere haben das besser getan, etwa Sascha Lobo. Stattdessen mag ich, noch einmal, die Grundlagen dieser Kritik wissenschaftlich unterfüttern. Dass ich dabei auch auf zwei große Denker der deutschen Geistesgeschichte, Wilhelm von Humboldt und Ludwig Wittgenstein Bezug nehme (und natürlich taucht dahinter dann auch noch der naturwissenschaftliche Goethe auf), darf als indirekter Protest dagegen gelten, dass Höcke behauptet, die Deutschen würden nicht mit ihren "großen Philosophen" in Berührungen gebracht werden.

Das Zeichen, die Konnotation, der Mythos

Das Zeichen

Bekanntlich besteht ein Zeichen aus einer doppelten Gliederung, einmal dem Signifikanten und einmal dem Signifikat. Bei Humboldt wurde dies noch als Lautbild und Vorstellungsbild dargestellt und auch wenn dies heute durch die moderne Semiotik eine wesentliche Erweiterung erfahren hat, lässt sich daran der Unterschied ganz gut erklären.
Das Lautbild ist die materielle Seite des Zeichens, eben jene Wörter, die ich äußere, um mich "verständlich" zu machen; das Vorstellungsbild dagegen ist die seelische Seite, also auch das, was, wenn man Humboldt folgt, die materielle Seite beseelt.
Schon Humboldt war sich im Klaren, dass es hier zwischen zwei Sprechern keinen direkten Kontakt der Vorstellungsbilder geben kann, und dass der Weg über die materielle Seite zwar notwendig, aber doch auch missverständlich sein kann.

Sprachkraft und Grammatik

Um zu erklären, warum sich Menschen trotzdem verstehen, hat Humboldt eine doppelte Strategie verfolgt. Zum einen postuliert er ein Vermögen, ganz im Sinne Kants, welches für die Umwandlung von Lautbildern in Vorstellungsbilder, bzw. umgedreht von Vorstellungsbildern in Lautbildern zuständig ist, die Sprachkraft. Zum anderen sieht er die Funktion der Grammatik darin, dass sie die Vorstellungen präziser auszudrücken helfe.
Dieser letzte Aspekt zielt auf einen psychophysischen Parallelismus ab: die Struktur des Vorstellungsbildes werde in der Struktur der Rede nachgeahmt; als Ideal wäre am Horizont die vollständige Deckung der Vorstellungen durch die Rede anzusehen.
Sprachkraft wäre dann die Fähigkeit, die Gliederung der eigenen Vorstellungen zu erfassen und in eine gegliederte, grammatisch wohlgeformte Rede umzusetzen.

Sprache und Geschichte

Überspringen wir ein Jahrhundert, eines, das sich lebhaft, zum Teil kongenial, zum Teil aber auch unerträglich, mit Humboldt auseinandergesetzt hat. Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich in der Philosophie etwas ab, was man heute gerne als sprachphilosophische Wende bezeichnet. Diese Wende hat allerdings viele Wurzeln, und sie zu datieren dürfte einigermaßen schwer fallen. Man kann aber insbesondere hier die individualisierende Poetik eines Schlegels nennen, bei dem die Vernunft nicht mehr ein allgemeines Menschengut ist, sondern einem individuellen Ausdruck weicht, dann die zahlreichen Versuche, die Geschichte als Entwicklung zu erfassen, angefangen bei Hegel, Marx, Darwin, Nietzsche; keines dieser Werke sagt übrigens die Wahrheit, aber die Kernidee wurde damit etabliert und ist seitdem geblieben: der Mensch ist in seiner Form historisch. Und spätestens seit Nietzsche kann man dem hinzufügen, dass die Sprache(n), die der Mensch spricht, ebenfalls historisch sind. Der Einfluss der Geschichte auf die Art und Weise, wie Menschen ihre Vorstellungen ausdrücken können und welcher Art der psychophysische Parallelismus ist (und ob er überhaupt existiert), ist seitdem ebenfalls eine Art Allgemeinplatz der Philosophie.
Schließlich zeichnet sich auch in der Literatur, zur Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Kehrtwende ab, weg von der klassischen Form und deren unzerrissenem Bewusstsein hin zu einer Literatur des Obszönen und Verfehmten; auch wenn dies in Deutschland eher am Rande passiert ist und die wichtigen Protagonisten (zunächst) in Frankreich, England und den USA zu suchen sind. Die obszöne Literatur ist übrigens nicht im heutigen Sinne zu verstehen: sie ist eine Literatur der Grenzüberschreitung, eine, die herrschende moralische Überzeugungen dadurch unterläuft, dass sie eine andere Wirklichkeit darstellt oder postuliert; der verfehmte Poet ist dementsprechend ein Schriftsteller, der nicht mehr als Vorbild einer guten Lebensweise und einer glücklichen Vernunft dient, wie man dies noch für Goethe behaupten kann, sondern der am Rande der Gesellschaft existiert und mit Vorstellungen zu kämpfen hat, die ihn wie Dämonen heimsuchen und gelegentlich in eine Spirale des Irrsinns treiben. - Jedenfalls wird die Sprache nicht mehr mit jenem idealen Horizont des glücklichen Ausdrucks gesehen, sondern dient der "Aufzeichnung" der Zerrissenheit, Verworfenheit, des Zweifels und der düster andrängenden Bilder.

Sprache als System

1916 trat in Genf ein Linguist an, die Sprachbetrachtung noch einmal grundsätzlich zu reformieren. In einem eher bescheidenen Gestus, und zunächst ohne großes Aufsehen postulierte dieser Ferdinand de Saussure, dass die Sprache ein differentielles System bilde, sich also aus Differenzen zusammensetze, und diese Differenzen jenes Netz von Bedeutungen strukturieren würden, über die eine Sprache verfüge.
Zunächst erscheint dieses Postulat recht nebensächlich. Je weiter aber diese Erkenntnis durchdacht wurde, umso schärfer setzten sich die Folgerungen daraus von bisherigen Überlegungen ab.
Wenn es nämlich stimmt, dass die Wörter ihre Bedeutungen nur über die Differenz zu den Wörtern erhalten, die sie nicht sind, dann muss sich die Bedeutungsvielfalt, die einer Sprache möglich sind, anhand der Vielfalt der Differenzen orientieren. Damit kehrt Saussure aber in gewisser Weise die immer noch idealistische Position der Humboldt-Nachfolger um: nicht die Vorstellungen werden mehr oder minder gut in der Sprache ausgedrückt, sondern die Sprache ermöglicht oder verhindert bestimmte Vorstellungen. Bereits Nietzsche hatte das "Ich" als grammatische Fiktion bezeichnet, und in seinen Philosophischen Untersuchungen spricht Wittgenstein davon, dass die Bedeutung eines Wortes in seinem Gebrauch liege (was etwas anderes als das System de Saussures meint, hier aber, auf dieser groben Ebene, in die gleiche Richtung weist).

Konnotation und Metasprache

Die Rede über die Sprache führte rasch dazu, auch das Verhältnis der Zeichen untereinander weiter zu verfeinern. Peirce zeigt in seinen Schriften sehr deutlich, dass das Verhältnis von Signifikant (Lautbild bei Humboldt) und Signifikat (Vorstellungsbild) sehr unterschiedlich sein kann, und dass die Sprache, wie wir sie im gewöhnlichen Sinne verstehen, willkürlich ist: weder "Hund", noch "dog", noch "chien", noch "sabarka" sieht wie ein Hund aus oder benimmt sich wie ein Hund. Die Bezeichnungen sind willkürlich und erlangen erst durch die historischen Entwicklungen und kulturellen Gewohnheiten ihre Notwendigkeit.
Damit konnten Zeichen aber auch wieder als Gesamt zu Teilen von anderen Zeichen werden: die Semiotik entdeckte die Verschachtelung der Zeichen. So konnte ein bestimmtes Zeichen entweder Signifikant oder Signifikat sein. Tatsächlich hat dies Roland Barthes dann auch ausdrücklich so erläutert:
Ist ein Zeichen das Signifikat eines anderen Zeichens, handelt es sich um Metasprache, eine Rede über die Zeichen; ist dagegen ein bestimmtes Zeichen der Signifikant eines anderen Zeichens, ist dies eine Konnotation: unter der "eigentlichen" Bedeutung eines Zeichen liegt gleichsam eine "zweite", "sekundäre" Bedeutung, ein Mitgemeintes.
Machen wir uns dies an einem unverfänglicheren Beispiel als dem der Höcke-Rede klar: wenn im Homo faber eine Schlange auftaucht, noch dazu an einer Stelle, die eine Art paradisischen Zustand beschreibt, dann kann man (muss man aber nicht) an den Sündenfall denken. Der Sündenfall wird nicht ausgesprochen, er könnte vom Autor sogar bestritten werden; trotzdem drängt er sich auf. Dieses Sich-Aufdrängen ist eine Erweiterung des "eigentlichen" Verständnisses, die trotzdem sie nicht in Worten geschrieben steht, doch in gewisser Weise im Text eingeschrieben ist, aber als Struktur, mithin als eine Art Grammatik. Schlange + paradisischer Zustand + nackter Mann/nackte Frau ergibt eine Parallele, die die Idee des Sündenfalls auftreten lässt. Dass es sich dabei nicht um die in der Schule so beliebte Satzgrammatik handelt, dürfte klar sein; ich benutze hier Grammatik in einem weiteren Sinne als alle Ordnungsleistungen, die sprachliche Partikel untereinander verknüpfen, nicht nur zu Sätzen, sondern auch zu Textmustern, Bedeutungsmustern, historischen (und kulturspezifischen) Formen.

Mythos: Konnotation der Konnotation

Wenn man die einmal verschachtelten Zeichen weiterdenkt, kann man sich auch zweimal verschachtelte Zeichen vorstellen.
Ein Zeichen A ist Signifikant eines Zeichen B, und dieses wiederum ist Signifikant eines Zeichen C, was man wie folgt darstellen kann A/(B/(C/x)). x ist somit jene "dritte" Bedeutungsebene, die aus der Konnotation einer Konnotation entsteht.
Nun muss man hier, zum besseren Verständnis, einen Zwischenschritt einlegen: bisher habe ich den Signifikant (also die materielle Seite des Zeichens) so behandelt, als sei dies eine einfache und kompakte Einheit. Tatsächlich kann dieser sich aber über ein breiteres "Gebiet" erstrecken, wie im Homo faber, bei dem die idyllische Szene am Strand, das Baden von Walter und Sabeth und die Schlange einen komplexen Signifikanten bilden. Erst diese zusammen konnotieren dann die Vertreibung aus dem Paradies.
Ähnlich ist es nun bei der dritten Bedeutungsebene: diese bildet sich wiederum meist aus einem breiter ausgestreuten Signifikanten. Diesen Zusammenhang bezeichnet Roland Barthes dann als Mythos.
Hierzu lässt sich ein einfaches Beispiel angeben: indem die rechte Presse ausschließlich von Asylanten berichtet, die Verbrechen begehen (und niemand wird bezweifeln, dass es solche gibt), indem sie, ohne auf logische Zusammenhänge zurückgreifen zu müssen, von Erniedrigungen deutscher Bürger berichtet, indem beständig auf die Unfähigkeit und die Absurditäten - gerne auch aus gewolltem Unverständnis heraus - hingewiesen wird, entsteht hier der Mythos eines in den Abgrund schlitternden Deutschlands. Die Wiederholung von Zeichen (z.B. eines Verbrechens), von Konnotationen (z.B. nur Asylanten) und von Mythen (z.B. alles in Deutschland ist elend) etabliert eine bestimmte Form des Sprechens.
x, wie es oben in der Formel auftaucht, steht für den Mythos.

Die Hohepriester: die mythische Metasprache

An dieser Stelle tauchen dann Figuren auf, die den Mythos interpretieren. Barthes bezeichnet sie als Hohepriester. Der Hohepriester ist die Gegenfigur des Grammatikers.
Was macht der Hohepriester? Kurz gesagt verfertigt er eine Metasprache vom Mythos auf der Grundlage einer vom Mythos geschaffenen Grammatik, was auch bedeutet, dass er den Mythos nicht verlässt.
Zunächst ist die Metasprache eine Art Gegensprache zur Konnotation: in ihr wird das Zeichen zum Signifikat; die Vorstellung, was Sprache ist, wird sprachlich auf einer zweiten Ebene ausgedrückt. Das Problem jeglicher Metasprache ist dabei natürlich, dass es die Sprache nicht verlässt und damit auch wieder Konnotationen transportiert. Trotzdem kann man, der Einfachheit halber, zunächst folgende Formel für die Metasprache aufstellen: C/(A/B), wobei C hier für die Metasprache steht. A/B steht hier meist ebenfalls für einen Komplex, diesmal einem komplexen Signifikat.
Der Hohepriester entwickelt nun eine Metasprache, deren Ziel die Auslegung des Mythos ist. Was die ganze Sache hinreichend verwirrend macht, denn hier greifen Mythos und Metasprache so ineinander, dass sie eine nur schwer zu überschauende Bewegung bilden, die sich auch mit der Formel für den Hohepriester lediglich annähernd erfassen lässt:
A/(((h/(C/x))/B)/(C/x)). h, das hier für den Hohepriester steht, legt Konnotation und Mythos auf Grundlage des Mythos aus, verfährt also selbstreferentiell und geschlossen in einem System in sich abgeschlossener Bedeutungen. Es handelt sich um eine aus dem Mythos gewonnene Metasprache, die sich als objektiv darstellt, aber aufgrund eines bereits eingeschränkten Sprachverständnisses.

Höckes Rede

Der Kulturverleugner

Wie sehr Höcke diesen Mythos noch herstellen muss (und zum Glück bedeutet das immer noch ein Stück sprachlicher Arbeit; zum Glück lässt sich dies immer noch deutlich lesen), zeigt seine Dresdner Rede. Es ist nicht das Problem der Deutschen und der deutschen Kultur, wenn Höcke meint, diese (und ihre Geschichte) werde in Deutschland mies gemacht. Unseren (also: "unseren") großen Humboldt, den kennt der Höcke nicht. Seine Bedeutung für die Sprachwissenschaft, die deutsche, die internationale, ebenfalls nicht. Und dass Höcke nicht einen Blick in ein Lehrbuch für Deutsch in der Oberstufe geworfen hat, wo Humboldt natürlich diskutiert wird, das verschweigt er uns auch. Höcke verleugnet, wohl mehr aus Dreistigkeit denn aus Dummheit, die Kultur und ihre Einflüsse, die natürlich auch in Deutschland (oder eigentlich hier: dem ehemaligen Preußen) existiert hat. Womit sich natürlich die Frage stellt, wer hier eigentlich Deutschland oder das Deutsche (oder was auch immer man dafür an Bezeichnungen wählen möchte, unverfänglich ist wohl keine mehr) verleugnet und mies und madig macht.

Zweideutigkeiten

Dafür wirft er mit Zweideutigkeiten um sich: sicherlich, das Holocaust-Denkmal als "Mahnmal der Schande" zu bezeichnen, das impliziert noch nichts. Es ist, dank deutscher Genitiv-Konstruktionen, mehrdeutig. Eine eindeutige Bedeutungszuweisung ergibt sich erst auf der Ebene der Konnotationen; und hier ist doch klar, dass in diesem Umfeld Schande nicht als ein Eingeständnis sondern als eine unerlaubte Zumutung begriffen wird. Der Kontext und die Konnotation machen die Eindeutigkeit, nicht die Worte selbst. Dass Höcke in diesem Fall sich mit der wörtlichen Bedeutung verteidigt, ist wiederum nur eine Konnotation: er wechselt den Kontext und behauptet, er habe halt jenen Kontext gemeint und nicht den, in dem er die Rede gehalten hat.

Übertreibungen

Übertreibungen, so hatte ich mal zu einer Diskussion einer Passage von Judith Butler zusammengefasst, haben den großen "Nachteil", mehrdeutig zu sein, bzw. weiß man nicht, ob sie wertstabilisierend oder wertzersetzend sind. Eine Übertreibung treibt einen bestimmten Wert ins Extreme. Das kann zum einen dazu dienen, diesen besonders wichtig und deutlich zu machen; auf der anderen Seite kann es aber auch dazu führen, dass dieser Wert in seiner Lächerlichkeit und Disharmonie bloßgestellt wird.
Dass die deutsche Kultur in der Schule nicht mehr diskutiert wird, das ist eine so lächerliche Behauptung, dass ich hier einfach mal aus dem Oberstufenlehrbuch des Dudens die Autoren zitiere (ab Seite 230): Watzlawick (ein Amerikaner, österreichischer Migrant), Bühler (während NS-Zeit emigiert), Schulz von Thun, Loriot, Gabriele Wohmann, Tena Stivicic, Barack Obama, Walter Jens, Kurt Tucholsky, Judith Hermann, Theodor Storm, Heinrich August Pierer (Herausgeber des Universal-Lexikons von 1840), Johann Gottfried Herder, Johann Gottlieb Fichte, Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff, Sevgi Özdamar (deutsche Autorin, türkischer Migrationshintergrund), Aras Ören (türkischer Autor, wohnhaft in Berlin), Franz Kafka, Friedrich Schiller, Heinrich Heine, Gottfried Keller, usw. (ich ende mit meiner Aufzählung auf S. 261).
Wir lernen 15 "rein deutsche" Autoren kennen, 3 emigrierte (Heine, Watzlawick, Bühler), 1 deutsch schreibende Autorin mit migrantischem Hintergrund (Özdamar), 1 in Deutschland lebenden aber türkisch schreibenden Autor (Ören), 2 Autoren, die weder emigiert noch immigriert sind (Stivicic, Obama). Lässt man die Erwähnung der beiden türkischen AutorInnen beiseite, die eben nur namentlich angeführt werden, haben wir ein Verhältnis von 15 : 5, bedenkt man weiterhin, dass Heine und Bühler fast ihr ganzes Werk auf Deutsch verfasst haben, dann ein Verhältnis von 17 : 3. - In dem gesamten Oberstufenwerk sieht es nicht anders aus.
Muss ich nun auf die Werke für den Geschichtsunterricht zu sprechen kommen, in denen selbstverständlich die Zeit der Reformation und des 30jährigen Krieges genau so behandelt werden, wie die Zeit der Medlevinger und Karolinger, des Postnapoleonismus und der Gründungszeit der Bundesrepublik Deutschlands? Ich weiß ja nicht, wie Höcke seinen Geschichtsunterricht durchgeführt hat, aber wenn das Einzige, was von seinem eigenen Unterricht bei ihm hängen geblieben ist, die Zeit der Judenverfolgung gewesen ist, dann muss er tatsächlich ein ziemlich lausiger Geschichtslehrer gewesen sein und wir müssen Gott oder wem auch immer dafür danken, dass er nicht weiter die deutsche Bildung mit seinem reduzierten Geschichts- und Unterrichtsverständnis verschandelt.

Höckes lausige Bildung

Was also wird hier kritisiert oder lächerlich gemacht? Nun, Höcke meint, er kritisiere das Bild, das Deutschland von sich selbst habe, und dass dieses Bild ein mieses, gar garstiges sei. Aber nein, sobald man nämlich den Kontext verlässt, sieht man ein ganz anderes Bild, eines, das immer noch an Deutschland als einem Land großer kultureller Erzeugnisse interessiert ist. In den letzten zwanzig Jahren durften wir alleine drei Literaturnobelpreisträger unser "eigen" nennen, Günther Grass, Elfriede Jelinek, Herta Müller. Ist das nichts? Ist das ein Zeichen dafür, dass die deutsche Kultur nicht ernst genommen wird?
Lese ich nicht gerade ein höchst kluges Buch über Kant, geschrieben von einem Amerikaner (Karl Amerik: Kant and the Fate of Autonomy); und habe ich nicht vor vier Jahren mehr englischsprachige Symposien über Max Frisch gefunden als deutsche? -
Keinesfalls möchte ich aber hiermit andeuten, dass Höckes Bildung lausig ist; nichts läge mir ferner und wer immer die Überschrift in diesem Sinne versteht, kennt die Tücken des deutschen Genitivs nicht; es läge mir nicht nahe, Höcke als ein Mahnmal der Schande zu bezeichnen, und ihm daraufhin ein Denkmal mitten in Berlin zu setzen. Nein, das liegt mir so fern, dass ich sogar meine, dass sich Höcke in einer solchen Ferne aufhält, dass er mit Deutschland eigentlich recht wenig zu tun hat, und irgendwo in Arabien oder Afrika oder auf einer südpazifischen Insel wohnen müsste, so fern liegt mir die Bildung von Höcke.

Schluss: "endlich Bodennebel"

Jürgen Elsässer sieht gerade eine Hexenjagd auf Höcke; dem muss ich dann, wieder ernst geworden, widersprechen. Erstens muss, wer selbst Hexenjagden veranstaltet, damit rechnen, dass sich schließlich die Gejagten umdrehen und sich fragen, wer sich hier das Recht herausnimmt, alles, was nicht seiner im Gemütszustand einer total besiegten Bildung geäußerten Meinung entspricht, zu verfolgen. Zweitens rücken diejenigen, die diese Rede als Nazi-Rede bezeichnen, die andere, durch die Konnotation ebenfalls mögliche Deutung ins rechte Licht; eben bovis licet, quoque Jovis licet.
Als Grammatiker, und dies ist der dritte Weg, diese Rede zu betrachten, kann ich nur sagen, dass Höcke entschieden Bodennebel verbreitet (man könnte dies als Vollverschleierung bezeichnen); wer diesen nicht durch einen scharfen Blick auf die Funktionen der Sprache vertreibt, sieht die Hand nicht mehr vor Augen und hält die Weiden am Wegesrand für menschenfressende Trolle und todbringende Gespenster.
Höcke ist keinesfalls angetreten, die deutsche Kultur zu retten; dem Zustand seiner Rede nach zu urteilen tritt er sämtliche Tugenden, auch die von ihm beschworenen "preußischen" mit Füßen: die Gewissenhaftigkeit, die Wissenschaftlichkeit, die Liebe zur eigenen Sprache und zur Wahrheit, das Pflichtgefühl dem eigenen Volke gegenüber; wohl aber, wie ich meinen möchte, aus einem Unverständnis heraus: es war Wagner, der zu einem Beethoven-Konzert folgende Kritik verfasst hat, die man hier analog zu Höcke setzen kann: der Dirigent bemühe sich, "die Musikphrasen nachsprechen zu lassen, die er selbst nicht verstand, und ungefähr nur so sich zu eigen gemacht hatte, wie man wohlklingende Verse dem reinen Klange nach auswendig lernt, die in einer, dem Recitator unbekannten Sprache verfasst sind".
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