29.01.2017

Dozenten, die kürzen

"Mein Dozent will, dass ich meine Literaturliste kürze", teilte mir am Freitag eine Studentin mit, die mitten in ihrer Bachelorarbeit steht. "Aber ich kann das nicht."
Nun, wie ihr wisst (oder auch nicht), betätige ich mich nicht mehr im Feld des Text-Coachings. Da diese Arbeit aber Jugendkriminalität als Thema hat, habe ich zugesagt, einen Blick darauf zu werfen.
Insgesamt war die Arbeit etwas roh, wie bei jungen und mit dem wissenschaftlichen Schreiben noch wenig vertrauten Menschen sehr üblich, aber auch eigenständig und gut lesbar. Ein paar scharfe Wendungen in der Argumentation deuteten darauf hin, dass die Autorin bereit war, die üblichen Wege zu verlassen und neue Standpunkte auf das Thema anzudenken. Da das eher unüblich ist, und da diese Wendungen mit einer sorgfältigen Argumentation unterlegt waren, war ich richtiggehend angetan.
Die Literaturliste wies 14 Seiten mit um die 120 Einträge auf; für eine Arbeit, die insgesamt 60 Seiten lang ist, ist das ein durchaus vernünftig Maß. Im Text selbst präsentierte sich die Literatur immer um einen Kern-Artikel herum geschrieben, der dann auch mehrfach zitiert wurde; darum herum versammelten sich Artikel und Bücher, die zum Vergleich und zur Begrifssdiskussion herangezogen wurden.
Meine einzige wirkliche Kritik waren dann auch die vielen Wortwiederholungen, also keine inhaltliche, sondern eine stilistische Kritik.
Was aber wollte nun der Dozent?
Er wollte, dass die Literaturliste auf 3 Seiten gekürzt wird. Drei!
Als wir dann eben ein Gespräch miteinander führten, also die Studentin und ich, und sie mich nochmal, mit einiger Fassungslosigkeit, fragte, ob ich ihr empfehlen könnte, was sie herauskürzen solle, konnte ich nur sagen: Ihren Dozenten.

Ich bin ja gerne etwas fauler, wenn es um die vorher geprüfte Literatur geht. Allerdings muss ich das auch nicht: solche umfassenden Begriffsdiskussionen führen. Mein Blog ist essayistisch angelegt, meine Leser würden ein solches Vorgehen wohl auch nicht schätzen. Aber ich kann das durchaus sehr bewundern, wenn jemand sich solche Arbeit macht und dabei solche Eigenständigkeit zeigt, zumal für ein Schriftstück, welches von allerhöchstens drei, vier Menschen gelesen wird (und manchmal hat man das Gefühl, dass die bewertenden Dozenten die Arbeit noch nicht einmal gelesen haben).
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