22.02.2015

Glanz und Elend der Kriminologie

Vor vier Jahren habe ich für einige Zeit einen Kunden gehabt, der über verschiedene Probleme der Etikettierung gearbeitet hat, unter anderem der Etikettierung kriminellen Verhaltens. Daraus hat sich eine Korrespondenz entwickelt, die mal mehr, mal weniger intensiv war. Sehr rasch haben wir uns nicht nur über kriminelles Verhalten unterhalten, sondern über erkenntnistheoretische Voraussetzungen. Es ging zum Beispiel um Fragen, wie kriminelles Verhalten überhaupt wahrgenommen werden kann, bzw. welche Bedingungen herrschen müssen, damit Menschen Kriminalität wahrnehmen "können".

Kulturkonflikte

Da gab es dann dieses Buch, von einem gewissen Bernd Dollinger, Jugendkriminalität und Kulturkonflikt. Es ist ein typisches Buch eines Sozialpädagogen. Eigentlich kann man dies schon am Titel ablesen. Kultur ist ein äußerst beliebter Begriff, wenn man so gut wie gar nichts zu sagen hat. Und leider leistet dieses Buch auch nicht sonderlich viel. Es bietet einige gute Zusammenfassungen von bestimmten Theorien; insgesamt aber macht es wenig mehr, als zu sagen, dass Kriminalität problematisch sei und dass die kritische Kriminologie für diesen Zustand Sorge trägt, aber ihn nicht unbedingt beenden möchte (oder beenden kann).
Faszinierend an dem Buch ist schon, was ich meinen Diplomanden nie habe durchgehen lassen, nämlich Begriffe, die im Titel stehen, nicht hinreichend zu klären. So kümmert sich Dollinger zwar um den Begriff der Kultur, aber nicht mit einem Satz um den Begriff des Konfliktes. Schon das dürfte misstrauisch stimmen. Zentrale politische Theorien des 20. Jahrhunderts stellen gerade diesen Begriff in den Mittelpunkt ihres Werkes. Die Theoretiker einer liberalen Gesellschaftsordnung, Hannah Arendt zum Beispiel, aber auch Dolf Sternberger und Ralf Dahrendorf, mittlerweile aber auch Neomarxisten wie Chantal Mouffe (Stichwort: Agonistik), weisen den Konflikten eine zentrale Stellung im demokratischen Prozess zu.

Die Analyse

Ein anderes Problem solcher Bücher ist der Begriff der Analyse. Analysen basieren oft auf dem Mythos, dass sie etwas entdecken, was in dem Untersuchungsgegenstand drinnen steckt, und dass sie gegenüber dem Untersuchungsgegenstand eine große Aktivität entfalten, aber der Welt als solcher nichts hinzufügen. Bei vielen Analysen sieht es so aus, als wäre die Bedeutung unter der Oberfläche verborgen und müsse nur hervorgeholt werden.
Wird die Kriminalität untersucht, geht man immer davon aus, dass es verborgene Mechanismen gäbe, die für die Zuweisung kriminellen Verhaltens zuständig wären. In Wahrheit muss man sich nur die Oberfläche ansehen; man muss feststellen, wie die Wörter gebraucht werden. Und es reicht vollkommen aus, diesen Gebrauch zu beschreiben.
Dies ist die zentrale These Wittgensteins: die Bedeutung der Wörter besteht in ihrem Gebrauch. Er beschreibt dies eigentlich schon im ersten Paragraphen der Philosophischen Untersuchungen.

Wesen

Das Wesen ist in der Grammatik ausgesprochen.
PU § 371.
Dies ist einer der berühmten Sätze Wittgensteins. Ähnlich wie Nietzsche uns auf die Zwänge der Sprache hingewiesen hat, zeigt Wittgenstein, dass die Verknüpfungen und Regelmäßigkeiten in den Sprachspielen sich nicht auf ein Wesen, ein Dasein stützen. Was immer dieses Wesen auch ist: es ist nicht vorgängig. Statt von einem Wesen zu sprechen, nennt Wittgenstein dies gelegentlich Bedeutungskörper (vgl. PU § 559; PG S. 54).
Untersucht man nun den Begriff "kriminell", dann zeigt sich rasch, dass damit sehr unterschiedliches gemeint ist. Unterhalb der Möglichkeit, dieses Wort beständig wiederholen zu können, zeigt sich ein jeweils anderer Gebrauch.
Man möchte sagen, diese beiden Arten des Gebrauchs geben nicht eine Bedeutung; die Personalunion durch das gleiche Wort sei ein unwesentlicher Zufall.
PU § 561
Statt also von einem einheitlichen Wesen der Kriminalität, bzw. des kriminellen Verhaltens auszugehen, wäre es wichtiger, die verschiedenen Weisen des Gebrauchs zu untersuchen, bzw. so etwas wie eine Landkarte des Benutzens zu erstellen.
(Wenn man sich die verschiedenen Bedeutungsweisen nicht vor Augen führt, wird aus der Sprache ein Labyrinth:
Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite und kennst dich aus; du kommst von einer andern zur selben Stelle, und kennst dich nicht mehr aus.
PU § 203)

Sorgerechtsstreit

Man denke sich also die vielfältigen Gebrauchsweisen des Kindes, gerade wenn ein Konflikt vorliegt, der heuristische Prozesse hervorruft. Vieles erscheint dann, wenn es um so wichtiges wie die Liebe zum Kind geht, als grob gestrickt, falsch, schief ins Leben eingebaut. Vor allem aber scheint sich, beim Streite der Eltern, der ganze Gehalt auf einige, wenige Differenzen zusammenzuziehen.
Untersucht man aber die Sprache genauer, zum Beispiel bei Sorgerechtsstreitigkeiten, dann stellt man vor allem ein Zusammenschrumpfen und Vermischen der Bedeutungskörper fest: es gibt keinen deutlichen Gebrauch mehr, weder von Familie, noch von Liebe zum Kind, noch von der Sorge ums Kind. Rhetorisch gesehen kann man dann die Mechanismen der contaminatio identifizieren. Diese sind, wie ich bereits einige Male dargelegt habe, sowohl für die kriminalistischen als auch für die humorvollen Erzählungen kennzeichnend.
Wer sich also an die Untersuchung macht, wie die Sprache in Sorgerechtsstreitigkeiten funktioniert, tut zunächst gut daran, die Phänomene der Sprache in Konflikten zu untersuchen, bevor er (oder sie) auf solche Vereinfachungen wie geschlechterspezifisches Sprechen kommt.
Natürlich gibt es geschlechterspezifische Aspekte im Sorgerechtsstreit. Aber diese fußen, so scheint mir, nicht auf der Leitdifferenz Mann/Frau, sondern der von Ritual/Konflikt. Insofern ein nicht-konflikthafter Zustand zwar feinere, weitreichendere Regeln verwirklicht, scheint er intelligibler. Nichts lässt aber darauf schließen, dass er gerechter, weniger "patriarchal" (oder weniger "prinzesschenhaft") sei. Nehmen wir also an, dass die Sprachspiele sich weniger oder anders geregelt abwechseln, wenn wir es mit einem Konflikt zu tun haben, nehmen wir weiterhin an, dass die Bedeutungskörper sich stärker mischen und primitiver ausfallen, dann sind zunächst diese Mechanismen genauer zu untersuchen.
Wir müssen dann auch davon ausgehen, dass die diskursiven Bedingungen, die das Verhältnis der Geschlechter regelt, im Nicht-Konflikt und im Konflikt ganz andere sind, und insofern diese die körperlichen Verhältnisse der Partizipanten regeln, wechseln die Eltern im Sorgerechtstreit ihr (kulturelles) Geschlecht.

Nachtrag

Ich muss mich jetzt dringend an meine Wochenfragen machen. Ich habe am Donnerstag mit der Durchsicht begonnen, bin aber gleich an der ersten Antwort hängen geblieben, weil der Schüler nicht nur eine tolle Analyse hingelegt hat (mit dem Problem, dass sie unsystematisch verläuft, was in der 5. Klasse verzeihlich ist), und dann auch noch ein sehr kompaktes Gedicht geschrieben hat, was mich zu einigem Nachdenken veranlasst hat.
Ich habe heute morgen noch in einem Aufsatz von Clifford Geertz gestöbert, der uns, Emilio und mir, letztes Jahr über den Weg gelaufen ist, den wir aber (ich hatte dann kaum noch Zeit) nicht weiter zerpflückt haben. Er - der Aufsatz - erschien uns deshalb wichtig, weil er einige Kategorien des common sense, des Alltagswitzes (wie es bei Schopenhauer heißt) formuliert: naturalness, practicalness, thinness (oder: literallyness), immethodicalness, accessibleness. Der Aufsatz: Common Sense as a Cultural System findet sich in Geertz Buch Local Knowledge. (Und auch dies ist, um meine Kritik von oben wieder aufzunehmen, ein Problem Dollingers: viele der Missstände, die er in seinem Buch anspricht, sind bereits vielfältig diskutiert worden. In der deutschen Kriminologie gibt es einen seltsamen Hang, sich gegenseitig zu zitieren und so eine geistige Inzucht zu erzeugen, statt in verwandte Felder auszuweichen, um dort zu schauen, wie es noch gemacht werden kann. Die Anthropologie, bzw. Ethnologie ist mit Sicherheit ein fruchtbares Feld, ähnlich wie die Literaturwissenschaften.)
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