23.02.2015

Intellektuelle Immunsysteme

Der Begriff der Hegemonie ist auch insofern faszinierend, als er verschiedene andere Begriffe aufnimmt und auf eigene Art und Weise transformiert. So korrespondiert er mit dem Begriff der Idiosphäre (R. Barthes), der sozialen Gruppe, der Subkultur, der Partei, und anderen mehr.

Immunsysteme

Niklas Luhmann postuliert Immunsysteme, die sich als Subsysteme von funktionalen Systemen herausbilden. In Interaktionen ist dies zum Beispiel die Höflichkeit. Die Höflichkeit codiert Themen und Meinungen als erwünscht oder unerwünscht und stabilisiert so die laufenden Interaktionen gegen zu viele Störungen. Innerhalb verschiedener Gruppierungen kann ein Mensch so an verschiedenen Immunsystemen teilhaben. Er kann an den Verdrängungsmechanismen seiner Familie partizipieren, aber ebenso an den Verschweigemechanismen einer Partei, deren Mitglied er ist. Dabei spielen unterschiedliche Strategien der Immunisierung eine Rolle.

Figur-Grund-Unterscheidungen der Meinung

Immunisierungen haben einen produktiven Effekt. Sie erzeugen eine Menge von üblichen Meinungen, vor denen die anderen Meinungen, also jene, die ausgeschlossen sind, wie eine Art Rauschen auftreten. Man kann hier also von einer Figur-Grund-Unterscheidung sprechen. Die Figur ist in sich selbst geordnet und relativ stabil, während der Grund unruhig bleiben darf.
An den Rändern, so kann man annehmen, entstehen ständig stabilisierende und destabilisierende Effekte. Stabilisierungen werden in die die Gruppe konstituierenden Meinungen integriert.

Strategien

Es gibt zahlreiche Strategien, wie solche „Meinungsmengen“ einheitlich gehalten werden.
Eine der wichtigsten dürfte die Manipulation von Merkmalen sein. So findet man bei sämtlichen Sexismen und Rassismen die Vertauschung von akzidentiellen und substantiellen Merkmalen. Aus einem akzidentiellen Merkmal wird ein substantielles, indem man dieses verallgemeinert. So wird aus der Erfahrung mit einem Türken auf den türkischen Charakter geschlossen. Diese Strategie hatte ich des Öfteren unter dem Begriff der Extrapolation untersucht.
Eine weitere Strategie besteht in der Verwechslung von Form und Daten. Dies trifft man häufig bei der Interpretation von Statistiken an. Ein Datum ist zum Beispiel eine konkrete Aussage einer ganz konkreten Person. Nehmen wir an, dass eine junge Frau beklagt, dass sie größere Probleme hat, einen naturwissenschaftlichen Beruf zu ergreifen, als dies bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist. Dann ist diese Aussage ein Datum. Untersucht man nun eine Gesamtheit an Aussagen und formt daraus eine statistische Verteilung, dann ist diese Verteilung nicht objektiv, sondern entlang einer mehr oder weniger gut beherrschten Funktion geordnet. Diese Funktion ist ein Zusatz zu den Daten, der einen Funktionswechsel ermöglicht. Damit entkoppelt eine Statistik ein Datum von dem ursprünglichen funktionellen Zusammenhang.

Enthymeme

Ich definiere ein Enthymem als eine Schlussfolgerung, bei der die Regel der Ableitung nicht genannt werden muss, weil sie als bekannt vorausgesetzt wird, bzw. weil die Schlussfolgerung selbst ein gewohnheitsmäßiges Muster bildet.
In formalen und von menschlichen Meinungen unabhängigen Sachzusammenhängen wie der Mathematik oder der Physik sind solche Enthymeme recht unproblematisch. Sobald es aber um Meinungen geht, die das menschliche Zusammenleben betreffen, findet man so viele Möglichkeiten, Ableitungsregeln zu bilden, das wohl keine von ihnen einen weitreichenden Geltungsanspruch stellen darf. Zudem sind die Schlussfolgerungen im sozialen Bereich durch „intentionale Effekte“ durchlöchert. Intentionen drehen die Zeitlichkeit um: jemand handelt, nicht, weil vorher etwas passiert ist, sondern damit hinterher etwas passiert. Dadurch, dass man handelt, ist aber noch längst nicht gewährleistet, dass das Erwünschte auch tatsächlich eintritt.
Dann gaukelt das Enthymem aber eine Sicherheit vor, die die Realität nicht zu bieten hat.
Insofern sich aber viele Menschen auf eine solche gleiche Art und Weise des Schlussfolgerns stützen, kann es hier tatsächlich zu Realitätseffekten kommen.

Die Hegemonie

Eine Hegemonie kann sowohl von ihrem „Zentrum“ als auch von ihren „Rändern“ aus betrachtet werden. Im Zentrum einer Hegemonie stehen wohl völlig unhinterfragte Enthymeme, wie dies zum Beispiel in der Adelsklasse des 17. Jahrhunderts in Bezug auf die eigene Stellung typisch war: diese galt als gottgegeben und damit als unangreifbar.
Eine solche Überzeugung ist allerdings nur der ideologische Kern. Dieser entspricht nur mehr oder weniger der Praxis. Und insofern ist die Praxis kein reiner Vollzug der Enthymeme.
An den Rändern der Hegemonie entsteht ein lebhafter Austausch, der auch aus Strategien des Ausschließens und Vereinnahmens besteht. Diese stabilisieren dann eine Gruppe von den Rändern her.

Der berufsmäßige Intellektuelle

Wenn jemand sich um Meinungen sorgt, dann der Berufsstand der professionellen Intellektuellen. Ihnen obliegt es, eine Hegemonie mit Enthymemen und Semantiken des Vereinnahmens und Ausschließens zu versorgen. Dazu schreibt Gramsci:
Ein sehr verbreiteter Fehler besteht darin zu glauben, dass jede soziale Schicht ihr Bewusstsein und ihre Kultur auf dieselbe Weise, mit denselben Methoden, d.h. mit den Methoden der berufsmäßigen Intellektuellen, ausarbeitet. Auch der Intellektuelle ist ein »Professioneller«, der seine spezialisierten »Maschinen« und seine »Lehrjahre« hat, der sein eigenes Taylorsystem hat. Es ist illusorisch, allen diese »erworbene« und nicht angeborene Fähigkeit zuzuschreiben. Es ist illusorisch, zu denken, dass eine in geeigneter Weise verbreitete »klare Idee« in unterschiedliches Bewusstsein mit denselben »organisatorischen« Effekten allgemein verbreiteter Klarheit eingeht. Das ist ein »aufklärerischer« Irrtum. Die Fähigkeit des berufsmäßigen Intellektuellen, Induktion und Deduktion geschickt miteinander zu kombinieren, zu verallgemeinern, abzuleiten, ein Unterscheidungskriterium aus einer Sphäre in die andere zu übertragen und es den neuen Bedingungen anzupassen usw., ist eine »Spezialität«, ist keine Gegebenheit des »Alltagsverstandes«.
Gramsci, Antonio: Gefängnishefte I, 93 f.

Common sense

Im Gegensatz zu Gramsci, der das Wirken eines Intellektuellen am Werk sieht, postuliert Clifford Geertz ein kulturelles System von Meinungen, ohne damit schon Effekte des Gruppierens und der Bildung von Subsystemen anzudeuten. Trotzdem gibt es bei ihm nicht notwendigerweise intellektuelle Protagonisten. Das mag an einer Blindheit liegen, kann aber auch den Gruppen geschuldet sein, die Ethnologen typischerweise untersuchen. Oftmals sind es bereits lang etablierte Gruppen, deren Phase der intellektuellen Konstitution relativ abgeschlossen ist. Wie Machiavelli angelegentlich der Machtübernahme der Medicis zu sagen wusste, bedarf es zu Beginn einer Staatsgründung besonderer Anstrengungen, insbesondere auch der Lüge und der Manipulation. Später dürfe sich der Fürst einer gewissen Ehrlichkeit bedienen, ja, sie sei sogar notwendig, um dem Volk Vertrauen einzuflößen.
Man kann also bei der Entstehung von Hegemonien typischerweise zwei Phasen annehmen: in der ersten Phase kann man relativ gut einen dominierenden Intellektuellen identifizieren, während in der zweiten Phase diese Funktion mehr und mehr vom Common sense übernommen wird. 

Schluss

In den letzten Tagen habe ich dazu weiterführende Überlegungen begonnen aufzuzeichnen. Wenn man Klassenleiter einer Schülergruppe ist, hat man sehr unterschiedliche Funktionen zu vereinen. So muss man innerhalb der Klasse einen Führungsanspruch etablieren und durchsetzen, mithin also eine Hegemonie aufbauen, die den Schüler entlang der Anforderungen der Gesellschaft an die Schule führt. Andererseits hat man es mit Kollegen zu tun, und hier ist es eher eine Idee, wie diese jeweils besondere Schule gestaltet werden sollte. Schließlich spielen die Eltern eine wichtige Rolle, die wiederum andere Absichten und Ziele ins Spiel bringen.
Was ich gerade ganz wunderbar finde, ist, wie sich entlang solcher unterschiedlichen Ansprüche an die Führung ein sehr lebendiger Prozess entwickelt, der zugleich eine enorme Differenzierung erreicht. Im Moment hat sich mein Blick von den Schülern als „solipsistisch“ lernenden Wesen auf Prozesse der Interaktion und Veränderungen der Interaktion als Lernprozesse verschoben.
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