08.02.2015

Die Form des Körpers

Man kann seinen persönlichen Rhythmus nicht einfach ablegen wie ein unmodern gewordenes Kleid und durch einen neuen ersetzen. Der Bewegungsrhythmus ist Teil der Persönlichkeit, einer ihrer Charakterzüge, fast wie die Form des Körpers, und der Zwang, sich einem fremden Rhythmus anpassen zu müssen, ist sehr einschneidend.
Montessori, Maria: Kinder sind anders. München 1996, S. 96
Da ist er wieder, der Rhythmus. Ein erstes Mal hat mich dieser Rhythmus beschäftigt, als ich 1994 an einer Interpretation der Mergelgrube von Annette von Droste-Hülshoff saß. Damals war es nur ein Umweg über ein Buch, das später für mich sehr bedeutsam werden sollte, Hand und Wort von André Leroi-Gourhan.
Leroi-Gourhan beschreibt darin unter anderem, wie sich das Gedächtnis in dem Moment von seiner Umwelt befreit, indem es ein Ausdrucksmittel für Abwesendes zu gebrauchen lernt, also die Sprache, und zur gleichen Zeit die Hand das Werkzeug „entdeckt“. In diesem Moment lösen sich zwei wichtige Aspekte des biologischen Lebens vom direkten Kontakt mit der Umwelt. Und umgekehrt werden neue Rhythmen möglich.
So hat die fortschreitende Entwicklung von Werkzeugen zeitig einen Spezialisten erfordert, der für die Herstellung, Reparatur und Erfindung von Werkzeugen vornehmlich zuständig war und sich damit von den ursprünglichen Sammel- und Jagdrhythmen unterscheiden musste. Zuvor hatte schon die Hand ihre Fähigkeit bewiesen, in vielfältigen Rhythmen die Umwelt zu manipulieren.
Schließlich ermöglichen die Symbole eine vollständige Entkoppelung von den natürlichen Rhythmen und die Möglichkeit, sich seine Umwelt und Gesellschaften auf komplett anderer Basis zu entwickeln: damit ist die kulturelle Evolution geboren:
Die fortschreitende Intellektualisierung der Empfindungen führt beim Menschen zur reflektierten Wahrnehmung und Produktion von Rhythmen und Werten, führt zu Codes, deren Symbole eine ethnische Bedeutung tragen, wie es bei der Musik, der Poesie oder den sozialen Beziehungen der Fall ist.
Leroi-Gourhan, André: Hand und Wort. Frankfurt am Main 1995, S. 338
So sehr Montessori also recht hat, wenn sie die Rhythmisierung des Körpers als einen Kerngedanken für ihre Anthropologie formuliert, so sehr bleibt sie doch hinter der Tatsache zurück, dass diese Rhythmen selbst eine Veränderung durchmachen, und dass das Kind mit der Entdeckung neuer Techniken, neuer Werkzeuge und der Entwicklung der Sprache seinen persönlichen Rhythmus ständig variiert.
Von hier aus müsste man zum Beispiel die Ideen einbinden, die Michail Bachtin und Jurij Lotman entwickelt haben. Lotman sieht zum Beispiel in den am Material ausgeführten Rhythmen dem entscheidenden Motor für die Selbstveränderung. Diese Selbstveränderung wird zugleich durch künstliche Rhythmen im Material getragen, wie dies zum Beispiel Gedichten augenfällig ist, aber auch in den Rhythmen von Erzählungen (wenn dort auch auf andere Art und Weise).
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