18.10.2013

Resonanzräume — Ideen des Politischen, Metaphysik der Kriminologie

Habe ich schon erwähnt, dass ich gerade ziemlich verliebt bin? Nun gut, es ist vielleicht eine etwas platonische Liebe; das Objekt meiner Liebe: Hannah Arendt. Dass ich sie zurzeit recht ausführlich lese, sagte ich ja schon. Und dass es eigentlich nur eine Lektüre war, die als Stützpfeiler für Judith Butler dienen sollte, insbesondere deren neueren Werke, hatte ich, glaube ich, auch schon erwähnt. 
Nun, es hat mich dann wohl etwas überraschend erwischt. Der Aristoteles, den ich bisher gründlicher nur im Organon gelesen habe, mittlerweile aber dessen Nikomachische Ethik, Kant natürlich, so langsam wächst mir dann doch auch der Hegel zu, Foucault neuerdings wieder, und einige Literaten, Christa Wolf vorneweg, dann: Max Frisch, und so, wie es im Moment aussieht, dann auch noch Uwe Johnson. All das wächst zusammen.

Text als Erde/Heimat

An Hannah Arendt fällt mir nochmal sehr intensiv auf, wie unwichtig es ist, philosophische Werke zu verstehen, und wie wichtig es ist, seine Arbeitsweisen an diesen Werken auszuprobieren. Verstehen, das ist ein Wort, das für die Bewohner von Wolkenkuckucksheimen geeignet ist. 

In meinen glücklichsten Momenten ist für mich der Text die Scholle, auf der ich lebe. Ich kann euch nicht erklären, warum, aber Hannah Arendt zu lesen bedeutet für mich, heimatliches Gebiet zu betreten. Eine Heimat, die ich bisher noch nicht berührt hatte und die mir doch so vertraut scheint.  
Und überhaupt: ein Buch verstehen. Ein Buch, das man lesen kann und meint, man habe es verstanden. Als ob ein Buch nicht von mal zu mal etwas sehr unterschiedliches sei, mal spiegelglatt und scheinbar friedlich über einer unauslotbaren Tiefe, ein Grausen für jeden Segler, der sein Tuch in den Wind der Begriffe hängen möchte, und ein Mühsal für den Ruderer, der sich hat treiben lassen wollen von einer natürlichen Strömung; dann wieder wild und ungebärdig, den Nachen als letzten Schutz vor den Elementen, und hin- und herreißend im Spiel der Wogen.  

Dabei ist es gar nicht so, dass ich Hannah Arendt widerspruchslos folge. Im Gegenteil: zum ersten Mal in meinem Leben lese ich ein philosophisches Werk und sofort fallen mir andere Gewichtungen, andere Begriffe ein, andere Einstellungen; die kritische Auseinandersetzung, die mir zum Beispiel bei Adorno immer noch sehr Mühe bereitet, findet hier sofort statt. Und trotzdem … irgendwie ist Arendt für mich gerade ein großes Glück. Ein zweckloses Glück übrigens.  

Im Denktagebuch finde ich mich zum Beispiel mit meiner Arbeitsweise wieder. Arendt exzerpiert und kommentiert sehr ausführlich und entwickelt nach und nach Begriffe. In ähnlicher Art und Weise führe ich meinen Zettelkasten. Zitate, Kommentare, freie Ideen.  

Vernunft als Interaktion

Die Begriffe, die Arendt benutzt, sind an der Interaktion entlang gedacht. So etwa der Macht-Begriff, aber auch andere, wie die Arbeit oder das Wollen. Für meinen Geschmack noch etwas zu sehr an einem punktuellen und möglicherweise doch vernünftigen Subjekt ausgerichtet. 
Hier spürt man den Einfluss von Immanuel Kant sehr deutlich, dessen Begriff der Vernunft ebenfalls sehr punkthaft ist und gleichsam das Zentrum des aufgeklärten Menschen darstellt. In der Philosophie kann man im folgenden Jahrhundert beobachten, wie sich neben dem Deutschen Idealismus und nach ihm (nach Hegel) dieses Zentrum auflöst und verteilt, bei Schopenhauer, bei den Neokantianer, und nichts ist wundervoller, als die Vernunft der Anatomie des Auges bei Jakob von Uexküll zu lesen (in der Theoretischen Biologie), so als habe jedes Sinnesorgan und jede Hirnregion seine eigene Vernunft und als sei erst im Zusammenklang dieser vielen vernünftigen Stimmen vernünftiges Leben möglich.  

Die politischen Begriffe bei Arendt scheinen aber tatsächlich so etwas wie Resonanzräume zu bilden, weniger feste Definitionen, als Grenzmarkierungen, bis wohin die Freiheit noch denkbar ist und wo aus dem menschlichen Handeln etwas anderes als freiheitliches Handeln wird.   

Gelesen habe ich jetzt etwas gründlicher den Benjamin-Aufsatz aus Menschen in finsteren Zeiten; eher gestöbert als gelesen habe ich in Zwischen Vergangenheit und Zukunft und im Moment liegt Was ist Politik? vor mir.  

Metaphysik der Kriminologie

Täter/Opfer

Unter anderem kleine Aufzeichnungen über die Metaphysik der Kriminologie. Was, so fiel es mir ein zu fragen, ist überhaupt eine Straftat? Nicht des Inhaltes, sondern der Form nach. Die Kriminologie untersucht dem Inhalt nach die Entstehung von Tätern und Opfern. So ist sie interdisziplinär angelegt, Soziologie, Ökonomie, Politikwissenschaften, Psychologie; sie scheint mir etwas zu sehr von der Idee der Prävention beherrscht, zumindest in ihrem öffentlichen Auftreten. Doch von der Form her gesehen entstehen beide, Täter und Opfer, wenn man das Band zwischen Aktion und Passion zerreißt, wenn man die Kette der Geschichte anhält, unterbricht und nicht dem Früheren und Späteren nachgeht. Insofern müsste eine kriminologische Untersuchung dann eine glückliche Untersuchung sein, wenn sie am Ende ohne ihren Untersuchungsgegenstand dasteht: sie hat die Enteignung zurückgewiesen und das Enteignete zurückerstattet.

Plötzlichkeit

Es gibt eine ganze Rhetorik der Plötzlichkeit; plötzlich ist er ausgezogen, plötzlich ist er wütend geworden, plötzlich hat er dieses oder jenes gemacht, in dem mehr das eigene Unverständnis gelesen werden sollte als die Verrücktheit des Anderen (alles, was ich zum Beispiel zur Extrapolation geschrieben habe). Vielleicht ist das, was hier aufscheint, in diesem Moment der Plötzlichkeit, was uns eine Übung vorgibt, jenes Hier war es. Da stand sie. Diese steinernen Löwen, jetzt kopflos, haben sie angeblickt. Jene ethische Übung, sich von dem Ort, an dem man steht, zu verorten, eine Kassandra-Arbeit. Luria würde sagen: rehistorisieren. Die Pflicht, sich zu verstehen, ebenso wie die Pflicht, sich verstehbar zu machen. (Wie jene Frau, die mich damals angeschrien hat: ›Du verstehst mich nicht? O Gott, du verstehst mich nicht?‹, was ich dann zusätzlich auch nicht verstanden habe — heute finde ich die ganze Situation, in der dieses unerfreuliche Ereignis stattgefunden hat, nur noch lächerlich.)

Aktion/Passion

Und noch einmal, gebündelter: vielleicht findet die Kriminologie darin ihren Halt, dass sie all jene Prozesse in der Gesellschaft untersucht, in der der Umschlag zwischen dem handelnden und dem erlebenden Subjekt missglückt, systemhaft und systematisch missglückt. — Es erscheint mir allerdings als wichtig, diese Systematizität zu unterstreichen, denn in bestimmter Weise muss dieses Wechselspiel zwischen Aktion und Passion, zwischen Handeln und Erleben immer als mindestens gefährdet, wenn nicht fehlerhaft und fehlerbehaftet missglückend angesehen werden. Es muss also von außen etwas dazukommen, was dem Menschen als lebendes Wesen eigen ist, was diese Fehlerhaftigkeit für sich absorbiert und umfunktionalisiert.

Systematischer Überbau

Aus dieser Fehlerhaftigkeit an der Basis, die man durchaus positiv benennen könnte, als Kreativität, als Neugierde, als Entdeckungslust, muss ein System gezogen werden, ein Überbau: der Wahnsinn, der Kommunismus, das Patriarchat, die Elite, die Sensibilität. Es scheint mir eben doch, dass der Kampf gegen die kulturelle Hegemonie, gegen das Patriarchat, längst selbst zu einer Ideologie und patriarchal geworden ist: dass die Unfähigkeit, die aus diesem Umschlag spricht, auf eine „hegemoniale“ Unfähigkeit hindeutet: einem Menschen sein Menschsein zuzumuten, im positiven wie im negativen (das Böse ist banal!). 
Ebenso banal aber ist auch das Gute, die Sensibilität, die man gar nicht benennen kann und doch immer wieder auffindet, dort, wo es sich um den einzelnen Akt handelt, sei es ein Wahrnehmungsakt, ein Verstehensakt, ein Handlungsakt. Man muss die Sensibilität also radikal vereinzelt denken und das massenweise.  

Kriminologie also, verwurzelt überall dort, wo dieses Wechselspiel zwischen Aktion und Passion enteignet wird, den Menschen aus der Hand genommen wird. Nichts Neues, denn dieser ganze Grundgedanke findet sich, wie oben schon zitiert, bei Luria und Leontjew wieder: die Isolation, die fehlende Historisierung.  

Doch all das sind zarte Pflänzchen, Pflänzchen, die ich zurzeit massenhaft anbaue, ein Vorfrühling der Lektüre, noch keine Blüte und die Erntezeit noch fern im Spätsommer. An den ich im Moment keine Gedanken verschwenden möchte. Heute: nur Tageswerk.  

Mein Geschmack an sprachlichen Bildern wächst.
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