09.09.2012

Schwule Vampire

Ich erzähle einer Freundin, dass ich gerade wieder mehr erzählend schreibe. Plärrt ihre Tochter aus dem Hintergrund, ich solle auf jeden Fall zwei schwule Vampire einbauen, dann würde das garantiert erfolgreich.
Hier: Schwule Geister.

Will ich erfolgreich sein?

Ach ja: der Titel

Jetzt habe ich leider komplett vergessen, noch einmal auf den Titel meines letzten Artikels einzugehen.
Warum können Frauen nicht schreiben?
Das ist natürlich Quatsch (und das wissen auch meine Leser).
Ich sage: Annette von Droste Hülshoff, Friederike Mayröcker, Ulla Hahn, Elfriede Jelinek.
Ich sage: Anja, Gabriele, Melusine.
Manchen Frauen sollte man das Schreiben trotzdem verbieten. Anni Mursula ist das beste Beispiel dafür, dass das biologische Geschlecht kein Schicksal ist, das kulturelle allerdings schon. Schließlich hat sie studiert. Sie „darf“ für die Junge Freiheit schreiben. Dabei spielt ihr anatomisches Geschlecht also eher keine Rolle. Vielmehr wird ihre Tätigkeit durch das „konservativ-patriarchale Vorzeigeweibchen“ geprägt, ein Bild, das man sich doch immer wieder gerne ansieht. Und ein Grund, um doch noch schwul zu werden (rein kulturell, nicht biologisch). (Wolfgang, ich komme! Ha ha!)

Frauen sind zu doof zum Schreiben!

Liebe Junge Freiheit!
Falls ihr es noch nicht vorher gewusst habt, so wisst ihr es jetzt, dank eures online-Experiments mit der Reporterin Anni Mursula. Dabei handelt es sich um eine verheiratete Finnin und dreifache Mutter. Schon das hätte im Vorfeld misstrauisch machen sollen.
Unter dem Titel Hirnwäsche, von der „Reporterin“ neckisch in Anführungsstriche gesetzt, veröffentlicht Frau Mursula (man möchte fast sagen: Mursula von der Leyen) folgende seltsame Aussagen:
Die meisten Menschen wissen zwar, daß „der kleine Unterschied“ zwischen den Geschlechtern gar nicht so klein und erst recht nicht steuerbar ist. Doch trauen sie sich nicht, es offen auszusprechen - aus Angst, als reaktionär oder dumm zu gelten. Schließlich beteuern vor allem Sozialwissenschaftler und Politiker permanent, Gender Mainstreaming sei wissenschaftlich mindestens genauso belegt wie die Schwerkraft.
Abgesehen davon, dass der Sexist hier plötzlich als Opfer auftaucht (er wird zensiert und das ist ja böse), weist dieses Zitat noch einige andere, typische Tricks auf, die die Täter-Opfer-Rolle komplett umdrehen können. Zählen wir diese auf:

(1) Das Unrecht wird verschoben. Nicht die Benachteiligung der Frauen ist falsch, sondern die Zensur der Gender-Gegner. So urteilen ja auch die Neonazis: Nicht das Grölen von rassistischen Liedern sei schlecht, sondern die Zensur von Kunst.

(2) Eines der typischsten Mittel ideologischer Systeme ist die Vereinheitlichung. Die Suggestion, Theoretiker des Genders würden „den kleinen Unterschied“ nicht kennen, ist peinlich falsch. Gender-Theoretiker, zumindest die ordentlichen, kennen natürlich „den kleinen Unterschied“. Und nicht nur den! Sie kennen sogar (wenn sie ordentlich und wissenschaftlich arbeiten) eine ganze Menge Unterschiede, zum Beispiel den zwischen Anschauung und Diskurs oder den zwischen gesellschaftlicher Struktur und sittlicher Autonomie.
All diese Differenzen plättet die Autorin weg. Sie zeigt deutlich, dass sie eine grundlegende Aussage des Gender Mainstreaming nicht verstanden hat. Es geht eben nicht darum, dass alle Mädchen jetzt Ingenieurinnen werden, sondern darum, dass Mädchen genau die gleiche Möglichkeit haben, Ingenieurswesen zu studieren wie Jungen. Womit sie, da sie das nicht versteht, gleich auch noch den Unterschied zwischen Möglichkeit und tatsächlicher empirischer Wahl einebnet.

(3) Ähnlich der Verschiebung des Unrechts baut die Berufung auf dem ›man‹ auf eine Hierarchisierung. „Die meisten Menschen wissen zwar“, und woher auch immer die Autorin selbst dies weiß, es klingt so einfach und provoziert den Automatismus, auch selbst zu diesen „meisten Menschen“ gehören zu wollen. Das „mehr“ klingt immer besser, vor allem wenn die angebliche „Bodenständigkeit“ gegen einen „elitären“, aber völlig fehlgelaufenen Bildungsdünkel ausgespielt wird.

(4) Und schließlich die Überdramatisierung. Sozialwissenschaftler und Politiker, so die Autorin, würden „permanent“ beteuern. Natürlich gibt es Politiker, die ihre Lieblingsthemen haben. Die gender-Theorie kann genauso gut dazu gehören. Aber Sozialwissenschaftler? Mal ganz abgesehen davon, dass ein Wissenschaftler seine Themen haben muss, mit denen er sich intensiv beschäftigt?
Ist also diese Konstruktion schon recht fragwürdig, so ist der letzte Halbsatz (eine verkürzte Analogie und damit fast schon eine Metapher) nur noch dubios. Natürlich gibt es auch in diesem Bereich seltsame Artikel und nicht alles, was zum Gender Mainstreaming veröffentlicht wird, ist automatisch gerecht, wissenschaftlich oder fundiert. Aber eine Aussage wie diese („mindestens genauso belegt wie die Schwerkraft“) habe ich noch nicht gefunden, lediglich die Aussage, Gender Mainstreaming sei die wichtigste politische Bewegung unserer Zeit, was allerdings tatsächlich eine recht dämliche Behauptung ist.

(5) Eine weniger wichtige rhetorische Strategie nutzt die Autorin im ersten von mir zitierten Satz. Sie stellt die Verminderung eines Unterschiedes („gar nicht so klein … ist“) als Übertreibung (oder eher: Untertreibung) dar (eine Hyperbel) und verlässt sich dabei darauf, dass Hyperbeln in beide Richtungen funktionieren: mit oder gegen den übertriebenen Wert (siehe dazu: Die Hyperbel als Figur im Diskurs).
Die erste „Raffinesse“ dieser Phrase ist, dass „klein“ nur eine Metapher ist. Sie suggeriert aber eine Materialität: denn nur materielle Dinge können in wörtlichem Sinne klein sein; und damit suggeriert sie weiter, dass es nur um die Biologie geht, bzw. um die Anatomie.
Dem folgt aber ein weiterer Zusatz und der erweist sich bei längerem Nachdenken als besonders gefährlich. Der „kleine Unterschied" sei nicht nur nicht so klein, sondern auch nicht steuerbar. Das ist eine völlig offene, weil ebenfalls völlig suggestive Argumentation. Sie könnte, aber hier wird die Autorin nie sonderlich deutlich, zu einem erneuten Fatalismus des biologischen Schicksals führen. Frauen seien halt so und Männer seien anders. Wiederholt dieser Zusatz auf der einen Seite die Vereinheitlichung durch seine Schwammigkeit (weshalb man ihn eigentlich gar nicht angreifen kann, da er nichts besagt), so wird er auf der anderen Seite als Überzeugung der stillschweigenden Mehrheit zugesprochen.

Insgesamt baut der Artikel auf Behauptungen auf. Er nimmt eine einzelne Sendung als Anlass, um darauf ein Für und Wider aufzubauen, ohne jemals nur in die kritische Diskussion einzusteigen. Diese kritische Diskussion wird gleichzeitig durch zahlreiche Abwertungen verhindert.
So schreibt die Autorin:
Komisch nur, daß die „Wahrheit“ kein Hinterfragen ertrug und die selbsternannten Experten sich statt dessen über Eias „unfaire“ Methoden beklagten.
Die Experten wären natürlich selbst ernannt. Deren Wahrheit muss in Anführungsstrichen stehen. Und auf die Idee, dass eine komplexe soziale Theorie vielleicht tatsächlich nicht so einfach zu vermitteln ist, scheint die Autorin auch nicht zu kommen. Dazu eben gibt es den guten Wissenschaftsjournalismus. Das wäre doch mal für Frau Anni Mursula ein lohnenswertes Betätigungsfeld, statt hier dumm und frech die Erfüllungsgehilfin eines sexistischen Neokonservatismus zu spielen.

Und das Gender Mainstreaming?
Nein, einen Hurrah-Automatismus werde ich euch nicht liefern.
Vor einigen Jahren hat die Bundeszentrale für politische Bildung unter der Leitung von Michael Meuser und Claudia Neusüß ein Buch über ›Gender Mainstreaming‹ (Bonn 2004) herausgegeben. Mein wesentlichster Kritikpunkt an diesem Buch ist, dass viele Autorinnen das Konzept mit der rechtlichen Gleichstellung verwechseln. Diese soll ja, angeblich, im Grundgesetz verankert sein (habe ich mal gehört). Und tatsächlich soll es für den Gesetzgeber und die Rechtsprechung keine Rolle spielen, ob ein Bürger nun männlich oder weiblich ist.
Beim Gender Mainstreaming allerdings geht es nicht um das biologische Geschlecht, sondern um das kulturelle. Dies beachtet das Buch zu wenig, in der Themenwahl und auch in den Argumentationen, und liefert dadurch selbst eine schleichende Re-Biologisierung des Gender-Konzeptes.
Ich habe mich damals jedenfalls sehr über dieses Buch aufgeregt. Nicht über alle Artikel, aber doch über deutlich sehr viele. Das ist tatsächlich schlechtes Gender Mainstreaming. Und so etwas möchte ich auch nicht haben.
Gender Mainstreaming soll gut sein und dazu gehört, dass man das Problem, nämlich den Zwang innerhalb sozialer Strukturen, ihren Einfluss auf die Wahrnehmung, auf Motive und auf Bedürfnisse zuallererst begreift. Und deshalb ist der Artikel von Frau Mursula in einem doppelten Sinne gefährlich: zum einen, weil er gegen eine äußerst plausible Theorie (gemeint ist: gender) polemisiert und weil er die Kritik an Trittbrettfahrern der Gender-Theorie (und natürlich gibt es die! das will ich gar nicht leugnen) erschwert.
Wir müssen begreifen lernen, dies zu trennen. Die Kritik des israelischen Staates ist noch kein Antisemitismus. Selbstverständlich kann das eine als Legitimation für das andere genutzt werden. Diese Befürchtung habe ich selbst oft genug. Doch das Problem kann hier nicht indirekt angegangen werden, indem man nämlich die Kritik an Israel unterbindet, sondern besteht einfach darin, auf dem Unterschied zwischen Israelis (als Regierung, als Staat, als Territorium, als Volk) und Juden zu beharren.
Ähnlich müssen wir dies für das kulturelle Geschlecht denken. Dass ein Mensch ein kulturelles Geschlecht habe, besagt noch sehr wenig. Und natürlich verwirft es nicht die Anatomie des Körpers. Die Frage besteht doch darin, wie beides zusammenhängt. Wogegen ich mich wehre, ist auf der einen Seite die Kurzschlussreaktion, wenn das nicht bewiesen sei, dann gelte automatisch wieder die biologische Determinierung. Ebenso wehre ich mich aber gegen die Praxis der Gleichschalterei (obwohl dies eher ein Mythos der Gender-Gegner ist) und schließlich ist natürlich eine vollständige Abkopplung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht auch unsinnig. Spätestens ein pubertierender Mensch wird seine eigenen Geschlechtsorgane beeindruckend finden und gelegentlich mal darüber nachdenken. Und wenn das keine Wechselwirkung zwischen anatomischem Schicksal und individueller Aneignung ist, dann weiß ich auch nicht weiter.

Deutschland und sein Wir-Gefühl (Nein! — Doch! — Oh!)

Ach Frau Böhmer! Wir-Gefühle in Deutschland! Ist das nicht gleich ein bisschen doppelt doof? Einmal hatten wir das schon, Stichpunkt: Nibelungentreue, und hier war das ›wir‹ besonders wichtig für all die, die sich verheizen lassen sollten. Zum anderen: geht die Spaltung in Deutschland nicht auf ganz andere Umstände zurück, Umstände, bei denen ein bisschen Wir-Gefühl auch ganz sinnvoll wäre, so vom Kapitalisten zum Arbeiter? Vom korrupten Bankier zum sich plagenden Kleinbürger?
Ich finde es ja gut, dass Sie Missstände aufdecken. Aber bei Politikern habe ich mir angewöhnt, gleichzeitig zu fragen, welche anderen Missstände damit verdeckt werden sollen. So wichtig es ist, gegen Rassismus vorzugehen, so ist die Instrumentalisierung des Anti-Rassismus und des „Multi-Kulti“ doch ein wenig … unchristlich, oder?

Was aber hat Frau Böhmer eigentlich getan? Die Zeitung Junge Freiheit fasste einige Aussagen der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung zu einem Artikel zusammen. Die genauere Herkunft dieser Aussagen ist übrigens, wie bei guten online-Artikeln üblich, unbekannt. Es kann sich jedenfalls nicht um ein Selbstgespräch auf der Toilette handeln, denn hier liest Frau Böhmer, wie aus gut informierten Insidern-Kreisen zu erfahren war, Shades of Grey (Oh, I found some baby-oil. Rub it on my back).
Spaß beiseite. Zurück zur CDU und ihrer Integrationsbeauftragten.

Böhmer warnt.
„Gefährlich sind auch Vorurteile und dumpfe Parolen, die ein Klima der Verachtung von Minderheiten erzeugen.
Nein! — Doch! — Oh! (frei nach Louis de Funès)
Um so wichtiger sei es, stets wachsam zu sein und rechtsextremistisches Gedankengut im Keim zu ersticken, warnte Böhmer.
Warum dieser letzte Satz eine Warnung ist, will mir allerdings nicht so recht in den Kopf. Dem Artikelschreiber hätten so viele andere schöne Wörter einfallen können, zum Beispiel lächeln, seufzen, hauchen oder schnarren. Zur Not hätte es sogar ein einfaches ›empfehlen‹ getan (Nein! — Doch! — Oh!).

Und was sagt Frau Böhmer sonst noch so?
Den üblichen Quark. Die Ausschreitungen in Lichtenhagen waren menschenverachtend. Die ›nationalsozialistischer Untergrund‹ sei eine rechtsextremistische Terrorgruppe (Nein! — Doch! — Oh!). Die Einwanderer müssten sich auf den deutschen Rechtsstaat verlassen dürfen, was ich übrigens toll fände, denn ich würde mich gerne auch mal auf den deutschen Rechtsstaat verlassen dürfen wollen, vor allem, wenn es um den Bereich der Hochfinanz geht. Dort sitzen nämlich Menschen, denen die Hypothesenbildung und der Konjunktiv komplett unbekannt scheinen, sonst würden sie den Satz ›Die Würde des Menschen ist unantastbar.‹ besser verstehen.

Wir-Gefühle in Deutschland, das wäre doch mal was. Damit ist die Vermassung der Individualität, wie sie nach der Auflösung der bürgerlichen Familie unser alltägliches Brot geworden ist, in eine wunderbare Vokabel verpackt. Das dahinter ein schleichender Nationalismus steckt und ein solcher Nationalismus immer auch die Brutstätte von Rassismen ist, auf dieses Paradox möchte ich gar nicht hinweisen (Nein! — Doch! — Oh!).

08.09.2012

Bettina Wulff — ein Wort, in die Welt gesetzt, kommt nicht zurück

Was auch immer an diesen Gerüchten richtig oder falsch ist: eines jedenfalls lässt sich an der Debatte um Bettina Wulff hervorragend studieren: Themen neigen dazu, eine Eigendynamik zu entwickeln und gerade moralische, skandalöse Themen sind dazu bestens geeignet.

Bettina Wulff und das Rotlichtmilieu

Es wird also behauptet, die jetzige Frau unseres ehemaligen Bundespräsidenten habe im Rotlichtmilieu gearbeitet, als Escort-Service. Zumindest habe ich das bisher so verstanden. Stellen wir einmal nicht die Frage nach der Wahrheit, sondern nach einer grundlegenderen kommunikativen Funktion dieser Behauptung, dann können wir sagen, dass hier das „Undenkbare“ gesagt wird. Das wäre so, als würde ich behaupten, dass Angela Merkel früher ein Mann gewesen sei und eine Geschlechtsumwandlung hinter sich habe.
Rein psychologisch gesehen sucht unser Gehirn nach Spannungspunkten. Es arbeitet problemorientiert. Das „Undenkbare“ wird von den Massenmedien in Form von Skandalen und Sensationen erzeugt, um Leser zu binden. Die Problemorientiertheit des Gehirns und die Leserbindung der Massenmedien treffen hier aufeinander. Über Sensationen und Skandale wird eine strukturelle Kopplung erreicht.

Evolution von Skandalen

Massenmedien, wie andere funktionale Systeme, evoluieren. Sie variieren Themen, schauen, ob diese ausgewählt werden und sich dadurch stabilisieren lassen. Eine der möglichen Variationen, die in Massenmedien besonders beliebt sind, ist eben das skandalöse Gerücht. Es gibt eine erwartbare Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn die betreffende Person, wie hier zum Beispiel Bettina Wulff, sowieso schon stark von der Öffentlichkeit beachtet wird.
Trotzdem müssen wir hier auch den eigentlichen Skandal hinter diesem „Skandal“ beachten: die Eigendynamik des politischen Systems. Die zentrale Operation dieses Systems ist, nach Luhmann, das Besetzen von politischen Stellen. Wird eine Stelle unbesetzt, muss sie durch jemand anderen eingenommen werden.
Was die ganze Sache um Bettina Wulff so brisant macht, ist die Behauptung, dieses Gerücht wäre  durch „politische Freunde“ in die Welt gesetzt worden. Die Bild-Zeitung nennt hier die niedersächsischen CDU-Kreise und zitiert den Journalisten Leyendecker (SZ):
Tatsächlich sei „der Nährboden für die Verleumdungen ... im Reich der niedersächsischen CDU zu suchen.“
Wäre das wahr, so hätten wir es hier nicht nur mit einem äußerst verwerflichen Vorgehen zu tun, sondern auch mit einer für die Bundesrepublik Deutschland noch sehr ungewöhnlichen Kopplung zwischen politischem und massenmedialen System. Innerhalb einer Partei wird die Moralisierung benutzt, um den Massenmedien einen Skandal zu liefern und diesen auf das politische System zurückwirken zu lassen. Dabei ist es dann schon fast egal, ob die Vorwürfe gegen Bettina Wulff jeglicher Grundlage entbehren. Allein die Zusammenbindung von ihr und dem Rotlichtmilieu reicht aus, um eine eigene Dynamik in Gang zu setzen.

Und ich?

Mich interessiert die Wahrheit nicht. Ich habe Christian Wulff noch nie leiden können. Was mit seiner Frau ist, ist mir egal. Ob sie hat oder nicht hat, was spielt das für eine Rolle, wenn sie politisch sowieso nichts zu sagen hat?
Was mich so besorgt, und ein Spiegel-Aufmacher im späten Frühjahr hatte ein ähnliches Thema, ist die Verfilzung der Politik, die gegenseitige Begünstigung, in der es kaum noch um die Fähigkeit der einzelnen Politiker geht, sondern nur noch um ihre moralische „Integrität“ und die Zerstörung von dieser. Eine intellektuelle „Integrität“, wie man sie Helmut Schmidt oder Willy Brandt noch zusprechen konnte, wird überhaupt nicht mehr in den Blick gerückt. Ausnahmen (und das finde ich wieder sehr wohltuend) sind einige Blogger, bestimmte Journalisten und Kabarettisten. Fehlt diese intellektuelle Integrität, kann es sich nur um eine dumme Moral handeln oder eine scheinheilige.
Bettina Wulff ist hier nur eine Schachfigur. Das Spiel heißt wohl: die CDU frisst ihre Kinder.

31 Fragen an Leser:innen

Weil Melusine ihre Reihe 31 Fragen an Leser:innen fortsetzt, schließe ich mich dem an. Meinen erster Artikel dazu findet ihr hier.

20. Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Bei dieser Frage müsste ich eigentlich passen. Mich haben die Bücher, die wir in der Schule gelesen haben, eigentlich nie interessiert. Und andererseits hatte ich zu gute Deutschlehrer, die mich immer motivieren konnten, so dass ich doch einiges ohne zu murren mitgemacht habe: aber ich erinnere mich noch ganz düster, dass mir die Iphigenie gut gefallen hat und vor allem Arthur Schnitzler, Der Weg ins Freie.

21. Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Ganz eindeutig: Kabale und Liebe. Schiller habe ich noch nie gemocht. Es folgt dicht dahinter ein Perry Rhodan-Roman, den wir als Beispiel für Massenliteratur gelesen haben. Dieser handelte von irgend einer Art Maschinenmensch. Ich habe weder die Geschichte, noch den tieferen Sinn verstanden. Erst später, als ich angefangen habe Nora Roberts zu analysieren, ist mir der Zweck solcher Analysen bewusst geworden.

05.09.2012

Bin ich Barthes-Träger?

Womit ich meine Schmonzetten-Frage für heute gestellt hätte.

Matthias Kalle schreibt, wie er selber sagt, seine Kolumnen selbst. Ach hätte er sie doch nicht selbst geschrieben, wie uns folgender Satz beweist:
Der Vorwurf, um den es hier gehen soll, lautet verkürzt: Wallraff sei nicht Autor seiner Texte, er habe mindestens Zuarbeiter, so genannte Ghostwriter, die einem Leben im Schatten des großen Wallraff führen. (Hier; verfettet und eingebläut von mir: FW)
Kalle zitiert am Ende seines Kommentars Karl Kraus:
Eine Geschichte ist so lange gut, bis man weiß, wer sie geschrieben hat.
Eben! Die Autor-Funktion ruiniert doch alles.

03.09.2012

Vernachlässigung von Männern

von Jim Brutto

Profeministische Spielchen - Judith Butler und die Unterstellung

Was für ein Chaos!
Judith Butler, amerikanische Philosophin und Kritikerin, soll den Adorno-Preis bekommen. Rein formell steht sie als Preisträgerin fest. Nur die Verleihung muss noch stattfinden.
Doch was für ein Aufruhr! Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, bezeichnet Judith Butler als bekennende Israel-Hasserin. Als Beleg führt er unter anderem dafür an, dass Butler die Hamas und Hizbollah als „legitime soziale Bewegungen“ bezeichnet habe. Genau das aber hat sie nicht getan. Sie hat diese lediglich in das linke Spektrum eingeordnet und, wie jetzt in der Frankfurter Rundschau, gleichzeitig dieses Sammelsurium, das mit „links“ bezeichnet wird, als äußerst unpräzise und nicht hinreichend kritisiert.

Es ist genauso falsch, eine Philosophin nicht zu kritisieren, wie es falsch ist, einen Staat nicht zu kritisieren. Ein Staat, der sich als demokratisch bezeichnet, muss kritisierbar sein. Natürlich ist Kritik an sich nichts Gutes. Hier müssen innere und äußere Grenzen ausgehandelt werden. Das ist manchmal recht kompliziert. Und hier sollte man auf jeden Fall immer auch beachten, dass manchmal eine verkürzte Aussage, einfach, weil sie nur ein Nebenthema ist, noch lange nicht die Meinung der Sprecherin komplett in ihrer Differenziertheit wiedergibt.
Nun ist Butler nicht nur verkürzt, sondern auch verfälscht von Kramer wiedergegeben worden; die durchaus ambivalente Unterstützung der Kampagne BDS ("Boykott, Desinvestition und Sanktion") wird von Kramer als Zeichen eines Israel-Hasses ausgelegt. Das ist eine ganz schreckliche  Simplifizierung. Wohltuend dagegen ist der Kommentar der Berner Zeitung:
Der Generalsekretär Stephan J. Kramer beruft sich auf eine Aussage Butlers von 2006, als sie sagte, die Hamas und die Hizbollah würden sich klar als «antiimperialistisch» definieren und Antiimperialismus sei grundsätzlich ein Strukturmerkmal der globalen Linken. Sie sagte aber auch, dass sie die Hamas und die Hizbollah in keiner Weise unterstützen würde, weil sie Gewalt – weder terroristische noch staatliche – nie unterstütze.
Das wird nun ignoriert. Stephan J. Kramer bezeichnet sie als «eine Person, die sich mit den Todfeinden des jüdischen Staates verbündet», und bescheinigt ihr zudem eine grundsätzliche «moralische Verderbtheit». Besonders letztere Formulierung ist eine Ungeheuerlichkeit, über die man im Zusammenhang mit Judith Butlers Leben und Werk nicht allzu lange nachdenken darf.
Den Vogel abgeschossen allerdings hat Professor Adorján Kovács. Dieser schreibt in „Die freie Welt. Die Internet- & Blogzeitung für die Zivilgesellschaft“:
Es kam mir spanisch vor, mit welchen Tricks auf Teufel komm raus eine feministische Philosophin ausgezeichnet werden sollte.
Und setzt gleich noch eins drauf:
Das Kuratorium ist allem Anschein nach personell so überwiegend aus ProfeministInnen zusammengesetzt worden, dass die offenbar anderswo vorher bereits anvisierte Verleihung des Preises an Butler als Formsache nur noch abzunicken war. Hinter solchen Preisen stecken mehr politische Spielchen als ein genuines Interesse an der Würdigung von Leistungen. Es wäre interessant zu erfahren, wer neben der Förderung einer abstrusen feministischen Philosophie auch noch die antidemokratischen und terroristischen palästinensischen und libanesischen Organisationen in ein besseres Licht rücken möchte.
In einem anderen Artikel schreibt Kovács:
Butler geht in ihrem Buch [Das Unbehagen der Geschlechter] aber noch weiter und legt dar, dass auch das biologische Geschlecht diskursiv erzeugt sei (an anderer Stelle schreibt sie wörtlich: „sex“, also das anatomisch-biologische Geschlecht, sei „always already gender“, also kulturell und sozial hervorgebracht).
Auch hier offenbart Kovács nur, dass er Butler nicht verstanden hat. Butler behauptet keineswegs, dass es keine biologischen Geschlechter gibt. Sie fragt nur, ob diese ›ungendered‹ in Diskursen auftauchen können.
Butlers Antwort ist hier eindeutig ein Nein! Aber sie sagt auch, dass der Körper in solchen Diskursen insistiert. Die Frage ist nur: wie? Und wie ließe sich das wahrnehmen?
Überspitzt gesagt schreibt Klovács nämlich folgendes: sollen doch die Frauen so viel über gender reden, wie sie wollen; wir (die Männer) wissen, was der (weibliche) Körper ist.
Ebenfalls absurd (im selben Artikel):
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Angehörigen einer Gesellschaft, die solche Probleme mit der Identität hat, sich in der eigenen Haut, sei sie nun männlich oder weiblich oder was auch immer, nicht mehr wohl fühlen. [...] Leider muss konstatiert werden, dass auch hier die Aufklärung zu einem unerwünschten Ergebnis geführt hat, nämlich einer vermehrten Kontrolle des Sprechens und der Meinungsäußerung.
Wie Kovács von dem ersten zu dem zweiten Satz kommt, erklärt er uns nicht. Besonders schlimm allerdings ist, wie der Autor suggeriert, die Angehörigen hätten ein Problem, damit implizit andeutet, vor allem die ungewöhnlichen Identitäten (zum Beispiel schwule Soldaten) trügen dafür die Verantwortung und diese sich zurückwendet auf die Betroffenen selbst. Natürlich sagt dieser Satz das nicht so. Aber versuchen Sie mal, die Aussage des ersten Satzes festzustellen, indem sie seine Logik auseinander pflücken und Sie werden sehen, dass er nichts mehr als eine in alle möglichen Richtungen sich zerstreuende Suggestion ist.
Was also macht Kovács?
Er unterstellt, aufgrund der Zusammensetzung, dem Kuratorium einen feministischen Tunnelblick. Er schreibt in seinem ersten Artikel (den ich hier als zweites zitiere) noch recht unterschwellig gegen Judith Butler, zeigt aber schon hier, dass seine Argumentationen sprunghaft und tendenziös sind. Vermutlich ermutigt durch die derzeit aufbrandende Kritik kommt dann aber das Wort „abstruse Philosophie“ und dies gekoppelt mit der Unterstellung, das Frankfurter Kuratorium könnte gar nicht den kritischen Feminismus von Judith Butler gemeint haben, sondern habe eventuell „die antidemokratischen und terroristischen palästinensischen und libanesischen Organisationen in ein besseres Licht“ rücken wollen.
Ist das nicht widerlich?

02.09.2012

Meditieren

§ 120. Meditieren
Unter Meditieren ist Nachdenken oder ein methodisches Denken zu verstehen. - Das Meditieren muß alles Lesen und Lernen begleiten; und es ist hierzu erforderlich, daß man zuvörderst vorläufige Untersuchungen anstelle und sodann seine Gedanken in Ordnung bringe oder nach einer Methode verbinde.
(Kant, Immanuel: Logik. in ders.: Schriften zur Metaphysik und Logik 2. Frankfurt am Main 1977, Zitat von Seite 582)

01.09.2012

Millet plärrt

Breivik est un enfant de la ruine familiale autant que de la fracture idéologico-raciale que l’immigration extraeuropéenne a introduite en Europe depuis une vingtaine d’années, et dont l’avènement avait été préparé de longue date par la sous-culture de masse américaine, conséquence ultime du plan Marshall.

Breivik ist das Kind der familiären Ruine von ebenso dem ideologisch-rassischen Bruch wie von der außereuropäischen Einwanderung nach Europa seit etwa zwanzig Jahren, deren Heraufkunft [avènement] seit langer Zeit durch die amerikanische Massen-Unterkultur [sous-culture; eigtl. Subkultur] vorbereitet wurde, endgültige Konsequenz des Marshall-Plans.
(Original hier, Übersetzung von mir)
Ich erinnere hier an einige sehr erfolgreiche innereuropäische Familientreffen: 1618-48 zwischen den Spaniern und den Schweden, zwischen Preußen und Österreich 1740-1748 oder zum Beispiel zwischen Preußen und Frankreich von 1792-1807 und seine äußerst beliebte Wiederholung von 1813-1815. Nicht vergessen dürfen wir auch dem immer noch nachgetrauerten großen Freundschaftstreffen von 1939-45, die Welt zu Gast bei Freunden (d.h. dem Deutschen).
Warum also plärrt dieser eingebildete Franzose so über den Breivik herum? Da hat doch ein Norweger nur Norweger getroffen!

Und im Ernst:
Wann hat es denn wirklich diese europäische Familie gegeben? Sicherlich: im Adel wurde untereinander verheiratet und hier hat es dann auch recht enge familiäre Verbindungen gegeben. Aber mit der Heraufkunft des modernen, politischen Staates und vor allem mit der Idee der Industrienation, mit dem modernen Verwaltungsapparat, und so weiter, hat sich die Situation grundlegend geändert, bzw. das Gewicht der Macht verschoben. Es gab vorher keine europäische Familie und hinterher auch nicht.
Der so benannte ideologisch-rassische Bruch lässt sich sowieso kaum verstehen. Die Vokabel hört sich irgendwie pompös und bedeutsam an, aber was soll damit gesagt werden? Solche leeren Vokabeln dienen doch eher dazu, die Vorurteile der Leser aufzunehmen, seien diese annehmender oder ablehnender Art. Aber argumentieren kann man damit nicht, außer auf der rhetorischen Ebene.
Besonders hübsch allerdings ist die Begründung, der Marshallplan habe die außereuropäische Immigration vorbereitet und zwar, wie sich aus dem Zusatz „seit langer Zeit“ [de longue date] interpretieren ließe, willentlich und ebenfalls von außen (diesmal aus Amerika) kommend. Was auch immer Immigranten nach Europa treibt, die Hoffnung, das Geld, die Flucht vor dem Hunger oder dem Krieg, wird hier einfach weggewischt. Stattdessen wird behauptet, zumindest suggeriert, dass es hier nur um die Zerstörung einer Kultur durch eine andere Kultur geht, nicht um internationale Notlagen, nicht um wirtschaftliche Interessen, um gar nichts anderes.
Und noch einmal: es gibt nicht DIE europäische Kultur, die hat es noch nie gegeben. O.k., wenn ich heute von Wedding in den Prenzlauer Berg gehe, dann erlebe ich den kulturellen Bruch durchaus am Beispiel Araber/Deutsche. Doch ein ähnlicher Bruch lässt sich auch erleben, wenn man aus dem Prenzlauer Berg in ein mittelhessisches Dörfchen fährt. Dort hat man eben keine herumschlendernden, arabischen Jugendlichen, sondern Bauernlümmel auf Mopeds. Für die "gehobene Kultur" wohl keine gute Alternative, oder?

Adorno und das Genie

Das Moment des Ichfremden unterm Zwang der Sache ist wohl das Signum dessen, was mit dem Terminus genial gemeint war. Der Geniebegriff wäre, wenn irgendetwas an ihm zu halten ist, von jener plumpen Gleichsetzung mit dem kreativen Subjekt loszureißen, die aus eitel Überschwang das Kunstwerk ins Dokument seines Urhebers verzaubert und damit verkleinert. Die Objektivität der Werke, den Menschen in der Tauschgesellschaft ein Stachel, weil sie von Kunst, irrend, erwarten, sie mildere die Entfremdung, wird in den Menschen, der hinter dem Werk stehe, zurückübersetzt; meist ist er nur die Charaktermaske derer, die das Werk als Konsumartikel verkaufen wollen. Will man den Geniebegriff nicht einfach als romantischen Überrest abschaffen, so ist er auf seine geschichtsphilosophische Objektivität zu bringen. Die Divergenz von Subjekt und Individuum, präformiert im Kantischen Antipsychologismus, aktenkundig bei Fichte, affiziert auch die Kunst. Der Charakter des Authentischen, Verpflichtenden und die Freiheit des emanzipierten Einzelnen entfernen sich von einander. Der Geniebegriff ist ein Versuch, beides durch einen Zauberschlag zusammenzubringen, dem Einzelnen im Sondergebiet Kunst unmittelbar das Vermögen zum übergreifend Authentischen zu attestieren. Der Erfahrungsgehalt solcher Mystifikation ist, dass tatsächlich in der Kunst Authentizität, das universale Moment, anders als durchs principium individuationis nicht mehr möglich ist, so wie umgekehrt die allgemeine bürgerliche Freiheit die zum Besonderen, zur Individuation sein sollte.
Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1973, Seite 254 f.
Im übrigen stimme ich Adorno nicht darin zu, dass Kant nicht die technische Seite seiner Genie-Ästhetik gesehen habe. Diese technische Seite findet sich sehr deutlich in der Darstellung der Hypotypose (siehe Kant und die Urteile). Das Problem bei Kant ist eher, dass er behauptet, die Möglichkeit dieser Technik sei dem Menschen mehr oder weniger angeboren. Genie sei, wem hier, in der Verbildlichung, ein hohes Talent beschieden sei. Wir wissen aber heute, dass das, was Kant als Symbol vorstellt, eine wichtige Denktechnik ist (die Analogiebildung) und trainiert werden kann (siehe zum Beispiel mein Buch Metaphorik. Strategien der Verbildlichung).

Kant und die Urteile

Seit Wochen verfolge ich den Begriff des Urteils, vor allem in der Philosophie von Kant. Hierzu habe ich mir ein kleines Raster angelegt. (1) Wahrnehmungsurteile, bzw. empirische Urteile, drücken eine schlichte Wahrnehmung aus, zum Beispiel: im Moment ist der Himmel wolkenlos blau; (2) Geschmacksurteile, die sich zum einen in ästhetische Urteile und zum anderen in teleologische Urteile aufteilen lassen: ästhetische Urteile beziehen sich auf das momentane Wohlgefallen (dieses Buch ist spannend), teleologische Urteile auf den Weg, zu einem solchen Wohlgefallen zukommen (wenn ich mein Zimmer aufgeräumt habe, fühle ich mich gleich besser); (3) Begriffsurteile, die zwei Begriffe in Bezug zueinander setzt (ADHS ist eine psychiatrische Störung).

Vermischung der Urteile

Urteile treten häufig nicht rein auf, sondern vermischt. Indem ich sage, der Himmel sei wolkenlos blau, drücke ich nicht nur ein empirisches Urteil über den momentanen Zustand der Welt aus; darin kann auch eine Wertschätzung und ein Wohlgefallen liegen. Ebenso können sich Geschmacksurteile und Begriffsurteile vermischen. Sage ich: Peter hat ADHS, so kann dies eine schlichte Zuweisung der Störung zu einer Person sein; es kann aber auch eine implizite Aufforderung sein, dass irgendjemand jetzt irgendetwas mit Peter machen müsse oder dass ich mir vorgenommen habe, Peter aufgrund der ADHS besonders zu unterrichten.
Durch die Situiertheit von Urteilen, aber auch durch elliptische Satzkonstruktionen (typisch werden aus Geschmacksurteilen Begriffsurteile, wenn im Satz ein Subjektschwund stattfindet), also durch alltagssprachliche Gewohnheiten, findet eine beständige Vermischung zwischen den Urteilen statt. Ja, es gibt Menschen, denen ist der Unterschied zwischen einem Begriffsurteil und einem Wahrnehmungsurteil nicht klar.

Kultur und Neurose

Meine Einteilung ist unvollständig und grob. Ein Stück weit habe ich sie auch deshalb so gewählt, um mit den Begriffen von Kant nicht ins Gehege zu kommen. Trotzdem lässt sich mit diesen mein eigentliches, momentanes Interesse ganz gut ausdrücken. Mir scheint nämlich, dass die Vermischung der Urteilsformen das neurotische Potenzial unserer Kultur ausmachen. Insbesondere gilt dies für die Vermischung von Geschmacksurteilen und Begriffsurteilen. Diese findet man typischerweise in rassistischen, sexistischen oder (aber was heißt hier oder?) fundamentalistischen Aussagen: Juden, Neger, Schwule und natürlich Sozialisten — weg mit dem Dreck!
Bei Sigmund Freud (dem ich mich demnächst wieder etwas intensiver widmen muss) kann man die Aussagen der Neurotiker ebenfalls sehr gut darauf hin beobachten.
Vor allem aber die Frankfurter Schule scheint diese Vermischung zu einem zentralen Thema gemacht zu haben (ich kenne leider noch zu wenig Werke dieser Philosophen). Nun hat die Frankfurter Schule allerdings eine moralische Unentscheidbarkeit in dieser Vermischung entdeckt. Denn auf der einen Seite entstehen hier die Neurosen von Einzelpersonen, Gruppen und Völkern, auf der anderen Seite hat diese Vermischung auch kulturschaffende Kraft. Etwas salopp formuliert und auf die Kantische Frage, wie Neues möglich sei, antwortet die (frühe) Frankfurter Schule: in dieser Unentscheidbarkeit von Begriffsurteile und Geschmacksurteilen. Nicht Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander, sondern der Weg zum Genie und der Weg zum Wahnsinn sind in vielen Aussagen nicht unterscheidbar zusammen gemengt.

Kant: Metapher und Genie

Dies ist so ungefähr meine derzeitige Beschäftigung. Das alles ist noch sehr unsicher.
Es war Hans Blumenberg, der mich zunächst auf die Kritik der Urteilskraft und hier insbesondere auf den § 59 verwiesen hat. In diesem Paragraphen stellt Kant nämlich die Hypotypose dar, die ich auch Verbildlichung nenne (siehe auch Plotten: Thesen & Prämissen). Besonders wichtig ist aber, dass Kant hier die Metapher definiert, ohne das Wort Metapher zu benutzen (ich pflücke diesen ganzen Paragraphen zur Zeit noch auseinander: in Zukunft dazu mehr). Ich zitiere aus Blumenbergs Paradigmen
Der mit Kant vertraute Leser wird sich in diesem Zusammenhang an § 59 der »Kritik der Urteilskraft« erinnert finden, wo zwar der Ausdruck ›Metapher‹ nicht vorkommt, wohl aber das Verfahren der Übertragung der Reflexion unter dem Titel des »Symbols« beschrieben wird. Kant geht hier von seiner grundlegenden Einsicht aus, dass die Realität der Begriffe nur durch Anschauungen ausgewiesen werden kann. Bei den empirischen Begriffen geschieht dies durch Beispiele, bei den reinen Verstandesbegriffen durch Schemate, bei den Vernunftbegriffen (›Ideen‹), denen keine adäquate Anschauung beschafft werden kann, geschieht es durch Unterlegung einer Vorstellung [nämlich der ›symbolischen Hypotypose‹, FW], die mit dem Gemeinten nur die Form der Reflexion gemeinsam hat, nicht aber Inhaltliches.
(Blumenberg, Hans: Paradigmen zu einer Metaphorologie. Frankfurt am Main 1998, Seite 11)
Der § 59 aus der Urteilskraft korrespondiert mit Passagen aus § 49 des selben Werkes. Dieses ist übertitelt mit „Von den Vermögen des Gemüts, welche das Genie ausmachen“. Wie nämlich das Symbol (= Metapher) etwas verbildlicht, was sich nicht verbildlichen lässt, so stellt das Genie etwas dar, was sich eigentlich nicht darstellen lässt:
Man kann dergleichen Vorstellungen der Einbildungskraft Ideen nennen: einesteils darum, weil sie zu etwas über die Erfahrungsgrenze hinaus Liegendem wenigstens streben, und so einer Darstellung der Vernunftbegriffe (der intellektuellen Ideen) nahe zu kommen suchen, welches ihnen den Anschein einer objektiven Realität gibt; andrerseits, und zwar hauptsächlich, weil ihnen, als innern Anschauungen, keinen Begriff völlig adäquat sein kann.
Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Frankfurt am Main 1974, Seite 250
Übrigens habe ich in den letzten Tagen einiges zu dem Begriff des Genies geschrieben, nicht nur wegen Kant, sondern (Achtung!) wegen Ruprecht Frieling. Dieser hat in seinem Buch ›Wie Autoren ihre unbewussten Kräfte aktiv nutzen können‹ der Geschichte des Geniebegriffs eine sehr saloppe Analyse zukommen lassen. Leser von Kant oder Foucault dürften zwar enttäuscht werden, von dem, was Frieling schreibt, aber als Einführung ist es durchaus äußerst brauchbar; es ist eben nicht wahnsinnig ausführlich und deshalb auch ein Stück weit einseitig.