10.01.2012

Der Dilettant

Nein, Herr Rietzschel, Dilettanten sind keine "Meister der Blendung". Zunächst ist ein Dilettant nur jemand, der das, was er macht, noch nicht häufig genug getan hat und noch nicht genügend reflektiert hat. Oder jemand, der etwas als Hobby betreibt, ohne Anspruch auf große Erfolge.
Das andere, da haben Sie vollkommen recht, nämlich diejenigen, die dilettieren, aber niemand darf ihnen das vorwerfen, bzw. die darüber hinweg täuschen, die nennt man Blender.

Was ich auch nicht verstehe: warum hat die Stunde der Dilettanten erst jetzt geschlagen? Solche Dilettanten oder auch Blender gab es schon immer. In der Elitesoziologie findet man die Aussage, dass nicht die intelligentesten, sondern die durchsetzungsfähigsten (rücksichtslosesten) Menschen oftmals die Hierarchie erklimmen. Dafür ist ein durch Konkurrenz betriebenes Gesellschaftssystem eben besonders anfällig.

Siehe zum Beispiel George Bush.

Dilettanten sind mir im übrigen überaus sympathisch. Zumindest, wenn sie wissen, dass sie Dilettanten sind und mit ihren Hobbys keine Ansprüche an die Gesellschaft oder auf verantwortungsvolle Positionen stellen. 
Mit anderen Worten (und um auf mein Metier zurückzugreifen): wenn jemand ein Buch geschrieben hat, bzw. sich eine verworrene Geschichte zusammendilettiert hat und jetzt sofort einen Vertrag mit einem Verlag haben möchte, eventuell sogar von mir die Bestätigung, dass ihr Buch auf jeden Fall veröffentlicht wird, dann kriege ich (innerlich) einen Herzkasper.
Neulich hatte ich eine Kundin, weit über die 60, die Geschichten aus ihrem Leben aufgeschrieben hat. Sie wollte, dass jemand "Professionelles" über ihre Texte schaut. Sie selbst habe, so die Frau, wenig Ahnung von der Materie. Vermutlich lag es auch an dieser Bescheidenheit, dass die Geschichten hübsch geschrieben, stilistisch eingängig, aber trotzdem mit einem gewissen Eigensinn und insgesamt informativ und vergnüglich waren. Wenn es für uns Schreibcoaches eine immer wiederkehrende Erfahrung gibt, dann diese: Demut führt zu Distanz, Distanz ermöglicht Reflexion und Reflexion ermöglicht ein qualitativ besseres Schreiben.

Zentrales Korrektiv

Und noch ein schöner Artikel - Vom Risiko des Rampenlichts -:
Was kann Mächtige davor bewahren, vom Virus der Grandiosität infiziert zu werden? Gibt es Alarmsignale?
Das ist sehr schwierig, denn der Prozess ist schleichend. Hilfreich ist ein kritischer Partner, der am Abend sagen kann: Nun komm mal wieder auf den Teppich. Solche Sätze auszusprechen, das trauen sich nicht mal enge, unabhängige Berater, dazu bedarf es eines privaten Umfelds, in dem Kritik geübt, Kritik angenommen wird und auch mal über sich selber gelacht wird. Wenn bei strahlenden Paaren wie den Guttenbergs oder Wulffs beide Partner im Rampenlicht stehen – was auch deshalb geschieht, weil die Öffentlichkeit solche Paare mit Freude idealisiert –, da kann das zentrale Korrektiv abhanden kommen.
Zugegeben: ich bin mittlerweile kaum noch psychoanalytisch geprägt. Es gibt andere (und meiner Ansicht nach bessere) Beschreibungsmodelle, zum Beispiel das systemische. Trotzdem ist dieses Interview mit dem Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth großartig. Es beschreibt das Wechselspiel zwischen öffentlicher Meinung und persönlicher, narzisstischer Grandiosität und wird damit schon fast systemisch. 

Das wäre ja mal was!

Den Aussagen war laut Marktanalyst Wolfgang Duwe von der Bremer Landesbank jedoch nichts Neues zu entnehmen: „Anleger warten die weitere Entwicklung in der Euro-Zone ab. Das Börsenumfeld bleibt politisch geprägt.“,
so der Tagesspiegel heute morgen. Schön, wenn alleine das schon mal Fakt wäre. Schön, wenn die Politik mal beweisen könnte, dass sie deutlichen strukturierenden Einsatz in der Wirtschaft zeigen könnte und nicht den wirtschaftlichen Entwicklungen nachhechelt.
Noch schöner wäre es allerdings, wenn es ein guter, auch dem kleinen Manne (und der kleinen Frau) dienender Einsatz wäre.

Und hier ein guter Bericht über die Versprechen der Regierungen zur Neuordnung des Wirtschaftssystems und was tatsächlich getan wurde: laut dem Artikel nämlich nichts. - Hurra!

09.01.2012

Filme, die ich nicht sehen will

Ein TV-Crew dreht auf einer einsamen philippinischen Insel mit dem Survival-Experten Seb eine Doku über das Überleben im Dschungel. Doch obwohl die Insel scheinbar einsam und verlassen ist, sind sie nicht alleine. Im Dschungel lauert das Grauen: Aswangs, furchterregende Kreaturen mit Appetit auf Menschenfleisch und unstillbaren Durst auf das Blut schwangerer Frauen, lauern im Verborgenen. Als die Monster wittern, dass eines der weiblichen Crewmitglieder schwanger ist, beginnt die tödliche Jagd und der Kampf ums nackte Überleben. (Surviving Evil)

Da ist mir eigentlich schon die Beschreibung zu viel.

07.01.2012

Der Herr Antifeminist ...

Natürlich lösche ich auch Kommentare, zum Beispiel diesen, den ich hier auszugsweise wiedergebe. Ich würde mich, schreibt ein Anonymus zu meinem Artikel über Herrn Wulff, bei den "Hardcore-Feministen" anbiedern und die biologischen Ursachen der Weiblichkeit leugnen.

Das ist nun bemerkenswert dumm. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass die Verbindung zwischen Biologie und Denken nicht so eindeutig ist, wie manche Biologisierer das gerne haben wollen. Die Plastizität des Gehirn ist nicht nur beeindruckend stark an die Reizaufnahme gekoppelt, sondern auch in verschiedenen Gehirnteilen sehr unterschiedlich. Es gibt im Groben Tendenzen, dass weibliche und männliche Gehirne in gewissen Teilen unterschiedlich funktionieren. Aber eine Tendenz bedeutet noch nicht, dass Frauen zum Beispiel von einer intellektuellen Reflexion ausgeschlossen wären. (Was Sie zwar nicht in Ihrem Kommentar geschrieben haben, was aber häufiger als Tendenz bei den Biologisierern anklingt.)

Abgesehen davon kann man, selbst wenn es eine Tendenz in diese Richtung gäbe, dies nicht auf eine einzelne Frau zurückschließen. Denn in der Natur gibt es immer eine gewisse Streubreite, und warum sollte es dann nicht bei Frauen solche "Ausreißer" geben? - Dieser ganze Absatz steht unter der Prämisse, dass es eine starke Verbindung zwischen Denken und Geschlecht gäbe. Doch selbst hier muss man den Kurzschluss von Art und Individuum kritisieren. Wenn man zum Beispiel mit Petra spricht, spricht man weder mit dem Wesen noch mit der Biologie der Frau, nicht mal mit der ganzen Petra, nicht mal mit ihrem gesamten Denken. Das liegt übrigens an der simplen Tatsache, dass man nicht sein gesamtes Denken gleichzeitig aussprechen kann, sondern, wenn überhaupt, nur nacheinander.

Biologisierer gehen auch davon aus, dass Biologie weitgehend eindeutig auf's Denken wirkt. Aber selbst wenn es eine "weibliche Denkbiologie" gäbe, zum Beispiel besonders emotional und intellektuell eher schwach, widerspricht dem die "Biologie der Willensbildung", die wesentlich mit höheren kognitiven Prozessen zusammenhängt, und die auch "irgendwie" biologisch angelegt ist. - Was auch immer das im Allgemeinen oder Besonderen bedeutet: Wer spricht denn von der Biologie oder der biologischen Veranlagung als einem einheitlichen Phänomen? Ja, warum sollten wir diese Anlagen nicht als heterogen, gar widersprüchlich denken?

Ich biedere mich also nicht den Hardcore-Feministinnen an, sondern werfe einige Argumente der kritischen Humanmedizin und der Anthropologie in den Raum. Vor allem versuche ich mich wissenschaftlich zu benehmen. Auch ich habe schlechte Erfahrungen mit bestimmten Frauen gemacht. Deshalb schließe ich aber noch lange nicht auf Frauen im allgemeinen oder auf biologische Ursachen.

Ihre anderen Beleidigungen zitiere ich hier nicht. Die sind noch dämlicher und nicht der Rede wert.

Wulff und die Würde

Es wäre so viel einfacher, wenn der Schaden größer gewesen wäre. So aber herrscht Ambivalenz, selbst bei den Kritikern und Spöttern von Wulff. Nein, ich mag Herrn Wulff auch nicht und ja, er schädigt ein Amt, dessen wesentliche Funktionen eine vorbildliche und moralische ist. Selbst wenn man den Anruf unseres Bundespräsidenten bei der Bild-Zeitung nicht kennt, bekommt man doch den Eindruck, dass er nicht sein Amt liebt, sondern vor allem sich selbst im Amt. Also kein ethischer Mensch, sondern ein egozentrischer.


Aber die öffentliche Diskussion …
Andererseits mag ich die öffentliche Diskussion nicht. So ist es mir schon bei Sarrazin gegangen, so bei von Guttenberg. Hier wie dort wird mir zu wenig analysiert und zu viel beurteilt. 

Ich habe die letzten Wochen dazu benutzt, einen Kommentar zum Grundgesetz zu lesen und für mich noch einmal über bestimmte Aspekte der Demokratie, bzw. des Verhältnisses von Politik, Recht und öffentlicher Meinung zu arbeiten. Sicher bin ich mir bei den Ergebnissen nicht. Und umso mehr hätte ich mir gewünscht, dass Menschen, die sich besser mit der Materie auskennen, deutlicher zu Gehör kommen.

Dass nicht jeder in der Öffentlichkeit sachlich diskutieren kann, ist selbstverständlich. Dass viele gar nicht mehr sachlich diskutieren wollen, ist entsetzlich. Dass dieser Unwille mittlerweile in der Politik angekommen ist, und eigentlich schon seit vielen Jahren angekommen ist, kann man zum Beispiel immer dann gut beobachten, wenn Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine im Bundestag reden. Denn diese beiden (aber auch viele andere Politiker und Politikerinnen der Linken) argumentieren und informieren; sie beleuchten größere Zusammenhänge, weisen auf Probleme hin, verdeutlichen Tendenzen.

Man muss die beiden nicht lieben. Aber Argumentation gehört nun mal grundlegend zu einer sachlichen Politik dazu. Man muss auch den Marxismus nicht mögen oder, denn Die Linke ist ja weit davon entfernt, marxistisch zu sein, eben eine irgendwie sozialistische Politik. 

Trotzdem sollte man die Fähigkeit und den Willen zur Argumentation würdigen. Die Art und Weise, wie manche CDU-Politiker mit den Rednern dieser Partei umgehen, ist beschämend. Man fühlt sich hier an Lichtenbergs Spruch erinnert: "Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, muss dies nicht unbedingt am Buch liegen."


Witze zu Wulff
Derzeit existieren tausende von Witzen über Christian Wulff im Internet. Ganz besonders beliebt sind Kontaminationen bekannter Filmtitel (eine Kontamination ist eigentlich die Vermischung zweier Wörter zu einem, so dass diese einen witzigen oder kritischen Sinn bekommen, wie zum Beispiel bei Sexperte (Spiegel) oder famillionär (Heine); aus literaturwissenschaftlichen Gründen habe ich vor einiger Zeit den Begriff der Kontamination auch auf Idiome und bekannte Sprüche erweitert und ihn auf eine technische Sphäre beschränkt, während die Parodie und Travestie meist die zugehörige sinnhafte Sphäre bezeichnen).

So sehr ich diese Witze mag: Sie werden zum Selbstläufer, zu einer Häme von Menschen, die nicht argumentieren wollen oder können. Natürlich muss der Witz pointieren; aber er darf im Gesamtzusammenhang nicht alleine dastehen.

Das stört mich derzeit an der öffentlichen Debatte. Auch bei den Wulff-"Gegnern". Trotzdem kann ich dieser Debatte auch insgesamt etwas Gutes abgewinnen: die Öffentlichkeit probiert ihre Macht aus und bringt das moralische System der Regierung in äußerste Verlegenheit. Das ist gut! Und das ist deshalb gut, weil dieses moralische System so angelegt ist (derzeit), dass es sich in Verlegenheit bringen lässt.


Kleine Randbemerkung zu Christiane Peitz
Eine ähnliche Betrachtung findet sich heute im Tagesspiegel online, von Christiane Peitz: Die mit dem Wulff heulen. Peitz allerdings erweist sich, was Theorien des Humors angeht, als wenig sachgemäß. So schreibt sie: "Nicht nur die Zote, auch der gewöhnliche Witz ist triebgesteuert, wie Sigmund Freud in „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ bemerkte.", was eine ungewöhnlich dumme Vereinfachung von Freuds Argumentationsweise ist.

Sie schreibt auch, spotten und spucken hätten die gleiche Wortwurzel. Tatsächlich laufen diese Wörter mindestens seit dem Altgotischen unabhängig voneinander: dort lauten sie spotton und spugan. Sie haben also keinen gemeinsamen Ausgangspunkt. Allerdings habe ich nicht tiefer nachgeforscht, also zum Beispiel die Wortwurzeln im Sanskrit betrachtet.

Schließlich zerreißt die Autorin den Argumentationszusammenhang durch ein "mal so, mal so": "Neben dem Moment der Selbstreinigung steckt darin [in der Bloßstellung] immer auch eine Prise Verachtung. So ist der Spott von Natur aus böse, beißend, verletzend." Die Prise Verachtung sei ein Teil der Bloßstellung. Das Wort weist auf "wenig" hin; dagegen erscheint bei Peitz die Bloßstellung aber auch als eine Tätigkeit, die durch und durch von Verachtung getragen wird. Auch der folgende Satz ist eher eine intensive Durchdringung von Bloßstellung (oder Spott) und Verachtung. Hier ist er "von Natur aus" (also in seinem Wesen) "böse, beißend, verletzend".


Die Würde des Amtes
"Würde", mit dem Hintergrund, der den ersten Paragraphen unseres Grundgesetzes geprägt hat, ist ein durchaus sehr aufregender und schwer zu fassender philosophischer Begriff. Ich formuliere das meist etwas salopp, an Immanuel Kant angelegt: Würde ist die sittliche Autonomie des Menschen. Diese sittliche Autonomie wird durch die Gleichheit aller Menschen begrenzt. Ich darf mir nur dort meine eigenen sittlichen Gesetze geben, wo ich die sittliche Autonomie anderer Menschen nicht so beschneide, dass ein Ungleichgewicht und eine Ungleichheit entsteht.

Was aber ist die Würde des Amtes? Es ist ein sittliches Amt, oder, moderner gesagt, ein moralisches. Das läuft auf die Frage hinaus, ob sich der Bundespräsident sittlich autonom verhalten darf. Der Privatkredit, den Wulff sich genommen hat, verstößt durchaus nicht gegen die Würde anderer Menschen. Insofern darf er sich (eigentlich) sittlich autonom verhalten. Wenn aber das Amt des Bundespräsidenten diese sittliche Autonomie gerade nicht aufweist, stellt sich die Frage, wie sich die Würde des Privatmenschen Christian Wulff und die Würde des Bundespräsidenten zueinander verhalten.

In der derzeitigen Diskussion klingt mir zu sehr ein Begriff der Würde mit, der sich an einen Status hält. Ich möchte diesen Begriff allerdings sehr viel stärker operativ fassen. Abgesehen davon, dass ich solche Privatkredite als schwierig empfinde, weil diese nur einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht möglich sind, wenn also hier auf ein ökonomisches Ungleichgewicht in der Gesellschaft hingezeigt wird, die Menschen mit einem etablierten Einkommen noch weiter entlasten und ihre Lebensbedingungen verbessern, während Menschen in Armut diese Möglichkeit nicht haben. Oder zumindest in sehr viel geringerem Maße.

Abgesehen davon also spielt der Umgang mit einem Fehler eine wichtige Rolle. Und hier scheitert Wulff kläglich. Niemand hat ihn gezwungen, Bundespräsident zu werden. Er hätte sich also über die besonderen Anforderungen des Amtes im Klaren sein müssen. Und er hätte sich im Klaren sein müssen, dass die Vergangenheit natürlich auch bei ihm mit beleuchtet wird. Dann aber wäre es sinnvoll gewesen, solche Sachen schnell und fair öffentlich zu machen, eben zum Beispiel den Privatkredit. 

Auch wenn er in diesem Fall im Rahmen der Gesetze gehandelt hat, existiert doch die allgemeine Debatte um die Begünstigungen von Politikern durch die Wirtschaft. Wulff hätte dies mitbedenken müssen. Zumindest aber hätte er das ganze Gewurschtel von Beginn der Debatte an deutlicher durch Offenheit und Klärung lenken können. Ein Mensch mag so etwas vergessen; wird es dann aber zum Thema, sollte er sich entsprechend der Würde seines Amtes verhalten, d.h. sittlich vorbildlich. 

Genau dies meine ich auch mit den operativen Anteilen der Würde, sei es der Menschenwürde, sei es der Würde eines Amtes: eben der Umgang mit Fehlern.


Oder: Sexismus, Pathologisierung
Die Würde des Menschen kann sogar im wesentlichen aus solchen operativen Anteilen zusammengesetzt betrachtet werden. Operative Würde besteht in dem Aushandeln der Sphäre der sittlichen Autonomie und wiefern dies einem Menschen zugestanden wird.

Machen wir uns das an Streitfall der Biologisierung des (weiblichen) Geschlechts deutlich. Gehen wir davon aus, es gäbe einen starken Einfluss körperlicher und genetischer Funktionen auf das weibliche Denken. Trotzdem wäre das kein Argument. Jedes Denken ist im Prinzip plastisch genug, um andere Möglichkeiten als die eigenen zu verstehen und nachzuvollziehen. Dass Frauen nicht anders denken könnten, als so, wie die Biologie es ihnen vorgibt, ist nicht nur naturwissenschaftlich bisher unbewiesen (bewiesen sind nur gewisse Einflüsse), sondern auch im Sinne einer operativen Würde nicht vertretbar (und abgesehen davon wird dies auch immer wieder von Frauen empirisch widerlegt).

Erkenntnistheoretisch haben wir es hier mit dem Problem des Eigensinns zu tun, mit der Eigendynamik eines jeweiligen Denkens. Nur durch diese Eigendynamik, nur durch einen zweifelhaften Kontakt zur Umwelt kann sich Denken individuell entwickeln. Im sexistischen Biologismus führt man diese Eigendynamik allerdings auf biologische Ursachen zurück, die durch das spezifische Geschlecht bestimmt seien, nicht durch die allgemeine Struktur des Gehirns, die in Interaktion mit der Umwelt (also Reizaufnahme) zu einer besonderen wird. Damit nimmt man den Frauen aber auch, selbst wenn ein bestimmtes Denkmuster "biologisch" wäre, die Möglichkeit, mit ihrem Leben "semantisch" und im weiteren Sinne "willentlich" umzugehen.

Ein ähnlicher Fall ist die Pathologisierung. Jemand wird als psychisch krank bezeichnet und damit muss man weder mit seinen einzelnen Aussagen noch mit dem Gesamtzusammenhang dieser Aussagen als Ausdruck eines eigenen Willens umgehen.

Mir scheint allerdings (ich bin mit dieser Diskussion mit mir selbst längst noch nicht fertig), dass dieser Begriff der "operativen Würde" "nur" auf eine Streitbarkeit hinausläuft, die sachlich fundiert und argumentativ nachvollziehbar ist, also auf das, was man eine "streitbare Demokratie" nennt. 

In solchen Diskussionen haben biologistische oder psychopathologische Unterstellungen nichts zu suchen. Auch wenn ein Mensch psychisch krank wäre: Ist es dann auch die einzelne Aussage von ihm? Und selbst wenn eine Denkweise biologisch geprägt wäre: Ist nicht auch die Entwicklung des Willens biologisch angelegt? Kann man also einem Menschen nicht zumuten, über seine bisherigen Denkweisen hinauszugehen? Wäre es anders, dann wären viele Veranstaltungen in unserer Gesellschaft zum Scheitern verurteilt, zum Beispiel die Schule oder die Politik. Denn beide zielen mehr oder weniger auch auf die Willensbildung.


Und zum Schluss:
Enttäuschend ist also, wie Wulff mit seinem eigenen Amt umgeht, vorher begangene Fehler hin oder her. Er zeigt sich als bemerkenswert ineffizient, die Würde seines Amtes unbeschädigt zu lassen oder die Beschädigung rückgängig zu machen. Stattdessen verwickelt er sich durch seltsame Erklärungen immer tiefer; und hier bekomme ich den Eindruck, dass er von der ganzen Situation nicht mehr zurücktreten kann und überprüfen kann, was gut für das Ansehen unseres Landes ist (und der Politik im allgemeinen), sondern dass er vor allem sich selbst verteidigt.

Und genau aus diesem Grund wäre es mir lieber, wenn er das Amt aufgeben würde. Der Ruck, den Bubis vor Jahren gefordert hatte, ist bei Christian Wulff noch nicht angekommen.

Und für die allgemeine Debatte wünsche ich mir natürlich nicht, dass nun niemand mehr Witze macht. Aber etwas mehr Argumentation und etwas weniger Urteile in luftleerem Raum drumherum wären schon schön.

05.01.2012

Eins, äh ... viele

"Der Roman spielt auf mehreren Ebenen: im Geist und in der realen Welt."

Das fand ich gerade, als ich auf Amazon Rezensionen las. Hübsch ist allerdings auch folgender Verschreiber:

"Vater Mauro erlaubt ihm, zu bleiben, obwohl der junge Mann ihn einige Male versucht zu verführen und von seiner Keuchheit abzubringen."

03.01.2012

Vaterlismus und Muttertion

Wundervoll, wie hier durch (kühnen) Sprachwitz gesellschaftliche Prozesse parodiert werden. Unbedingt ansehenswert.
Nachtrag 2017: Tja, jetzt weiß ich noch nicht einmal mehr, wohin ich euch eigentlich lenken sollte, denn ich erinnere mich nicht mehr, was das Video gezeigt hat. - Doof. Und ich sollte den Artikel eigentlich ganz löschen, wenn ich den Titel nicht so nett fände.

01.01.2012

Spazieren

Jetzt bin ich allerdings auch mit dem fiktionalen Schreiben etwas aus der Puste gekommen. Ich habe sechsmal dieselbe Ausgangssituation in ein anderes Ende laufen lassen, durch den Dialog. Einer dieser Dialoge ist sogar ganz gut gelungen. An den anderen werde ich noch herumbasteln müssen und mich ausprobieren. — Allerdings gehe ich jetzt erst mal spazieren. Erfreulicherweise ist draußen niemand am Knallen. Dann kann ich meinen Herzschrittmacher ja ausstellen, während ich frische Luft tanke.

Kritzelromane und gute Dialoge

Nachdem ich mich am Morgen noch einmal mit Wittgenstein auseinandergesetzt habe, konnte und wollte ich nicht mehr etwas Intellektuelles tun und habe mich meinem seit Monaten vor sich hindümpelnden Roman zugewandt. Für mich ist das eher ein Probierstein, bzw., wie ich es oben genannt habe, ein "Kritzelroman", an dem ich jeweils das durchübe, womit ich mich gerade beschäftige. — Ich dümpele also weiter.

Übrigens ist das nicht das schlechteste. Die letzten zwei Wochen habe ich mich mit dem Dialog beschäftigt und hier sind sehr abgegrenzte Übungen schwierig, weil sich, meiner Meinung nach, gute Dialoge nur schreiben lassen, wenn diese in eine Geschichte eingebettet sind. Auch für die Einübung bestimmter Dialoge ist diese Einbettung von Vorteil. Deshalb ist ein Roman, dessen Setting man recht gut kennt, den man aber nicht zu Ende schreiben muss, sinnvoll. 
Für mich ergibt sich allerdings auch ein Nachteil. Will ich Übungen zu bestimmten Formen des Dialogs entwerfen und meinen Kunden geben, muss ich entweder das Setting vernachlässigen oder eines vorgeben (oder mir eines vom Kunden vorgegeben lassen). Dadurch aber muss ich mich immer auf individuelle Aspekte einstellen, was natürlich viel Arbeit macht.
Was den Dialog hier auch so einzigartig macht, ist seine hohe Flexibilität. Fast jeder Dialog verläuft anders. Und das, obwohl einige Grundelemente recht konstant sind. Es ist auch nützlich, diese Grundelemente zu kennen. Doch der Witz eines Dialoges besteht in der Anordnung, in der Komposition. Und hier erweist sich der Dialog fast als unsystematisierbar. Zumindest habe ich im Moment das Gefühl (und alle, die mich kennen, wissen, dass ich auf meine Fähigkeiten, etwas zu systematisieren, sehr viel halte).

Buchpreisbindung

Hier noch ein kurzer Nachtrag zur Buchpreisbindung.
In den ersten 18 Monaten muss ein Buch überall zum selben Preis angeboten werden; es geht also nicht, dass man sein Buch über Amazon für fünf Euro und über einen anderen Anbieter für sechs Euro verkauft. Jedenfalls nicht in den ersten anderthalb Jahren.
Anders dagegen verläuft eine zwischenzeitliche Änderung des Buchpreises insgesamt. Solange dieser über alle einheitlich bleibt, spricht nichts dagegen.

Die Senkung der Mehrwertsteuer bei Amazon hat heute einigen Wirbel veranlasst. Plötzlich wurden Bücher über Amazon günstiger angeboten als zum Beispiel über Neobooks. Genau das aber ist nicht zulässig. Und kann dann zu Abmahnungen führen.
Wer nur über Amazon veröffentlicht, ist allerdings davon nicht betroffen.

Grundsätzlich gilt auch: Ebooks dürfen zu einem anderen Preis angeboten werden, als ein Buch aus Papier. Als Autor kann ich denselben Roman zu unterschiedlichen Preisen elektronisch und als BOD veröffentlichen.

Kindle wird billiger

Warum machen Sie Ihre Bücher billiger?, fragte mich gerade jemand am Telefon, den Feiertag und mögliche Katerstimmungen meinerseits missachtend.
Mache ich nicht. Hat Amazon beschlossen. Amazon hat zum 1. Januar die aufgeschlagene Mehrwertsteuer von 15% auf 3% senken können, weshalb alle bisherigen Buch-Preise über Nacht um 12% gefallen sind.

Lieber K., das ist der Grund, weshalb die Bücher billiger geworden sind. Doch das habe ich Ihnen ja schon am Telefon erzählt. Hier sei es noch einmal für die Allgemeinheit erwähnt.

Meine Bücher werde ich nicht verteuern. Sollen sie so bleiben, wie sie jetzt vom Preis zu haben sind. Mit dem Verkauf meiner Schrift zur Kommunikation bin ich ja auch mehr als zufrieden. Vor zwei Stunden waren es bereits wieder vier Stück, und das an einem eher durch Vergnügungen eingetrübten Feiertag.

Unruhige Nacht, und schreiben

Ich mag Sylvester nicht. Ich kann diese Knallerei nicht leiden. Wieland war da, wir haben Tucker & Dale vs. Evil gesehen, ein netter Film und sehr viel gelungener als die Parodien aus der Zucker-Fabrik. Außerdem haben wir natürlich eine Flasche Wein geleert.

Dann konnte ich zwei, drei Stunden zumindest flüchtig schlafen. Doch die Kracher sind im Hinterhof (der ja noch wirklich groß ist) trotzdem sehr laut und haben mich immer wieder aus dem Schlaf gerissen. Jetzt (kurz vor acht Uhr) sitze ich bereits seit drei Stunden am Computer und feile an einer Kompetenzanalyse des naturwissenschaftlichen Experiments in der sechsten bis achten Klasse herum. 

Nachdem ich in den letzten Tagen die Anhänge zu meinem eigentlich schon lange abgeschlossenen Buch ergänzt habe (zur Lesekompetenz und zur Kompetenz der Menschenkenntnis), möchte ich in mindestens einem Bereich noch einmal eine genauere Analyse eines Stoffes nach Problemlösemechanismen bieten und wie weit man diese methodisch umsetzen kann. Das Experiment, mit dem ich mich dieses und letzten Jahr intensiv auseinandergesetzt habe, hat sich dafür mit Einschränkungen angeboten. Mit Einschränkung deshalb, weil ich kein studierter Naturwissenschaftler bin und weil ich nicht selbst in den entsprechenden Klassenstufen das Experiment als Großmethode unterrichtet habe. - Allerdings beziehe ich mich nur schwerpunktmäßig auf das Experiment in der Schule und binde allgemeinere Überlegungen zu einer Psychologie des Entdeckens und Erfindens mit ein, aber auch philosophische Schriften. Wittgenstein hat zum Beispiel in seinen Grundlagen zur Mathematik sehr spannende und wichtige Sachen über den erkenntnistheoretischen Status des Experiments gesagt.

Jedenfalls hoffe ich, dass ihr einen guten Rutsch gehabt habt. 
Mein guter Vorsatz für das neue Jahr: Geld verdienen. Ha ha!

(Und ein P.S.:
Auf meinem Computer liegen natürlich noch mehr Texte herum. Eine Schrift, die die Lesekompetenz noch einmal genauer betrachtet und diese in einer Stufenabfolge formalisiert, eine (Streit-)Schrift zur Rhetorik, eine Untersuchung über rhetorische Figuren in den Romane von Walter Moers, und - bisher nur grob geplant und in vielem durchkommentiert - zwei längere Texte zu einmal Homo Faber und einmal Twilight von Stephenie Meyer. Ich war also fleißig. 
Da ich mit dem Buch zu den Abenteuerromanen nicht glücklich bin, den einen ist es zu abstrakt, den anderen geht es nicht rasch genug vorwärts, den einen ist es zu spezifisch, den anderen zu allgemein, und da ich schon lange nicht mehr so umfangreiche Texte (fertig) geschrieben habe, habe ich mir erlaubt, meine Texte liegen zu lassen und lange über deren Aufbau nachzudenken.)