09.06.2018

Deutsch - ein integrales Fach

Gelegentlich fehlen mir meine kurzen, übersichtlichen Artikel, die ich damals auf suite101 geschrieben habe. Die Plattform ist mittlerweile nicht nur geschlossen, sondern auch offline. Zeit, einige der wichtigeren jetzt, zehn Jahre später, noch einmal zu veröffentlichen.

Deutsch gilt als schöngeistig, wenn es um Literatur geht, als lästige Pflicht, wenn es um Rechtschreibung geht. Dabei mischt sich Sprache überall ein.
Mathias ist Systemadministrator. Seit Jahren programmiert er besonders gerne in Java. Java ist eine objektorientierte Programmiersprache.
Der "Satzbau" von Java sieht folgendermaßen aus:
MeinKuchen.mische (Mehl, Eier, Zucker, Salz, Öl, Wasser);

Ausflug ins objektorientierte Programmieren

"MeinKuchen" gilt dabei als Instanz eines Objektes. Ein Objekt in Java legt fest, welche Eigenschaften und welche Funktionen ein Objekt hat. Eine Instanz ist ein konkretes Objekt. Das kann man sich gut an einem konkreten Beispiel vorstellen: man kann eine ganze Menge Kuchen backen, die alle ähnlich sind. Das entspricht den Objekten. Aber wenn man einen Kuchen backt, kann man nur diesen einen Kuchen backen. Das ist die Instanz.
Damit ein ordentlicher Kuchen entsteht, müssen Handlungen ausgeführt werden. Das entspricht in Java den Funktionen. "MeinKuchen.mische" heißt also nichts anderes, als dass die Zutaten zu einem konkreten Kuchen gemischt werden. Eine Funktion in Java entspricht einem aktiven Verb im Satz.
Schließlich stehen hinter einer Funktion Argumente. Damit werden Variablen, Konstanten oder Instanzen bezeichnet, die "MeinKuchen" braucht, um die Funktion "mische" auszuführen. Mathias hat für sein Objekt "Kuchen" festgelegt, dass beim Mischen Mehl, Eier, Zucker, und so weiter verwendet werden sollen. Benutzt er jetzt eine konkrete Instanz, muss er dieser, wie im richtigen Leben, die richtigen Zutaten in Form von Argumenten mitgeben.

Propositionen - die Grundlage der Rhetorik

Mathias wohnt in Brüssel. Weit entfernt, in Berlin, sitzt sein jüngerer Bruder Stefan über Gedichten von der österreichischen Lyrikerin Friederike Mayröcker. Stefan ist Deutschlehrer. Er möchte mit seinen Schülern expressionistische Prosa besprechen und bereitet sich darauf penibel vor. Um die Gedichte rhetorisch zu erfassen, erarbeitet er sich zunächst ein Grundgerüst. Für das Gedicht März notiert er:
tanzen (mein grünes Herz, an der Innenseite der Regenbogen)
sich niederlassen (die Möven meines Verstandes)
sein (du, manchmal, perlgrau)
sein (du, versunken)
Was Stefan hier notiert, nennt man Propositionen. Propositionen sind formale Aufzeichnungen von Sätzen. Zu Beginn einer solchen steht ein Verb in der Grundform. In den Klammern dahinter finden sich die Satzteile, die man dann Argumente nennt. Hätte Stefan statt einfach nur "tanzen" "März.tanzen" geschrieben, hätte seine Gedichtsanalyse so ausgesehen:
März.tanzen (mein grünes Herz, an der Innenseite der Regenbogen)
Damit ist er schon fast beim objektorientierten Programmieren. Im Unterschied zu Java-Objekten ist die lyrische Sprache nicht auf einen funktionellen Aufbau bedacht, jedenfalls nicht in dieser Weise.
Trotzdem wird deutlich, was eine Gedichtinterpretation mit der Programmierung in Java zu tun hat. Expressionistische Lyrik kann Inhalt der elften Klassenstufe sein. Programmieren in Java schreiben die meisten Lehrpläne vor.

Textmuster

Ein weiteres Thema, in denen naturwissenschaftliche Fächer und Deutsch eng ineinander verzahnt sind, sind Textmuster.
Textmuster bilden sich entlang spezifischer fachlicher Anforderungen aus. So hat die Dokumentation eines Experimentes typischerweise die Beschreibung eines Aufbaus, die Beschreibung der Durchführung und die Erörterung des Ergebnisses (plus einigen weiteren Textmustern). Eine Dokumentation ist also eine spezifische Anordnung verschiedener Textmuster und Textinhalte.
Aber auch Dramen oder Romane eines bestimmten Genres haben typische Abfolgen. Bei vielen Krimis findet man die Abfolge Spuren erkunden (Beschreibung des Tatorts) - Spuren verfolgen (Verknüpfung des Tatorts/Mordopfers mit der sozialen Situation) - Gelegenheiten erkunden (Ausschluss von Möglichkeiten, wer die Tat begangen haben könnte). In Textmustern sähe die Abfolge so aus: Beschreibung - Interpretation - Erörterung. Das ist natürlich eine idealisierte Darstellung.
Trotzdem beruhen wissenschaftliche und fiktive Texte auf gleichen Prinzipien. Man muss sie nur genügend abstrahieren.

Sinnentnehmendes Lesen

Ein weiteres leidliches Thema ist das sinnentnehmende Lesen.
Je wissenschaftlicher naturwissenschaftlicher Unterricht wird, umso textlastiger ist er. Dabei arbeitet nicht nur der Deutschunterricht den naturwissenschaftlichen Fächern zu. Umgedreht wird auch die sprachliche Bildung zu einem Lernziel der Naturwissenschaften.
Scheuer, Kleffken und Ahlborn-Gockel von der Technischen Universität Dortmund schreiben:
"'Sprache als Gegenstand des Nachdenkens und als Mittel, die Welt und sich selbst zu verstehen und sich mit anderen zu verständigen' … nimmt bei der erfolgreichen Bewältigung des Alltags und des Bildungsweges eine Schlüsselrolle ein, …" Mit dem Modellprojekt "Kinder als Forscher und Entdecker - Ein neuer Weg der Sprachförderung" wird die Sprache als ein zentrales Werkzeug naturwissenschaftlichen Denkens "zurückerobert".

Fazit

Inhalte von Sprach- und Literaturwissenschaften sind von naturwissenschaftlichen Inhalten nicht zu trennen.
Hier stehen aber nicht nur die Lehrer in der Pflicht. Der Sinn dieser Verbindung muss gesamtgesellschaftlich getragen werden. Dabei spielen Eltern eine prägende Rolle.
Literatur:
  • Scheuer, Rupert/Kleffken, Brigitta/Ahlborn-Gockel, Sabine: Experimentieren als neuer Weg der Sprachförderung. Verknüpfung naturwissenschaftlicher und sprachlicher Bildung. in Höttecke, Dietmar (Hrsg.): Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens zwischen Phänomen und Systematik. Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik, Jahrestagung in Dresden 2009. Berlin 2010, S. 248-251.
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