09.06.2018

Die "What if"/"Was wäre, wenn …"-Technik und ihre Tücken

Gelegentlich fehlen mir meine kurzen, übersichtlichen Artikel, die ich damals auf suite101 geschrieben habe. Die Plattform ist mittlerweile nicht nur geschlossen, sondern auch offline. Zeit, einige der wichtigeren jetzt, zehn Jahre später, noch einmal zu veröffentlichen.

Wer kreativ schreiben möchte, lernt fast automatisch die "What if"-Technik kennen. Doch wie bei jeder Schreibtechnik muss man einiges beachten.

Zunächst ist diese Technik sehr einfach. Sie besteht darin, dass man eine neue Möglichkeit unterstellt.
Beispiele für solche "Was wäre, wenn …"-Fragen (mit dem Froschkönig als Bezug) sind:
  • Was wäre, wenn der Froschkönig einen üblen Plan verfolgt?
  • Was wäre, wenn die goldenen Kugel nicht einfach nur eine goldene Kugel ist?
  • Was wäre, wenn die Prinzessin selbst ziemlich hinterhältig ist?

Wie man an dieser Technik scheitert

Autoren haben häufig das Problem, dass sie die "Was wäre, wenn …"-Technik auf zu große oder zu abstrakte Themen anwendet. Fragen wie "Was wäre, wenn ein Werwolf sich in einer Allergikerin verliebt?" (ein zugegeben dummes Beispiel) lösen meist nicht ein viel wesentlicheres Problem, nämlich dass vielen Autoren die Fähigkeit zu einer konkreten und lebendigen Schilderung fehlt.
Für diese Autoren wird es häufig schwierig, aus dieser Technik sinnvolle, d.h. ergebnisorientierte Schreibprozesse zu entwickeln.

Wie man mit dieser Technik Erfolg hat

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man sich den Übergang zu eigenen Geschichten erleichtert.
Die erste Möglichkeit besteht ganz simpel darin, dass man die "Was wäre, wenn …"-Technik auf die eigene Lebenssituation anwendet. Beispiele:
  • Was wäre, wenn meine Freundin Therapeutin werden möchte?
  • Was wäre, wenn mein Nachbar Trompete spielen würde?
  • Was wäre, wenn meine Mutter unangemeldet zu Besuch kommt?
Die Fähigkeit, Alternativen zu entwickeln, übt man am besten an den Situationen, die man gut kennt.
Die zweite Möglichkeit ist fast genauso. Statt dass man "Was wäre, wenn …"-Fragen an den eigenen Alltag stellt, greift man zu einem Buch oder einer Geschichte. Oben hatten Sie drei Beispielfragen zu dem Froschkönig. Weitere Beispiele sind:
  • Was wäre, wenn Oskar Matzerath Flöte gespielt hätte?
  • Was wäre, wenn Bella (aus Twilight) Marxistin wäre?
  • Was wäre, wenn in Hogwarts auch Lesen und Schreiben unterrichtet hätte werden müssen?

Viele Fragen stellen

Die allerwichtigste Regel aber ist, dass man möglichst viele Fragen stellt, je mehr, desto besser.
Der Philosoph Edmund Husserl bezeichnet die Fantasie als Variation des Faktischen. Eine Vorlage ist also unbedingt notwendig. Zugleich bedeutet Variation, dass möglichst viele verschiedene, abweichende Betrachtungsweisen ins Spiel gebracht werden.
Dabei ist die Fantasie keine mystische Begabung, sondern eine Kompetenz. Kompetenzen lassen sich automatisieren, und deshalb ist auch die Fantasie eine Sache, die man zuerst einüben muss, und die nach einiger Zeit dann ganz automatisch abläuft.
Je mehr Sie eine Technik wie die "Was wäre, wenn …"-Technik einüben, umso mehr drängt sich diese Ihrem Denken auf und umso weniger müssen Sie sich anstrengen.
Nichts anderes propagiert der amerikanische Denktrainer Edward de Bono, wenn er das Erzeugen von Alternativen in den Mittelpunkt bestimmter Denktechniken stellt. Auch beim Problemlösen, wie die Kognitionswissenschaft es untersuchen, spielt diese Art der Fantasie eine wichtige Rolle. Sie wird vor allem unter dem Stichwort 'Analogien bilden' abgehandelt.

Fazit

Die "Was wäre, wenn …"-Technik muss tatsächlich als eine der Grundtechniken des kreativen Schreibens angesehen werden. Durch eine angemessenere Handhabung als dem wildem Herumprobieren kommt man rasch zu guten Ergebnissen.
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